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Musikwissenschaft
16 Jul 2021
Musikwissenschaft ist außer an Universitäten auch an Hochschulen für Musik vertreten. Darin äußert sich eine gewisse Janusköpfigkeit des Fachs, das einerseits in den Geisteswissenschaften verankert ist, seine Herkunft aus der Musikpraxis (Universitätsmusikdirektoren im 19. Jahrhundert) aber nie verleugnet hat. Im Durchschnitt mit zwei bis drei Professuren, in Berlin, Hamburg, Hannover, Weimar und Würzburg aber auch umfangreicher ausgestattet, finden sich Institute nach wie vor an den meisten Universitäten im deutschsprachigen Raum. Oft ist eine Teilung vorgenommen, nach der eine Professur der älteren Musikgeschichte, allerdings nicht zwingend der Mediävistik zugeordnet ist. Zuletzt waren Professuren in Augsburg, Berlin (Humboldt-­Universität und Universität der Künste), Freiburg, Gießen, Göttingen, Halle, Hamburg, Heidelberg, Köln, Leipzig, Mainz, Marburg, München, Münster, Regensburg, Rostock, Tübingen, Weimar und Würzburg der älteren Musikgeschichte gewidmet und / oder mit Mediävist*innen besetzt.
Innerhalb der musikbezogenen Mediävistik gibt es wenige Generalist*innen. Die Mehrzahl pflegt Schwerpunkte wie mittelalterliche Einstimmigkeit (Gregorianik, aber auch Trobadors, Trouvères und Minnesänger), mehrstimmige Komposition (Gattungen und Notenschrift) oder widmet sich Musik und Kultur im 15. und 16. Jahrhundert. So ist die mediävistische Teildisziplin fast immer in Bachelor- und Masterstudiengänge eingebunden, teilweise existieren Beteiligungen an kulturgeschichtlich ausgerichteten interdisziplinären oder sogar mittelalterzentrierten Studiengängen. In einigen wenigen Fällen wird an Musikhochschulen das Mittelalter von den Abteilungen für Alte Musik mitbedient. Dabei ist allerdings nicht immer eine musikhistorische Forschung zu beobachten, da die Ausbildung am Instrument oder im Gesang im Vordergrund steht.
Insgesamt betrachtet erfährt das Fach Musikwissenschaft derzeit eine in früheren Jahrzehnten nicht gekannte Ausdifferenzierung in methodischer Hinsicht, wobei Sound-Studies und Fragen nach Körperlichkeit ebenso diskutiert werden wie Genderthemen, während die ‚klassische‘ Auseinandersetzung mit Kompositionstechniken zurückgeht. Innerhalb der eher konservativ ausgerichteten Gesamt-Disziplin entwickelt die Musikmediävistik seit Jahren nicht nur eine bemerkenswerte Affinität zu den Digital Humanities, wobei computergestützte Rekonstruktionen verloren gegangener Stimmen ebenso vertreten sind wie digitale Analyse- und Editionsprojekte.
Die aktuellen methodischen Fragestellungen machen die Musikwissenschaft mit der Öffnung hin zu den Nachbardisziplinen Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft sowie Literatur- und Geschichtswissenschaften durchaus attraktiv. Diese Verwandlung der einst als eher hermetische Fachdisziplin betrachteten Musikmediävistik hin zu allgemeineren kulturgeschichtlichen Themen birgt allerdings die Gefahr einer Auflösung der genuinen Kernkompetenzen (Notenschrift, Komposition, Instrumentenkunde) und der damit verbundenen Verschiebung fachlicher Grenzen in sich. Mit dem sich stets wandelnden Zugang über die Musikpraxis geht eine ungebrochene Faszination von mittelalterlicher Musik aus, die auch anhalten dürfte, obwohl die fachliche Expertise leicht zurückgeht. Die langjährige und qualitativ hochwertige Editionsarbeit der erhaltenen Kompositionen garantiert dafür eine solide Grundlage. Mit großem Interesse verfolgt werden können interdisziplinäre Forschungsansätze der digitalen Rekonstruktion von Räumen in der Vergangenheit, wenn dabei die akustische Dimension seriös berücksichtigt wird.
