Decorum und Mammon im Widerstreit? Adeliges Wirtschaftshandeln zwischen Standesprofilen, Profitstreben und ökonomischer Notwendigkeit
11 Feb 2022
Anstelle eines Nachwortes
Anstelle eines Nachwortes: zusammenfassende Bemerkungen und Dank
Obwohl es sich beim vorliegenden Werk ja ausdrücklich nicht um eine Festschrift handelt, ist die Tagung, deren Beiträge und Ergebnisse der vorliegende Band enthält, an einen bestimmten Adressaten gerichtet gewesen. Als solcher ergreife ich anstelle eines Nachworts gerne die Gelegenheit, um allen Beiträgerinnen und Beiträgern und insbesondere auch Annette Cremer und Alexander Jendorff als Initiatoren und Herausgebern herzlich zu danken. Im Übrigen möchte ich mir an dieser Stelle ausdrücklich nicht das Amt beimessen, »die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren«.1 Ich will bloß einige Eindrücke anbringen.
Wenn ich mit dieser Nachbemerkung zum Ausdruck bringen möchte, dass ich mich durch den vorliegenden Band geehrt und persönlich beschenkt fühle, dann folgt diese Äußerung zunächst der Logik einer Ökonomie der Gabe.2 Bei einem Werk, das sich mit frühneuzeitlichen Formen des Wirtschaftens, des Handels und des Warentauschs beschäftigt, ist dies insofern bemerkenswert, als damit eine Spannung zwischen Form und Inhalt auftreten kann. Zumindest ist dies dann der Fall, wenn die Logik solchen Austauschs als gegensätzlich wahrgenommen wird, Gabentausch also der Mikroebene persönlicher Beziehungen und Warentausch den unpersönlichen Beziehungen des Handels zugeordnet wird. Allerdings kann man dem Beitrag von Friedrich Lenger zu Adel und Kapitalismus in der Neuzeit ja entnehmen, dass binäre Oppositionen doch eher dem Bereich gesellschaftlicher Projektionen als dem der sozialen Praxis zuzuordnen sind – womit ich an dieser Stelle Friedrich Lenger auch noch einmal für die finanzielle Unterstützung der Tagung herzlich danken möchte, denn von nichts kommt halt nichts. Mammon und Decorum, so dokumentiert es auch dieser Band, sind schon deshalb kein Gegensatz, weil sie sich vielfach bedingen und das eine ja oft Voraussetzung des anderen ist.
Lässt man die Beiträge Revue passieren, so entfaltet sich auf den ersten, Blick ein beeindruckendes Panorama ökonomischen Scheiterns. Vordergründig scheint dies eine Art Schleifspur zu sein, die adelige Unternehmer – Entrepreneurs – durch die frühneuzeitliche Geschichte gezogen haben. Jedenfalls haben sich ganz offensichtlich die Beiträger doch sehr gerne auf diese schiefe Ebene begeben. Dies beginnt schon im Beitrag von Ronald Asch, der uns gleich mehrere Exemplare dieser Spezies sehr plastisch vorführt. Selbst wenn sie nicht zentral für seine Argumentation stehen, so bleiben der First Duke of Chandos, James Brydges, oder der dritten Earl of Kingston (»Big George«) doch eindrücklich im Gedächtnis. Aber auch ansonsten bieten die Beiträge alle möglichen Facetten ökonomischen Scheiterns: Beim alchemistischen Unternehmer Louis de Hatzel, präsentiert von Kolja Lichy, könnte es den Adel noch entlasten, dass sein Adelstitel »Baron de Chèvremont« eher zweifelhafter Natur war, aber der »Marchese im Matsch«, Enzo Bentivoglio, als grandioser Förderer der Infrastruktur von Birgit Emich porträtiert, stammte ebenso aus allerbester Familie des italienischen Hochadels wie Wilhelm Heinrich von Sachsen-Eisenach, der, wie Siegrid Westphal zeigt, ausgerechnet mit seinen Lotterieunternehmungen in der Mitte des 18. Jahrhunderts kein Glück hatte. Hochadelig waren auch die Löwenstein-Wertheim, die gegen Frankfurt und damit bürgerliche Konkurrenz den Kürzeren zogen (Anette Baumann), und wahrhaft standesgemäß scheiterte schließlich auch Graf Friedrich Casimir von Hanau mit seinem Kolonialambitionen in Hanauisch-Indien (Guyana), wie uns Alexander Jendorff im Detail vorführt. Damit schließt sich auch für die Herausgeber der Bogen, die eingangs des Bandes mit Dagobert Duck die heimliche Leitfigur der Tagung namhaft gemacht und darauf hingewiesen haben, dass er nicht nur schottischem Uradel entstammt, sondern seine frühen Jahre eine Abfolge ambitionierten Scheiterns sind. Folgt man der entsprechenden, 1991 erschienenen Biographie Sein Leben, seine Milliarden aus der Feder des zweiten berühmten Duck-Zeichners Keno Don Hugo Rosa (geb. 1951), der Scrooges familiäre Wurzel überzeugend dem alten schottischen Clan der McDucks mit ihrem bis in das Jahr 1675 nachweisbaren Stammsitz Duckenburgh zuweist,3 muss uns die reichste Adelsente der Welt zweifellos aber auch einen entscheidenden Fingerzeig geben: Adel und Wirtschaft schlossen einander eben gerade nicht aus, es kam nur auf die Umstände an; und zudem: Scheitern gehört(e) zum Geschäft sowohl in der sozialen Welt des Adels als auch in der materialistischen Welt der Ökonomie. Die richtige Mischung bei der Verbindung beider Welten erscheint hierbei als Schlüssel zum Prestige- und Wirtschaftserfolg.
