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Mediävist*innen von morgen fördern. Herausforderungen und Chancen
16 Jul 2021
Abstract The future of an academic field is dependent on its attractiveness for scholars of the next generation, and its ability to stay relevant to society. This paper therefore discusses the current situation for emerging scholars in the field of medieval studies in Germany. It outlines the general context for young academics in Germany, and begins the discussion about which aspects within the system should be open to debate, in order to strengthen the position for the new generation. The authors also raise the issue of parenthood and academic careers, which – as women in particular are still disadvantaged – needs to be adjusted in view of changing concepts of shared responsibilities in childcare. In the second part, the authors turn to the role medieval studies can and should play in emerging fields like Digital Humanities, and the thematic and methodological variety they have to offer for the wider public, and especially for schools. The paper calls on the young generation especially to involve themselves using new formats, in order to make the discipline attractive for even younger people. The opportunities for international exchange and interdisciplinary approaches have perhaps never been as promising as today. The paper closes by making a number of concrete proposals to the Mediävistenverband, in order to intensify its support of young scholars in their academic careers and thereafter.
Keywords young medievalists, debating academic careers in Germany, challenges and opportunities for the future
1 Institutionelle Rahmenbedingungen und Probleme / Wissenschaft und Beruf
Die Klagen über ‚Wissenschaft als Beruf‘ sind so alt wie die Wissenschaft selbst und lassen sich kultur- und regionsübergreifend auch schon in vielen mediävistischen Texten nachweisen. Insofern kann eine interdisziplinär arbeitende Mediävistik das Phänomen des wissenschaftlichen Nachwuchses und seiner Förderung sowohl in historischer Tiefe angehen als auch die aktuelle Situation in den Blick nehmen. Der vorliegende Beitrag möchte den zweiten Punkt intensiver beleuchten, will aber auch anregen, sich mit historischen Gelehrtenrepubliken zu beschäftigen, deren genauere Erforschung für die Gegenwart nutzbar gemacht werden kann.
Insgesamt ist es der Mediävistik in den letzten Jahrzehnten gelungen, zumindest im deutschsprachigen Bereich zunehmend als Ideengeberin für Deutungsansätze aktueller Themen wahrgenommen und dadurch gesellschaftspolitisch relevanter zu werden. Die Verbindung heutiger Salafist*innen zu mittelalterlichen arabischen Autor*innen, populäre Filmepen, deren ägyptische und türkische Filmemacher*innen darüber streiten, wem denn das laut Thomas Bauer nicht existente islamische Mittelalter gehöre,1 werden beispielsweise heute auch durch die mediävistisch arbeitende Islamwissenschaft bearbeitet. Ähnliches gilt für das aktuell so populäre Fantasyfilm-Genre bis hin zu Lösungsmöglichkeiten von aktuellen Religionskonflikten, zu denen man die Expertise der Mediävistik aus damaligen Auseinandersetzungen heranzieht.
Die Mediävistik hat sich in den letzten Jahren globalisiert, diversifiziert und neuen Methoden, Arbeits- und Darstellungsweisen geöffnet. Sie ist dabei moderner und visueller geworden. Dem wissenschaftlichen Nachwuchs stehen daher im Rahmen internationaler Kooperationen am Anfang der Karriere bzw. zu Beginn der Promotion Möglichkeiten offen, die die Forschungslandschaft vor 20 Jahren nicht in dieser Fülle und Spielfreude bot.
Umso bedrückender stellt es sich dann aber dar, wenn dieser Fülle von Chancen nur ein sehr begrenztes Spielfeld mit knapp bemessenem Dauerpersonal zur Verfügung steht. Für die Lebensplanung von Personen in der Mitte ihres Lebens, die oftmals auch vor den Herausforderungen einer Familiengründung stehen, bedeuten die ungewissen Zukunftsaussichten ein Damoklesschwert, das ihre Produktivität und nicht zuletzt ihre Freude am Beruf des*der Wissenschaftler*in stark beeinträchtigt. Hier ist das ‚Wissenschaftszeitvertragsgesetz‘ mit seiner maximalen Beschäftigungsdauer von zwölf Jahren für Personal auf Qualifikationsstellen an Universitäten nach wie vor ein hochproblematischer Faktor. Durch die letztlich arbiträre Limitierung auf zwölf Jahre findet eine immense Verschwendung von Mitteln und Potential statt, die auch das gemeinsame wissenschaftliche Arbeiten – gerade in Zeiten der verstärkten Verbundforschung – empfindlich stört, letztlich gar bestmögliche Forschungsleistungen verhindert.
Vieles liegt beim Wissenschaftszeitvertragsgesetz in den Erfahrungen der 70er Jahre und den damals erfolgreichen Einklagungen in das System begründet. Doch diese Ereignisse sind jetzt auch schon über 40 Jahre her. Es könnte daher an der Zeit sein, das Wissenschaftszeitvertragsgesetz neuen Bedingungen anzupassen und entsprechende Gesetzgebungen neu zu fassen. Eine Hauptproblematik im Wissenschaftsbetrieb ist die Frage, zu welchem Zeitpunkt der Karriere Dauerstellen eingerichtet werden sollen. Kommen diese schon sehr früh, kann dies zu einem Schaffensknick führen, der aus der Bequemlichkeit der Festanstellung resultiert, werden die Dauerstellen aber dauerhaft nicht erreicht oder nur sehr spät, kann dies zu Frustrationen führen. Das jetzige deutsche System setzt darauf, Dauerstellen für den wissenschaftlichen Nachwuchs eher spät zur Verfügung zu stellen, und wacht mit erheblichem personellen Aufwand seitens der Verwaltung darüber, dass Nachwuchswissenschaftler*innen nach Ablauf der Frist diese Stellen räumen und der nächsten Generation zur Verfügung stellen, auch wenn die Professur noch nicht erreicht ist. Bei zu langer Beschäftigung von Mitarbeitenden droht von deren Seite andernfalls möglicherweise die Klage, über die sie sich die Dauerstellen erstreiten möchten. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die den Wettlauf zur Professur erfolgreich absolviert haben und dank des Beamtenstatus viele Freiheiten genießen, zum Beispiel dem nicht verstetigten Nachwuchs gegenüber weisungsbefugt zu sein.
