Decorum und Mammon im Widerstreit? Adeliges Wirtschaftshandeln zwischen Standesprofilen, Profitstreben und ökonomischer Notwendigkeit
11 Feb 2022
Handel, Investitionen ins Land und andere Risikounternehmungen
Der Marchese im Matsch. Adelige Wasserbauunternehmer im Kirchenstaat
Der Marchese im Matsch, mit dem sich der folgende Beitrag aus der Gattung des Geburtstags-Essays befasst, heißt Enzo Bentivoglio.1 Er stammte aus der Stadt Ferrara unweit der Mündung des Po, die 1598 an den Kirchenstaat gefallen war und fortan unter der Herrschaft Roms stand. Nicht wenige Ferraresen zogen ihre Vorteile aus dem Wechsel unter das Regiment der Päpste und aus deren Bemühen, die Gunst der neuen Untertanen zu gewinnen. Aber niemand verstand es besser als dieser Marchese, seine Unternehmungen auch und gerade unter den neuen Bedingungen voranzubringen. Ob es um Geld ging oder um Macht, um Kunst, Kredite und Karrieren – in vielen Fragen, die zwischen Rom und Ferrara im frühen 17. Jahrhundert verhandelt wurden, hatte Enzo seine Hände im Spiel. Und da seine Familie dem italienischen Hochadel entstammte, darf Enzo Bentivoglio als Inbegriff eines adligen Unternehmers im Kirchenstaat gelten. Am Beispiel eines seiner Unternehmen im engeren Sinne – also einer auf Gewinn ausgerichteten ökonomischen Initiative – möchte ich zu klären versuchen, welche Rolle der adlige Status des Unternehmers, aber auch andere Faktoren für ökonomische Erfolge oder auch Misserfolge im Land der Kirche gespielt haben könnten. Zu diesem Zweck werde ich erstens nach der Entstehung des Unternehmens und den Motiven der Beteiligten fragen, zweitens nach der Finanzierung des Vorhabens und drittens nach dem Erfolg der ganzen Sache. Entstehung, Finanzierung und Erfolg möchte ich für das wohl größte Abenteuer meines Helden behandeln: für die Bonificazione Bentivoglio, ein Entwässerungsunternehmen, das Teile der stets vom Hochwasser gefährdeten Po-Ebene rund um Ferrara trockenlegen und die so gewonnenen Flächen agrarisch nutzbar machen sollte.2
Solche Bonifikationen gab es in der Po-Ebene immer wieder. Tatsächlich gehörte die Sorge um den Schutz des Landes vor den Überschwemmungen des Po und seiner Nebenflüsse zu den Hauptaufgaben der Landesherren. Die Herzöge aus dem Hause Este hatten sich dieser Aufgabe gestellt, und die Päpste, die nach dem Aussterben der Este im Jahr 1598 das Herzogtum als heimgefallenes Lehen betrachteten und die Herrschaft in Ferrara übernahmen, mussten sich ebenfalls mit den Untiefen des Wasserbaus befassen.3 Zu unterscheiden ist hierbei die offizielle Wasserbaupolitik des Kirchenstaates von privaten Unternehmungen. Die offizielle römische Politik in der Wasserfrage war ein schwieriges Geschäft: Eine Lösung für die gesamte Po-Ebene hätte einen Masterplan vorausgesetzt, der wiederum die Interessen gleich dreier Provinzen unter päpstlicher Herrschaft berühren musste. Da allerdings der Vorteil der einen Provinz regelmäßig zu Lasten der Nachbarregionen ging, stieß jeder Eingriff in das sensible hydrologische System entweder in Bologna oder in Ravenna oder aber in Ferrara auf erbitterten Widerstand.Auch die privaten Bonifikationen griffen in das sensible hydrologische System ein. Sie bedurften daher ebenso der Genehmigung Roms. Aber da sie sich geographisch auf eine der beteiligten Provinzen konzentrierten, spielten sich die Konflikte um diese Unternehmungen meist auch innerhalb der Verwaltungsbezirke ab. Hierstanden sich also nicht die Interessen der drei Legationen gegenüber, sondern die Vorstellungen und Ansprüche der Bewohner ein und derselben Provinz.
