Decorum und Mammon im Widerstreit? Adeliges Wirtschaftshandeln zwischen Standesprofilen, Profitstreben und ökonomischer Notwendigkeit
11 Feb 2022
Adlig, geistlich, weiblich – und Unternehmerin? Die Essener Fürstäbtissin Maria Kunigunde von Sachsen
Die Erkenntnis, dass Frauen in der Frühen Neuzeit durchaus politische Herrschaft ausübten, dass regierende Frauen also keineswegs erst eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts waren, scheint sich wenigstens in der Wissenschaft allmählich durchzusetzen.1 Unternehmerinnen scheinen hingegen weiterhin als ein Kennzeichen der Moderne zu gelten. Das ist insofern erstaunlich, als die Forschung der letzten Jahre herausgearbeitet hat, dass Frauen in der Wirtschaft durchaus eine Rolle spielten, dass sie selbstverständlich an den Betrieben ihrer Männer partizipierten, ja, dass sie, vor allem als Witwen, vielfach und selbstverständlich unternehmerisch tätig waren – wenn auch üblicherweise in eher kleinerem Rahmen.2 Das galt freilich für Männer in gleicher Weise, auch sie waren zumeist Kleinunternehmer. Daneben gab es in der Frühindustrialisierung aber auch Unternehmerinnen, die zum Beispiel Glas- oder Eisenhütten mit mehreren Produktionsstandorten und Dutzenden oder gar Hunderten von Arbeitern leiteten und besaßen.3 Ähnlich wie die politische Teilhabe von Frauen wurde auch ihre unternehmerische Tätigkeit im 19. Jahrhundert stark eingeschränkt, was der Annahme Vorschub geleistet haben dürfte, dass es Frauen als Unternehmerinnen früher nicht gegeben habe. Noch in den 1950er Jahren hielt mancher sie für eine vorübergehende, durch den Ausfall der Männer während des Krieges verursachte Erscheinung.4 Trifft also für die Frühe Neuzeit die Annahme von der unternehmerischen Abstinenz schon für Frauen im Allgemeinen nicht zu, so noch weniger für adlige Frauen. Denn adlige Frauen nahmen selbstverständlich Aufgaben im ökonomischen Bereich wahr, wie beispielsweise die Verwaltung des Hofs.5 Adlige Witwen wiederum bewirtschafteten ohnehin eigenständig ihr Wittum. Ob man diese adligen und fürstlichen Frauen deshalb als Unternehmerinnen im eigentlichen Sinne bezeichnen kann, sei dahingestellt.6 Aber gewisse ökonomische Grundkenntnisse wurden ihnen offenbar zugetraut und waren ihnen auch vermittelt worden.
Sucht man gezielt nach frühneuzeitlichen adligen Unternehmerinnen in einem engeren Sinn, wird häufig ein Name genannt: Maria Kunigunde von Sachsen, die letzte Fürstäbtissin von Essen. An ihrem Beispiel soll deshalb im Folgenden die Frage nach weiblichem Unternehmertum und seiner Rezeption gestellt werden.7 Zunächst soll in einem Überblick aufgezeigt werden, was heute als gesicherte Erkenntnis über die ökonomischen Aktivitäten Maria Kunigundes gelten kann, und gefragt werden, inwieweit dieses Engagement als unternehmerische Tätigkeit einzuordnen ist. In einem zweiten Schritt ist dann zu klären, wie die Forschung und populäre Darstellungen diese Aktivitäten bewertet haben.
Maria Kunigunde war die jüngste Tochter des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen, Friedrich August II.8 Im Alter von 35 Jahren wurde sie 1776 Fürstäbtissin von Essen und von Thorn. Zu diesem Zeitpunkt lebte sie bereits seit mehreren Jahren am Hof ihres Bruders, des Trierer Kurfürsten und Erzbischofs sowie Augsburger Fürstbischofs Clemens Wenzeslaus.9 An dessen Hof in Koblenz nahm sie die Rolle der »First Lady« ein.10 Dabei blieb es auch in den kommenden Jahrzehnten, bis die Geschwister nach der französischen Eroberung linksrheinischer Gebiete 1794 nach Augsburg übersiedelten.11 Nach dem Tod ihres Bruders 1812 zog sich Maria Kunigunde an den sächsischen Hof nach Dresden zurück, wo sie 1825 starb. Fürstäbtissin war sie zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr, da die Säkularisation 1803 dem Essener Stift und damit ihrer Herrschaft ein Ende bereitet hatte. Aber auch während ihrer Regierungszeit war sie nur äußerst sporadisch in Essen gewesen, sondern hatte zumeist von Koblenz aus regiert.