Nun könnte man diese Abhängigkeiten im System eventuell anders organisieren. Eine Möglichkeit wäre es, Laufzeiten von Verträgen mit längeren Probezeiten zu versehen, im Gegenzug sollte der*die Mitarbeiter*in die Aussicht erhalten, dass sein*ihr Vertrag nach einer ersten Verlängerung von drei Jahren nach sechs Jahren bei Zustimmung der verantwortlichen Gremien verstetigt werden kann. Es stellt sich schon seltsam dar, dass an deutschen Universitäten in hohem Maße regelmäßig Personal freigesetzt wird, mit dessen Arbeit alle zufrieden sind.
Die Junge Akademie hat jüngst ein Department-Modell vorgeschlagen, bei dem Lehrstühle abgeschafft und stattdessen eine Reihe äquivalenter Stellen (mehr und gleichberechtigte Professuren, darunter Tenure-Track-Positionen) die Personalstruktur eines Fachbereichs bilden.2
Auch der Beamtenstatus der Professor*innen gehört auf den Prüfstand. Ein unabhängiger Geist kann auch angestellt sein, dies würde den starken formalen Gegensatz zwischen Chefs und Mitarbeitenden abmildern und könnte auch den Teamgedanken stärken. Die Hürden, die bei dann möglichen Kündigungen von nichtverbeamteten Professor*innen und Mitarbeiter*innen aufgebaut werden, müssten dann aber entsprechend hoch sein, um die Unabhängigkeit der Wissenschaft zu wahren.
Diese Überlegungen sind hier nur als Anregung zu verstehen, um zur Diskussion einer von vielen als unbefriedigend empfundenen Situation beizutragen. Hier könnte man ebenso einmal offen ansprechen, dass die Gesamtzahl der verfügbaren Stellen für den wissenschaftlichen Nachwuchs im Bereich der Forschung und Lehre zugunsten von Stellen im Wissenschaftsmanagement der Hochschulen kontinuierlich abgenommen hat. Manche dieser Stellen in der Verwaltung werden dann zwar von Wissenschaftler*innen besetzt, doch dürfte beispielsweise die Überwachung von Prüfungsordnungen durch promovierte Nachwuchswissenschaftler*innen die Forschung mit Sicherheit nicht besser voranbringen als eine wissenschaftliche Tätigkeit dieser Mitarbeiter*innen.
Ein weiterer kritischer Punkt liegt in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zwar hat es hier in den letzten Jahren Verbesserungen, beispielsweise in der Kinderbetreuung, gegeben, doch verfügen junge Väter, vor allem aber junge Mütter generell über ein geringeres Zeitkontingent als Mitbewerber*innen ohne Kinder. Das bisherige System hat gerade unter Frauen Kinderlosigkeit begünstigt. Wenn wir eine umfassende Frauen- und Familienförderung ernst nehmen wollen, bedarf es einer systematischen Umstellung des Systems dahingehend, dass Mutterschaft keinen Nachteil für die akademische Karriere bedeutet, insbesondere mit Blick auf praktische und Auslandserfahrung, aber auch auf Output und Qualifikationszeiten. Daneben sollte man abgeschwächt auch eine Anrechnung der Leistungen von Vätern einbauen. Die Problematik wäre weitaus weniger verschärft, wenn Dauerstellen bereits vor oder während Familienphasen zur Verfügung stünden. Mit Sicherheit birgt eine frühe Vergabe von Dauerstellen auch Gefahren und Risiken, aber hier sollte man gewünschte Mindeststandards definieren, die von Stelleninhaber*innen zu erbringen sind, um weiterbeschäftigt zu werden, und auch die Möglichkeit einbauen, zweimal (z. B. nach sechs oder zwölf Jahren) den Vertrag nicht verlängern zu müssen.
Von großer Bedeutung scheint es aber, die zukünftigen Beschäftigungsmodelle in den Hochschulen in enger Kooperation mit den Vertreter*innen des wissenschaftlichen Nachwuchses zu entwickeln und nicht wie bisher meist durch entscheidungsbefugte Personen vorzugeben, die sich schwertun, von den Erfahrungen der eigenen, oftmals leidvollen Karriere abzurücken. Die Bescheidenheit, die sich daraus ergibt, dass man zwar für eine Professur geeignet war, aber mindestens ebenso stark von Fortuna begünstigt, sollte bei heutigen Verantwortlichen dazu führen, den wissenschaftlichen Nachwuchs entscheidend daran zu beteiligen, das Gebäude Universität für die Zukunft wetterfest zu machen, denn die Jungen werden es länger bewohnen. Daneben gibt es sicherlich auch die positiven Beispiele akademischer Lehrer*innen, die sich in starkem und mühsamem Einsatz ihrer Kräfte in Auseinandersetzungen mit den eignen Universitätspersonalstellen verschleißen, um gute Mitarbeiter*innen im System zu halten. Doch auch diese Kraftreserven wären eigentlich besser in den Kernaufgaben einer Professur, nämlich Forschung und Lehre, eingesetzt.
