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Hilfswissenschaften / Grundwissenschaften
16 Jul 2021
1 Fächerbezogene Traditionen und Schwerpunkte
Die Hilfswissenschaften als eine fest umrissene und real praktizierte Gesamtheit quellenzentrierter methodischer Verfahren waren und sind eine Fiktion. Tatsächlich werden ‚Hilfswissenschaften‘ in unterschiedlichen Fächerkontexten sehr verschieden definiert und praktiziert. Die beiden wichtigsten Fachdisziplinen, in denen hilfswissenschaftliche Herangehensweisen traditionell gelehrt und gepflegt wurden, sind die Geschichtswissenschaften und die Mittellateinische Philologie.
In den Geschichtswissenschaften wird unter Hilfswissenschaften ein Kanon aus Paläographie, Diplomatik, Sphragistik, Epigraphik, Heraldik, Chronologie, Genealogie und Numismatik verstanden.1 Der Schwerpunkt in Forschung und Lehre liegt dabei seit langem fast ausschließlich auf Paläographie und Diplomatik sowie ggf. Sphragistik, und entsprechend dieser diplomatischen Grundausrichtung wird Paläographie hauptsächlich als Lehre der Urkunden- und Amtsschriften verstanden. Die zeitliche Ausrichtung umgreift zwar grundsätzlich Spätantike, Mittelalter und Neuzeit, doch sind die Hilfswissenschaften in den Geschichtswissenschaften traditionell eher mediävistisch orientiert. Die restlichen Bereiche der Hilfswissenschaften an historischen Instituten werden kaum noch praktiziert und gelehrt. Insbesondere die Numismatik ist inzwischen im deutschsprachigen Raum fast völlig aus dem Universitätsbetrieb verschwunden (Ausnahmen: Braunschweig, Institut für Geschichtswissenschaft und Herzog Anton Ulrich-Museum; Wien, Institut für Numismatik und Geldgeschichte2) und wird hauptsächlich von Münzensammlern mit gelehrtem Profil gepflegt: Sie ist wie auch die Genealogie in die Welt der Citizen Science übergewechselt.
In der Mittellateinischen Philologie hat lateinische Paläographie seit jeher einen hohen Stellenwert, da der Großteil der mittellateinischen Texte nicht ediert ist.3 Mit Bernhard Bischoff war ein Mittellateiner der Paläograph des mittleren 20. Jahrhunderts, nicht nur im deutschsprachigen Bereich. Im Gegensatz zu den Geschichtswissenschaften ist Paläographie im Mittellatein fokussiert auf Buchschriften, doch im Zuge von Skriptoriumsrekonstruktionen und weil Buchhandschriften immer wieder Einflüsse aus den Urkundenschriften aufweisen, wurden auch regelmäßig diplomatische Schriftformen einbezogen. Um die Textzeugen besser interpretieren zu können, haben zudem kodikologische Fragestellungen (Lagen, Layout, Beschreibstoffe, Wasserzeichenkunde, Einbandkunde, Besitzgeschichte) einen festen Platz im Fach. Der zeitliche Fokus liegt auf der Zeit von der Antike bis zum 16. Jahrhundert.
Neben den Geschichtswissenschaften und der Mittellateinischen Philologie sind als weitere Disziplinen mit hilfswissenschaftlichen Fachtraditionen noch die Byzantinistik mit der hier gepflegten griechischen Paläographie, Handschriften- und Wasserzeichenkunde4 sowie die Musikwissenschaft, in der die Arbeit mit Papier-Wasserzeichen fest etabliert ist,5 zu nennen. In der Altgermanistik haben sich ab den 1970er Jahren mit der überlieferungsgeschichtlichen Methode der ‚Würzburger Forschergruppe‘ Verfahren etabliert, die handschriftenkundlich ausgerichtet sind und kodikologisch-paläographische Fragestellungen einbeziehen.6 Die Altgermanistik und das Mittellatein haben sich hier stark angenähert und interdisziplinär verschränkt.