Das nur wenige Quadratkilometer große Stift Essen12 grenzte mit seinem westlichsten Zipfel an das preußische Herzogtum Kleve, nördlich von Essen lag das kurkölnische Vest Recklinghausen. Dort wurde im Jahre 1753 eine Eisenhütte gegründet, und zwar von einem adligen Unternehmer, nämlich dem Münsteraner Domherrn Franz Ferdinand Freiherr von Wenge.13 Diese Gründung der Hütte St. Antony im heutigen Oberhausen gilt als Geburtsstunde der Hüttenindustrie im Ruhrgebiet. Das war damals freilich noch nicht absehbar, denn die Hütte blieb fast bis zum Tod ihres Gründers im Jahre 1788 ein Zuschussbetrieb.14 Dennoch galt die Eisenverhüttung als zukunftsträchtig, und andere taten es Wenge nach. Am Elpenbach, an dem St. Antony lag, aber auf preußischem Gebiet, wurde 1781 eine weitere Hütte mit dem Namen »Gute Hoffnung« gegründet. Die beiden Hütten konkurrierten mithin um das Wasser desselben Baches, wobei die Hütte St. Antony allerdings im Vorteil war, weil sie weiter oben am Bachlauf lag.15
Im benachbarten Essen hatte man 1783 ebenfalls Eisenstein gefunden, dessen Ausbeutung gegen eine jährliche Gebühr der St. Antony-Hütte überlassen wurde.16 Im Jahre 1789 entdeckte der Essener Hofgärtner weitere Eisensteinvorkommen. Nun dachte man in der Essener Regierung daran, diese Vorkommen selbst auszubeuten. Zunächst ließ man prüfen, ob der Eisengehalt des Eisensteins ausreichte, damit sich ein Abbau lohnte. An dieser Stelle kam nun Maria Kunigunde ins Spiel. Denn der Eisenstein von den beiden Essener Fundorten wurde ins trierische Sayn geschickt und durch den kurtrierischen Hütteninspektor geprüft.17 Die Essener Fürstäbtissin nutzte also die Spezialisten im Dienst ihres Bruders, um herauszufinden, ob der Abbau des Erzes in Essen profitabel sein könnte. Die Prüfung ergab einen Eisengehalt von 34 bzw. 53 Prozent, was der Hütteninspektor für ausreichend hielt, um eine Hütte zu betreiben.18 Im Frühjahr 1790 gründete ein Konsortium von vier Betreibern die Hütte Neu-Essen. Direktor der neuen Hütte wurde Gottlob Jacobi, der Sohn des Sayner Hütteninspektors. Allerdings verfügten wohl nicht alle Betreiber über genügend Kapital für die notwendigen Investitionen. Denn noch im Gründungsjahr 1790 beteiligte sich Maria Kunigunde mit einem Viertel an der Hütte.19 Bis zum Jahre 1794 übernahm die Fürstäbtissin auch die Anteile der drei anderen Gesellschafter und war nun alleinige Besitzerin der Hütte Neu-Essen.20 Im Jahr darauf erwarb sie auch die Hütte St. Antony von den Erben des Freiherrn von Wenge.21 Zu diesem Zeitpunkt war die Fürstäbtissin schon vor den siegreichen französischen Truppen nach Augsburg geflohen – dass dies ein Abschied für immer sein sollte, konnte freilich noch niemand ahnen. Beide Hütten wurden von Gottlob Jacobi22 geleitet, wobei der Schwerpunkt des Betriebs in St. Antony lag.23 Im Jahre 1799 verkaufte Maria Kunigunde ihrem Hüttendirektor ein Viertel der beiden Hütten.24
Diese äußeren Daten der Besitzgeschichte der beiden Hütten sind unstrittig und seit Langem bekannt. Weniger klar ist jedoch, ob Maria Kunigunde bei dem Kauf der Hütten als Privatperson oder als Landesherrin handelte. War sie also eine Unternehmerin oder »eine Landesherrin mit einem Blick für eine sinnvolle Industriepolitik«, wie Wilfried Reininghaus formulierte?25 Interessanterweise wurde die Frage privates Unternehmertum oder landesherrliches Engagement bereits im Zusammenhang mit der Gründung der Hütte im Jahre 1789 explizit diskutiert. Als Maria Kunigunde am 22. April 1789 der Essener Regierung die Stellungnahme des Sayner Hüttendirektors über die Qualität des Eisensteins zuschickte und um ein Kameralgutachten bat, wie diese Entdeckung genutzt werden könnte, fragte sie abschließend, »ob dabei nicht allenfalls ein Entrepreneur zu suchen wäre«.26 Diese Frage griff der Essener Kanzleidirektor Johann Jakob Schmitz in seinem Vortrag wenige Tage später auf und führte aus,
