Stellungnahme zur Besprechung meines Buches ‚Haben Gefühle eine Geschichte? Aporien einer History of Emotions‘. Göttingen 2015 durch Peter Dinzelbacher. In: Das Mittelalter 2016/2, S. 480 f.
Das Präsidium des Mediävistenverbandes hat im Jahre 2020 beschlossen, in begründeten Einzelfällen Erwiderungen auf Rezensionen zuzulassen. Aus diesem Anlass komme ich auf eine Rezension zurück, die schon vor einigen Jahren erschienen ist.
Das Buch des Literaturwissenschaftlers Schnell hat sich zum Ziel gesetzt, die geschichtswissenschaftliche Emotionsforschung kritisch auf ihre Methoden, Theorien, Ziele und Ergebnisse hin zu befragen. Und es hat die unterschiedlichen Erkenntnisinteressen von Historikern und Literaturwissenschaftlern thematisiert. Doch über dieses zentrale Anliegen von S.s Buch schweigt sich der Historiker Peter Dinzelbacher in seiner Rezension aus. Nicht einmal die Mindestanforderung an eine Rezension, eine knappe Inhaltsübersicht zu geben, erfüllt D. Stattdessen reiht er Behauptungen, Vorwürfe und Unterstellungen zusammenhanglos aneinander. Nur Weniges kann hier zur Sprache kommen.
Gleich zu Beginn seiner ‚Besprechung‘ behauptet D. (480), S. fordere, „Gefühlsgeschichte zu liquidieren“. Doch S. liquidiert nicht Gefühlsgeschichte, sondern kritisiert eine bestimmte Art, historische Emotionsforschung zu betreiben. S. fordert, das Projekt einer ‚History of Emotions‘ aufzugeben, „sofern darunter die Geschichte von Gefühlen als subjektiven Erfahrungen bzw. als eine Geschichte des inneren Erlebens verstanden wird“ (967, Hervorhebung im Original). Dass S. andere Aufgabenfelder der historischen Emotionsforschung für durchaus sinnvoll hält, wird allein schon in einer Überschrift des letzten Kapitels sichtbar: „Emotionengeschichte: traditionell und innovativ“ (971–979). Ausgerechnet D. moniert, in S.s. Studie werde „oft auf die Argumentation der zitierten Werke überhaupt nicht eingegangen“ (480).
D. schreibt (480): „S.s zentrale, stets wiederholte Kritik lautet: Wir haben ja nur Texte, die immer lügen könnten, also nur Beschreibungen, die nicht daraufhin überprüfbar sind, ob sie Empfinden faktisch wiedergeben oder nur vorgeben.“ Im Zentrum von S.s Buch steht jedoch nicht die produzentenorientierte Frage nach der Verfälschung von Emotionsäußerungen („lügen“), sondern die rezeptionsorientierte Frage, inwieweit wir überhaupt imstande sind, in Emotionsäußerungen – ob nun fiktive oder nicht – eine bestimmte spezifische Emotion festzumachen. Hier kommen die Kompetenzen der Sprach- und Literaturwissenschaft ins Spiel, die D. ignoriert.
D. schreibt (480): „Mehrfach erscheinen Probleme aufgebaut, die so gar nicht existieren, etwa wenn S. Emotionsgeschichte gegen Mentalitätsgeschichte auszuspielen versucht, als ob sie Konkurrenten wären, obwohl erstere eindeutig ein Teilbereich letzterer ist“. Doch S. vertritt die Position, die D. einfordert. Denn S. spielt nicht Emotionsgeschichte gegen Mentalitätsgeschichte aus, sondern kritisiert Emotionshistoriker*innen, die ihrerseits die Emotionsgeschichte gegen die (angeblich veraltete und überholte) Mentalitätsgeschichte ausspielen. S. steht also auf der Seite D.s, was dieser nicht bemerkt.
D. schreibt (481): „S. geht zudem ganz primär von jenen Forschungen aus, die Emotionen in der schönen Literatur untersuchen.“ S.s Buch arbeitet sich explizit und dezidiert, materialiter und diskursiv, an der geschichtswissenschaftlichen Emotionsforschung ab. Dort aber werden vornehmlich Chroniken, Briefe, Grabinschriften, Tagebücher, Memoiren, medizinische Berichte, Massenmedien, diplomatische Korrespondenzen verhandelt. Von ‚schöner Literatur‘ wird dort nur vereinzelt gesprochen.
D. fährt fort (481): „Doch sollte Gefühlsgeschichte m. E. vorrangig aufgrund von Ego-Dokumenten geschrieben werden, namentlich von religiösen (wie Augustins ‚Confessiones‘). In dieser Textsorte muss nämlich Erleben und Beschreiben (Repräsentieren) koinzidieren, da gläubige Autoren, die von sich im Angesicht eines allwissenden Gottes sprechen, sich gerade das nicht erlauben werden, was S. überall den Quellen anlastet: nur fiktive Gefühle zu kommunizieren.“ Während D. an anderer Stelle die „Unzugänglichkeit der vergangenen Gefühlswelt“ einräumt (481), zeigt er sich hier überzeugt, dass in Ego-Dokumenten Erleben und Textaussage koinzidieren. Daran glauben heute nur noch wenige Historiker*innen, ganz zu schweigen von den Literaturwissenschaftler*innen. Auch ‚gläubige Autoren‘ sprechen nicht nur zu Gott, sondern zugleich zu potentiellen weltlichen Lesern.
An keiner Stelle behauptet S., unsere Quellen würden nur fiktive Gefühle kommunizieren. Etwas ganz anderes meint S., wenn er davon spricht, dass viele Verfasser nicht imstande seien, ihre Emotionen adäquat zu artikulieren, und dass sich im und durch das Schreiben die vorgängige emotionale Befindlichkeit eines Tagebuchautors verändere. Vor allem aber geht S. davon aus, dass Menschen nicht über Emotionen, sondern über Zeichen von Emotionen (Worte, Gesten, Kleidung, Geschenke u. a.) miteinander kommunizieren. Deshalb seien zuallererst diese Zeichen und nicht Gefühle zu untersuchen. Vom kommunikationstheoretischen Standpunkt aus ist es unerheblich, ob die Zeichen auf fiktive oder ‚echte‘ Gefühle verweisen.
Ich muss hier abbrechen, leider. Doch das Gesagte genügt wohl, um deutlich zu machen, dass D.s Rezension ein Buch vorstellt, das es so gar nicht gibt. Den Leser*innen dieser Zeitschrift sei empfohlen, D.s Text mit dem im Internet zugänglichen Inhaltsverzeichnis von S.s Buch zu vergleichen.
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Author
Rüdiger Schnell