Call for Papers

Die Neun Helden und Heldinnen. Interdisziplinäre Perspektiven

Call for Papers für das Themenheft 2027-2 der Zeitschrift Das Mittelalter

„Ich weiß, wer ich bin“, antwortete Don Quixote, „und weiß auch, daß ich nicht nur was ich sagte sein kann, sondern auch alle zwölf Pairs von Frankreich und noch dazu alle neun Helden; denn alle ihre Taten, die sie alle zusammen und jeder einzeln für sich getan haben, vergleichen sich nicht mit den meinigen.“1

Das paradoxe Eigenlob des selbsternannten Ritters Don Quixote, der seine Welt im Wahn nach den Mustern höfischer Literatur wahrnimmt, bezeugt die langanhaltende Suggestionskraft der so genannten Neun Helden und Heldinnen – Reihen vorbildlicher Figuren aus der Antike, dem alttestamentlichen Judentum und der christlichen Geschichte. Das geplante Themenheft widmet sich der immensen Popularität dieser Figurenreihen in der Literatur, Kunst und politischen Kultur des 14. bis 17. Jahrhunderts. Es geht bewusst über die geläufige motivgeschichtliche Forschung hinaus, indem es aktuelle historisch-narratologische, kulturwissenschaftliche, intersektionale oder praxeologische Ansätze für die Erschließung dieser Figurenreihen fruchtbar macht.

Zunächst erscheinen neun männliche Helden in Jacques Longuyons Alexanderroman Les Vœux du paon von 1312/13: Judas Makkabäus, König David und der Prophet Josua vertreten das Alte Testament; Hektor von Troja, Alexander der Große und Julius Caesar repräsentieren die heidnische Antike, und für die nachbiblische Geschichte stehen König Artus, Karl der Große und der Kreuzzugsheld Gottfried von Bouillon. Von hier verbreitet sich die Gruppe (auch als Neuf Preux oder Nine Worthies) in der Literatur und Kunst des west- und mitteleuropäischen Raumes und darüber hinaus (Krieger 2020; Niedermeier 2024). Die Reihe wird bald erweitert um Neun Heldinnen, deren Personenauswahl regional variiert und neben Herrscherinnen wie Kaiserin Helena auch Heilige wie Elisabeth von Thüringen umfassen kann. Die Helden und Heldinnen treten in einer Vielfalt von Genres, Medien und sozialen Zusammenhängen auf: Ihre literarische Tradition reicht von Jacques Longuyon über Sebastian Brant bis zu William Shakespeare und Miguel de Cervantes. In der visuellen Kultur erscheinen die Neun Helden und Heldinnen an adligen Höfen, in der urbanen Öffentlichkeit an Rat- und Zunfthäusern, in der Buchkultur, als Wandteppiche, Ofenkacheln und Spielkartenmotive.

Die bisherige Forschung hat sich stark auf die Neun Helden als Bildtopos konzentriert. Das Gros der Arbeiten stammt daher aus der Kunstgeschichte (Wyss 1957; Egorov 2018); es wird flankiert von geschichtswissenschaftlichen und philologischen Beiträgen aus der Romanistik und Anglistik (monografisch Schroeder 1971; Anrooij 1997; Sedlacek 1997; Fallstudien Bouwmeester 2013; Karras 2020; Landgrebe 2022; Salamon 2025). Insbesondere die Neun Heldinnen und Fragen der gender politics blieben lange im Schatten der Forschung (das Desiderat unterstreicht Niedermeier 2024), so dass sich gerade hier neue Impulse für ein vertieftes interdisziplinäres und intersektionales Verständnis der Figurenreihe setzen lassen. Gegenwärtig ist ein neu erwachendes Interesse an den Neun Helden und Heldinnen an verschiedenen Standorten innerhalb und außerhalb des deutschen Sprachraums zu beobachten.

Obwohl die meisten Beiträge auf die transkulturelle Dimension des Phänomens verweisen, fehlt es bislang an genuin interdisziplinären Perspektiven. Das Themenheft der Zeitschrift Das Mittelalter antwortet auf dieses Desiderat mit multiperspektivischen, theoretisch fundierten Beiträgen. Das Heft bietet eine Plattform, um die aktuelle Forschung an einem Ort zu bündeln, in einen Dialog zu bringen und der Forschung neue Wege zu bahnen.

