Decorum und Mammon im Widerstreit? Adeliges Wirtschaftshandeln zwischen Standesprofilen, Profitstreben und ökonomischer Notwendigkeit
11 Feb 2022
Darstellung und Fremdwahrnehmung von wirtschaftlichen Praktiken
»Ihr Augenmerck ist Reichthum«. Wahrnehmungen und Bewertungen des genuesischen Adels im 17. und 18. Jahrhundert
1 Einleitung
Das Zitat im Titel stammt von Charles Marguerite Jean Baptiste Mercier Dupaty, der in seinen Briefen über Italien vom Jahr 1785 wenig Schmeichelhaftes über den genuesischen Adel zu berichten wusste.1 Manche seiner Verdikte gingen weit über die Äußerungen anderer Autoren hinaus. Wenn er den außerordentlichen Reichtum der Nobili hervorhob, stand er hingegen nicht allein. Bemerkenswert erschienen auswärtigen Beobachtern dabei regelmäßig nicht nur die Dimensionen, sondern auch die Ursprünge dieses Reichtums. Denn dessen Wurzeln verortete man nicht etwa in ausgedehnten Landgütern, sondern in Handel und Finanzgeschäften. Derartige wirtschaftliche Aktivitäten von Adligen waren gerade in Italien nicht völlig ungewöhnlich, stellten in dieser Konzentration und Intensität im europäischen Maßstab aber ein Alleinstellungsmerkmal der genuesischen Nobili dar.
Vor diesem Hintergrund ist zu fragen, wie der – reale oder auch nur angenommene – Reichtum und dessen Grundlagen die Wahrnehmung des genuesischen Adels durch Auswärtige prägten. War der Reichtum nur eine Eigenschaft unter vielen oder ein charakteristisches Element, das die Beurteilung der Nobili maßgeblich beeinflusste? Und in welcher Weise tat er das?
Das Ziel dieses Beitrags ist es, einige Charakteristika des Bildes herauszuarbeiten, das »man« in Europa von der genuesischen Aristokratie hatte. Als Quellengrundlage dient daher in erster Linie Reiseliteratur in deutscher und französischer Sprache aus dem 17., vor allem aber dem 18. Jahrhundert und damit eine Textgattung, die darauf ausgerichtet war, ein großes Publikum ohne besondere für das Textverständnis unabdingbare Voraussetzungen, aber durchaus mit gewissen Vorprägungen und Erwartungen zu erreichen.2 In den meisten dieser Werke stellen die Ausführungen zu Genua und den Genuesen einen im Verhältnis zum Gesamttext eher kurzen Abschnitt dar. Wie das intendierte Lesepublikum waren auch die Verfasser keine ausgesprochenen Genua-Spezialisten, sondern hatten ihre Informationen bisweilen nur aus zweiter oder dritter Hand. Selbst wenn sie die ligurische Metropole aus eigener Anschauung kannten, war dies in der Regel eine nur oberflächliche Bekanntschaft.
Verglichen mit anderen italienischen Städten wie Rom, Florenz, Venedig oder Neapel war Genua ein Reiseziel zweiten Ranges.3 Viele Italienreisende kamen gar nicht nach Genua, und diejenigen, die kamen, nahmen oft die ligurische Metropole sozusagen nur im Vorübergehen mit. Dementsprechend enthält ein beachtlicher Teil der einschlägigen Reiseliteratur zu Italien gar keine oder nur marginale Aussagen über Genua und seinen Adel.4 Für diesen Beitrag herangezogen wurden aus dem 17. Jahrhundert die anonym veröffentlichte Voyage de Monsievr le Prince de Condé (1635)5 und das Werk Le voyage et la description d’Italie des Geographen Pierre Duval (1656).6 Für Jan Janszoon Struys (1675, deutsch 1678)7 ebenso wie für Jacob Spon und George Wheler, deren 1678 erschienener Reisebericht in deutscher Übersetzung (1690) herangezogen wurde,8 war Genua nur eine Durchgangsstation auf ihrer Reise nach Griechenland.