Dies gilt auch für die Bonificazione Bentivoglio. Ihr Areal umfasste ausschließlich Land innerhalb der Legation Ferrara. An Widerstand vor Ort mangelte es jedoch nicht. Das bekam auch der Kardinallegat Spinola zu spüren.4 Dessen Dienstsitz – das ehemalige Schloss der Este mitten in der Stadt Ferrara – wurde im Mai 1609 von etwa 200 aufgebrachten Gegnern des Projekts regelrecht gestürmt. Wutbürger, so könnte man meinen, gab es also schon damals. Zutreffender wäre es allerdings, von Wut-Adligen zu reden, denn mindestens die Spitzen der Bewegung stammten aus den höchsten Rängen der Ferrareser Nobilität.5
Was war geschehen? Kaum ein Jahr zuvor hatte die für Pachtverträge dieser Art zuständige Apostolische Kammer eine Ausschreibung veröffentlicht, in der es um die Entwässerung der im Westen der Legation gelegenen Traspadana ferrarese ging.6 Dieses von den Territorien Mantuas und Venedigs begrenzte Gebiet mit seinen ca. 20.000 Hektar sollte also in fruchtbares Ackerland verwandelt werden. Aus der Sicht der Kammer bot ein solches Unternehmen nur Vorteile: Durch die Trockenlegung des in weiten Teilen sumpfigen Gebietes werde die Luft gesünder, die landwirtschaftliche Nutzfläche im Interesse aller Landbesitzer erweitert und die Getreideversorgung des gesamten Kirchenstaats erleichtert – dies konnten die Ferraresen dem Aushang vom 26. März 1608 entnehmen, in dem die Kammer potentielle Investoren aufforderte, ihre Bewerbung um die Verpachtung der Bonifizierungsrechte einzureichen. Die Regelungen der Ausschreibung klangen verlockend: Wer bereit war, Kosten und Risiken eines solchen Unternehmens zu tragen, konnte nach Belieben über die im zu entwässernden Gebiet gelegenen Ländereien verfügen, frei über den Bau von Kanälen, Straßen und Brücken bestimmen und nach Abschluss der Arbeiten die Hälfte der neu gewonnenen Ackerfläche für sich beanspruchen. Den bisherigen Eigentümern der bonifizierten Zonen stand es zwar frei, den Unternehmer in klingender Münze auszuzahlen und auf diese Weise ihr eigenes Land zurückzukaufen. Einzelne Maßnahmen oder gar das gesamte Projekt zu verhindern ließ ihnen das Regelwerk jedoch keine Möglichkeit. Die staatliche Autorität, die eine solche Verfügungsgewalt über fremden Besitz erst möglich machte, war indes nicht der einzige Beitrag der Apostolischen Kammer zu dem geplanten Unternehmen. So winkte dem Bonificatore für die ersten zwanzig Jahre seiner Tätigkeit eine Befreiung von allen Abgaben staatlicher wie kommunaler Art, und wenn er zur Finanzierung seines Projektes Kredite an den römischen Monti – das heißt am Kapitalmarkt – benötigte, sollte er diese erhalten.
Dass auf die Ausschreibung vom 26. März 1608 lediglich eine Bewerbung einging, dürfte mithin kaum an den Vertragsbedingungen gelegen haben: Mehr als umfassende Vollmachten, steuerliche Vorteile, Darlehen in unbegrenzter Höhe und die Aussicht auf üppige Gewinne hätte die Kammer nicht bieten können. Tatsächlich mangelte es den Ferraresen keineswegs an Interesse, wohl aber an Risikobereitschaft und vor allem am Kapital, das zur Finanzierung eines solchen staatlich geförderten Privatunternehmens notwendig war. Allein Enzo Bentivoglio sah sich imstande, mit der Bonifikation der Traspadana ferrarese ein Projekt in Angriff zu nehmen, dessen Kosten auf 300.000 römische Scudi geschätzt wurden. So kam es am 3. März 1609 zum Abschluss des entsprechenden Vertrages zwischen Enzo und der Kammer.7
In Ferrara hingegen formierte sich der Widerstand: Die einen fürchteten um ihren Landbesitz in den benachbarten Regionen, zu deren Schaden ein Scheitern des schwierigen Bonifikationsprojekts zweifellos sein würde, die anderen waren nicht gewillt, ihre bereits nutzbaren Anbauflächen in der Traspadana ferrarese für Enzos hydrologische Experimente aufs Spiel zu setzen. Den Bentivoglio gehörte zwar ein Viertel des Gebietes, das der Bonificatore mit Kanälen zu durchziehen gedachte, doch drei Viertel des betroffenen Areals waren im Besitz von Gemeinden, Abteien und einer ganzen Reihe privater Eigentümer. Unter diesen fanden sich zahlreiche Familien des Ferrareser Adels, die den Kampf mit ihrem