Call for Papers
Gewusst wie! Praktische Wissensvermittlung im Mittelalter
Call for Papers für das Themenheft 2026/2 von Das Mittelalter
Anleitungs- und Ratgeberliteratur war im 16. Jahrhundert auf dem Buchmarkt allgegenwärtig. William Eamon hat dieses Jahrhundert daher als „Age of How-to“ bezeichnet. Dass diese Bestseller des frühen Buchdrucks ohne ihre Grundlagen im Mittelalter nicht adäquat verstanden werden können, ist in der Forschung bislang kaum wahrgenommen worden. Wenn auch verschiedentlich Rezepte aus Heilkunde, Kochkunst sowie handwerkliche Anleitungen das Forschungsinteresse geweckt haben, so fehlt noch immer ein überzeugender Überblick, der dieses Wissensgebäude systematisiert. Das Themenheft wird mit der vorgeschlagenen synthetischen Annäherung spürbare Impulse in ein vernachlässigtes Forschungsgebiet setzen.
Wissen und Praxis – diese Verknüpfung prägte auch den mittelalterlichen Wissenserwerb. Spätestens seit dem von Hugo von St. Victor konzipierten Modell der artes mechanicae gilt praktisches Wissen als literaturwürdig. Das Themenheft hat sich zum Ziel gesetzt, schriftliche Anleitungen multiperspektivisch und interdisziplinär zu betrachten. Scheinbar einfache, konkrete Fragen im Umgang mit der materiellen Welt stehen im Mittelpunkt: Welche Inhaltsstoffe benötige ich für ein wirksames Medikament? Wie benutze ich bestimmte Werkzeuge? Wie richte ich Tiere ab? Wie bereite ich Essen zu? Wie baue ich ein Gebäude? Im Verlauf des Mittelalters wird umsetzbares Wissen in Anleitungen konserviert und so vor Verlust und Verfälschung geschützt, was durch orale Weitergabe nicht gewährleistet war.
Mittelalterliche Rezepte und Anleitungen wandten sich vornehmlich an Fachleute; Lesefähigkeit war die erste Einschränkung, die eine allgemeine Rezeption erschwerte. Zwar sind wissensvermittelnde Schriften eine eher exklusive Literaturgattung, aber sie umfassten alle Lebensbereiche. Die Konzeption des Themenheftes trägt diesem allgegenwärtigen menschlichen Bedürfnis nach Können und Wissensaneignung methodisch und inhaltlich Rechnung.
Folgende methodische Fragen sind angesprochen:
Semantik und Kontext. Know-how-Anleitungen haben eine spezifische sprachliche Struktur. Häufig setzen sie sich aus Teilschritten zusammen, die formelhaft vermittelt werden. Imperative bestimmen den Anfang, wie das Wort „nimm“, lat. recipe, aus dem sich das deutsche „Rezept“ entwickelte. Die anschließenden notwendigen Arbeitsschritte wurden bereits im Frühmittelalter meist mit Item eingeleitet. Wie ist die spezifische Anleitung strukturiert, wie leitet sie zum Handeln an? Ist sie kurz oder ausführlich gehalten, und was folgt daraus? In welche Kontexte sind Anleitungen eingebunden? Treten sie singulär auf, oder sind sie gar Teil einer literarischen Verarbeitung, beispielsweise von Reisebeschreibungen? Können Anleitungen poetische Qualität entwickeln?
Text und Bild. Besonderes Augenmerk wird in wissensvermittelnden Schriften auf die Bedeutung des Visuellen gelegt. Beigegebene Bilder, Tabellen, Diagramme oder Pfeile erläutern und ergänzen den Text. Nicht selten veranschaulichen Bilder komplexe Sachverhalte, wie etwa den Umgang mit Seilen bei Knoten oder Bindungen bei textilen Geweben. Wie wirken Text und Bild in Anleitungsliteratur zusammen? Was leistet ein beigegebenes Bild, was der Text allein nicht leisten kann?
Implizites Wissen. Wissen als Fertigkeit ist stets eine schweigende Dimension inhärent, die es zu vermessen gilt. Oft geht die Beherrschung von etwas mit dem Unvermögen einher, dieses Können adäquat zu beschreiben, sodass eine Lücke bleibt. Anleitungen haben idealiter die Funktion, diese Lücke möglichst klein zu halten. Doch öffnet jede Instruktionslektüre Raum für Improvisation. Neu entwickelte Praktiken, ursprünglich nicht im Text intendiert, kommen zur Entfaltung. Wird die Veränderung als Paradigmenwechsel empfunden, drängt neues Wissen wiederum zu schriftlicher Darlegung.
