Typesetting
Friedrich Michael Dimpel u. Silvan Wagner (Hgg.), Prägnantes Erzählen (Brevitas 1/BmE Sonderheft). Oldenburg 2019. 555 S. https://doi.org/10.25619/BmE_H201930
16 Jul 2021
Der open access publizierte Sammelband repräsentiert die erste Ausgabe des Online-Periodikums ‚Brevitas – Zeitschrift für Kleinepik‘, das anlässlich der 2018 erfolgten Gründungstagung der wissenschaftlichen Gesellschaft ‚Brevitas‘ (http://brevitas.org) lanciert wurde. Um einen möglichst großen Kreis an fachkundigen Leser*innen zu erreichen, erscheint das Periodikum in Kooperation mit den – ebenfalls ausschließlich digital und open access zugänglichen – ‚Beiträgen zur mediävistischen Erzählforschung (https://ojs.uni-oldenburg.de/ojs/index.php/bme). Ziel der ‚Brevitas‘ ist es, das vielschichtige Formenspektrum vormoderner Kleinepik in regelmäßig stattfindenden Gesellschaftstagungen und weiteren Aktivitäten interdisziplinär wie komparatistisch zu erfassen sowie methodisch innovative Zugänge und Forschungsinitiativen zu entwickeln.
Einen solchen interpretativen Neuansatz bietet das die Ausrichtung der Gesellschaft konstituierende Sonderheft, das von zwei Gründungs- und zugleich Vorstandsmitgliedern der ‚Brevitas‘ herausgegeben worden ist. Primäres Anliegen ist es, den Gegenstandsbereich ‚Kleinepik‘, wie W. und D. in der Einleitung betonen, über narratologische Kategorien anstelle quantitativer Aspekte zu definieren und damit dem germanistisch-mediävistischen Diskurs neue Impulse zu geben. So soll der „zwischen Kürze und Fülle“ changierende „Erzählduktus“ (1) als spezifisches Qualitätskriterium „kleinerer epischer Texte“ (ebd.) in den Blick kommen und eine stärker gattungstheoretische Grundierung des Forschungsfeldes ablösen. Für diese Neuakzentuierung schlagen die Herausgeber den Begriff der ‚Prägnanz‘ vor, der „die Vermittlung eines komplexen Inhalts in einer kurzen Form“ (ebd.) fokussiert.
Die absolute Qualität der Prägnanz als Modell methodischer Nuancierung wird unter Rückgriff auf interdisziplinäre Ansätze (Philosophie, Kunstwissenschaft, Psychologie) bewusst „facettenreich[ ]“ (8) konzeptualisiert. Mit solch einem ‚offeneren‘ Prägnanzbegriff soll die Erfassung unterschiedlicher Phänomene prägnanten Erzählens ermöglicht werden: „[p]rägnante Wahrnehmung“ (5), „[p]rägnante Figurengestaltung“ (6), „[p]rägnante Zeitstrukturierung“ (ebd.), „[p]rägnante Raumstrukturierung“ (ebd.), „[p]rägnante Kombinatorik“ (S. 7), „[p]rägnante Sinnkonstitution und -irritation“ (ebd.). Als spezifische Formsemantik lasse sich die Kategorie der Prägnanz in der narrativen Modellierung und Strukturierung von Textsinn verorten und öffne die jeweiligen Texte damit für „historische[ ] wie rezente[ ]“ (3) Interpretationsprozesse.
Die Beiträge des Bandes verstehen sich als sog. ‚Pilotstudien‘, die das Möglichkeitsspektrum des neuen Zugriffs „induktiv in exemplarischen Untersuchungen“ (8) anhand einschlägigen Materials aus dem Bereich der Kleinepik (Sprichwort, Sentenz, Märe, Fabel, Kurzroman, Heiligenvita u. a.) erproben. Dabei wird das erzähltheoretisch implikationsreiche Konzept der Prägnanz in historisch-poetologischer und rhetorischer Perspektive entfaltet (Waltenberger, Schwarzbach-Dobson) sowie im Hinblick auf diskursive, intertextuelle und kombinatorische Formationen (Abel, Dahm-Kruse, Eder, Nöcker, Scheuer), zentrale narratologische Konstanten (Raumphänomene, Figuren- und Zeitkonzepte, Erzählstrukturen: Haferland, Musiol, von Müller, Nowakowski), hermeneutische Prozesse und Wahrnehmungsmodi (Dimpel / Hammer, Wagner) sowie Dingstrukturen (Mühlherr) und Sammlungskontexte (Brasch) analysiert.
Mit der Implementierung des ‚Prägnanz‘-Begriffs gelingt es den Herausgebern, ein heuristisches Arbeitsinstrument zu etablieren und in breit gefächerten Forschungsansätzen zu exemplifizieren. Es wäre wünschenswert, wenn sich die ‚Brevitas‘ auch weiterhin der Ausdifferenzierung und methodischen Schärfung des vorgelegten Modells widmete, um das reiche Spektrum an „einzelne[n] Prägnanzphänomene[n]“ (8) in einer für die mittelhochdeutsche Kleinepik konstitutiven historischen Signifikanz zu profilieren.
Kontakt
Besprochen von Julia Frick: Zürich
Copyright & License
Text © 2021 by the author(s).
alt text
This journal article is published under the Creative Commons License 4.0 (CC BY-SA 4.0).
Author
Julia Frick