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Ideale im Umbruch
Eine Allerheiligenpredigt Alains von Lille als Quelle für schulische Transformationsprozesse
Eine christliche Predigt, die zu Enthaltsamkeit, Demut und Liebe aufruft – es mag durchaus Quellen geben, die geeigneter sind, das Interesse der Forschung auf sich zu ziehen. Ermahnungen zu christlichen Tugenden scheinen gerade in diesem Medium erwartbar und keiner weiteren Kommentierung bedürftig. Damit eine Tugend und das hinter ihr stehende Ideal jedoch sozial wirksam werden können, braucht es eine konkrete praktische Situation. Legt man diese Prämisse zugrunde, ergibt sich für vermeintliche Allgemeinplätze der paränetischen Rede die Möglichkeit einer relecture. Die Frage nach dem ‚Sitz im Leben‘ ermöglicht nicht nur die Ermittlung der spezifischen Bedeutung von Idealen, Normen und Tugenden in der historischen Predigtsituation, sondern auch deren diachrone Vergleichbarkeit. Das Potenzial einer solchen Herangehensweise wird in diesem Beitrag exemplarisch anhand einer Predigt des Pariser Magisters Alain von Lille († 1202/1203) demonstriert. Sein Wirken fällt in eine Zeit des Umbruchs, in der in einem immer noch viel zu wenig verstandenen komplexen Prozess aus einzelnen scholae schließlich im 13. Jahrhundert die Universität Paris wurde. In Alains umfangreichem Predigtoeuvre lässt sich wie unter einem Brennglas beobachten, wie die Akteure des Pariser Schulwesens versuchten, ältere schulische Ideale und Normen der Kloster- und Kathedralschulen zu aktualisieren und damit die volatile schulische Gemeinschaft zu stabilisieren.
Schlagwörter Alanus ab Insulis; mittelalterliche Predigt; Schulen und Universitäten; Tugenden und Laster

