Call for Papers 2028 (1)
Manus: Performativität, Semiotik und Symbolik der Hand im Mittelalter
Philippe Depreux, Stephan Dusil, Jonathan Reinert
Betrachtet man die Elfenbeinplatten des Dagulf-Psalters, die im Auftrag Karls des Großen für Papst Hadrian I. angefertigt wurden, so werden sofort die vielfältigen Funktionen der Hand deutlich (Paris, Musée du Louvre, Département des Objets d’art du Moyen Age, de la Renaissance et des temps modernes, MR 370/371; https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010112519, https://collections.louvre.fr/en/ark:/53355/cl010096625). Auf einer Platte wird David als Verfasser der Psalmen und auf der anderen Hieronymus als Korrektor des Bibeltextes dargestellt. Auf letzterer ist eine segnende Hand zu sehen, die als Pendant zum Lamm Gottes in der Mitte der Platte dargestellt wird. Auf jedem Bild spielt die Hand der Hauptperson eine prominente Rolle: Mit seiner Hand diktiert David den Psalmentext; mit seiner Hand musiziert er an der Harfe; mit den Händen wird das Schreiben, mit dem Papst Damasus Hieronymus mit der Prüfung des Bibeltextes beauftragt, von dessen Boten an den Kirchenvater übergeben; letztendlich wird der Bibeltext per Hand korrigiert. Somit wird die Hand als Kommunikationsmedium, als Arbeitsmittel und als juristisches sowie performatives Medium dargestellt. Dieses Luxusprodukt zeigt in aller Deutlichkeit die vielfältigen Bedeutungen und Funktionen der Hand im Mittelalter.
Die Hand ist ein wichtiges Körperteil, das in der Ordnung der Welt im vormodernen Zeitalter eine entscheidende Rolle spielte (Elze 1991). Im religiösen Kontext ist dies besonders deutlich: Es sei beispielsweise auf die segnende Hand Gottes (Kieffer/Bergman 1997) hingewiesen, die sich nicht nur auf vielen Miniaturen in Handschriften findet, sondern auch als Skulptur – in Carisbrooke (Isle of Wight) auf einer Kirchenmauer (Margham/Tomalin 2022) – oder Amulett, z.B. die Hand Fatimas (Silva Santa-Cruz 2013). Die Rolle der Hand bei verschiedenen Aktivitäten im Mittelalter (vom Händewaschen über Schmähgesten bis zur Masturbation) hat in interkultureller Perspektive bereits Aufmerksamkeit in der Forschung erfahren (z.B. Jütte/Schmitz-Esser 2019). Auch in literarischen Texten ist die Hand – etwa bei Handgesten oder bei Berührungen – von Bedeutung. Das Potential dieses Themas ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft.
Der Fokus des Themenheftes soll auf der Performativität der Hand liegen, deren Untersuchung sich in vielerlei Perspektiven anbietet: Im rechtlichen Kontext wird der Hand im Mittelalter eine große Bedeutung beigemessen, – etwa bei einem Schwur (Duda/Józwiak 2023), bei einer Investitur oder beim Eintritt in die Vasallität (Depreux 2010). Handreliquiare – wie z.B. die Hand des Hl. Jakobus – und Erzählungen über die Wunder, die sie bewirken, drücken die Wirkkraft der Hand im religiösen Bereich aus (Yarrow 2020). Im schöpferischen Bereich wie der Kunst und Musik und – ganz allgemein – im Handwerk (Sauer 2012) spielt die Hand eine grundlegende Rolle. Mönche haben eine Gebärdensprache entwickelt, um sich miteinander auszutauschen, ohne das Schweigen zu brechen (Davril 1982); Hände werden offen gezeigt, aber – z.B. beim Tragen von sakralen Gegenständen – auch verhüllt. Menschen rechneten im Mittelalter nicht mit dem Kopf, sondern mit den Händen (Borst 2004). In vielfacher Weise wurde die Hand als Gedächtnishilfe und zum Support des Lernens genutzt (Brückner 2020), man denke an Grammatikhände, an katechetische Hände oder an die Guidonische Hand für die Musiklehre.
Diese knappe Darstellung der Vielfalt des Themas sollte hier nur das Potential eines regional übergreifenden, diachronen (von der Spätantike bis in die Renaissance) und interdisziplinären Hefts der Zeitschrift ‚Das Mittelalter‘ zeigen: Von der Beschreibung performativer Handbewegungen in Epen und Erzählungen in verschiedenen Sprachräumen über Handzeichen und ihre Deutung in juristischen Traktaten oder Gebärden in liturgischen Zusammenhängen bis hin zu bildlichen Darstellungen von Gesten und ihren Wirkungen bietet das Thema Anknüpfungsmöglichkeiten für sämtliche Disziplinen der Mediävistik. Das Themenheft fokussiert die Rolle der Hand im gesellschaftlichen Handeln und fragt, was die Hand erzeugt, indem sie in Gesten involviert ist, Werke produziert, sowie der Kommunikation (als Gebärdensprache und als Symbol) dient.
Als Leitfaden des Bandes wird dementsprechend die Bedeutung der Hand für die mittelalterlichen Menschen und ihre Rolle in der Gesellschaft in den verschiedenen Regionen der Welt zwischen 500 und 1500 unter den im Untertitel genannten Aspekten thematisiert:
- die Hand als performatives Instrument und ihre Wirkmacht,
- die Hand als Kommunikationsmittel,
- die Hand als Symbol.