1 Cervantes Saavedra, Miguel de: Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quixote von la Mancha: Roman. Ungekürzte Ausg., Frankfurt a. M. 2008 (Fischer 90007: Fischer Klassik), S. 58.

Mögliche Themenfelder und Zugriffe

Das geplante Themenheft setzt an den genannten Desideraten an, indem es erstmals die regionen- und disziplinübergreifende Bedeutung der Neun Helden und Heldinnen in den Blick nimmt. Wir gehen aus von der These, dass die Neun Helden und Heldinnen ihre Durchschlagskraft entwickeln, weil sie die Kompaktheit der Reihenbildung mit dem Potenzial verbinden, eine Vielfalt von Narrativen und Sinnbezügen zu entfalten. An den Praktiken im Umfeld der Figurenreihen lassen sich sowohl Stabilisierungen als auch Dynamisierungen in den social imaginaries der jeweiligen Eliten beobachten, so im niederländischen und deutschsprachigen Raum (Baisch/Ratzke/Toepfer 2023) oder in Schottland (Purdie/Wingfield 2018). Dabei wird deutlich, wie eng die Zeitgenossen die Neun Helden und Heldinnen mit historischen und aktuellen politischen Entwicklungen vor Ort verknüpfen. Zugleich entwickeln die Helden und Heldinnen ein narratives Eigenleben; sie werden in ganz unterschiedliche Erzählkontexte inkorporiert und weisen damit eine Beweglichkeit sowohl in ihrer Gesamtheit als auch als Einzelpersonen mit individuellen Geschichten auf (von Contzen 2025).  
Durch die inter- und transmediale sowie die transkulturelle Dimension des Gegenstands ist das Thema für eine interdisziplinäre und komparatistische Bearbeitung prädestiniert. Denkbar sind Beiträge aus den folgenden Disziplinen, ohne darauf beschränkt zu sein: Anglistik, Archäologie, Buchwissenschaft, Byzantinistik, Germanistik, Geschichte, Kulturanthropologie, Kunstgeschichte inkl. Architekturgeschichte und Denkmalpflege, Niederlandistik, Romanistik, Theologie. Explizit erwünscht sind Beiträge zu außereuropäischen Traditionen und zu Verflechtungsprozessen, etwa zwischen jüdischer und christlicher Kultur oder im Mittelmeerraum. Wir laden zu Beiträgen ein, die sowohl synchron als auch diachron angelegt sein können, Fallstudien und komparatistische Untersuchungen präsentieren oder bislang unbeachtetes Material bekannt machen. Mögliche Themenfelder und Zugänge sind:

Material-, quellen- und kontextbezogen

  • Genre- und medienübergreifende Dimension: vom Roman über Reihengedichte bis zum Drama, von der Monumentalkunst über die Buchkultur bis zu Spielkarten, auflagenverzierten Steinzeuggefäßen oder Ofenkacheln
  • Politik und Recht: Imaginationen von Herrschaft, guter Regierung und politischer Autonomie Vergleich mit / Relation zu anderen Reihen (z.B. die sieben Kurfürsten, Fürsten- und Herrscherdarstellungen in Rathäusern)
  • Identität und Gemeinschaft: Hervorbringung, Stabilisierung und Neuausrichtung kollektiver Selbstbilder
  • Konzepte von Geschichte und Erinnerung
  • Kulturhistorische Kontexte: An welche bereits etablierten Vorstellungen oder Vorgeschichten kann man im Spätmittelalter anknüpfen (z. B. Artus- und Antikenromane)?
  • ‚Karrieren‘ einzelner Figuren des Kanons, die z. T. eigene Erzähltraditionen ausbilden (z. B. Artus, Alexander, Esther, Penthesilea)
  • Topografie und Topologie: Räume, Orte, regionale Unterschiede
  • Diachroner Wandel: Verändern sich die Eigenschaften der Neun Helden und Heldinnen Abhängigkeit von den historischen Kontexten, in denen sie aktualisiert werden?
  • Akteure und Akteurinnen: Welche sozialen Gruppen oder Personen nehmen die Neun Helden 
    und Heldinnen für sich in Anspruch, instrumentalisieren sie? (Adel, städtische Eliten, Maximilian-Verehrung, humanistische Rezeption)

