Birgit Zacke u. a. (Hgg.), Text und Textur. WeiterDichten und AndersErzählen im Mittelalter (BmE Themenheft 5). Oldenburg 2020. https://doi.org/10.25619/BmE2020397
16 Jul 2021
„Wiedererzählen könnte die fundamentale allgemeinste Kategorie mittelalterlicher Erzählpoetik sein“ – es ist diese höchst einflussreiche These Worstbrocks (1999, 130), um deren kritische Revue sich der vorliegende, auf eine Bonner Tagung (2018) zurückgehende Band bemüht.
Die einleitenden Reflexionen von Glasner / Zacke setzen beim Begriff der ‚Wiederholung‘ (4 f.) an, um den Gegenstandsbereich vormodernen Retextualisierens möglichst umfassend zu greifen. Davon ausgehend wird der Anspruch formuliert, mit Hilfe der versammelten Studien Wiederholungsakte und deren Produkte „kategorial unterscheiden und begrifflich fassen“ (5, vgl. 12) zu können. Angesichts bereits vorliegender Ausdifferenzierungen des Worstbrock’schen Modells (z. B. Bumke 2005, darin bes. Lieb 2005; Dimpel 2013) ist ein solches Vorhaben auf dem Weg zu einer einheitlichen Systematik mehr als wünschenswert. Die folgende Kurzübersicht über bisherige Ansätze im Kontext des ‚Wiedererzählens‘ vermag dies jedoch nur bedingt einzulösen und lässt stattdessen einmal mehr das Problem einer fehlenden übergreifenden Theorie mittelalterlichen Erzählens
zu Tage treten. Die Ausführungen der Vf. stoßen viele benachbarte Diskurse wie Übersetzung, Intertextualität oder Epigonalität an, die bereits eine eigene Auseinandersetzung im Lichte des Wiedererzählens verdienten, so dass das anfängliche Ziel leicht aus dem Blick gerät. In diesem Zusammenhang irritieren auch die eingeführten, aber nicht ausführlich kontextualisierten Begriffe ‚WeiterDichten‘ und ‚AndersErzählen‘ (= im Sinne Dimpels 2013?), die dem selbstformulierten Wunsch nach einer „konsensualen Terminologie“ (26) zuwiderlaufen.
Die Beiträge des Bandes lenken den Blick wieder vom Allgemeinen auf den konkreten Einzelfall zurück. Innerhalb der ersten Sektion „materia und textur“ beschäftigt sich Dimpel mit dem Verhältnis von Wiedererzählen und Anderserzählen und zeigt, wie im ‚Eneasroman‘ und im ‚Erec‘ das Retextualisierungsgebot der Quellenverbürgung entweder durch Fiktionalisierung abgewiesen oder ironisch gebrochen wird. Holtzhauers Beitrag eröffnet Zugänge für das Retextualisieren im Intradiegetischen. Anhand der Inhaltsparaphrasen im ‚König Rother‘ und im ‚Eckenlied‘ verdeutlicht er, dass solche ‚Re-Texte‘ als methodisches Korrektiv dienen können, um zentrale Plotelemente oder narrative Muster herauszufiltern. Interessant wäre in diesem Kontext eine Untersuchung der Hystera-Protera in Heinrichs ‚Crône‘, wo Text und Re-Text einander zu widersprechen scheinen. Speth gelingt es in konziser Form, im Rückgriff auf Goffmans frame analysis unterschiedliche Ordnungen des Anderserzählens zu differenzieren (vgl. Speth 2017) und so einen systematischen Interpretationszugang zur Mitüberlieferung von Texten zu schaffen, was er eindrücklich am Beispiel der ‚Herzog Ernst‘-Materia vorführt. Ebenfalls theoriebasiert arbeitet Winkelsträter mit Lévi-Strauss’ Konzept der bricolage, um die Produktionsästhetik hybrider Texte zu beleuchten. Für den ‚Orendel‘ hilft dies, die poetologische Korrelation zwischen dem Grauen Rock als textilem Epizentrum des Werkes und der Textualität des Erzählten zu verstehen.
