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Franz von Assisi: Inspiration oder Provokation?
An Normverstößen lernen
Die Kirche beanspruchte seit der Konstantinischen Wende bis in die Neuzeit hinein ein Weltdeutungsmonopol; die gesamte Gesellschaft war von der mittelalterlichen Christianitas geprägt. Wer gegen die von der Kirche formulierten Normen verstieß, musste mit Konsequenzen rechnen. Dass es aber durchaus Spielräume für eine Abweichung von Normen gab, kann an Franz von Assisi (1181–1226) und seiner Bewegung gezeigt werden. Sowohl von einer gesellschaftlichen als auch von einer kirchlichen Warte aus können viele seiner Lebensentscheidungen und -äußerungen als verhaltenskreativ bezeichnet werden. Der familiären Dominanz seines bürgerlichen Vaters entzog er sich bis hin zum großen performativen Paukenschlag einer radikalen Distanzierung von seiner Herkunftsfamilie. Franziskus lebte in einer Zeit, in der massive Kritik am Reichtum der Kirche aufkam. Dies führte zu den bekannten Armutsbewegungen; viele dieser Gruppen wurden als häretisch bezeichnet und von der Inquisition radikal bekämpft. Auch in den Grundüberzeugungen und Verhaltensweisen des Franz von Assisi lassen sich Verstöße gegen geltende Vorstellungen und Normen eines konventionellen christlichen Lebens feststellen, so dass es wie ein Wunder scheint, dass nicht auch er auf dem Scheiterhaufen endete. An der Art und Weise, wie Franziskus seine zur Lehre der Kirche durchaus in Spannung stehenden Prinzipien eher lebte als lehrte, können auch Schülerinnen und Schüler lernen, dass es zulässig ist, Normen zu hinterfragen und kreative, individuelle normorientierte Lebensüberzeugungen und -formen zu entwickeln.
Schlagwörter Normen; Heilige; Kirche; Performanz; Armut