Theoretisch-methodisch

  • Historisch-narratologisch: Wiedererzählen/Retextualisierung, Reframing, Potenziale der Liste Narratologie der Figur, story worlds
  • Intersektionale Perspektiven: ständische Distinktion, Herkunft, Gender, Religion
  • Materialbezogen: Was sagen materielle Funde über die ehemaligen Besitzer aus, wie lassen sie sich datieren und welche Funktionen übernehmen die Objekte mit Bezug auf die Neun Helden und Heldinnen?
  • Praxeologie: Praktiken sozialen Imaginierens und der Distinktion in Lektüre, Gestaltung von Büchern und Kunstwerken, Schauspiel-Aufführungen, Durchführung repräsentativer Feste bis hin zu Ratssitzungen und Gerichtsverhandlungen
  • Relation zu verwandten Reihenmodellen in Literatur und Kunst, z. B. De viris illustribus, De mulieribus claris (Boccaccio, Christine de Pizan), Triaden (Burg Runkelstein), Zwölferreihen antiker bzw. alttestamentlicher Herrscher und Herrscherinnen (Hans Sachs, Ausstattung Lüneburger Patrizierhäuser)
  • Globale Perspektive und kulturelle Verflechtung: Vorbilder- und Helden-Reihen abseits der christlichen Kulturen West- und Mitteleuropas

Wir bitten um Abstracts von etwa 300–500 Wörtern für Beiträge in englischer oder deutscher 
Sprache bis zum 15. Mai 2026. Bitte senden Sie ihre Vorschläge an die Mailadressen der beiden Herausgeberinnen: eva.voncontzen@anglistik.uni-freiburg.de und malena.ratzke@uni-jena.de

Herausgeberinnen

Prof. Dr. Eva von Contzen (Anglistik, Universität Freiburg)

Dr. Malena Ratzke (Germanistik, Friedrich-Schiller-Universität Jena)

Bitte beachten Sie folgenden Hinweis: Das Themenhaft erscheint bei Heidelberg University Publishing im Open Access unter der Lizenz CC-BY-SA 4.0.

Zeitlicher Ablauf

      15. Mai 2026: Einsendung von Abstracts Ende Juni 2026: Zusage an die Autorinnen und Autoren Mitte November 2026: Einsendung der Beiträge; Weitergabe der Beiträge in die Begutachtung 2.-3. März 2027: Workshop (2 Tage) in Form einer Autorenkonferenz: Diskussion der Beiträge Anfang Mai 2027: Abgabe der auf der Grundlage der Gutachten und der Workshopdiskussion überarbeiteten Beiträge, Lektorat Ende August 2027: Versand der lektorierten Texte zur letzten Prüfung Oktober 2027: Versand der Druckfahnen Dezember 2027: Erscheinungstermin online und im Buchhandel

Literatur (Auswahl)