Eine aktuelle Entwicklung seitens der Bildungspolitik, die Personalstruktur der Universitäten auf Seiten der Professuren zu verjüngen, liegt in der Wiederbelebung der Juniorprofessur, die in ihrem bisherigen Auftreten noch nicht recht zu überzeugen wusste und meist ohne Tenure-Track ausgestattet war. Den Trend zu jüngeren Amtsinhaber*innen begünstigt augenblicklich das bundesweite, vom BMBF finanzierte Programm des Nachwuchspaktes (NWP), die Juniorprofessuren mit Tenure-Track vorsehen. Hier ergeben sich für die Universitäten Probleme: So führt beispielsweise die fehlende Ausfinanzierung dazu, dass einige Fachbereiche solche ‚vergifteten Geschenke‘ gar nicht haben wollen. Für mögliche Stelleninhaber*innen aus dem Postdoc-Bereich und Privatdozierende bedeutet die Vorschrift, dass eine Bewerbung nur mit einer nicht länger als vier Jahre zurückliegenden Promotion möglich ist, einen weiteren Aspekt, der die Karriereaussichten verdunkelt. Die Regeln während des laufenden Spiels zu ändern, führt hier zu größeren Problemen und kann tiefe persönliche Enttäuschungen hervorrufen. Man sollte über Entfristungen für diesen Postdoc-Personenkreis nachdenken, bis die anvisierte Systemumstellung gelungen ist. Die Erfahrungen der letzten Jahre lassen aber befürchten, dass auch dieser Versuch der Veränderung Stückwerk bleiben wird.
2 Mediävistik und Nachwuchs
Konkret die Problemfelder und Potentiale des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Mediävistik zu thematisieren heißt, über den wissenschaftlichen Nachwuchs in diversen Disziplinen und deren jeweilige mediävistische Teilbereiche zu sprechen. Übergreifende Themen ergeben sich aus den Schnittflächen zwischen (a) der Situation des wissenschaftlichen Mittelbaus im Allgemeinen, (b) den universitären, gesellschaftlichen und bildungspolitischen Perspektiven auf das Mittelalter und (c) den durch die Untersuchungsgegenstände notwendigen Kompetenzen und den Bedingungen der fachwissenschaftlichen Diskurse. Dass zudem große Unterschiede hinsichtlich der Studienbedingungen, der beruflichen Perspektiven etc. von Germanist*innen, Jurist*innen, Theolog*innen, Mediziner*innen, Historiker*innen usw. bestehen, ist freilich evident und sei vorab lediglich vermerkt.
Über die teilweise prekäre Situation des sogenannten ‚Mittelbaus‘ an Universitäten ist bereits viel geschrieben worden.3 Die problematischen Rahmenbedingungen haben wir eingangs erwähnt. Konkret heißt dies, dass Assistenzstellen, Stipendien und Stellen in Forschungsverbünden wie Sonderforschungsbereichen und Graduiertenkollegien meist mit 50 % oder 65 % Stellen- bzw. Gehaltsanteil versehen sind. Für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mag dies sogar verlockend klingen, sofern beide Elternteile erwerbstätig sind. Dennoch können Qualifikationsschriften nur in dem zur Verfügung stehenden Zeitrahmen von in der Regel drei Jahren fertiggestellt werden, wenn Vollzeit an ihnen gearbeitet wird. Dies gilt in besonderem Maße, wenn durch eigene Lehre, Lehrstuhlprojekte oder die Einbindung in zusätzliche Aufgaben der Forschungsverbünde de facto ein noch höheres Engagement nötig ist oder gar erwartet wird. Dennoch ist die Anzahl an zur Verfügung stehenden Stellen und Stipendien für eine weitere wissenschaftliche Qualifikation nach dem Studium erfreulich hoch. Zudem steht in Forschungsverbünden oft reichlich Finanzkapital für zusätzliche Workshops, Tagungen, Reisen und Auslandsaufenthalte zur Verfügung – ein positiv hervorzuhebender Aspekt, der Erfahrungen und Netzwerkbildung ermöglicht.
Der Schritt in den Postdoc-Bereich ist demgegenüber bereits gewagter, da er in aller Regel mit dem Ziel einer dauerhaften Anstellung in der Wissenschaft verbunden ist, obgleich neben dem Nadelöhr einer Lehrstuhlberufung kaum langfristige und dauerhafte Stellen existieren. Wurden in jüngerer Zeit Langzeitstellen eingerichtet, so sind diese für ‚Lehrkräfte mit besonderen Aufgaben‘ mit einem Lehrdeputat von bis zu 18 Semesterwochenstunden versehen – ein Umstand, der Forschung und Lehre auseinanderzureißen droht. In den unterschiedlichen Feldern der Mediävistik wäre eine stärkere Durchlässigkeit von Anstellungen in der Wissenschaft und in kulturellen Bereichen – in denen die Mediävistik schließlich ihre größten außeruniversitären Resonanzräume hat – erstrebenswert. Denn bislang besteht häufig das große Dilemma, dass Personen mit nicht-linearer wissenschaftlicher Vita kaum Chancen auf eine Professur haben, jedoch dieser letzte Schritt in den meisten Fächern auch nur einem kleinen Teil derer vergönnt ist, die viele Jahre ganz innerhalb der Wissenschaft geblieben sind.