Inhaltlich eröffnen sich folgende Themenfelder:
Körper und Krankheit. Breit überliefert sind Werke, die uns heute noch als „Rezepte“ vertraut sind: medizinische Rezepturen und deren Anwendung. Von karolingischen medizinisch-pharmazeutischen Schriften zur Herstellung von Arznei und Therapeutika bis zur Chyrurgia am Beginn des 14. Jahrhunderts, das erstmals Schaubilder und anatomische Modelle verwendet, sind zahlreiche Schriften zur Heilung von Krankheiten überliefert. Zur Aufrechterhaltung der Gesundheit und des körperlichen Wohlbefindens dienten Rezepte zur Speisebereitung. Wie veränderten sich Rezepturen im Laufe der Zeit? Was wurde tradiert, was ausgeschieden, was trat hinzu, und in welchen Milieus wurden sie weitergereicht? Auch die anderen Bereiche der mittelalterlichen Diätetik wurden in vielfältiger Weise in konkreten Anweisungen verschriftlicht, z.B. Schlafmanagement, regelmäßige körperliche Bewegung und Erholung, mentale Gesundheit, Affektkontrolle und Sexualität.
Haus und Hof. Haushaltsführung, Pflanzen- und Tierzucht sowie Jagd waren existentiell und bestimmten das Leben durch den Jahreslauf in höfischer und ruraler Kultur. Verfahren zur Haltung und Ausbildung von Jagd- und Nutztieren (etwa Traktate zur Falknerei aus der arabischen höfischen Kultur) sowie Methoden zur Schlachtung und Weiterverarbeitung wurden schriftlich niedergelegt. Neben der Tierhaltung war die Organisation eines Hofes – vom Bauernhof bis zum Herrscherhof – eine komplexe Aufgabe. Hausbücher wie das Ménagier de Paris vom Ende des 14. Jahrhunderts sowie das um 1482 entstandene sog. Hausbuch von Schloss Wolfegg vereinen als synergetische Kompilationen zahlreiche unterschiedliche Typen von Anleitungen rund um den Haushalt, die auch Rekreationen wie Spiele umfassten.
Handwerk und Technik. Mittelalterliche Handwerkstechniken beschreibt die Schedula diversarum artium des Theophilus Presbyter. Während die Schedula weitgehend ohne Illustrationen überliefert ist, konzipierte Villard de Honnecourt sein der Baukunst gewidmetes Skizzenbuch mit beispielgebenden Bildern. Wie wurden diese Bücher rezipiert und praktisch umgesetzt? Waffentechnik wie das gefürchtete Griechische Feuer (Ὑγρὸν Πῦρ) war bekannt, aber wie hat es funktioniert? Hier ist die Frage nach geheimem Wissen aufgeworfen, dem auf die Spur zu kommen war. Einfacher nachzuvollziehen war die ‚biologische‘ Kriegführung des kaiserlichen China um das Jahr 1000, aus dem ein Rezept für eine fenpao (糞砲) überliefert ist, eine „Bombe aus Exkrementen“.
Magie und Geheimnis. In der weit verbreiteten, im islamisch-arabischen Kulturraum kompilierten Secretenliteratur sind Übergänge zur Magie fließend. Herausragendes Beispiel ist das Aristoteles zugeschriebene Secreta secretorum (Kitâb Sirr al-asrâr), ein reichhaltiges Kompositum von Ratschlägen, vor allem aus Diätetik und Fürstenspiegel. Eine früh verschriftlichte Wissensform war die durch den arabischen Filter im lateinischen Europa rezipierte Alchemie, die Wissen vornehmlich in Rezepturen erfasste, vor allem aber eine elitäre Bildsprache entwickelte, die verschlüsselt materielle Umsetzungsprozesse vor Augen führte.
In die angegebenen Themenbereiche lassen sich unterschiedliche Fragestellungen einspielen, etwa solche der Adressaten- und Genderforschung (Bücher für männliche oder weibliche Rezipienten, für den Hof oder das Kloster), des religiösen Kontextes (Anweisungen zu Riten oder liturgischen Abläufen), der Realienforschung (Herkunft von und Handel mit bestimmten Ingredienzien) oder der Rezeption: Wurden die How-to-Schriften wirklich benutzt, gibt es Gebrauchsspuren, wird von der Verwendung berichtet? Ein materialreiches und multiperspektivisches Forschungsfeld ist eröffnet.
Wir bitten um Abstracts für Beiträge von etwa 300–500 Wörtern bis zum 15. Mai 2025. Bitte senden Sie ihre Vorschläge an die folgende Mailadresse: gia.toussaint@uni-hamburg.de
Herausgebende
- PD Dr. Stefan Laube (Kulturwissenschaft / HU-Berlin, Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel)
- PD Dr. Gia Toussaint (Kunstgeschichte / Universität Hamburg)
Bitte beachten Sie folgenden Hinweis: Das Themenhaft erscheint bei Heidelberg University Publishing im Open Access unter der Lizenz CC-BY-SA 4.0
Planungen des weiteren Ablaufs
- Ende Juni 2025: Zusage an die Autoren und Autorinnen
- Anfang November 2025: Einsendung der formatierten Beiträge; Begutachtung
- März 2026: Heftworkshop in Form einer Autorenkonferenz
- Ende April 2026: Abgabe der auf Grundlage der Gutachten und der Workshopdiskussion überarbeiteten Beiträge; Lektorat
- Ende August 2026: Versand der lektorierten Texte zur letzten Prüfung
- Oktober 2026: Versand der Druckfahnen
- November/Dezember 2026: Erscheinungstermin online und im Buchhandel