2 Hilfswissenschaften außerhalb der Universitäten
Eine Besonderheit der Hilfswissenschaften ist, dass eine hohe anwendungsbezogene Expertise seit längerem außerhalb der Universitäten besteht und in Infrastrukturen verankert ist. Mit den sechs von der DFG einst eingerichteten und von ihr weiterhin unterstützten Handschriftenzentren besteht ein international einmaliges Netz von Kompetenzzentren, an denen wissenschaftliche Teams grundwissenschaftlich ausgerichtet arbeiten, um das Handschriftenerbe zu erschließen.7 Eine in mancher Hinsicht vergleichbare Struktur ist für die Epigraphik mit dem interakademischen Unternehmen ‚Die Deutschen Inschriften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit‘ entstanden.8 Die wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen sowohl der Handschriftenzentren als auch der Inschriften-Arbeitsstellen sind häufig in die grundwissenschaftliche Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses einbezogen. Die ausgewiesenste Paläographin des späteren 20. und frühen 21. Jahrhunderts im deutschsprachigen Bereich war die kürzlich verstorbene Karin Schneider, die jahrzehntelang am Handschriftenzentrum der Bayerischen Staatsbibliothek München in Handschriftenkatalogisierungsprojekten gearbeitet und die maßgeblichen Publikationen zu den gotischen Schriften vorgelegt hat.9
3 Die Situation der Hilfswissenschaften heute: zwischen Abwicklung und Konjunkturbelebung
An den deutschen Universitäten sind die Hilfswissenschaften in den letzten zwei Jahrzehnten existenzgefährdend zurückgedrängt worden: Sowohl in den Geschichtswissenschaften als auch beim Mittellatein sind zahlreiche Lehrstühle weggefallen.10 Gleichzeitig haben die verschiedenen Theoriemoden seit den 1980er Jahren tendenziell eine Diskreditierung der vermeintlich positivistischen Hilfswissenschaften mit sich gebracht. Im Endergebnis ist eine hilfswissenschaftliche Ausbildung weitgehend abgeschafft oder in Frage gestellt, was dazu führt, dass der wissenschaftliche Nachwuchs kaum noch zu eigenständiger kritischer Quellenarbeit befähigt ist. Dass Lateinkenntnisse vielfach nicht mehr von den Studienordnungen verlangt werden, hat diese Entwicklung massiv verschärft. Der Rückgang der grundwissenschaftlichen Angebote an den Universitäten bedroht perspektivisch auch die außeruniversitären Kompetenzeinrichtungen wie die Handschriftenzentren und die Inschriften-Arbeitsstellen und ähnliche Institutionen, die auf entsprechend qualifizierten Nachwuchs angewiesen sind.
Der Wegfall von Ausbildungsangeboten und in ihrer Folge von quellenkundlichen Kompetenzen beim wissenschaftlichen Nachwuchs hat als erste Reaktion eine sprachliche Aufwertung der ehemaligen Hilfswissenschaften hervorgerufen, die nun vermehrt als ‚Grundwissenschaften‘ bezeichnet werden, um zu vermitteln, dass ihre Kenntnis die Grundlage für das fachwissenschaftliche Arbeiten bildet. Annähernd gleichzeitig rückten mit dem material turn in den Geisteswissenschaften material- und objektbezogene Fragestellungen plötzlich in den Fokus, die sich aufs Engste mit grundwissenschaftlichen Herangehensweisen berühren. An den beiden Sonderforschungsbereichen ‚Materiale Textkulturen‘ (Heidelberg) und ‚Manuskriptkulturen in Asien, Afrika und Europa‘ (Hamburg) wurden und werden handschriften- und objektkundliche Methoden neu entdeckt, theoretisch unterfüttert, weiterentwickelt und interdisziplinär verzahnt.11 Mit der Fragmentologie ist eine neue, stark grundwissenschaftlich getönte Teildisziplin entstanden.12 Sichtbarer Ausdruck des Bemühens, den Grundwissenschaften stärkeres Gewicht zu verleihen und grundwissenschaftliche Initiativen in Deutschland zu verzahnen, sind auch die ‚Arbeitsgemeinschaft für Historische Grundwissenschaften‘ und das mit ihr verbundene ‚Netzwerk für Historische Grundwissenschaften‘; beide Initiativen weisen aber eine ‚historikerlastige‘ Mitgliederstruktur auf, was eine Schwerpunktsetzung auf den geschichtswissenschaftlichen Hilfswissenschaften-Kanon bedingt.13
Alle noch bestehenden Institute oder Lehrstühle mit hilfswissenschaftlicher Ausrichtung müssen sich heute daher nicht nur zur Krise des Fachs, sondern auch zum wiederentdeckten Bedarf an quellenkundlichen Kompetenzen verhalten.