»dass I. K. H. zweckmäßiger handelten, das Werk an privaten in Entreprise zu geben als selbst zu treiben. Dermalen halt ich dieses zumal für besser, indem noch Unkosten und risico bevorstehen, welche ein privat-Entreprenneur eher als ein Landesherr mit Vorteil überwinden wird.«27
Dieser Auffassung schloss sich die Fürstäbtissin an und beauftragte am 1. Mai 1789 die Regierung, »einen Entrepreneur ausfündig zu machen«.28 Allerdings entsprach das Konsortium, das dann im Frühjahr 1790 die Hütte gründete, nicht gerade dem Idealbild freien Unternehmertums, handelte es sich doch bei drei der vier Teilhaber um landesherrliche Essener bzw. Trierer Beamte.29 Dennoch ist angesichts der Diskussion im Vorfeld davon auszugehen, dass die Hütte Neu-Essen als private und nicht als landesherrliche Gründung anzusehen ist.30 Daraus folgt, dass auch die Übernahme eines Viertels der Hütte durch Maria Kunigunde ein halbes Jahr später als privates Engagement der Äbtissin einzuschätzen ist.31 Eindeutiger ist die Frage beim Kauf der Hütte St. Antony zu beantworten. Da St. Antony auf kurkölnischem Gebiet lag, agierte Maria Kunigunde in diesem Fall also sicherlich als Privatperson.32 Dafür, dass es sich um ein privates Engagement der Fürstäbtissin handelte, spricht auch die Tatsache, dass die Rechnungslegung für die beiden Hütten durch die fürstliche Kabinettskasse erfolgte, die das Privatvermögen Maria Kunigundes verwaltete.33
Auch wenn Maria Kunigunde sich als Privatperson an den Hütten beteiligte, ist damit noch nichts darüber ausgesagt, welchen Anteil sie an den Geschäften nahm, inwieweit sie also selbst unternehmerische Entscheidungen traf. Dass sie die Details der Betriebsleitung Jacobi überließ, dürfte sicher sein und ist auch nicht weiter erstaunlich, zumal die Fürstäbtissin zu Beginn ihres Engagements nur selten und bald schon überhaupt nicht mehr in Essen war. Ob sie aber nur eine stille Teilhaberin war, die im fernen Koblenz und später in Augsburg einfach den Gewinn einstrich, oder ob sie mit ihrem Hüttendirektor wenigstens die großen Linien der Geschäftspolitik absprach und sich nach dem Gang der Geschäfte erkundigte, ist nicht geklärt und dürfte sich angesichts der Quellenlage auch kaum klären lassen.34
Übrigens sind noch auf einem zweiten Feld ökonomische Aktivitäten Maria Kunigundes bekannt. Als Preußen eine Chaussee von der preußischen Grafschaft Mark ins preußische Wesel bauen wollte, führte die günstigste Trasse durch das Stift Essen. Die Landstände weigerten sich aber, Geld für die Chaussee zu bewilligen. Deshalb finanzierte Maria Kunigunde den Bau der Chaussee vom märkischen Gebiet über Steele und Essen aus ihrem Privatvermögen und kassierte demzufolge auch den jährlichen Gewinn von 1.700 Reichstalern.35