Wenn so viel Scheitern beim Leser nicht zu Depressionen führt oder in Abstumpfung mündet, dann liegt dies also offensichtlich nicht zuletzt an den adeligen Protagonisten selbst, die wenn schon nicht mit Anstand, dann mit Stil zu scheitern wussten. Allein dies färbt schon vorteilhaft auf die Darstellung ab, wofür der Band viele schöne Beispiele bringt. Sicherlich dürfte auch der Hinweis von Alexander Jendorff zu beherzigen sein, dass adelige Standeskompetenz vielleicht weniger in der ökonomischen Rationalität als vielmehr in der Vermarktung und Bewerbung von Projekten zur Geltung kommen konnte. Dies betraf auch die Fähigkeit der Selbstvermarktung, wofür als Negativbeispiel die genuesischen Nobili stehen mögen, deren ökonomischer Erfolg sich offenbar umgekehrt proportional zu ihrer Reputation verhielt (Matthias Schnettger). Ein weiterer Grund könnte zudem sein, dass adelige Protagonisten den Kelch des Scheiterns nicht unbedingt bis zur bitteren Neige leeren mussten, sei es, weil erst Nachfahren späterer Generationen diese Konsequenzen ziehen mussten wie im Fall der Bentivoglio (Birgit Emich), sei es, dass zwar Offenbarungseide zu leisten waren, aber nicht von den Adeligen selbst. Sie konnten diese Pflicht wie auch die ökonomischen Folgen in der Frühen Neuzeit auf Dritte abwälzen – eines der zentralen Argumente von Ronald Asch. Und natürlich konnten adelige Unternehmer sich auch anderweitig absichern, sei es durch ihre Virtuosität in der Anlage von Netzwerken (Stefan Rohdewald) oder in hausvertraglicher Form (Stephan Wendehorst).
Allerdings soll nicht verschwiegen werden, dass es zum Eindruck eines häufigen Misserfolgs beim Adel in diesem Sammelband natürlich auch Gegenbeispiele für erfolgreiches adeliges Unternehmertum gibt. Für diese Lichtblicke sorgen vor allem die weiblichen Exempla. Selbst wenn auch hier Scheitern nicht ausgeschlossen war, wagten sich gerade adelige Unternehmerinnen in der Frühen Neuzeit als Pionierinnen an solch anspruchsvolle Geschäftsfelder wie die Schwerindustrie: Ermgard von Wehren, die Dieter Wunder als ausgesprochen hartnäckige hessische Unternehmerin an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert porträtiert, versuchte »ohne Vorbild und Nachahmung« in Hessen ein Stahlwerk aus dem Boden zu stampfen, während die Essener Fürstäbtissin Maria Kunigunde mit eigenem Vermögen den Aufbau eines Eisenhüttenwerkes in ihrem Territorium bewerkstelligte, um der industriellen Revolution im späteren Ruhrgebiet zumindest etwas Vorschub zu leisten (Bettina Braun).
An genuin männlich-adeligen Domänen, in denen sich dann doch so etwas wie ökonomischer Erfolg konstatieren lässt, schält sich auch in diesem Band am ehesten noch der Bereich des Militärunternehmertums heraus. Wahrscheinlich stellte dieses Tätigkeitsfeld in der Synthese von Kernkompetenzen dann doch eine Art Königsdisziplin adeligen Unternehmertums in der Frühen Neuzeit dar, oder in der Sprache des »Decorums« so etwas wie ein »Gesamtkunstwerk«. Genuin adelige Gewaltkompetenz ließ sich hier mit dem standesgemäßen Habitus der Autorität verbinden, oder die für Fragen der Heeresversorgung unerlässlichen ökonomischen Kenntnisse der Landwirtschaft mit den Möglichkeiten, als Mitunternehmer und mehr oder minder stille Teilhaber vom Aufbau dynastischer Fürstenstaaten zu profitieren. Beim fürstlichen Reichsadel zeigt Christoph Kampmann, wie gerade dessen militärunternehmerische Vertreter in bester kapitalistischer Manier zunächst rangniedere Konkurrenz im Wortsinn aus dem Feld zu schlagen vermochten, um zumindest partielle Monopole zu etablieren. In einem zweiten Schritt ließ sich dann das militärische Humankapital umso gewinnbringender wieder mittels Vermietung oder Verkauf in den Kreislauf von Angebot und steigender Nachfrage einbringen. Die soziale Spannbreite der in den einzelnen Beiträgen präsenten oder präsentierten Militärunternehmer reicht dabei von einem Ambrosio Spinola, der als reichster genuesischer Adeliger das spanische Heer in den Niederlanden und schließlich auch den Krieg weitgehend aus eigener Tasche (vor)finanzierte, bis hin zu den Regimentskommandeuren der Kroaten im Dreißigjährigen Krieg, deren Unternehmensgewinn erst dann nachhaltig gesichert war, wenn er sich im sozialen Aufstieg in den Adelsstand manifestieren konnte (am Beispiel des Kroatenoberst Corpes bei Michael Weise). Angesichts der gesamten sozialen und ständischen Spannbreite beim Militärunternehmertum könnte man geradezu von einem adeligen Breitensport sprechen, wenn denn das Bild nicht so schief wäre.