Insgesamt ausführlicher sind die Aussagen in den ausgewerteten Quellen des 18. Jahrhunderts. Johann Georg Keyßlers Neüeste Reisen, hier verwendet in der Ausgabe von 1740, war eines der ausführlichsten und am weitesten verbreiteten deutschsprachigen Reisehandbücher.9 Keyßler ging aber über die üblichen praktischen Hinweise und die Aufzählung von Sehenswürdigkeiten hinaus und nahm vielfach Einordnungen und Wertungen vor, die frühaufgeklärte Einflüsse erkennen lassen. Überhaupt ist ein erheblicher Teil der Quellen dem weiten Spektrum der Aufklärung zuzuordnen wie die umfangreichen Observations sur l’Italie et sur les Italiens des Literaten Pierre Jean Grosley (1774).10 Das umfangreichste und am weitesten verbreitete deutschsprachige Italien-Reisehandbuch des 18. Jahrhunderts war Johann Jacob Volkmanns Historisch-kritische Nachrichten von Italien.11 Einen dezidiert aufgeklärten Standpunkt nehmen Charles Marguerite Jean Baptiste Mercier Dupatys Briefe über Italien vom Jahr 1785 ein,12 die in Georg Forsters Übersetzung aus dem Jahr 1789 benutzt wurden, und die Voyage en Italie des bekannten Astronomen Joseph Jérôme Lefrançais de Lalande.13 Briefe über Italien veröffentlichte in den Jahren 1778 bis 1785 auch der Bibliothekar Herzogin Anna Amalias von Sachsen-Weimar, Christian Joseph Jagemann,14 wobei der 24. Brief der Republik Genua gewidmet ist.
Um exemplarisch zu prüfen, inwieweit die Aussagen zu Genua aus der Reiseliteratur sich mutatis mutandis auch in anderen Textgattungen finden, namentlich in solchen, die beanspruchten, für ein breites Publikum das allgemeine Wissen zusammengetragen, wurde als wichtigstes deutschsprachiges Lexikon des 18. Jahrhunderts der Zedler herangezogen,15 ferner der Almanach des gens d’esprit (1762) des lothringischen Satirikers François-Antoine Chevrier.16
Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, erlaubt es dieses Quellentableau, das Ziel des Beitrags zu erreichen, nämlich ein holzschnittartiges Bild der Wahrnehmung und Darstellung des genuesischen Adels im 17. und 18. Jahrhundert zu entwerfen. Mit anderen Worten: Es wird danach gefragt, inwieweit in der nordalpinen europäischen Öffentlichkeit stereotype Vorstellungen vom genuesischen Adel existierten und wie diese konturiert waren. Gleichzeitig kann verfolgt werden, wie die spezifischen Perspektiven der Autoren das von ihnen gezeichnete Bild des genuesischen Adels beeinflussten und wie im Zeitalter der Aufklärung etablierte Urteile aufgegriffen, modifiziert – und das heißt häufig: verschärft – wurden. Die Analyse erfolgt also in dem Bewusstsein, dass Quellen, die Wahrnehmungen und Wertungen von Fremdem beinhalten, üblicherweise in hohem Maße durch Vorannahmen geprägt sind und oft mehr über den Betrachtenden aussagen als über die »Realität« des Dargestellten, ferner dass Lob und Kritik bisweilen ebenso sehr auf die eigene wie auf die fremde Gesellschaft zielen.17 Vor dem Blick in die Quellen erscheint es jedoch geboten, einige grundlegende Informationen zur frühneuzeitlichen Republik Genua und ihrem Adel voranzuschicken.