Die Frage, ob Maria Kunigunde in diesen Fällen als private Unternehmerin oder als Landesherrin gehandelt habe, ist keineswegs nur eine abstrakt-akademische, sondern sie gewann nach der Säkularisation unmittelbare rechtliche und daraus folgend finanzielle Bedeutung. Bereits im Sommer 1802 war das Stift von preußischen Truppen besetzt worden. Infolge der Säkularisation 1803 verlor Maria Kunigunde endgültig ihre Landesherrschaft, das Stift Essen wurde Teil der preußischen Entschädigungsmasse. Als Entschädigung erhielt die Fürstäbtissin von Preußen eine jährliche Zahlung in Höhe ihrer bisherigen landesherrlichen Einnahmen zugestanden.36 Separat musste anschließend geklärt werden, ob die Eigentumsrechte an der Chaussee und den Hütten Maria Kunigunde als Privatperson oder als Landesherrin zukamen. Im letzteren Fall wäre der Besitz Teil der Säkularisationsmasse gewesen, die Ansprüche der Fürstäbtissin wären also mit der von Preußen zugesagten Entschädigung abgegolten gewesen. In Bezug auf die Chaussee gelang es rasch, die Verhältnisse zu klären. Preußen erkannte an, dass Maria Kunigunde den Kauf mit ihrem Privatvermögen finanziert hatte und kaufte ihr die Chaussee für 45.000 Berliner Taler ab.37 Größere Schwierigkeiten bereitete hingegen die Ermittlung der Rechtslage in Bezug auf die beiden Hütten St. Antony und Neu-Essen. Maria Kunigunde hatte die ihr gehörenden drei Viertel der Hütten 1805 an die Gebrüder Haniel verkauft, was sie selbstverständlich nur durfte, wenn die Anteile ihr Privatbesitz waren.38 Die preußischen Behörden kamen nach einer längeren Diskussion zu dem Schluss, dass der Verkauf rechtmäßig gewesen sei, dass Maria Kunigunde also als Privatperson gehandelt habe.39 Dabei wurde nicht zwischen den beiden Hütten differenziert, obwohl Maria Kunigunde ja nur im Falle Neu-Essens die Landesherrin gewesen war. Die beiden Hütten wurden übrigens im Jahre 1808 mit der Hütte Gute Hoffnung fusioniert, die dem Gesamtunternehmen den Namen gab.
Sichtet man nun die Literatur über Maria Kunigunde sowie über die Anfänge der Eisenhütten im Ruhrgebiet, so stellt sich heraus, dass die Rolle der Fürstäbtissin ganz unterschiedlich eingeschätzt wird. Allerdings resultieren diese unterschiedlichen Wertungen weniger aus einem unterschiedlichen Forschungsstand, sondern spiegeln – auf der im Wesentlichen gleichen Faktenbasis – ein unterschiedliches Frauenbild und den jeweiligen Zeitgeist wider. In der Biographie Ferdinand Schröders über Maria Kunigunde aus dem Jahre 1907 erscheint ihre Regierungstätigkeit als eine Imitation dessen, was sie in Kurtrier bei ihrem Bruder beobachtet hatte. Ausdrücklich heißt es: »Hier [in Trier, B. B.] lernte sie die kurfürstlichen Eisenhütten kennen und wurde dadurch veranlaßt, in ihrem Stifte ebenfalls der Eisenindustrie das Interesse zuzuwenden.«40 Zwar wird immerhin Maria Kunigundes »eigene[] Initiative« betont, aber diese bestand eben darin, das Vorbild des Bruders nachzuahmen.41 Auch in der 1930 erschienenen Biographie Maria Kunigundes von Milly Ascherfeld wird die Vorbildfunktion Kurtriers und damit des Bruders betont.42 Ausführlich wird an dieser Stelle auch darauf eingegangen, dass Maria Kunigunde die Hütte in die Hand privater Entrepreneure legen wollte. Missverständlich ist hingegen die Einschätzung der Beteiligung Maria Kunigundes an der Hütte als »landesherrliche Privatunternehmung«. Erst die nachfolgende Erklärung, dass die Hütte »keine Angelegenheit des Staates« gewesen sei,43 macht deutlich, dass der Fokus auf dem Privatunternehmen lag. Ansonsten aber wird das Handeln Maria Kunigundes nicht näher qualifiziert.