Weder ökonomisches Scheitern noch ökonomischer Erfolg stellte und stellt ein adeliges Spezifikum dar. Vielmehr handelt es sich einerseits um einen (zudem wichtigen) Teil marktwirtschaftlicher Organisation der sich modernisierenden europäischen Ökonomien. Andererseits ist Ökonomie – quasi bis heute – als Ausdruck von Wertekollisionen, Weltanschauungen und Sensationsbegehren zu verstehen. Ein genauerer, analytischer Blick auf die Beiträge und ihre jeweiligen Kontexte offenbart denn auch eine wesentlich differenziertere Szenerie. Denn, wie von Annette Cremer im Auftaktbeitrag aufgezeigt wird, traten Norm und Praxis adeligen Wirtschaftens in der Frühen Neuzeit in bemerkenswerten Maße auseinander. Die zeitgenössischen Mahnungen an die adeligen Hausväter, doch Maß zu halten, kollidierten gewissermaßen mit den Zwängen der sozial-ständischen Selbstbehauptung, die wiederum ökonomisches Engagement – und Erfolg! – nötig machten, um langfristig die Ausgaben bestreiten zu können. Insofern war adeliges »Ökonomisieren« auf vielen, genau genommen auf allen Feldern der vormodernen Wirtschaft eine Selbstverständlichkeit. Zudem existierte in Wirtschaftsfragen eine genuin adelige Expertise, die sich nicht nur im Geldausgeben, sondern insbesondere in der monetären Ertragsgenerierung und -abschöpfung durch die Finanzexperten bei Hofe erwies. Der Adel war insofern ökonomisch »vollintegriert« – was zu entsprechenden diskursiven Gemengelagen über den Adeligkeitsbegriff führte. Und wie Alexander Jendorff in seiner historiographiegeschichtlichen Einleitung herausarbeitet, waren solche Adeligkeitsdiskurse von massiven Interessenlagen der jeweiligen zeitgenössischen Akteure bestimmt; dies zumal seit dem ausgehenden 18. und gewiss im 19. und 20. Jahrhundert. Es schloss das »große Vergessen« adeligen Wirtschaftsengagements ebenso ein wie die bewusste Stigmatisierung adeliger Verschwendung bzw. Negativstilisierung erfolglosen adeligen Entrepreneurships.
Selbstverständlich besaß adeliges Entrepreneurship auch die Facette des Spielerischen, das bei einigen der vorgestellten adeligen Protagonisten geradezu die Essenz des Wirtschaftens auszumachen scheint. Nicht umsonst nehmen die Hasardeure, Spekulanten und Projektemacher in der Galerie der im Band vorgestellten Exempel einen prominenten Platz ein. Wilhelm Heinrich von Sachsen-Eisenach setzte mit seinem Lotterieunternehmen denn auch gleich konsequent auf den Hazard als Kern seiner Geschäftsidee. Man könnte an dieser Stelle – auch um die Nachbemerkung nicht ins Uferlose zu treiben – abschließend wieder den Bogen zum akademischen Sinn und Kontext des vorliegenden Bandes schlagen, denn bekanntlich ist der »wilde Hasard« ja mit Max Weber auch kennzeichnend für die akademische Karriere und den Wissenschaftsbetrieb.4 In diesen Kontext von Parallelen zum akademischen Betrieb gehört dann wohl auch das von Friedrich Lenger vorgebrachte Zitat von Werner Sombart zum Schicksal der frühneuzeitlichen Unternehmer: »Als Condottiere, vielleicht können wir auch sagen, als Conquistadores fangen die Unternehmer an – um als Beamte zu endigen.«
Auch für solche Einsichten sei allen Beiträgerinnen und Beiträgern an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt.
Anstelle eines Nachwortes
Anstelle eines Nachwortes: zusammenfassende Bemerkungen und Dank