    Anrooij, W. van (1997): Helden van weleer. De negen besten in de Nederlanden (1300–1700).<br> Amsterdam: University Press. 
    Baisch, M., Ratzke, M. und Toepfer, R. (2023): „Einleitung“, in M. Baisch, M. Ratzke und R. Toepfer (Hgg.): Von Widukind zur Sassine. Prozesse der Konstruktion und Transformation regionaler von Identität im norddeutschen Raum. Köln u. a.: Böhlau (Forschungen zur Kunst, Geschichte und Literatur des Mittelalters, 4), S. 7–23.
    Bouwmeester, G. (2013): „The Nine Worthies in Middle Dutch Miscellanies“, in B. Burrichter u. a. (Hgg.): Aktuelle Tendenzen der Artusforschung. Berlin u. a.: De Gruyter (Schriften der inter nationalen Artusgesellschaft, 9), S. 347–360.
    Brant, S. (1968): Tugent Spyl. Nach der Ausgabe des Magister Johann Winckel von Straßburg (1554). Hg. von H.-G. Roloff. Berlin: De Gruyter (Ausgaben deutscher Literatur des 15. bis 18. Jahrhunderts. Reihe Drama, 8.1).
    Contzen, E. von (2025): „The Space of the List. The Nine Worthies in Medieval English Literature“, The Chaucer Review 60(4), S. 549–572.
    Egorov, A. (2018): „Charismatic Rulers in Civic Guise. Images of the Nine Worthies in Northern European Town Halls of the 14th to 16th Centuries“, in B. M. Bedos-Rezak und M. D. Rust (Hgg.): Faces of Charisma. Image, Text, Object in Byzantium and the Medieval West. Leiden, Boston: Brill (Explorations in Medieval Culture, 9), S. 205–240.
    Gruenzel, V. (2025): “Jehan Wauquelin, SirGilbert Hay, and the Medieval Alexander Tradition in the Mid-Fifteenth Century”, Recherches anglaises et nord-américaines 59. http://jour nals.openedition.org/ranam/1864; DOI: https://doi.org/10.4000/148d3.
    Karras, R. M. (2020): „Perfect Men? The Nine Worthies and Medieval Masculinities. Sophus Bugge Annual Lecture 2019“, Collegium medievale 33, S. 5–22. https://ojs.novus.no/in dex.php/CM/article/view/1863.
    Krieger, J. (2020): „Neun Helden“, Compendium heroicum. Hg. von A. Aurnhammer u. a. Freiburg i. Br. https://doi.org/10.6094/heroicum/nghd1.0.20201203. Landgrebe, Phillip (2022): „Die neun Helden in der Konstanzer Konzilschronik, Tl. 1–3“, in: Heraldica Nova. Medieval and Early Modern Heraldry from the Perspective of Cultural His tory. https://heraldica.hypotheses.org/author/philliplandgrebe.
    Niedermeier, N. (2024): „Neun Heldinnen“, Compendium heroicum. Hg. von A. Aurnhammer u. a. Freiburg i. Br. https://www.compendium-heroicum.de/lemma/neun-heldinnen/.
    Purdie, R. und Wingfield, E. (Hgg.) (2018): Six Scottish Courtly and Chivalric Poems, Including Lyndsay’s Squyer Meldrum. Kalamazoo.
    Salamon, A. (2025): „L’Istoire des neuf preux princes et seigneurs. A Fifteenth-century Compilation in French from the Low Countries?“, in P. Moran und A. Salamon (Hgg.): Medieval French on the Move. Studies in Honour of Keith Busby. Berlin u. a.: De Gruyter, S. 77–92.
    Schmidt, P. (2012): „Historiographie und persönliche Aneignung von Geschichte. Die wiederent deckte Künastsche Handschrift der Straßburger Chronik des Jakob Twinger von Königshofen“, in S. Mossman, N. F. Palmer und F. Heinzer (Hgg.): Schreiben und Lesen in der Stadt. Literaturbetrieb im spätmittelalterlichen Straßburg. Berlin u. a.: De Gruyter (Kulturtopographie des alemannischen Raums, 4), S. 337–378.
    Schroeder, H. (1971): Der Topos der Nine Worthies in Literatur und bildender Kunst. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Sedlacek, I. (1997): Die Neuf Preuses. Heldinnen des Spätmittelalters. Marburg: Jonas (Studien zur Kunst- und Kulturgeschichte, 14).
    Simon, E. (2015): „Brant’s ‚Tugent Spyl‘ (1518). Notes on the Printing, Dating and Staging of the two-day Secular Morality“, in E. Huwiler, E. Meyer und A. Quak (Hgg.): Wat nyeus verfraeyt dat herte ende verlicht den sin. Studien zum Schauspiel des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. FS Carla Dauven-van Knippenberg. Leiden: Brill, Rodopi (Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik, 75), S. 263–278.
    Wyss, R. L. (1957): „Die neun Helden, eine ikonographische Studie“, Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 17, S. 73–106.