Landsmann und Standesgenossen Enzo aufzunehmen bereit waren – mit dem Sturm auf den Verwaltungssitz als Höhepunkt der Protestbewegung. Auch der Magistrat der Stadt Ferrara schlug sich auf die Seite der Gegner und bat Papst Paul V. in einem Schreiben vom 11. März 1609, das bebaute Ackerland nicht den Gefahren einer solch kostspieligen und riskanten Bonifikation auszusetzen. Ob diese Eingabe den Papst je erreichte, ist jedoch zweifelhaft. Der Botschafter der Stadt an der Kurie wenigstens dürfte sie kaum präsentiert haben, denn der hieß Enzo Bentivoglio und stand nicht in dem Ruf, seine eigenen Interessen den Landsleuten zuliebe zu vernachlässigen.8
Im Gegenteil: Es spricht einiges für die Annahme, dass sich Enzo aus einem einzigen Grund überhaupt hatte zum Botschafter seiner Stadt an der Kurie wählen lassen: um dort in aller Ruhe das Geschäft einzufädeln, das mit dem Vertrag vom März 1609 zum Abschluss kam.9 So begann er nach der Aufnahme seiner Dienstgeschäfte als Diplomat umgehend, sein Bonifikationsprojekt voranzutreiben. Als das in trockenen Tüchern war, legte er das Botschafteramt ebenso umgehend nieder. Tatsächlich hatte sich Enzo in Vorgesprächen mit der Kammer die Bestimmungen des Pachtvertrags eigenhändig auf den Leib geschneidert.10 Dass er der einzige Bieter war, lag sicher auch an der Finanzkraft der Bentivoglio, die als ehemalige Stadtherren von Bologna über weite Besitzungen und als Marchesi – also Markgrafen – über territoriale Herrschaftsgewalt verfügten. Es lag aber auch an Enzos Einfluss auf die Vertragsgestaltung. Dieser Einfluss wurzelte in den guten Kontakten seiner Familie zur Kurie im Allgemeinen und zur regierenden Papstfamilie – den Borghese – im Speziellen. Enzo selbst hatte seine Machtposition vor Ort schon des Öfteren genutzt, um der römischen Herrschaft am Po zur Geltung zu verhelfen, sein Bruder Guido Bentivoglio diente der Kurie als Nuntius in Flandern. Vor allem aber wussten die Brüder Bentivoglio den Kardinalnepoten auf ihrer Seite, den Papstneffen also, der die Patronagepolitik der regierenden Familie managte und – wir sind in der Hochphase des römischen Nepotismus –für die Bereicherung der Dynastie zu sorgen hatte. So bedienten beide Brüder die Sammelleidenschaft des Nepoten nach Kräften: Nuntius Guido besorgte in Brüssel kostbare Tapisserien, Enzo räumte derweil die Kirchen seiner Heimatstadt leer, um Kardinal Borghese und die von ihm gegründete Galleria Borghese mit den Hauptwerken der Ferrareser Malerei zu erfreuen.11 Ein weiterer Aspekt gesellte sich zum Dienst für die Kurie und den persönlichen Gefallen gegenüber dem Papstneffen: In einer geheimen Zusatzvereinbarung zum Vertrag zwischen Enzo und der Kammer versprach der Unternehmer der Papstfamilie einen Teil seiner Gewinne. Die Borghese waren mithin stille Teilhaber nicht an den Risiken, wohl aber am Ertrag des Unternehmens.12
Vor diesem Hintergrund kann es nicht verwundern, dass sich Bentivoglio in der gesamten Amtszeit Pauls V. der Unterstützung Roms sicher sein konnte. Ebenso klar sollte geworden sein, welche Rolle der adlige Status des Unternehmers bei der Entstehung seines Unternehmens spielte: Ohne Adel wäre das nicht gegangen, Adel allein reichte aber keineswegs aus. Seiner Zugehörigkeit zur Ferrareser Oberschicht verdankte Enzo das Kapital, aber auch und vor allem den Einfluss vor Ort, den er brauchte, um die Interessen Roms in der Provinz durchzusetzen. Als lokaler Magnat konnte er in die Rolle des Brokers schlüpfen, der seine Netzwerke den neuen Landesherren zur Verfügung stellte. Zudem setzte das Amt des Botschafters entsprechenden Adel voraus – die Provinz Ferrara sollte an der Kurie ja standesgemäß vertreten sein. Adliger Status war also unverzichtbar, um überhaupt die Chance zu erhalten, im Geflecht zwischen Rom und Ferrara eine hervorgehobene Rolle zu spielen. Wer diese Chance aber beim Schopfe packen und sich die Rückendeckung Roms auch gegen die eigenen Standesgenossen sichern wollte, musste mehr bieten als Adel: treue Dienste als Klient und – zumindest, wenn es um Geschäfte ging – die Beteiligung der Papstfamilie an den Gewinnen.