4 Grundwissenschaftliche Angebote heute
An universitären Instituten mit ausgeprägten hilfs- / grundwissenschaftlichen Schwerpunkten sind für Deutschland derzeit zu nennen:
  • im Bereich der Geschichtswissenschaften 1) Bonn, wo durch Andrea Stieldorf neben der Sphragistik die traditionelle Fokussierung auf Diplomatik gepflegt wird; 2) Köln, wo mit Étienne Doublier vor kurzem ein Juniorprofessor für Mittelalterliche Geschichte mit den Schwerpunkten Hohes Mittelalter und Historische Grundwissenschaften berufen wurde, wobei ebenfalls die primär diplomatische Orientierung fortgeführt wird; 3) Leipzig, wo Wolfgang Huschner grundwissenschaftliche Studien-Module mit einer breiten methodischen Ausrichtung über den traditionellen historischen Hilfswissenschaften-Kanon hinaus eingerichtet hat und jüngst eine Juniorprofessur für Grundwissenschaften mit dem ebenfalls breit aufgestellten Sebastian Roebert besetzt werden konnte; 4) München, wo der jüngst berufene Martin Wagendorfer einen um ‚Historische Medienkunde‘ thematisch erweiterten Grundwissenschaften-Lehrstuhl innehat, zudem ‚mit besonderer Berücksichtigung der Digital Humanities‘; sowie 5) Würzburg, wo mit Martina Giese eine neuberufene Lehrstuhlinhaberin das Fach vertritt, die auch philologisch-handschriftenkundlich arbeitet.14
  • Im Fachbereich Mittellatein bestehen grundwissenschaftliche Schwerpunktsetzungen insbesondere in Heidelberg, wo Tino Licht auf der ehemaligen Professur einen paläographischen Schwerpunkt vertritt und regelmäßig Paläographie-Sommerkurse anbietet, sowie in Erlangen-Nürnberg mit Michele C. Ferrari, der z. B. den SCRIPTO-Sommerkurs in Kooperation mit Bibliotheken und Handschriftenzentren für die Weiterbildung in Handschriftenkunde und digitaler Handschriftenerschließung organisiert; in Freiburg wird ein Studiengang ‚Mittellateinische Philologie, Editionswissenschaft und Handschriftenkunde‘ (Master of Arts) angeboten.15
Dem Bedarf des Nachwuchses an grundwissenschaftlichen Fortbildungsangeboten antworten seit ca. zehn Jahren Sommerkurse, von denen die ‚Sommerkurse zur Handschriftenkultur‘ des Handschriftenzentrums Leipzig zusammen mit dem Mediävistenverband eines der wenigen derzeit verstetigten Angebote darstellen.16 Weitere ähnlich gelagerte Kurse wurden bzw. werden von der Berliner Akademie der Wissenschaften (‚Griechische Paläographie, Handschriftenkunde und digitale Editionswissenschaft‘), von der Greifswalder Inschriften-Arbeitsstelle (‚Inschrift – Handschrift – Buchdruck‘) oder vom Heidelberger Mittellatein (siehe oben) organisiert.17
5 Grundwissenschaften im digitalen Zeitalter
Die Digitalisierung führt zu einer nie gekannten virtuellen Zugänglichkeit von Quellenbeständen und stellt zugleich in großem Umfang ständig neue, wenig erforschte Materialien bereit. Parallel entstanden und entstehen übergreifende Portale für die Präsentation und Erschließung bestimmter Quellengattungen und Materialgruppen, in Deutschland z. B. das ‚Archivportal-D‘, das ‚Handschriftenportal‘, das ‚Zentrale Verzeichnis Digitalisierter Drucke‘, der Zentralkatalog für Nachlässe ‚Kalliope‘ und das numismatische Verbundangebot ‚KENOM‘,18 ebenso spezifische Fachdatenbanken für einzelne hilfswissenschaftliche Techniken, wie z. B. das ‚Wasserzeichen-Informationssystem‘, die Datenbank für mittelalterliche Abkürzungen ‚Abbreviationes‘ oder die ‚Einbanddatenbank‘.19 Mit ‚Paläographie online‘ steht seit 2005 ein Online-Tutorial für die Einübung in Paläographie zur Verfügung.20 KI-Verfahren zur Handschriftentranskription befinden sich in der Entwicklung (Transcribo, OCR4all, eScripta).21 Eine solide quellenkundliche Ausbildung des Nachwuchses in Kombination mit digitaler Informationskompetenz wäre jetzt besonders gefordert.
Ebenso zwingt die Digitalisierung dazu, traditionelle fachliche Beschränkungen zu überwinden und interdisziplinär zu handeln, um die verschiedenen verfügbaren Quellensorten angemessen zu nutzen und um die einzelnen digitalisierten Quellen angemessen zu verstehen. Eva Schlotheuber und Frank Bösch haben 2015 mit dem Positionspapier ‚Quellenkritik im digitalen Zeitalter: Die Historischen Grundwissenschaften als zentrale Kompetenz der Geschichtswissenschaft und benachbarter Fächer‘ und einer anschließenden Debatte auf H-Soz-Kult einen wegweisenden Vorstoß unternommen und eine fächerübergreifende – und nicht mehr rein mediävistisch fokussierte – Vision von Grundwissenschaften entwickelt,22 der aber in der Wirklichkeit der gelebten Fächergrenzen bislang zu wenig bewegt hat.