2 Die frühneuzeitliche Republik Genua und ihr Adel
Das frühneuzeitliche Genua hatte wenig gemein mit der mächtigen Seerepublik, die bis ins 14. Jahrhundert auf Augenhöhe mit Venedig um die Vorherrschaft im östlichen Mittelmeer gerungen hatte. Der Großteil der genuesischen Kolonien im Schwarzen Meer und der Ägäis fiel im 15. Jahrhundert unter osmanische Herrschaft, und die Dominante selbst wurde von internen Konflikten erschüttert und geriet gar für längere Zeit unter mailändische, dann französische Herrschaft. Ihr Herrschaftsgebiet beschränkte sich fortan auf den ligurischen Küstenstreifen und die vorgelagerte Insel Korsika. Für den Handel in Oberitalien und im westlichen Mittelmeer bewahrte die ligurische Metropole aber eine erhebliche Bedeutung. Vor allem avancierte sie zu einem der wichtigsten europäischen Finanzplätze. Dieser Aufstieg wurde nicht nur von der genuesischen Staatsbank, der Casa di San Giorgio, sondern auch durch das Engagement zahlreicher genuesischer Familien im Finanzgeschäft getragen.18
Das Jahr 1528 markiert eine wichtige Zäsur in der genuesischen Geschichte, ja die eigentliche Geburtsstunde der frühneuzeitlichen Republik Genua. Die Übergabe der Stadt an den kurz zuvor zu Kaiser Karl V. übergelaufenen Admiral Andrea Doria eröffnete nicht nur eine bis zum Ende des 17. Jahrhunderts andauernde Phase der weitgehenden Anlehnung der Republik an die Katholischen Könige aus dem Haus Habsburg. Vielmehr ließ Doria durch zwölf Riformatori eine neue Verfassung ausarbeiten, die den inneren Unruhen, die die vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte geprägt hatten, ein für allemal ein Ende setzen sollte. Das Ergebnis war eine strikt oligarchische Verfassung, die jegliche politische Teilhabe auf diejenigen beschränkte, deren Namen im Liber Nobilitatis verzeichnet waren. In ihn wurden alle aufgenommen, deren Familien vor dem Jahr 1506 an der Herrschaft partizipiert hatten. 1528 enthielt der Liber Nobilitatis 1.934 Namen. Die verfassungsmäßige Möglichkeit, im Rahmen der sogenannten Ascrizioni bis zu zehn verdiente Untertanen pro Jahr unter die Nobili aufzunehmen, wurde in der Folge bei weitem nicht ausgeschöpft und konnte das Aussterben zahlreicher Adelsfamilien nicht ausgleichen. Der Anteil der Adligen an der steuerpflichtigen Bevölkerung in Genua belief sich im Jahr 1630 auf 7,6 Prozent.19
Der eine Liber Nobilitatis konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass der genuesische Adel in die beiden großen Gruppen des alten und des neuen Adels, der Vecchi und der Nuovi, zerfiel. Die Vecchi waren die Nachkommen des alten ligurischen Feudal- bzw. Amtsadels. Demgegenüber sind die Nuovi, die anfänglich auch als Popolari bezeichnet wurden, als gesellschaftliche Aufsteiger aus dem städtischen Bürgertum zu charakterisieren. Prinzipiell waren Vecchi und Nuovi gleichberechtigt – so standen ihnen alle Ämter bis hinauf zum Dogen offen. Tatsächlich besaßen die Vecchi jedoch auf verschiedenen Ebenen ein deutliches Übergewicht. Sie beanspruchten einen Vorrang vor den Nuovi und öffneten sich nur sehr zögerlich einem Konnubium mit ihnen. Die Spannungen zwischen beiden Adelsgruppen entluden sich 1575 in einem heftigen, bürgerkriegsähnlichen Konflikt. Erst die Verfassungsreform von 1576 konnte das genuesische Machtgefüge weitgehend stabilisieren. Doch auch später gab es in Genua und seinem Herrschaftsgebiet immer wieder Verschwörungen und Unruhen, von denen die seit 1729 andauernden, nicht mehr aus eigener Kraft niederzuwerfenden Aufstände Korsikas 1768 zur faktischen Abtretung der Insel an Frankreich führten.20
Die Binnendifferenzierung der genuesischen Nobili beschränkte sich nicht auf den – freilich grundlegenden – Unterschied zwischen Vecchi und Nuovi, sondern auch in ökonomischer Hinsicht waren die Abstände zwischen den zwei Dritteln der Adligen, die zur Gruppe der höchstbesteuerten Genuesen gehörten, und den nur mäßig wohlhabenden oder gar völlig verarmten Familien enorm. Kennzeichnend für den genuesischen Adel insgesamt war, dass ihm Handelsaktivitäten nicht verboten waren. Vielmehr engagierte sich ein großer Teil sowohl der Vecchi als auch der Nuovi im europäischen und im kolonialen Handel, vor allem aber im Kreditwesen.21 Besonders eng waren im 16. und 17. Jahrhundert die Geschäftsbeziehungen zur Krone Spanien, die sich für die Genuesen als lukrativ, infolge der spanischen Staatsbankrotte für einige Häuser aber auch als desaströs erwiesen. Auch im 18. Jahrhundert war Genua noch ein bedeutendes Finanzzentrum mit Verbindungen nicht nur nach Spanien, sondern unter anderem auch nach Frankreich, Österreich und Großbritannien.22
Beim genuesischen Adel handelte es sich also um eine überschaubare, in sich aber äußerst heterogene Gruppe, deren Angehörige sich vielfach wirtschaftlichen Aktivitäten widmeten, die in anderen Ländern als zutiefst unadelig galten. Der einzige gemeinsame Nenner und das entscheidende Kriterium für das Adligsein in Genua war der Eintrag im Liber Nobilitatis. Der Adelsstatus war also primär auf die Republik bezogen. Was Reisende aus anderen Ländern von solchen Adligen hielten, soll im Folgenden skizziert werden.