Ähnlich verwoben präsentieren sich die persönlichen Motivlagen des Marchese. Einerseits trat er in die Fußstapfen seines Vaters Cornelio, der eine herausragende Rolle am Hofe der Este gespielt und ebenfalls eine Bonifikation (im Gebiet von Reggio, seit 1598 zu Modena gehörig) unternommen hatte.13 Familientradition dürfte also ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Dass Enzo an alten Glanz anknüpfen und die Ideale des höfischen Adels in die neue Zeit retten wollte, zeigte er übrigens auch mit anderen Aktivitäten: Er veranstaltete Ritterturniere, gab Gedichte und Kompositionen in Auftrag, ließ ein Theater bauen, trat mitunter selbst auf, unterhielt eine ganze Gruppe von Musikern und Musikerinnen in seinem Haushalt, förderte mit Girolamo Frescobaldi einen der aufstrebenden Komponisten seiner Zeit, stiftete auch Kirchen und nutzte selbst sein Bonifikationsunternehmen, um sich mit Schleusen und Kanälen namens Bentivoglio ein bleibendes Denkmal zu setzen.14 Andererseits ging es ihm ganz offensichtlich auch um ökonomische Gewinne. Dass er zu solchen Investitionen bereit war, ist nach meinem Eindruck zwar maßgeblich seiner Spielernatur zuzuschreiben.15 Dass er auf diesem Wege aber auch das Vermögen des Hauses mehren wollte, gibt seine Korrespondenz durchaus zu erkennen.16
Zunächst schien die Rechnung aufzugehen. Innerhalb weniger Jahre entstanden in der Traspadana ferrarese zwei voneinander unabhängige Entwässerungssysteme. Eines davon – die Bonificazione di Melara e Bergantino – unterstand keineswegs Enzo, sondern seinen größten Widersachern: 1609 hatte er zur Beruhigung der Lage den Familien Villa und Romei zugestehen müssen, das Land in ihrem Besitz auf eigene Rechnung zu entwässern. Der restliche Teil des Areals bildete hingegen die Bonificazione Bentivoglio. Der Erfolg der Unternehmungen hätte unterschiedlicher nicht sein können. Während es den Villa und den Romei nicht gelingen wollte, den hydrologischen Zustand ihres mit 3300 Hektar weit kleineren Abschnitts zu verbessern, verwandelte die Bonificazione Bentivoglio in der Nachbarschaft ein kaum nutzbares und dünn besiedeltes Sumpfgebiet von 11.500 Hektar binnen weniger Jahre in eine der fruchtbarsten Zonen der Legation. Bald schon, so vermerkten die Chronisten, vermochten die Kirchen im Gebiet der Bonifikation die zahlreich herbeiströmenden neuen Bewohner nicht mehr zu fassen. In technischer Hinsicht war Enzos Unternehmen also ein großer Erfolg.17 Auch hier spielten Bentivoglios Kontakte nach Rom eine nicht unwesentliche Rolle. Anders als die Familien Villa und Romei durfte sich Enzo den wohl führenden Hydrologen seiner Zeit ausleihen: Als Chefingenieur der Bonificazione Bentivoglio firmierte der Architekt, Kartograph und Wasserbauer Giovanni Battista Aleotti, und da dieser Allround-Könner ansonsten in den Diensten Roms stand, haben die Borghese wohl auch bei dieser Personalie mitgemischt.18
Doch während in der Traspadana Ferrarese das Wasser verschwand, bekam der Marchese nasse Füße. In finanzieller Hinsicht nämlich ging Enzo mit seinem Unternehmen baden. Laut einer Zwischenbilanz von 1618 hatte die Bonifikation nicht nur die 300.000 Scudi verschlungen, von denen man bereits vor Beginn der Arbeiten ausgegangen war, sondern über 600.000 Scudi.19 Zum Vergleich: Die im gleichen Zeitraum, aber auf Staatskosten errichtete päpstliche Festung in der Grenzstadt Ferrara hatte kaum mehr gekostet.20 Die Apostolische Kammer konnte eine solche Summe dank ihrer Steuereinnahmen