Im Jahre 1989 aber wurde dann unvermittelt die Unternehmerin Maria Kunigunde geboren. In einem Artikel über »Unternehmerinnen an Rhein und Ruhr vor 200 Jahren – Unternehmerinnen machen Industriegeschichte« werden fünf erfolgreiche Unternehmerinnen aus der Zeit um 1800 vorgestellt.44 Ausgangspunkt für den Artikel sind die Feststellung eines wachsenden Einflusses von Frauen in der Berufs- und Arbeitswelt und die Beobachtung, dass »erst wenige Frauen leitende Positionen in deutschen Unternehmen« bekleideten. Deshalb fragt die Autorin, ob »weibliche Führungskräfte in der Wirtschaft erst eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts sind«, eine Frage, die mit Hilfe der fünf Beispiele verneint wird. Nicht ganz zufällig sind vier der fünf Frauen bürgerliche Witwen, darunter zwei Witwen Krupp und eine Witwe Haniel. Maria Kunigunde ist die einzige Adlige, und auch wenn sie hier als fortschrittliche Regentin eingeschätzt wird, »die vom rein verwaltenden Denken zum wirtschaftlichen Wagnis übergeht«,45 klingt zwischen den Zeilen an, dass sie doch zumindest eine andere Art von Unternehmerin als ihre bürgerlichen »Kolleginnen« war. Allein schon das Wagnis, das die Frauen eingingen, war doch sehr unterschiedlich groß: Für die bürgerlichen Witwen stand die Existenz des Betriebes und damit der Familie auf dem Spiel, Maria Kunigunde riskierte höchstens den Verlust eines, vermutlich eher kleinen Teils ihres Vermögens. Noch weiter geht ein Ausstellungskatalog zur Geschichte der Hütte St. Antony aus dem Jahre 2008. Nun ist Maria Kunigunde zur »ersten Unternehmerin und Pionierin der werdenden Ruhrindustrie« geworden, »eine für ihre Zeit moderne Frau mit Weitblick«,46 was doch eine deutliche Verzeichnung sein dürfte.47
Differenzierter fiel hingegen das Urteil in einem Band über die Säkularisation im Ruhrgebiet aus dem Jahre 2004 aus, in dem das Etikett »Industriepionierin« ausdrücklich in Frage gestellt wird. Dagegen wird betont, dass Maria Kunigunde geschäftliche Risiken eher scheute, was »eine unternehmerische Tätigkeit großen Stils unterband«.48 Zudem wird darauf hingewiesen, dass Maria Kunigunde die unternehmerischen Entscheidungen im engeren Sinne in die Hände eines Fachmanns, ihres Hüttendirektors Jacobi, gelegt hatte.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass vieles dafür spricht, dass Maria Kunigunde die Investitionen in die Eisenhütten und auch in die Chaussee mit ihrem privaten Geld tätigte. Insofern handelte sie als Unternehmerin auf eigene Rechnung. Sie war aber nicht wie die bürgerlichen Witwen eine Unternehmerin, die unternehmerische Entscheidungen fällte, sondern eher eine Frau auf der Suche nach einer Gewinn abwerfenden Investition. Ganz selbstverständlich war ihr und ihrer Umgebung aber, dass eine Frau mit eigenem Geld über dieses auch nach eigenem Gutdünken verfügen konnte. Insofern nahm sie mit einer Selbstverständlichkeit am Wirtschaftsleben teil, die das ausgehende 20. Jahrhundert erst wieder entdecken musste.
Quellen-und Literaturverzeichnis
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Quellen-und Literaturverzeichnis