9.0 Sprachideologien und Sprachkritik im Kroatischen
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Alle neuzeitlichen Entwicklungsphasen des Kroatischen waren auf der Makroebene ideologisch geprägt. In der Renaissance des 16. Jahrhunderts wurden, der Ideologie der Renaissance entsprechend, die regionalen Sprachvarietäten der Küstenregionen Dalmatiens zur literarischen Hochsprache erhoben und entsprechend als ursprünglich und den anderen Hochsprachen ebenbürtig begründet. Die ganze Varietätsbreite wurde in die neue Literatursprache aufgenommen und stilistisch differenziert verwendet. Seit dem 16. Jahrhundert entwickelte sich zudem im Nordwesten eine kajkavische dialektale Literatursprache, die in den späteren Jahrhunderten überdialektal wurde, aber im späten 19. Jahrhundert außerhalb der gewählten Standardnorm blieb und nachher nur noch vereinzelt auftrat. An der adriatischen Küste entstand im 16. Jahr hundert eine čakavische, dialektal variierende Literatursprache.
Anders war es im 17. Jahrhundert, als die čakavischen und štokavischen, später auch kajkavischen Dialekte und ihre Äußerungsformen als Teile einer Sprache und Träger derselben überregionalen Identität verstanden wurden. Seitdem entwickelten sich Bestrebungen einer überdialektalen Unifizierung, angefangen beim Čakavischen und Štokavischen bis hin zu einer hybriden Sprache der Schriftsteller (aus dem sog. Ozalj-Zirkel) an der Grenze des Kajkavischen, des Čakavischen und des Štokavischen im Westen. Die Idee eines gemeinsamen lexikalischen Guts führte zu integrativ konzipierten Wörterbüchern und teilweise hybriden Grammatiklösungen. Des Weiteren wurde die Sprache im 17. Jahrhundert zum Zwecke der katholischen Kontrareformation auf Befehl Roms normiert. Diese zweckbezogene Norm war nicht direkt inklusiv; sie war eine abstrakte, historisch und literarisch rekonstruierte Sprachnorm, die Varietäten als gleichwertige Implementierungsmöglichkeiten zuließ. Diese Norm wurde für Übersetzungen biblischer Texte geschaffen und diente der Identitätsschaffung und -begründung. Am Anfang des 19. Jahrhunderts kam die politische und kulturelle Ideologie der Staatssprache hinzu. Jetzt war die angestrebte sprachliche Norm nicht mehr abstrakt, sondern in der kulturellen Geschichte und dem politischen Idealbild des nationalen Staates verankert. Im 20. Jahrhundert diente die teils gewaltsam normierte gemeinsame Sprache der Kroaten und Serben (die die Bosnier, Herzegowiner und Montenegriner außer Acht ließ) der politischen Ideologie des Vielvölkerstaates, der nach dem Ersten Weltkrieg entstand und nach dem Zweiten Weltkrieg im Kommunismus bis 1991 andauerte. Seit den späten 1960er Jahren ebneten einzelsprachliche Normierungsrevivals, besonders in Kroatien, den Weg für die nationale und sprachliche Ideologie, die zum Zerfall des Vielvölkerstaates Jugoslawien führte. Die postjugoslawische Sprachideologie geht zurück zu den historisch attestierten Sprachwurzeln und ergänzt die historisch bedingte Identitätskonstruktion durch Abgrenzung von den konkurrierenden Varietäten.