Eine stärkere Verflechtung von Wissenschaft einerseits und Kultur sowie Kirchen bzw. Religionen andererseits, die sich auch in Lebensläufen und Anstellungen niederschlagen können sollte, wäre gerade für den mediävistischen Bereich durchaus sachangemessen – und könnte in beiden Richtungen gewinnbringend sein. Denn gegenwärtig herrscht eine gewisse Spannung: Dem großen gesellschaftlichen Interesse und der öffentlichen Faszination an allem ‚Mittelalterlichen‘ – von restaurierten mittelalterlichen Bauwerken über Mittelalterfeste und -märkte bis in den ganzen Bereich des medievalism, also der Aufnahme mittelalterlicher Aspekte in Literatur, Film und Games – korreliert kaum die tendenziell marginale Rolle der Mediävistik in vielen akademischen Disziplinen. Nicht nur würde dem kulturellen und öffentlichen Bereich eine stärkere wissenschaftliche Fundierung zuteil. Auch wäre die Durchlässigkeit und Verflechtung wissenschaftlicher und kultureller Felder ganz im Sinne der hochschulpolitisch zunehmend forcierten ‚Third Mission‘ zu verstehen, d. h. dass Universitäten und Fachhochschulen als gesellschaftliche Akteure über die klassischen Kernbereiche Forschung und Lehre hinaus in Erscheinung treten und agieren.4 Für die wissenschaftliche Mediävistik gibt es entsprechend durchaus Potential einer besseren Wahrnehmbarkeit ihrer öffentlichen Nachfrage und gesellschaftlichen Relevanz. Dies hat zugleich Auswirkungen auf den wissenschaftlichen Nachwuchs, und zwar in zumindest zweierlei Weise: Zum einen geht es darum, für eine Spezialisierung in der Mediävistik zu motivieren. Anders als in den Disziplinen Geschichte und Germanistik gibt es in zahlreichen kleinen Fächern kaum Lehrstühle mit explizit oder gar ausschließlich mediävistischem Profil, so dass ein solches am Interessensgebiet der Forschenden hängt. Lässt man sich allerdings mit einer der beiden Qualifikationsschriften auf einen mediävistischen Schwerpunkt ein, verengt es zugleich die Möglichkeiten, in womöglich ‚angesagteren‘ Bereichen zu forschen, verringert aber gleichzeitig auch die Konkurrenzsituation im gewählten Fachgebiet. Man kann hier sehr schnell zu einem*einer weltweit führenden Forscher*in etwa des mamlukischen Zyperns oder weiblicher Herrschaft bei den Mongolen werden, geht aber das Risiko ein, mit exotischen Themen keine Professur erhalten zu können.
Insgesamt hilft die Herausstellung der kulturellen und gesellschaftlichen Bedeutung wie auch der interdisziplinären Relevanz der Anerkennung mediävistischer Profile von Nachwuchswissenschaftler*innen. Zum anderen und durchaus damit zusammenhängend geht es um die Erschließung und Sichtbarmachung von Tätigkeitsfeldern neben dem schulischen Lehramt: in Bibliotheken und Archiven, Museen und Kulturvereinen, in der Erwachsenenbildung, im Tourismus und im Journalismus, in kirchlichen Akademien und religiösen Bildungsinstitutionen, in der Migrationsarbeit sowie (in all dem und darüber hinaus) in Bereichen der ‚Digital Humanities‘.
Wurde bislang vorrangig auf Kontexte jenseits der Schule geblickt, so ist nun eben diese in ihrer unabweisbaren Bedeutung für zahlreiche Fächer und Studiengänge in den Fokus zu rücken.5 Lehramtsstudiengänge haben Hochkonjunktur, während zahlreiche reine Fachstudiengänge abnehmende Immatrikulationszahlen verzeichnen. Insofern ist die Implementierung mediävistischer Themen in den Modulen von Lehramtsstudiengängen von höchster Bedeutung – zunächst, um Studierende überhaupt mit diesen Themen in Berührung zu bringen, aber darüber hinaus auch, um ein entsprechendes wissenschaftliches Interesse zu wecken. Eine Schwierigkeit besteht freilich darin, dass die bereits skizzierte Spannung zwischen gesellschaftlichem Interesse am Mittelalter und dessen marginaler Rolle in vielen wissenschaftlichen Fächern sich analog auch im Blick auf die Lehrpläne an Schulen feststellen lässt. Stellt das Mittelalter schon im Geschichtsunterricht einen bemerkenswert kleinen Bereich in vielen Lehrplänen dar, so sieht es in weiteren Fächern wie Deutsch, Religionsunterricht, Ethik/Philosophie, Fremdsprachen, Kunst und Musik erst recht schwierig aus. Dem grundsätzlich vorhandenen Interesse am Mittelalter hier Raum zu schaffen – etwa in fachübergreifenden, interdisziplinären Projekten – ist dementsprechend eine wichtige Aufgabe mit Blick auf die Steigerung der Attraktivität mediävistischer Forschung und ihrer breiteren Anerkennung gerade vor dem Hintergrund einer immer stärkeren Diversifizierung der Schülerschaft. Partnerschaften mit Schulen, die mediävistische Führungen auch mit dem Smartphone anbieten, könnten hier Schüler*innen ansprechen, die so einen ersten Einblick in die mediävistische Forschung erlangen.
