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Nicola Chiarenza, Annette Haug, Ulrich Müller (Hgg.), The Power of Urban Water. Studies in Premodern Urbanism. Berlin, Boston, De Gruyter 2020. VIII, 272 S., ca. 100 s/w-Abb. https://doi.org/10.1515/9783110677065
16 Jul 2021
Wasser ist eine notwendige Bedingung menschlichen Lebens. Angesichts dieser existentiellen Bedeutung erscheint es angemessen, dass der Subcluster ‚Urban ROOTS‘ des Kieler Exzellenzclusters ‚ROOTS of Social, Environmental and Cultural Connectivities in Past Societies‘ die historische Bedeutung, Funktion und Wirkung von Wasser in Bezug auf urbane Lebensräume fokussiert. Der vorliegende Band, welcher die ausschließlich auf Englisch verfassten Beiträge einer Tagung in Kiel 2018 enthält, vereint somit 16 thematisch, methodisch und disziplinär unterschiedliche Aufsätze über die historischen Beziehungen zwischen Wasser und der vormodernen, hauptsächlich europäischen Stadt. Brunnenanlagen in antiken Städten, frühchristliche Baptisterien oder mittelalterliche Häfen werden in dem Band ebenso thematisiert wie Aspekte der Erinnerungskultur oder der Umweltgeschichte.
Rund die Hälfte der Aufsätze stammt aus dem Bereich der Mediävistik. Einen ebenso vielschichtigen wie instruktiven Beitrag liefert Elisabeth Gruber, die verschiedene Facetten der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Bedeutung von Wasser in spätmittelalterlichen Stadtgesellschaften an der Donau beleuchtet. Die politische Dimension von Wasser fokussiert auch Gabriel Zeilinger, der anhand von Schriftquellen die Akteure herausarbeitet, die in oberrheinischen Städten des 13. Jahrhunderts um die Kontrolle über die Ressource konkurrieren. Einen interessanten Ansatz verfolgt Ulrich Müller in Anlehnung an die Globalisierungstheorie von Arjun Appadurai, indem er die früh- und hochmittelalterlichen Hafenanlagen von Haithabu, Schleswig und Lübeck auf Basis der archäologischen Befunde als „Habourscapes“ beschreibt. Aus dieser räumlich-kulturwissenschaftlichen Perspektive lassen sich die Häfen als Schnittstellen für Austauschprozesse auf verschiedenen Ebenen (wirtschaftlich, technisch, medial etc.) verstehen. Auf die Wasserversorgung in der mittelalterlichen Stadt konzentriert sich der Beitrag von Betty Arndt am Beispiel von Göttingen. Die archäologischen Befunde bezeugen eine vielfältige Nutzung von Wasser, die technisch und organisatorisch ausgereifter war, als es in der älteren Literatur zum Ausdruck kommt. Die Wechselwirkungen zwischen Umwelt und Urbanisierung thematisieren die Beiträge von Rainer Schreg und Christian Rohr. Während Schreg die hydrologischen Auswirkungen der mittelalterlichen Urbanisation in Süddeutschland untersucht, betrachtet Rohr aus umgekehrter Perspektive die Auswirkungen von historischen Eisstößen in Flussstädten vom Mittelalter bis ins 19. Jh. Mit der Symbolik von städtischem Wasser in Novellen des 13. Jh.s beschäftigt sich schließlich der Aufsatz von Margit Dahm-Kruse.
Die Beiträge des Tagungsbands spiegeln in ihrer thematischen und methodischen Unterschiedlichkeit die Komplexität und Weitläufigkeit des Forschungsfeldes ‚Wasser und Stadt‘, zumal der zeitliche Rahmen nahezu zwei Jahrtausende überspannt. Wer zu dem Thema arbeitet, dem sei die Lektüre empfohlen. In den meisten Fällen wird sich ein Fachwissenschaftler allerdings, wie bei solch breit angelegten Sammelbänden üblich, für einen bestimmten Aufsatz interessieren. Hier zeigt sich die Open-Access-Veröffentlichung des Bandes im Internet, die parallel zur Druckausgabe erfolgte, vorteilhaft, denn der Text lässt sich gezielt im PDF-Format herunterladen. Dass die orts- und zeitunabhängige Verfügbarkeit der Artikel einen großen Gewinn für die wissenschaftliche Arbeit darstellt, steht außer Frage und weist nicht nur vor dem Hintergrund der coronabedingten Verlagerung der Forschung ins Homeoffice in die Zukunft. Nicht zuletzt leistet die digitale Publikation auch einen Beitrag zur Nachhaltigkeit, wenn das für Druck und Kopien benötigte Wasser eingespart wird.
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Besprochen von Hauke Horn: Darmstadt / Mainz
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Hauke Horn