aufbringen. Einem privaten Investor war das allerdings nicht möglich. Daher blieb Enzo nichts anderes übrig als die Aufnahme von Krediten. Auch hier erwies sich die Unterstützung der Papstfamilie als essentiell: Kleinere Kredite konnte man bei Bankhäusern, Städten oder auch Privatleuten aufnehmen, und Enzo nahm alles, was er kriegen konnte.21 Für Großkredite bedurfte es allerdings der Zulassung zu den Monti, das heißt zum römischen Kapitalmarkt. Vom Gelingen seines Vorhabens überzeugt, hatte Enzo kein Risiko gescheut und Paul V. immer wieder um Zugang zu den Anleihen gebeten, die die Papstfinanz mit Bergen von frischem Geld (Monti = [Geld-]Berge) versorgten.22 So problemlos, wie im Vertrag von 1609 verheißen, war der Griff in die Kassen der Monti zwar nicht gewesen. Doch nicht zuletzt mit der Hilfe des Kardinalnepoten, dem die Forderungen seiner Familie wichtiger gewesen sein dürften als die Chancen der Montisti – also der Anleihekäufer –, ihr Geld jemals wiederzusehen, hatte Enzo bis zum Ende des Borghese-Pontifikats römische Kredite in Höhe von 285.000 Scudi auf seine Schultern geladen. Damit aber war der finanzielle Ruin besiegelt. Denn obwohl sich Paul V. zur Reduzierung der Zinsen von sechs auf fünf Prozent bereitfand und die Ernteerträge im bonifizierten Gebiet alle Erwartungen übertrafen, ließ sich der Zinsendienst für eine solche Summe nicht mehr mit den eigenen Einnahmen bestreiten.23 Die Aufnahme weiterer Kredite war unumgänglich, der Teufelskreis von wachsendem Zinsendruck und Neuverschuldung betreten und das Ende absehbar. 1621 musste der frischgebackene Kardinal Guido Bentivoglio feststellen, dass er ohne das anlässlich seiner Promotion überreichte Geldgeschenk der Stadt Ferrara dem Überbringer des roten Hutes noch nicht einmal die übliche kleine Spende hätte zukommen lassen können.24 1630 zeigte die vorübergehende Beschlagnahme ihrer den Montisti verpfändeten Güter den Bentivoglio, wie weit es mit ihnen gekommen war. 1639 erfolgte mit der Errichtung des Monte Bentivoglio ein letzter, zum Scheitern verurteilter Umschuldungsversuch. 1766 schließlich endeten die über ein Jahrhundert ergebnislos geführten Verhandlungen zwischen den Parteien mit der Übernahme der mit Hypotheken belasteten Besitzungen der Bentivoglio durch die Montisti: Die Bentivoglio waren bankrott.25
Dieses bittere Ende musste Enzo selbst nicht mehr erleben. Doch schon zu seinen Lebzeiten begann sich die Verquickung des Unternehmens mit den Interessen der Papstfamilie zu rächen: Selbst kleinere Rückstände drohten, Enzos Ansehen bei den Borghese zu schaden und deren Hilfsbereitschaft zu verringern. Die Papstfamilie musste er auszahlen, egal wie leer die Kassen waren – die zunächst so nützlichen Wechselwirkungen zwischen ökonomischen und klientelären Beziehungen wurden langsam zu einem Strick um Enzos Hals.26
Enzo selbst schien das allerdings wenig zu stören: Weder die Klagen seines Bruders Guido über die ausbleibenden Überweisungen, die den Nuntius in Brüssel zwangen, sein Tafelsilber zu versetzen,27 noch die galoppierende Verschuldung an den römischen Monti konnte Enzo davon abhalten, das schon lange geliehene Geld mit beiden Händen auszugeben. Was störte es ihn, am Monte Sisto mit knapp 300.000 Scudi in der Kreide zu stehen, wenn sich eine günstige Gelegenheit bot, den früheren Palast der Borghese gegenüber der päpstlichen Residenz auf dem Quirinal günstig (nämlich für schlappe 55.000 Scudi) zu erwerben?28 Hand in Hand sorgten die Verpflichtungen