Liegen in der Fluchtlinie der angesprochenen Durchlässigkeit und Verflechtung von Wissenschaft und Kultur Kompetenzen wie Elementarisierung und Popularisierung – jeweils verstanden im besten Sinne des Wortes –, so sind von den Forschungsgegenständen der Mediävistik her sowohl gewisse Grundkompetenzen als auch Spezialisierungen unabdingbar. Kenntnisse alter Sprachen sind hier ebenso anzuführen wie Kompetenzen aus dem Bereich der sogenannten historischen Grundwissenschaften (ehemals Hilfswissenschaften) und saubere philologische Arbeit. Die Notwendigkeit dessen ist je nach Fachbereich und Quellenmaterial selbstredend verschieden. Aufgrund der Straffung diverser Studiengänge im Zuge des Bologna-Prozesses wurden mitunter an diesen – für die Spezialisierung in der Forschung notwendigen – Grundlagen Abstriche gemacht. Umso wichtiger ist es, dass das Angebot über freiwillige Veranstaltungen etwa im Zusammenhang von Wahlpflichtmodulen, durch Sommerschulen oder andere Kurse an Universitäten und angrenzenden Instituten oder Forschungseinrichtungen prinzipiell für Studierende und den wissenschaftlichen Nachwuchs erhalten bleibt. Insbesondere Kompaktkurse und Sommerschulen scheinen sich in diesen Bereichen einer besonderen Beliebtheit zu erfreuen.
Als eine der maßgeblichen Faktoren der jüngeren Entwicklung in Forschung und Lehre auch für die Mediävistik ist die Digitalisierung anzusprechen.6 Sie schafft neue, hervorragende Möglichkeiten, die von Nachwuchswissenschaftler*innen nicht nur genutzt, sondern mitunter initiiert oder weiterentwickelt werden. Neben den Wegen der Vernetzung und des Austausches ist der Zugang zu Quellen ebenso zu nennen wie die Aufbereitung neuer wissenschaftlicher Plattformen und Publikationsorgane. Die Umstellung der Zeitschrift des Mediävistenverbandes auf Open Access ist hier zugleich Produkt dieser Entwicklung und Motor ihrer Förderung in der Mediävistik. Unter den interdisziplinär ausgerichteten Websites werden im deutschsprachigen Raum insbesondere die Informations- und Kommunikationsplattform ‚H-Soz-Kult‘, das Rezensionsjournal ‚Sehepunkte‘, der Wissenschaftsblog ‚Mittelalter. Interdisziplinäre Forschung und Rezeptionsgeschichte‘ und die Literaturdatenbank ‚RI OPAC‘ von jungen Wissenschaftler*innen genutzt. Mit dem jüngst gelaunchten ‚AMAD – Archivum Medii Aevi Digitale‘ bietet ein DFG-gefördertes Open-Access-Fachrepositorium weitere neue Möglichkeiten, mediävistische Fachliteratur online zu rezipieren und zu publizieren sowie sich in interdisziplinärer Perspektive auszutauschen.7
Für viele Disziplinen und ihre mediävistischen Teilbereiche ist die Internationalität unumgänglich, sei es aufgrund des Gegenstandes oder der fachwissenschaftlichen Diskurse. Neben etablierten Konferenzen und Kooperationen zwischen Universitäten bieten sich – mit jüngst sprunghaftem Anstieg durch die Corona-Pandemie – zunehmend Möglichkeiten für den wissenschaftlichen Austausch auf digitalem Weg, so dass Wissenschaftsdiskurse verflochten werden können. Dennoch sind häufig gerade im mediävistischen Bereich der eigene Auslandsaufenthalt und die entsprechend auch kulturellen Erfahrungen, der informelle Austausch, der Besuch von Regionen und Institutionen und die Besichtigung von Bauten oder Quellen vor Ort relevant. Die digitale Welt kann dies nicht ersetzen. In engem Zusammenhang mit der Internationalität steht der Bereich der Sprachkompetenzen. So gewinnbringend die Durchsetzung des Englischen als common language zur Verständigung ist, so wenig sollten die jeweils nationalsprachlichen Diskurse in den Geistes- und Kulturwissenschaften in einen ausschließlich englischsprachigen Wissenschaftsdiskurs überführt werden. Denn so wichtig der Blick über den regionalen und muttersprachlichen Tellerrand hinaus ist, so sehr lebt Sprache von kulturellen Imprägnierungen und ist nicht ohne Bedeutungs- und Differenzierungsverlust übersetzbar. Entgegen einem gewissen Trend zum durchgehend englischsprachigen Diskurs ist demnach die Notwendigkeit der Sprachvielfalt zu betonen. Die dadurch ermöglichten Spezialisierungen dienen vertiefter wissenschaftlicher Forschung.
Wie auch zu anderen Epochen und Themengebieten gibt es Forschungsdiskurse innerhalb der einzelnen Disziplinen. Gleichwohl wird der Interdisziplinarität in der Mediävistik ein besonders hoher Stellenwert beigemessen. Vielfach sind Nachwuchswissenschaftler*innen ohnehin in interdisziplinäre Forschungsverbünde integriert. Die Quellen drängen den Austausch der Disziplinen schließlich geradezu auf. Große Kongresse wie der jährliche International Medieval Congress in Leeds oder das zweijährig stattfindende Symposium des Mediävistenverbandes sind auf den Austausch und die Vernetzung der Disziplinen hin angelegt. Das besondere Profil des Mediävistenverbandes besteht ohnehin gerade in der Stärkung der interdisziplinären Forschung – auch im Blick auf den wissenschaftlichen Nachwuchs.
