Zitationsvorschlag
Lizenz (Kapitel)

Dieses Werk steht unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International.
Identifier (Buch)
Veröffentlicht
sîn unreht daz was allez reht
Der Tod von Herzog Morgan und die Fluidität von Wertmaßstäben in Gottfrieds ‚Tristan‘
Gottfried erzählt auf discours-Ebene dagegen an, dass Tristan bei der Ermordung von Herzog Morgan heimtückisch handelt. Obschon die Umstände des Attentats auf histoire-Ebene Anlass zu einer negativen Wertung Tristans geben, wird weitgehend ausgeblendet, dass Tristan nach der Felonie Riwalins kein Rechtsanspruch auf eine Belehnung zukommt. Durch die Darstellung von Tristans Leid über den Verlust von Vater und Land und durch die frohe Zustimmung der Vasallen in Parmenien zu Tristans Rückkehr wird jedoch der Eindruck von Rechtmäßigkeit suggeriert. Wenn andernorts das Täuschungsmotiv negativ besetzt ist, ist Tristan bereits bei seiner verheimlichten Geburt auf Täuschung angewiesen, sodass die Rüstungs-List beim Morgan-Mord im Kontext anderer erfolgreicher Täuschungen weniger auffällig erscheint. Anstatt auf Tristans fragwürdige Rechtsposition wird im Gespräch von Tristan mit Morgan auf die eheliche Geburt Tristans fokussiert – ein Wertmaßstab, bei dem Tristan tatsächlich im Recht ist. Will man die Zehn Gebote als mögliche Repräsentationsformen von Wertmaßstäben ansehen, so würde durch die Relativierung von Täuschungshandlungen zunächst das achte Gebot und beim Mord an Morgan sowie beim Mordversuch an Brangäne das fünfte Gebot durchgestrichen, sodass es bei dem späteren Verstoß gegen das sechste Gebot bereits vorbereitet ist, dass Regeln im Interesse von Letztwerten wie Liebe missachtet werden können, zumal Brangäne nach dem Mordversuch und der Erzähler nach dem Mord an Morgan am Ende der jeweiligen Episoden auf Kritik an der Hauptfigur verzichten.
Schlagwörter Tristan; Morgan-Episode; Wertung; Wertmaßstäbe