3 Fremdwahrnehmungen des genuesischen Adels im 17. und 18. Jahrhundert
3.1 Ein problematischer »Nationalcharakter«
Mehrere der ausgewerteten Quellen kolportieren, dass sich die Ligurer und die Genuesen seit jeher eines schlechten Rufs erfreuten. Einige Autoren zitieren in diesem Zusammenhang das Sprichwort:
„Monte senza legno, Mare senza pesce, Gente senza fede, & Donne senza vergogna.“ 23 | „Gebirge ohne Holz, Meer ohne Fisch, Volk ohne Treue, und Frauen ohne Scham.“ |
Die Treulosigkeit und die Schamlosigkeit werden nicht ausdrücklich auf den genuesischen Adel bzw. die adligen Frauen bezogen. In der aristokratischen Republik Genua trafen diese Verdikte die Adligen aber durchaus und in besonderer Weise. Noch mehr gilt dies für den Hochmut – immerhin die erste der sieben Todsünden. Denn Genua trug den Beinamen »la Superba« – und das konnte man, wie der Zedler, als »die Prächtige« übersetzen,24 oder als »die Stolze«. »Superbo« konnte aber auch »hochmütig« oder »überheblich« bedeuten. Das warf einen weiteren Schatten auf den genuesischen Adel.
Ein geradezu vernichtendes Urteil über die Genuesen fällte in der Mitte des 18. Jahrhunderts François-Antoine Chevrier, der sie als unbeständig, grausam, habgierig, arglistig, eifersüchtig und rachsüchtig charakterisierte.25 Lalande berichtet diese Einschätzung, distanziert sich aber davon und stuft sie als Ergebnis von »sartires particuliers« einiger Menschen ein, die Anlass gehabt hätten, sich über die Genuesen zu beschweren. Er habe nie dergleichen beobachtet, sondern die Genuesen als ebenso liebenswürdig wie die Bewohner anderer italienischer Städte kennengelernt. Das genuesische Volk neige nur dann zur Gewalttätigkeit, wenn es unterdrückt werde. Allerdings erschienen ihm die Genuesen weniger gastfreundlich gegenüber Fremden, weniger gebildet und stolzer als andere Italiener.26
3.2 Ein zweifelhafter, in sich gespaltener Adel
Neben Aussagen zum »Nationalcharakter« der Genuesen im Allgemeinen finden sich auch spezifische Aussagen zum genuesischen Adel. Der Zedler bringt ziemlich unmissverständlich zum Ausdruck, dass keineswegs alle genuesischen Nobili nach geburtsständischen Maßstäben adelig seien, denn in der Verfassungsreform von 1528 seien »Adel und gemeine […] mit einander vermengt« worden.27
Die Untergliederung des Adels in Vecchi und Nuovi und der Vorrang der Ersteren werden mehrfach thematisiert. Pierre Duval bezeichnet 1656 die Nuovi als »pas si considerables« und demgegenüber die Doria, die Spinola, die Grimaldi, die Fieschi, die Del Carretto, die Pallavicino und die Cybo, die führenden Familien der Vecchi, als so mächtig und reich, dass man sie wohlweislich von der Regierung fernhalte.28Auch Keyßler betont die größere Exklusivität der Vecchi. Zwar seien die beiden Adelsgruppen in Hinsicht auf die öffentlichen Ämter gleichberechtigt, »im übrigen aber nehmen sich die alten gar vieles vor den andern heraus«. Von den Nuovi hebt Keyßler die Giustiniani hervor, die eigentlich von altem Adel seien, sich aber »als Haupt zu den neuern Adel […] geschlagen« hätten.29 Der Zedler qualifiziert die Nuovi als »gleichsamb ein Anhang derer vornehmsten« geradezu ab.30 Er unterstreicht die Differenz zwischen Vecchi und Nuovi auch, indem er ausführt, dass sich »zu allen Zeiten viel grosse Generale und Admirale, unter dem Genuesischen Adel gefunden« hätten31 – denn die von ihm genannten Männer, die solche adelsgemäßen Aktivitäten ausübten, gehörten allesamt zu den Vecchi. Volkmann konstatiert noch für seine Zeit »eine Art von Neid und Eifersucht« zwischen Vecchi und Nuovi. 32 Militärische Tugenden, wie sie den adligen Habitus zu prägen pflegten, seien aber auch den Vecchi seiner Zeit fremd.33 Jagemann berichtet insgesamt vergleichsweise freundlich über den genuesischen Adel, kritisiert die oligarchische Regierung aber für ihre Entscheidung, die nicht mehr zu kontrollierende Insel Korsika Frankreich zu überlassen, »was mehr dem Character ihres Pöbels als jenem des Adels angemessen ist«.34