3 Nachwuchsförderung und der Mediävistenverband
Seit 2001 gibt es im Mediävistenverband eine eigene Position für den wissenschaftlichen Nachwuchs im Beirat. Die Interessen des wissenschaftlichen Nachwuchses zu Gehör zu bringen und zu fördern, bedeutet eine der zentralen Aufgaben des Verbandes (vgl. Homepage, ‚Ziele‘). Doktorand*innen aller mediävistischer Disziplinen können mit einem reduzierten Beitrag Mitglieder des Verbandes werden und so von den Angeboten profitieren. Dazu gehören vor allem die bereits erwähnten Alfried Krupp-Sommerkurse für Handschriftenkultur, die seit 2011 in Kooperation mit der Universitätsbibliothek Leipzig durchgeführt werden. Die Kurse, die interdisziplinär ausgerichtet sind und stets international ausgeschrieben werden, erfreuen sich großer Beliebtheit. Zugleich erfüllen sie den nicht zu unterschätzenden Zweck, Kenntnisse auf dem Gebiet der Paläographie zu vermitteln, die an vielen Universitäten nicht mehr zur Grundausbildung in der Mediävistik gehören.8 Darüber hinaus vergibt der Verband alle zwei Jahre einen mit 2000 € dotierten Dissertationspreis, der interdisziplinär ausgerichtete Arbeiten würdigt. Bisher wurden fünf Preisträger*innen aus den Fächern Kunstgeschichte, Byzantinistik, Geschichtswissenschaft, Slavistik und Germanistik ausgezeichnet: Philippe Cordez (LMU Research Fellow am Institut für Kunstgeschichte der LMU München) für seine Arbeit ‚Trésor, mémoire, merveilles. Les objets des églises au Moyen Âge‘ (2013), Isabelle Dolezalek (FU Berlin), die zum Thema ‚Arabic Inscriptions on the Garments of the Norman and Hohenstaufen Kings of Sicily. Contextual Analyses of a Transcultural Motif‘ promoviert hat (2015), Manolis Ulbricht (FU Berlin) für die Arbeit ‚Coranus Graecus. Die älteste Koranübersetzung in der Ἀνατροπὴ τοῦ Κορανίου des Niketas von Byzanz‘ (2017), Kristina Rzehak (WWU Münster) mit einer Arbeit zu ‚Macht und Literatur bei Timuriden und Habsburgern. Politischer Übergang und kulturelle Blüte in den Selbstzeugnissen Baburs und Maximilians I.‘ (2019) und zuletzt Anna Jouravel (MLU Halle-Wittenberg) für ihre Arbeit ,Die Kniga palomnik des Antonij von Novgorod: Edition, Über­setzung, Kommentar‘ (2021).
Mit Blick auf das wachsende Prekariat des wissenschaftlichen Nachwuchses, nicht zuletzt auch, weil viele kleine Disziplinen mit mediävistischem Schwerpunkt unter Rechtfertigungsdruck stehen und um ihre Zukunft kämpfen müssen, wollen wir den Mediävistenverband über die bestehenden Angebote hinaus stärker als bisher in die Pflicht nehmen, sich für junge Wissenschaftler*innen zu engagieren. Wir sehen ein großes Potential vor allem in den Bereichen Vernetzung und Internationalisierung. Ein tragfähiges disziplinäres wie interdisziplinäres Netzwerk ist neben der wissenschaftlichen Leistung ein nicht zu unterschätzender Baustein für eine erfolgreiche Karriere in der Wissenschaft. Dazu gehört auch unbedingt – je nach Disziplin sicherlich in unterschiedlichem Maße, aber dennoch – eine Vernetzung mit Wissenschaftler*innen in anderen Ländern. Für die Zukunft des mediävistischen Nachwuchses in Deutschland gehört der versierte Umgang mit akademischen Fachkulturen anderer Länder und die aktive Auseinandersetzung mit internationalen Forschungsdiskursen unbedingt dazu.
Der Verband ermöglicht aufgrund seiner dezidiert interdisziplinären Ausrichtung die unkomplizierte Vernetzung über Fachgrenzen hinweg. Bisher erfolgt diese vor allem auf den zweijährig stattfindenden Symposien, dessen Sektionen interdisziplinär aufgestellt sein müssen. Doktorand*innen sind stets eingeladen, Sektionen mitzugestalten und Vorträge zu halten, und haben so die Gelegenheit, sich mit Wissenschaftler*innen auf weiteren Karrierestufen und aus verschiedenen Fachbereichen zu vernetzen. Aufgrund des thematischen Rahmens der Symposien und der Gestaltung des Programms mag es aber nicht in dem Maße zu Synergien kommen, wie es für eine erfolgreiche Vernetzung wünschenswert wäre. Ähnliches gilt auch für die Handschriften-Sommerkurse, die nicht für jede*n von Interesse sind und zudem eine begrenzte Teilnehmer*innenzahl haben. Bisher gibt es auch kein Forum, das sich mit Fragen der Gleichberechtigung und der Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft beschäftigt.