Der Band soll komparatistisch aufgebaut werden, indem Beiträge unterschiedlicher Regionen oder Epochen, die eine vergleichbare Funktion der Hand in der mittelalterlichen Gesellschaft aufweisen, zusammengestellt werden. Schon vor dem Workshop werden dafür die ausgewählten Autorinnen und Autoren von den Organisatoren in einem digitalen Treffen miteinander bekannt gemacht und gebeten, ihre Beiträge aufeinander abzustimmen.
Mögliche Themenfelder sind beispielsweise:
- Segnen und Fluchen – die Hand im religiösen Gebrauch
- Die Hand als Rechtsinstrument und Vollstreckungsinstanz – Schwur, Investitur, Weihe
- Manuelle Gesten – Interkulturelles Verstehen und Missverstehen
- Handicap – verstümmelte, fehlende und abgeschlagene Hände
Für die Abhaltung des Heft-Workshops im Oktober 2027 wird die ehemalige Bibliothek des Kunsthistorikers Aby Warburg (Warburg-Haus, Hamburg) einen würdigen und stimulierenden Rahmen bieten, denn dieser Raum steht unter dem Motto der interdisziplinären Zusammenarbeit – insbesondere über die Vormoderne.
Organisation
- Philippe Depreux (Geschichte, Universität Hamburg), E-Mail: philippe.depreux@uni-hamburg.de
- Stephan Dusil (Rechtsgeschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen), E-Mail: stephan.dusil@uni-tuebingen.de
- Jonathan Reinert (Theologie, Theologische Hochschule Reutlingen), E-Mail: jonathan.reinert@th-reutlingen.de
Deadline für Abstracts (per Email an alle drei Veranstalter): 15. November 2026.
Weiterer Zeitplan:
- Anfang Dezember 2026: Zusage an die Autorinnen und Autoren
- 15. Juni 2027: Einsendung der Beiträge; Begutachtung
- 14./15. Oktober 2027: Workshop in Form einer Autorenkonferenz
- November 2027: Abgabe der auf der Grundlage der Gutachten und der
Workshopdiskussion überarbeiteten Beiträge; Lektorat - Februar 2028: Versand der lektorierten Texte zur letzten Prüfung
- April 2028: Versand der Druckfahnen
- Juni 2028: Erscheinungstermin online und Buchhandel
Bitte beachten Sie folgenden Hinweis: Das Themenheft erscheint bei Heidelberg University Publishing im Open Access unter der Lizenz CC-BY-SA 4.0.
Literatur (Auswahl)
- A. Borst, Computus. Zeit und Zahl in der Geschichte Europas, Berlin 2004.
- W. Brückner, Die Hand für das Bildgedächtnis. Digitale Kulturtechniken der Verständigung, Regensburg 2020.
- A. Davril, Le langage par signes chez les moines. Un catalogue de signes de l’abbaye de Fleury, in: Sous la règle de Saint Benoît. Structures monastiques et sociétés en France du Moyen âge à l’époque moderne, Genf 1982, 51-74.
- Ph. Depreux, Lehnsrechtliche Symbolhandlungen. Handgang und Investitur im Bericht Galberts von Brügge zur Anerkennung Wilhelm Clitos als Graf von Flandern, in: J. Dendorfer/R. Deutinger (Hg.), Das Lehnswesen im Hochmittelalter. Forschungskonstrukte – Quellenbefunde – Deutungsrelevanz, Ostfildern 2010, 387-400.
- M. Duda/S. Józwiak, Die Bedeutung der rechten Hand bei der Eidesleistung im spätmittelalterlichen Lateineuropa, in: R. Skowronska (Hg.), Zwischen der Geschichte von Ereignissen, Phänomenen und Prozessen. Länder, Regionen und Städte und ihre weltlichen und geistlichen Einwohner:innen, Göttingen 2023, 251-270.
- R. Elze, Rechts und links. Bemerkungen zu einem banalen Problem, in: M. Kintzinger u.a. (Hg.), Das Andere Wahrnehmen. Beiträge zur europäischen Geschichte, Köln 1991, 75-82.
- D. Hüpper, Hand, in: A. Cordes u.a. (Hg.), Handwörterbuch zur Deutschen Rechtsgeschichte, Bd. 2, 2. Aufl., Berlin 2012, 692-696.
- B. Janz, Hand in Hand. Hand und Handgebärde im mittelalterlichen Recht, in: I. Fliedl u.a. (Hg.), Die Beredsamkeit des Leibes. Zur Körpersprache in der Kunst, Salzburg 1992, 195-198.
- R. Jütte/R. Schmitz-Esser (Hg.), Handgebrauch: Geschichten von der Hand aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit, Paderborn 2019.
- R. Kieffer/J. Bergman (Hg.), La main de Dieu / Die Hand Gottes, Tübingen 1997.
- J. Margham/D. J. Tomalin, The Carisbrook Hand: Anglo-Saxon Sculpture and the Hand of God?, in: The Antiquaries Journal 102 (2022), 69-87.
- Ch. Sauer (Hrsg.), Handwerk im Mittelalter, Darmstadt 2012.
- N. Silva Santa-Cruz, La mano de Fátima, in: Revista Digital de Iconografía Medieval 5 (2013), 17-25.
- S. Yarrow, Keeping the Angevin Peace: The Hand of St James in England, in: A. M. Pazos (Hg.), Relics, Shrines and Pilgrimages. Sanctity in Europe from Late Antiquity, Abingdon 2020, 63-77.
