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Die menschliche Natur als Norm und Ideal
Das ergon-Argument von Aristoteles in der Lektüre von Albertus Magnus
Der nachfolgende Artikel zeigt anhand einer Fallstudie auf, dass die Normativität der Natur in mittelalterlicher Philosophie und Theologie nicht auf Überlegungen zum natürlichen Gesetz (lex naturalis) beschränkt ist, sondern auch in tugendethischen Kontexten firmiert. Ausgangspunkt hierfür ist in der Scholastik häufig das ergon-Argument von Aristoteles (‚Nikomachische Ethik‘ I, 6), in dem eine Fundierung der Ethik in der menschlichen Vernunftnatur in Abgrenzung von Pflanzen und Tieren (also ‚nach unten‘) vorliegt. In einer Textanalyse wird gezeigt, wie Albertus Magnus (ca. 1200–1280) in zwei Kommentaren zur ‚Nikomachischen Ethik‘ die in diesem Argument implizierte praktische Normativität interpretiert. Während Albert in seinem ersten Kommentar (‚Super Ethica‘) weitgehend im Fahrwasser der aristotelischen Vermögenspsychologie verbleibt, baut er in seinem zweiten Kommentar (‚Ethica‘) die anthropologische Betrachtung signifikant ‚nach oben‘ aus: Im Rekurs auf neuplatonische Konzepte deutet er die menschliche Rationalität als Emanation einer höheren Intelligenz, an die sich der Mensch wieder annähern soll. Dabei bringt er den vor allem in der arabischen Tradition prominenten ‚erworbenen Intellekt‘ (intellectus adeptus) ins Spiel, um die kontemplative Glückseligkeit des philosophischen Lebens als vollkommene Realisierung der menschlichen Natur zu konturieren. Der Artikel zeichnet Alberts innovative Lesart des aristotelischen Arguments nach und zeigt, welche Auswirkungen die Entwicklungen zwischen seinen beiden Kommentaren auf die normative Verankerung seiner Ethik in der menschlichen Natur haben.
Schlagwörter Anthropologie; Glück; erworbener Intellekt (intellectus adeptus); Neuplatonismus; Tugend