Vor diesem Hintergrund möchten wir zwei Vorschläge für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses unterbreiten, die einerseits die bestehenden Strukturen des Verbandes nutzen, andererseits darüber hinausgehen und neue Wege beschreiten: die Einrichtung eines Vernetzungstreffens im Rahmen der Symposien sowie eine Anschubfinanzierung für kleinere Konferenzen und Workshops. Diese Ideen können aber auch auf Wissenschaftsverbände und -verbünde außerhalb des Mediävistenverbandes übertragen werden.
  1. Vernetzungstreffen. Als fester Bestandteil der Symposien des Mediävistenverbandes soll ein Tag oder Halbtag vor dem Beginn der eigentlichen Tagung der Vernetzung und dem Austausch des wissenschaftlichen Nachwuchses gewidmet werden. Auf diese Weise können sich die jungen Wissenschaftler*innen bereits kennenlernen und ihre Kontakte auf dem sich anschließenden Symposium nutzen. Im Mittelpunkt des Treffens sollen zum einen schlaglichtartig die Forschungsvorhaben der Teilnehmer*innen stehen. Eine gute Möglichkeit, viele Themen unkompliziert vorzustellen, ist das Format der Posterpräsentation. Schon die Darstellung der eigenen Forschung auf einem Poster kann lehrreich sein, erfordert sie doch die sinnhafte Kondensierung des Themas auf die wichtigsten Thesen, Texte und Problemstellungen. Die Poster könnten in einer Galerie präsentiert werden, die für den Zeitraum des gesamten Symposiums angeschaut werden kann. Neben der Posterpräsentation und dem Austausch zu inhaltlichen oder methodischen Aspekten soll das Vernetzungstreffen aber auch als Plattform zur Weiterbildung genutzt werden. Dazu sollen – zunächst aus den Reihen des Verbandes – arrivierte Mitglieder eingeladen werden, die von ihren Erfahrungen berichten. Mögliche Themen sind die Einwerbung verschiedener Drittmittel-Formate (DFG-Netzwerk, eigene Stelle, EU-Projekte, Forschungsgruppen), aber auch Berichte aus unterschiedlichen Forschungskontexten (SFB, Lehrstuhl, Stipendien) oder von Auslandsaufenthalten (Gastprofessuren, Archivarbeit, Förderprogramme für Auslandsreisen und -aufenthalte). Dieser eher intimere und persönliche Austausch nutzt effektiv die Möglichkeiten des Verbandes und hat den immensen Vorteil, dass die fachliche Ausrichtung auf das gemeinsame Interesse an mittelalterlichen Themen bezogen ist. Zugleich kommen die Nachwuchswissenschaftler*innen durch den Erfahrungsaustausch in direkten Kontakt mit erfahreneren Mitgliedern des Verbandes. Als zusätzliches Angebot sollen externe Personen eingeladen werden. Denkbar ist eine Vorstellung von Fördermöglichkeiten durch Vertreter*innen der großen Förderorganisationen (DFG, Volkswagen, Thyssen, Kooperationsstelle EU), aber auch Impulsreferate oder Schulungen zu Themen wie Gleichberechtigung, wissenschaftliches Präsentieren oder Umgang mit Konflikten. Zwar wird man die Teilnehmer*innenzahl begrenzen müssen, doch sollte die Teilnahme am Vernetzungstreffen durch den Mitgliedsbeitrag und die Anmeldung zum Symposium ohne zusätzliche Kosten möglich sein.
  2. Anschubfinanzierung für Workshops. Als zweites konkretes Instrumentarium der Nachwuchsförderung durch den Verband schlagen wir die Einrichtung eines ausreichend dotierten Fonds zur Anschubfinanzierung von Workshops vor. Pro Jahr können daraus – je nach Art und Umfang der Veranstaltung – zwei bis drei wissenschaftliche Events (co-)finanziert werden. Neben klassischen Workshops im Vortragsformat sind auch Podiumsdiskussionen oder Treffen zur Planung von interdisziplinärer Forschung (z. B. Beantragung eines wissenschaftlichen Netzwerks) denkbar. Die Anschubfinanzierung ist thematisch offen und ermöglicht somit die Entwicklung neuer Forschungsideen. Antragsberechtigt sind alle Verbandsmitglieder mit eingereichter oder abgeschlossener Promotion (Postdoktorand*innen) in der Qualifikationsphase. Die Bewerbung ist an die Bedingung geknüpft, dass das Thema ebenso wie die Zusammensetzung der Teilnehmer*innen interdisziplinär sein sollte, d. h. mindestens zwei, besser noch drei verschiedene Fächer müssen daran beteiligt sein. Die Anschubfinanzierung wird einmal jährlich ausgeschrieben; die geplante Veranstaltung sollte innerhalb des darauffolgenden Jahres stattfinden. Die Einbindung von weiteren Mitgliedern des Verbandes wäre unbedingt gewünscht. Die Ergebnisse einer solchen (co-)finanzierten Veranstaltung könnten – selbstverständlich unter Berücksichtigung des Peer-Review-Verfahrens – in der Zeitschrift ‚Das Mittelalter‘ oder auch in der Reihe der Beihefte veröffentlicht werden.