6 Chancen und Perspektiven
Die Ausgangslage für grundwissenschaftliche Arbeiten ist günstig wie nie: Die Digitalisierung hat die früheren Einschränkungen bei der Arbeit mit historischen Objekten in weiten Teilen beseitigt oder zumindest stark zurückgefahren. Digitales Arbeiten hat im Bereich der Grundwissenschaften einen Rang und eine Selbstverständlichkeit wie in wenigen anderen Geisteswissenschaften. Grundwissenschaftliche Kompetenzen werden ihrerseits benötigt, damit die massenhaft bereitgestellten Digitalisate adäquat genutzt werden können.
Grundwissenschaften sind für alle historischen Disziplinen lebensnotwendig, wenn sie unerschlossene Quellenbestände nutzen und bearbeiten, neue Perspektiven durch neue Quellen eröffnen und vorliegende Forschungsergebnisse überprüfen möchten. Ohne Grundwissenschaften sind die mediävistischen Fächer ausgeliefert, bereits edierte und aufgearbeitete Texte und Materialien immer wieder aufs Neue zu behandeln, statt auf Neuland auszugreifen.
Wegen ihrer Objektorientierung sind Grundwissenschaften vom Grundsatz her interdisziplinär angelegt. Beim Blick auf das Objekt müssen über die eigene grundwissenschaftliche Expertise hinaus verschiedene Fachdisziplinen abgefragt und zusammengeführt werden, z. B. bei einer illuminierten deutschsprachigen Urkunde Geschichtswissenschaften, germanistische Sprachwissenschaft und Kunstgeschichte.
Grundwissenschaften sind als kleines Fach traditionell international angelegt und benötigen den internationalen Austausch existentiell, z. B. um paläographische Sonderentwicklungen oder materialkundliche Spezifika in bestimmten Regionen zu bestimmten Zeiten zu erfragen, aber auch, weil die Objekte international verstreut sind und Vor-Ort-Kenntnisse entscheidend zum angemessenen Verständnis beitragen.
Aufgrund ihrer Ausrichtung auf die materiellen Objekte sind Grundwissenschaften wie beispielsweise auch die Archäologie weit über die wissenschaftliche Community hinaus anschlussfähig: Objekte sind mit einem sinnlichen Reiz verbunden, Laien (aber nicht nur sie) sind daher fasziniert von alten Objekten und verlangen nach Erklärungen und nach der Erzählung von Geschichten.
Kontakt
Dr. Christoph Mackert
Handschriftenzentrum der Universitätsbibliothek Leipzig, Beethovenstr. 6, D-04107 Leipzig
Literaturverzeichnis
Berschin, Walter: Einleitung in die lateinische Philologie des Mittelalters (Mittellatein). Hrsg. v. Tino Licht. 2. überarb. Aufl. Heidelberg 2019.
Harlfinger, Dieter (Hg.): Griechische Kodikologie und Textüberlieferung. Darmstadt 1980.
Hohls, Rüdiger, Claudia Prinz u. Eva Schlotheuber (Hgg.): Historische Grundwissenschaften und die digitale Herausforderung. Berlin 2016, DOI: 10.18452/18771 (Zugriff: 11.02.2021).
Löser, Freimut: Überlieferungsgeschichte ­schreiben. In: Dorothea Klein, Horst Brunner u. Freimut Löser (Hgg.), Überlieferungsgeschichte transdisziplinär. Neue Perspektiven auf ein germanistisches Forschungsparadigma. Wiesbaden 2016, S. 1–20.
Mackert, Christoph: Die Arbeitsgruppe der deutschen Handschriftenzentren – Servicezentren für Handschriftenerschließung und -digitalisierung. In: o-bib 2/1 (2015), S. 1–14.
Rohr, Christian: Historische Hilfswissenschaften. Eine Einführung (UTB 3755). Köln, Weimar, Wien 2015.
Rückert, Peter u. a.: Ochsenkopf und Meerjungfrau. Papiergeschichte und Wasserzeichen vom Mittelalter bis zur Neuzeit. 3. erw. Aufl. Tübingen 2009.
Scharer, Anton, Georg Scheibelreiter und Andreas Schwarcz (Hgg.): ‚Oldenbourg Historische Hilfswissenschaften‘. Wien, München 2005 ff.
Schneider, Karin: Gotische Schriften in deutscher Sprache. 2 Bde. Wiesbaden 1987/2009
Schneider, Karin: Handschriftenkunde und Paläographie für Germanisten. Eine Einführung. Wiesbaden 11999, 32014.
1 Fächerbezogene Traditionen und Schwerpunkte
2 Hilfswissenschaften außerhalb der Universitäten
3 Die Situation der Hilfswissenschaften heute: zwischen Abwicklung und Konjunkturbelebung
4 Grundwissenschaftliche Angebote heute
5 Grundwissenschaften im digitalen Zeitalter
6 Chancen und Perspektiven
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