Zitationsvorschlag

Müller, Jörn: Die menschliche Natur als Norm und Ideal: Das ergon-Argument von Aristoteles in der Lektüre von Albertus Magnus, in Buchwitz, Wolfram und Burrichter, Brigitte (Hrsg.): Normen und Ideale, Heidelberg: Heidelberg University Publishing, 2026 (Das Mittelalter. Perspektiven mediävistischer Forschung. Beihefte, Band 24), S. 273–289. https://doi.org/10.17885/heiup.1570.c25402

Identifier (Buch)

ISBN 978-3-96822-324-7 (PDF)
ISBN 978-3-96822-325-4 (Hardcover)

Veröffentlicht

20.08.2026

Autor/innen

Jörn Müller

Die menschliche Natur als Norm und Ideal

Das ergon-Argument von Aristoteles in der Lektüre von Albertus Magnus

Der nachfolgende Artikel zeigt an­hand einer Fallstudie auf, dass die Normativität der Na­tur in mittelalterlicher Philosophie und Theologie nicht auf Überlegungen zum natürlichen Gesetz (lex naturalis) beschränkt ist, sondern auch in tugendethischen Kontex­ten firmiert. Ausgangspunkt hierfür ist in der Scholastik häufig das ergon-Argument von Aristoteles (‚Nikomachi­sche Ethik‘ I, 6), in dem eine Fundierung der Ethik in der menschlichen Vernunftnatur in Abgrenzung von Pflanzen und Tieren (also ‚nach unten‘) vorliegt. In einer Textana­lyse wird gezeigt, wie Albertus Magnus (ca. 1200–1280) in zwei Kommentaren zur ‚Nikomachischen Ethik‘ die in diesem Argument implizierte praktische Normativität in­terpretiert. Während Albert in seinem ersten Kommentar (‚Super Ethica‘) weitgehend im Fahrwasser der aristote­lischen Vermögenspsychologie verbleibt, baut er in sei­nem zweiten Kommentar (‚Ethica‘) die anthropologische Betrachtung signifikant ‚nach oben‘ aus: Im Rekurs auf neuplatonische Konzepte deutet er die menschliche Rati­onalität als Emanation einer höheren Intelligenz, an die sich der Mensch wieder annähern soll. Dabei bringt er den vor allem in der arabischen Tradition prominenten ‚er­worbenen Intellekt‘ (intellectus adeptus) ins Spiel, um die kontemplative Glückseligkeit des philosophischen Lebens als vollkommene Realisierung der menschlichen Natur zu konturieren. Der Artikel zeichnet Alberts innovative Les­art des aristotelischen Arguments nach und zeigt, welche Auswirkungen die Entwicklungen zwischen seinen beiden Kommentaren auf die normative Verankerung seiner Ethik in der menschlichen Natur haben.

Schlagwörter Anthropologie; Glück; erworbener Intellekt (intellectus adeptus); Neuplatonismus; Tugend