Das hier vorgeschlagene Format weist deutliche Überschneidungen mit einem bereits bestehenden Programm des Verbandes auf: Regelmäßig lädt der Verband über einen ‚Call for Issues‘ ein, Vorschläge für die Gestaltung von Themenheften der Zeitschrift ‚Das Mittelalter‘ einzureichen. Die für ein Themenheft vom Beirat ausgewählten Herausgeber*innen veröffentlichen einen ,Call for Papers‘ und organisieren einen vom Verband finanzierten Workshop mit den Autor*innen, auf dem die ausformulierten Beiträge diskutiert werden.9 Unser Vorschlag eines Fonds geht jedoch in eine andere Richtung, die eine größere Offenheit und Flexibilität ermöglicht. Zwar hat sich das Modell der Themenhefte und ihrer Ausschreibung bewährt, doch wird es aktuell weder explizit als Programm zur Nachwuchsförderung beworben noch als solches wahrgenommen. Auch kann das vorgeschriebene Prozedere (‚Call for Issues‘ – ‚Call for Papers‘ – Diskussion der vorliegenden Beiträge) allzu sehr zum Korsett werden, da eine Veröffentlichung der Aufsätze im Themenheft das erklärte Ziel ist. Möchte man aber zunächst ergebnisoffen Themen und Thesen diskutieren – auch ohne den Druck, diese veröffentlichen zu müssen, und auch jenseits von ausformulierten Zeitschriftenbeiträgen in alternativen Diskussionsformaten –, ist der Rahmen einer Anschubfinanzierung, wie wir ihn vorschlagen, unbedingt vonnöten. Die Einrichtung eines solchen Fonds zur Finanzierung von Nachwuchsveranstaltungen würde unmittelbar zur interdiszi­plinären Vernetzung und zur größeren Sichtbarkeit junger Wissenschaftler*innen in der Mediävistik beitragen. Auch wird der Verband insgesamt davon profitieren, innovative und neue Forschungsansätze sowie herausragende Wissenschaftler*innen frühzeitig wahrzunehmen und zu fördern.
4 Fazit
Die Bedingungen für eine erfolgreiche universitäre Karriere in der Mediävistik haben sich in den letzten Jahren erschwert. Zwar gibt es fächerabhängig stärker und schwächer betroffene Bereiche, doch gilt insgesamt, dass es für zu wenig hervorragend qualifizierte Wissenschaftler*innen langfristige und zumutbare Perspektiven an den Universitäten gibt. Im Bereich der Forschung bringt der wissenschaftliche Nachwuchs eine ungeheure Dynamik hinein, indem er neue Fragestellungen entwickelt, Theorien und Methoden unter Beibehaltung hoher philologischer Kompetenz fachübergreifend anwendet und in jedem Aspekt viel vernetzter denkt, als es die Generationen zuvor taten. Hier bieten sich gerade aus der Sicht einer interdisziplinär und transregional arbeitenden Mediävistik, für die der Mediävistenverband steht, noch ungeahnte und nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten und Potentiale für das gemeinsame Gestalten neuer Lehr-, Lern- und Forschungsformate. Konkret kann der Mediävistenverband die Chancen für Nachwuchswissenschaftler*innen verbessern, indem wir stärker als bisher auf Vernetzung und konkrete Förderung von zunächst interdisziplinärer Arbeit setzen. Dazu soll einerseits das Symposium des Verbandes um ein Vernetzungstreffen erweitert und andererseits ein Fonds zur Förderung von kleineren Workshops und anderen Veranstaltungen eingerichtet werden. Es geht darum, die Freude an der Mediävistik Studierenden (und auch Schüler*innen) zu vermitteln. Nicht alle werden auch in Zukunft ihr Glück langfristig in mediävistisch arbeitenden Fächern finden können, und nicht allen wird der Zufall zu Hilfe kommen, aber niemandem sollte während seines Verweilens in der Mediävistik, und darüber hinaus, die Freude an der Beschäftigung mit dem Mittelalter genommen werden.
Kontakt
Jun.-Prof. Dr. Eva von Contzen
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, FRIAS, Englische Literatur, Albertstr. 19, D-79104 Freiburg i. Br.
Prof. Dr. Albrecht Fuess
Philipps-Universität Marburg, Centrum für Nah- und Mittelost-Studien, Islamwissenschaft, Deutschhausstraße 12, D-35032 Marburg
Dr. Jonathan Reinert
Eberhard Karls Universität Tübingen, Institut für Spätmittelalter und Reformation, Liebermeisterstr. 12, D-72076 Tübingen
Literaturverzeichnis
Bauer, Thomas: Warum es kein islamisches Mittelalter gab. Das Erbe der Antike und der Orient. München 2019.
Dehrmann, Mark-Georg u. Albrecht Hausmann (Hgg.): Prekär. Berichte, Positionen und Konzepte zur Lage des germanistischen ‚Mittelbaus‘. Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 65/2 (2018).
Mackert, Christoph: Handschriftenkunde für den wissenschaftlichen Nachwuchs. In: BIS – Das Magazin der Bibliotheken in Sachsen 1 (2011), S. 24–25.
Specht, Jule u. a.: Departments statt Lehrstühle. Moderne Personalstruktur für eine zukunftsfähige Wissenschaft. Datenbeitrag der AG Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie 2017. https://www.diejungeakademie.de/...nt-Struktur.pdf (Zugriff: 14.12.2020).
1 Institutionelle Rahmenbedingungen und Probleme / Wissenschaft und Beruf
2 Mediävistik und Nachwuchs
3 Nachwuchsförderung und der Mediävistenverband
4 Fazit
Kontakt
Literaturverzeichnis