Zitationsvorschlag

Hofert, Sandra: Heinrich und Hiob: Die Geduld als Norm und ihre narrative Problematisierung in Hartmanns von Aue ‚Der arme Heinrich‘, in Buchwitz, Wolfram und Burrichter, Brigitte (Hrsg.): Normen und Ideale, Heidelberg: Heidelberg University Publishing, 2026 (Das Mittelalter. Perspektiven mediävistischer Forschung. Beihefte, Band 24), S. 455–472. https://doi.org/10.17885/heiup.1570.c25413

Identifier (Buch)

ISBN 978-3-96822-324-7 (PDF)
ISBN 978-3-96822-325-4 (Hardcover)

Veröffentlicht

20.08.2026

Autor/innen

Sandra Hofert

Heinrich und Hiob

Die Geduld als Norm und ihre narrative Problematisierung in Hartmanns von Aue ‚Der arme Heinrich‘

Am Beispiel Hiobs geht der Beitrag der Frage nach, welche Spielräume volkssprachliche Lite­ratur im Umgang mit religiösem Wissen und biblischen Stoffen zeigen kann und wie sie eigene Sprechweisen der Normverhandlung entwickelt: Das komplexe bib­lische Hiob-Narrativ wird im Mittelalter einerseits auf die Deutung Hiobs als eines idealen Dulders verdichtet, andererseits kann Literatur genau mit dieser Tradition spielen. Ausgehend von der für das Mittelalter maßgeben­den Hiob-Interpretation Gregors des Großen untersucht der Beitrag die produktive Spannung zwischen Hiob als exemplarischem Vorbild und Heinrich, alter ego Hiobs und Protagonist in Hartmanns ‚Der arme Heinrich‘: Dass Heinrich sein Leid, im Gegensatz zu Hiob, nicht geduldig erträgt, wird zwar vom Erzähler explizit kritisiert, doch das Narrativ unterläuft diesen Vorwurf. Denn hätte Heinrich sein Leid einfach geduldig ertragen, hätte er den Weg zu Gott nicht gefunden. Die Geduld wird hier als Norm bestä­tigt, indem vom Weg zu ihr erzählt wird. Auch der Weg des namenlosen Mädchens ist nicht durch Geduld bestimmt, doch anders als bei Heinrich bleibt ihr Ende ambivalent: Wird sie in der stummen Rolle der stereotypen Ehefrau schließlich zum weiblichen Zerrbild des idealen Dulders?

Schlagwörter Geduld; Hiob; Hartmann von Aue; Der arme Heinrich