Im Rahmen der zweiten Sektion „ornatus und textur“ legt Becker dar, dass Wiedererzählen auch einer gattungsspezifischen Nuancierung bedarf. Für die Bibelepik vermag das Konzept der ‚Remetaphorisierung‘ (vgl. Becker 2014) zu erklären, wie Umschreibeprozesse innerhalb religiöser Diskurse möglich sind, indem anstelle des festgeschriebenen Sinns tradierte Leitmetaphern künstlerisch variiert werden. Auf die rhetorische Seite des Wiedererzählens zwischen dilatatio und abbreviatio konzentriert sich der Beitrag von Frick. Entgegen der Annahme, dass der visuellen Pracht der höfischen Kultur per se das dilatierende Erzählen eingeschrieben ist, zeigt Frick anhand Herborts ‚Liet von Troye‘, dass Autoren auch Poetiken der Kürzung verfolgten, die nicht ohne Auswirkungen auf den Textsinn blieben. Bei Herz rücken prozessuale Logiken in den Blick: Der Überflutungsmetaphorik im Prolog von Konrads ‚Trojanerkrieg‘ korrespondiert ein Zuviel an stofflicher Materia, das Konrad um des Erzählens willen ‚auserzählt‘ und damit die Unabschließbarkeit des Retextualisierens vor Augen führt. Kragls Überlegungen münden in ein anregendes Argument e contrario: Durch den Präzedenzfall einer volkssprachigen Materia, die im ‚Waltharius‘ lateinisch erniuwet wird und hinsichtlich des artificium einen „exakte[n] Gegenentwurf“ (296) zum ‚Erec‘ bildet, lässt sich der umfassende Geltungsbereich des Worstbrock’schen Wiedererzählens relativieren. Korrekturbedürftig erscheint Worstbrocks Modell auch im Lichte von Zimmermanns Beispielanalysen aus dem ‚Jüngeren Titurel‘. Die ‚verfugende‘ Retextualisierung von Wolframs ‚Titurel‘, ‚Parzival‘ und ‚Willehalm‘ sprengt die Grenzen linear-syntagmatischer Sinnmodelle zugunsten paradigmatisch überlagernder Bezüge.
Die Beiträge der dritten Sektion „imago und textur“ teilen eine gemeinsame Einsicht: Die vorgeformte Materia (secunda materia) eines Stoffes ist nicht auf sprachliche Zeichen beschränkt, sondern ein Konsortium aus Sprache, Bildern und intertextuellen Bezügen. Hoffmann führt dies an der Ovid-Rezeption des Strickers und des Pleiers vor. Während Strickers ‚Daniel‘ sich ikonographischer Muster und des Mediums des Spiegels bedient, um den Helden seine Identität hinterfragen zu lassen, liegt Pleiers ‚Garel‘ ein mythisches Konzept zugrunde, so dass die Heldenidentität nie außer Frage steht. Hufnagel zeigt an Retextualisierungen des ‚Nibelungenlieds‘ im 15. Jh., wie Bilder sprachliche Ersatzfunktionen einnehmen und paradigmatische Bezüge leisten können (Hs. b) oder gezielte Kürzungen die Relation von Höfischem und Heroischem zu variieren vermögen (Hs. n), was wiederum an die Beobachtungen Fricks und Zimmermanns anschließt.
Die Stärke des Bandes liegt so v. a. im argumentativen Spektrum seiner Beiträge: Die Autor*innen können Worstbrocks oft kritisiertes, heuristisch aber nach wie vor nützliches Begriffspaar materia / artificium, wie es die Hgg. auch im Titel ‚Text und Textur‘ abgebildet haben, in vielerlei Hinsicht erweitern und differenzieren, sei es gattungsspezifisch (Becker, Kragl), intermedial (Hoffmann, Hufnagel), intradiegetisch (Holtzhauer), rhetorisch (Frick), prozessual (Herz), paradigmatisch (Zimmermann, Hufnagel), überlieferungsbezogen (Speth) oder die Kontur der Materia betreffend (Dimpel, Winkelsträter). Für die zukünftige Auseinandersetzung mit dem Retextualisierungsdiskurs ist der Band daher unentbehrlich.
Schließlich ist es ein richtungsweisender und sehr zu begrüßender Schritt der Hgg. gewesen, ihren Tagungsband online und open access über die ‚Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung‘ zu veröffentlichen und frei zugänglich zu machen. Vielleicht böte die open access-Technologie zukünftig die Option, mit Hilfe von Kommentaren und Anmerkungen gerade diesen so zentralen Forschungsdiskurs auch für das mediävistische Retextualisieren zu öffnen.
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Besprochen von Manuel Hoder: Braunschweig / Würzburg |
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Manuel Hoder