Perspektivisch könnten die größeren Institute in den nächsten Jahren möglicherweise allerdings ihre stark forschungsorientierten Professuren verlieren, gerade wenn keine starke Anbindung an Nachbardisziplinen erfolgt ist und Umwidmungen in Richtung Popularmusik anstehen. Wegen des interdisziplinären Austauschs hat es sich als äußerst nützlich erwiesen, dass das Fach mit einer Professur im Beirat des Mediävistenverbands vertreten ist. In dem angesprochenen interdisziplinären Austausch scheint die fachliche Expertise nötig und willkommen.
Zu benachbarten Disziplinen bestehen vielfältige Schnittstellen, so viele, dass 1997 dem Thema ein eigener Kongress der Internationalen Gesellschaft für Musikwissenschaft gewidmet war.1 Die Anschlüsse reichen von den Naturwissenschaften (Physik, Akustik) über Soziologie und Psychologie sowie Philosophie hin zu Theologie, Kunstgeschichte, Sprach- / Literaturwissenschaft und Geschichte. Die Verbindungen liegen nicht allein im gegenseitigen Respekt der Fächer im Sinn einer unterstützenden Nachbarschaft, sondern sind intensiv, grundlegend etwa bei der Kirchenmusik oder wenn es um Vertonungen von Texten unterschiedlicher sprachlicher Provenienz geht, aber ebenso naheliegend bei der Kontextualisierung von Musik im Bereich der Geschichte. Die methodische Öffnung der Musikmediävistik bringt aber gerade da eine nicht zu unterschätzende Konkurrenz, wo die disziplinäre Nähe zu Grenzüberschreitungen führen kann, nicht zuletzt bei der Germanistik und der Geschichte. Dies ist vor allem da zu beobachten, wo die Berührungspunkte diffus zu werden beginnen, wenn etwa aus Untersuchungen zu Kompositionen Sound Studies werden. Während die ältere Forschung mit dem Wissen um die schwierig zu lesende Überlieferung in ihren mittelalterlichen Notationsformen operierte, bemüht man sich aktuell um den Klang der Vergangenheit, dessen Schallwellen längst nicht mehr erfassbar sind. Über die absichtlich herbeigeführten Klang­erzeugnisse liegen mitunter schon aus den betreffenden Jahrhunderten schriftliche Äußerungen vor – sie stammen allerdings in der Regel nicht von Musiker*innen selbst, sondern von Nicht-Fachleuten, sind also hinsichtlich ihres Aussagewerts nur mit der gebotenen Vorsicht benützbar.
Für die internationale Vernetzung kommt der ‚Medieval & Renaissance Music Conference‘ eine zentrale Funktion zu. Sie findet im jährlichen Wechsel und ungeachtet des bevorstehenden Brexits im United Kingdom und auf dem europäischen Festland statt. Seit der internationalen Erweiterung mit den Tagungen in Jena und Tours (2003 und 2005) ist die ‚Med-Ren‘ zu einem Forum für den Austausch der jeweiligen Forschungsthemen und zur Begegnung der etablierten Generationen mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs geworden. Davon konnte nicht zuletzt die deutsche Musikmediävistik profitieren, die international deutlich stärker wahrgenommen wird als noch vor 20 Jahren. Zudem gingen zuletzt mehrere internationale Forschungskooperationen als sog. ‚HERA‘-Projekt mit europäischer Förderung daraus hervor.
Gerade weil die Musik als performative Kunst nach ihrem Erklingen immer der Vergangenheit angehört, galt dem Wieder-Klingen-Machen in Form des Reenactments seit dem 19. Jahrhundert ein uneingeschränktes Interesse, das sich in öffentlichen Konzerten deutlich bemerkbar macht. Forschungen zur Sozialgeschichte der Musik bringen etwa bei den im Mittelalter ansetzenden Wurzeln der Professionalisierung wesentliche Erkenntnisse, die bei der Reflexion im Bereich der modernen Ausbildung an Hochschulen und Universitäten helfen können. Auf dem Feld der Instrumentenkunde führten Projekte zur Materialität erhaltener Instrumente in Kooperationen mit Naturwissenschaften (zerstörungsfreie Materialprüfung: DFG-Projekt ‚MUSICES‘) zur Verbesserung des technischen Equipments. Wie weit die Musikwelt des Mittelalters in die Gegenwart fortwirkt, zeigt der moderne Computer, dessen Eingabewerkzeug, das sogenannte Keyboard, dem Orgelbau des 14. und 15. Jahrhunderts entstammt.