Besonders deutlich akzentuieren Grosleys Observations sur l’Italie den Unterschied zwischen den Vecchi und den Nuovi. Er behauptet, Andrea Doria habe bei der Neuordnung des Staats 1528 die Regierung den Vecchi vorbehalten. Erst 1576 sei die »mur de division« durchbrochen und beide Gruppen des Adels seien in gleicher Weise zur Regierung der Republik berufen worden. Sie hätten aber immer noch unterschiedliche Versammlungsorte und Interessen. Am Portico Vecchio, wo sich der alte Adel versammle, gebe es eine Terrasse mit Blick auf die Straße und die Kirche San Siro, wo sich einige antike, mit purpurnem Samt bezogene Sessel befänden, auf denen nur ein Vecchio Platz nehmen dürfe. Wenn ein Nuovo des Weges komme, grüße er die dort Versammelten mit einer tiefen Verbeugung, die ihm diesen Gruß »fort légèrement« erwiderten. Manchmal winkten sie den Neuadligen sogar mit dem Finger herbei, und dieser höre respektvoll, was man ihm sagen wolle. Die Nuovi hätten hingegen keinen anderen Versammlungsort als die Marmorbänke bei den Banchi, der Börse.35
Dupaty deutet noch in den 1780er Jahren ein anhaltendes Sonderbewusstsein der Vecchi an. Man könne zwar den Adel »oder vielmehr seine Vorrechte« für etwa 10.000 Livres kaufen – eine zumindest verkürzende Darstellung der Ascrizioni –, denn der alte Adel halte es für sicherer, reich gewordene Bürger in den Adel aufzunehmen und so zu verhindern, dass sie die antiaristokratische Bürgeropposition verstärkten. Aber selbst wenn diese Neuadligen nun im Goldenen Buch des genuesischen Adels verzeichnet seien, blieben sie den Vecchi »noch immer verächtlich«. Auch verdiente Staatssekretäre würden erst dann nobilitiert, wenn sie ein entsprechendes Vermögen erworben hätten.36 Demnach war es im Grunde also das Geld, das den genuesischen Adel ausmachte. Das galt insbesondere für die durch die Ascrizioni nachträglich in den Liber Nobilitatis aufgenommenen Familien, aber längst nicht nur für diese.
Deutlich aus dem Rahmen dieser distanzierten oder gar verächtlichen Darlegungen zum genuesischen Adel fallen einige Aussagen Lalandes. Im Gegensatz zu den anderen Autoren betont er die Gleichheit unter dem genuesischen Adel, wenn er auf die allen gemeinsame schwarze Kleidung hinweist. Zudem würdigt er, dass die jungen Adligen durch die Aufgaben, die man ihnen übertrage, und durch die Kontrolle der Regierung im Zaum gehalten würden.37 Andererseits kennt aber auch er die »jalousie entre les nobles de l’ancien portique & ceux du nouveau portique«.38
3.3 Ein handeltreibender Adel
Dass der genuesische Adel sich im Handel und Kreditgeschäft betätigt und sich somit Aktivitäten widmet, die vielfach als unvereinbar mit dem Adelsethos betrachtet wurden,39 ist allgemein bekannt. Unter Anspielung auf die französischen Dérogeance-Bestimmungen, nach denen bei der Ausübung eines »unadeligen« Berufs der Verlust von Adelstitel und -privilegien drohte, hebt Grosley in den Observations sur l’Italie hervor, dass der neue wie der alte Adel sich gegen das Vorurteil geschützt habe, das den Handel mit dem Adelsstatus für unvereinbar erkläre.40 Der genuesische Adel habe zu allen Zeiten Bank- und Handelsgeschäfte betrieben und tue dies immer noch.
