Zitationsvorschlag

Wagner, Simone: Äbtissinnen als starke Frauen? : Macht, Verhaltensnormen und Herrschaftspraktiken religiöser Amtsträger:innen, in Buchwitz, Wolfram und Burrichter, Brigitte (Hrsg.): Normen und Ideale, Heidelberg: Heidelberg University Publishing, 2026 (Das Mittelalter. Perspektiven mediävistischer Forschung. Beihefte, Band 24), S. 119–136. https://doi.org/10.17885/heiup.1570.c25391

Identifier (Buch)

ISBN 978-3-96822-324-7 (PDF)
ISBN 978-3-96822-325-4 (Hardcover)

Veröffentlicht

20.08.2026

Autor/innen

Simone Wagner

Äbtissinnen als starke Frauen?

Macht, Verhaltensnormen und Herrschaftspraktiken religiöser Amtsträger:innen

Äbtissinnen hatten ein gesellschaftlich wichtiges Amt inne. Dies galt besonders für Äbtissinnen von Stiften, die weniger als in Klöstern durch die Klausur eingeschränkt waren und Herrschaft nach außen ausüben konnten. Ob sie dies zu ‚starken Frauen‘ machte, disku­tiert der Beitrag, indem er den Zusammenhang zwischen Handlungsmöglichkeiten bzw. agency, geschlechtsspezifi­schen Normen und Herrschaftspraktiken herausarbeitet. ‚Stark‘ hatte in der Vormoderne unterschiedliche Bedeu­tungen. Diese analysiert der Aufsatz in drei Schritten an­hand von Fallbeispielen. Dabei wird untersucht, inwiefern geschlechtsspezifische Verhaltensnormen die Macht von Äbtissinnen einschränkten, religiöse Vorsteher:innen phy­sische Stärke und Gewalt ausüben sollten und ob sie sich in schwierigen Zeiten erfolgreich als duldsam darstellten. Die Macht der Äbtissinnen konnte sich darin zeigen, dass sie gegen bestimmte Verhaltenserwartungen verstießen. So regierte Agnes von Sulz jahrzehntelang unangefochten als Äbtissin des Stifts Säckingen, obwohl sie als Chorfrau mehrere Kinder bekommen hatte. Keuschheit war im Fall der Agnes von Sulz im Besonderen und in Stiften im All­gemeinen keine feste, völlig unumstrittene Norm. In an­deren Fällen führten miteinander konkurrierende Normen und Praktiken dazu, dass auch männliche Vorsteher in ih­ren Herrschaftspraktiken eingeschränkt wurden, während Äbtissinnen durch die Einhaltung geschlechtsspezifischer Verhaltenserwartungen agency erlangten. Im Gegensatz zu den Äbten war es für die Äbtissinnen nicht denkbar, sich und ihren Herrschaftsbereich gewaltsam zu verteidigen. Daher konnte sich Anna von Falkenstein im Gegensatz zum Abt von Kempten während des Bauernkriegs erfolg­reich als willensstark angesichts der bürgerlichen Angriffe darstellen.

Schlagwörter Geschlechtergeschichte; religiöse Gemeinschaften; Stifte; Gewalt und Sexualität