Das Fach Musikwissenschaft ist in vielen Universitäten und Musikhochschulen in die Lehramtsausbildung eingebunden. Zwar ist die musikbezogene Mediävistik in den Lehrplänen meist nur schwach vertreten, aber die Stelleninhaber*innen können das Interesse an mittelalterlicher Musik anregen. Auf den Tagen der Bayerischen Schulmusik 2014 etwa wurde in einem Impulsreferat auf diese Option hingearbeitet.2 Das Echo auf die Veranstaltung zeigt die Neugier von Musiklehrer*innen, denen Materialien im Internet zum Download angeboten werden sollten.
In den letzten 20 Jahren konnte bei der Musikmediävistik gerade in Deutschland zeitweise eine starke Entwicklung beobachtet werden, was sich auch in den traditionell besser aufgestellten englischsprachigen Ländern bei Stellenbesetzungen niederschlug. Dabei ist das Angebot an beruflichen Möglichkeiten insgesamt vielfältig, in Verlagen und Bibliotheken ebenso wie in den Redaktionen von Print- und Digitalmedien. Darüber hinaus ist die Landschaft freier Forschungsinstitute immer noch beachtlich gut aufgestellt. Für den Personenkreis mit gleichermaßen ausgeprägter Qualifikation in Wissenschaft und Kunst steht der Bereich der Musikpraxis in Hochschulen und bei Konzerten offen. Freilich ist die Zahl der verfügbaren Stellen trotz der angedeuteten Vielfalt nicht üppig. Mit Einführung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes und seiner Anwendung auf Drittmittelprojekte sind manche Nachwuchswissenschaftler*innen in eine Sackgasse hinsichtlich der beruflichen Perspektive geraten, also gerade dort, wo eine herausragende Qualifikation über die Spezialisierung erfolgen kann. Wie der Erfolg der Leipziger Sommerkurse zur Handschriftenkultur belegt, kann der Einbau der Musikwissenschaft nicht nur das Spektrum der Sonderschriften (Noten) erweitern, sondern mit der klanglichen Umsetzung ästhetisch bereichern. Gerade hier erweist sich die professionelle Auseinandersetzung mit der Musiküberlieferung des Mittelalters als wirksame Abgrenzung zur populär durchaus wirkmächtigen – aber doch hinsichtlich ihrer wirklichen Kenntnis dürftigen – Szene der Barden auf Mittelaltermärkten.
Eine digitale Plattform für die musikbezogene Mediävistik fehlt bisher. Eine begründete Hoffnung mag allerdings auf die 2020 erfolgte Besetzung eines neuen Lehrstuhls für Digitale Musikwissenschaft und Musik vor 1600 an der Universität Tübingen gerichtet werden. Die bereits angesprochene, jährlich ausgerichtete ‚Medieval & Renaissance Music Conference‘ organisiert sich in erstaunlicher Weise mit der Bereitschaft internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst. Wünschenswert wäre eine wiederholt diskutierte, stärkere Interaktion mit dem alljährlichen Mittelalterkongress in Leeds, auf dem der Mediävistenverband regelmäßig vertreten ist.
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Prof. Dr. Franz Körndle
Universität Augsburg, Professur für Musikwissenschaft, Universitätsstraße 26, D-86159 Augsburg
Literaturverzeichnis
Körndle, Franz: Mittelalterliche Musik im schulischen Unterricht. In: Bernhard Hofmann (Hg.), Muffat, Mozart, Maffay, Strauss: Musik und Musiker in Bayern. Beiträge zu den Tagen der Bayerischen Schulmusik 2014. Innsbruck, Esslingen, Bern-Belp 2015, S. 85–96.
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