als Klient und die Anforderungen eines adligen Lebensstils dafür, dass Marchese Enzo immer tiefer in den Schulden versank. Langfristig war es allerdings genau diese Mischung aus adligem Status und klientelärer Vernetzung, die die Bentivoglio so lange vor dem endgültigen Ruin bewahrte. Mit seinen weitgestreuten Besitzungen verfügte das Adelsgeschlecht über ausreichende Ressourcen, um Kreditgeber zu finden und den endgültigen Verlust seiner verpfändeten Güter länger als 150 Jahre hinauszuzögern. Dank ihres Einflusses als lokale Magnaten in Ferrara kamen die Bentivoglio nicht nur für die Borghese, sondern auch für andere Papstfamilien als Klienten und Broker in Frage. Da die Indienstnahme als verlängerter Arm der Zentrale stets auch mit Karrierechancen in der kirchlichen Hierarchie belohnt wurde, war die Vertretung der Familie an der Kurie dauerhaft gewährleistet: Der ehemalige Nuntius Guido Bentivoglio residierte als Kardinal über zwei Jahrzehnte am päpstlichen Hof (und galt 1644 sogar als papabile), und noch 1719 erhielt mit Enzos Urenkel Cornelio ein weiterer Bentivoglio den roten Hut.29
Am Ende überwogen aber doch die roten Zahlen. Damit komme ich zu einer kurzen Bilanz. Ob es um die Motivlage des Unternehmers oder das Zustandekommen des Unternehmens geht, ob um die Vergabe von Ingenieuren oder Krediten, ob schließlich um die Vermeidung des Abstiegs oder doch um dessen Verzögerung: Im Kirchenstaat verbanden sich adliger Status und Lebensstil, finanzielle Reserven, Einfluss vor Ort, Dienst für die Kirche und die klienteläre Vernetzung mit der Papstfamilie zu einem Gemisch, das über Karrieren und Unternehmen entschied. In welchem Verhältnis diese Zutaten jeweils standen und wie sich dynamisierende Faktoren (wie die Patronage) zu eher statischen (wie dem Adel) verhielten, wäre für eine Unternehmensgeschichte im Land der Kirche näher zu untersuchen. Aber schon mein kurzer Ausflug in die Po-Ebene deutet an, dass die ökonomische und soziale Erstarrung des Kirchenstaats im 17. und vor allem 18. Jahrhundert mit dieser spezifischen Mischung zu tun haben dürfte.
Das gilt im übrigen auch für die Papstfamilien, die bei diesen Unternehmungen mitkassiert haben. Eine ganze Reihe der großen Nepotendynastien aus dem 17. Jahrhundert hat es vestanden, sich noch länger als die Bentivoglio – nämlich bis ins 19. Jahrhundert – zu halten. Dann aber mussten viele von ihnen ebenfalls das Tafelsilber verkaufen, und nicht wenige boten auch ihr Archiv feil. Auf diese Weise gelangten die umfangreichen Bestände, die die Borghese aus den Amtstuben ihrer Regierungszeit mitgenommen hatten, wieder zurück in den Vatikan.30 Ebenso ist die Güterverwaltung der einstigen Papstfamilie im Vatikanischen Archiv gelandet. Zum Glück, möchte man sagen. Denn sonst wäre womöglich nicht nur mein Marchese im Matsch gelandet, sondern die ganze Geschichte irgendwo spurlos versunken.
Quellen- und Literaturverzeichnis
Archivalische Quellen
Ferrara
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Rom
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Ferrara 1113, 410–413.
Archivio Segreto Vaticano (jetzt: Archivio Apostolico Vaticano), Fondo Borghese:
FB I 929.
FB II 318, 401, 420, 434.
FB III 3,3, 43AB.
Archivio Segreto Vaticano (jetzt: Archivio Apostolico Vaticano), Segreteria dei Brevi:
Sec. Brev. 452
Biblioteca Apostolica Vaticana, Fondo Urbinate, Urbinates latini:
Urb. lat. 1077.
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Quellen- und Literaturverzeichnis