Auch Keyßler erwähnt als Besonderheit, dass in Genua »von Hohen und Niedrigen« Handel getrieben werde, wobei »jedermann auf seinen Profit siehet«.41 Nur die Doria und die Spinola hätten »nichts mehr mit der Kauffmannschaft zu thun«. Die übrigen betrieben sie aber »ohne Bedenken, nicht zwar in kleinem, sondern in Wechseln, und daß sie Theil an Kauffahrttey-Schiffen nehmen«.42 Wenngleich sich also die genuesischen Adligen zumindest nicht im Detailhandel betätigen, erscheinen ihre Aktivitäten im Bankenwesen und Großhandel Keyßler tendenziell doch bemerkenswert. Zugleich deutet Keyßler Unterschiede im Geschäftsgebaren der Vecchi und der Nuovi an, wenn er berichtet, dass sich nur der neue Adel und die »bürgerlichen Kauffleute« »in Angelegenheiten der Kaufmannschaft« an der Börse versammelten.43 Mittels dieser räumlichen Nähe suggeriert Keyßler auch eine soziale Nähe zwischen Nuovi und nichtadligen Kaufleuten. Zugleich betont er implizit die Differenz zwischen diesen Aufsteigern und dem eigentlichen Geburtsadel, den Vecchi.
Dezidiert positiv bewertet Volkmann die Wirtschaftstätigkeit des genuesischen Adels: »Der genuesische Adel ist so klug und hält es für keine Schande, zu handeln. Die Pallavicini sind die ansehnlichsten Kaufleute. Alle übrigen, die Doria und die Spinola ausgenommen, handeln, haben Antheil an Schiffen, Fabriken, sind Banquiers, und so weiter.«44
Auch Lalande führt aus, dass sich die genuesischen Adligen als Bankiers mit Geschäftsbeziehungen nach Frankreich, England und Deutschland betätigten. Die derzeit reichsten Adligen seien Marcellone Durazzo – ein Nuovo – und seine beiden Söhne. Eine andere prominente Persönlichkeit, deren Aktivitäten im Bankenwesen Lalande hervorhebt, ist der Bruder des spanischen Ersten Ministers Girolamo Grimaldi, ein Vecchio.45 An anderer Stelle bezeichnet Lalande das Haus Cambiaso als eines der reichsten von ganz Europa, das für seine Verdienste um das Vaterland – darunter den Straßenbau von Genua nach Campomarone, der wohl vier Millionen Genovesi verschlungen habe – in den Adelsstand erhoben worden sei.46 Hierin zeigt sich ein vergleichsweise freundlicher Blick auf die Ascrizioni, der den Aspekt des Reichtums als Voraussetzung für die Nobilitierung nicht negiert, aber die Verdienste um das Gemeinwesen in den Vordergrund rückt. Ohne dies zwar ausschließlich auf den Adel zu beziehen, aber direkt im Anschluss an die Ausführungen zu den adligen Bankiers bescheinigt Lalande den Genuesen, sie seien »très-fins & très-intelligens dans le commerce«. Diese Aussage könnte allerdings auch als Kritik gelesen werden, denn indem Lalande zugleich auf die hohen Gewinne durch Getreidespekulation während der Versorgungskrise von 1764 verweist, deutet er eine gewisse Skrupellosigkeit im Geschäftsgebaren an.47 Dezidiert positiv bewertet dagegen Jagemann die Handelstätigkeit des genuesischen Adels: »Der Adel, welcher sich hier nicht schämt, Handelschaft zu treiben, ist, wie alle großen Kaufleute, wohlgesittet; der Handel ist die Quelle seiner Reichthümer, und macht ihm Ehre.«48
3.4 Reichtum und Verhältnis zum Geld
Der Reichtum der Genuesen und insbesondere der Nobili war sprichwörtlich. Dupaty bezeichnet sie kurz und bündig als »unermeßlich reich«.49 Manche Autoren beziffern den Reichtum einzelner Genuesen. So belaufen sich nach Keyßler die Jahreseinkünfte des Fürsten Doria auf 150.000 Filippi 50 und die jährlichen Mieteinnahmen, die die Familie Imperiali aus einem einzigen Platz erziele, auf 100.000 Livres.51 Volkmann kennt zwar den sprichwörtlichen Reichtum der Genuesen, meint aber, dieser habe »sehr abgenommen«.52
In der Reiseliteratur wurde der Reichtum der führenden genuesischen Familien regelmäßig anhand der Beschreibung der prächtigen Paläste in der Strada Nuova (der heutigen Via Garibaldi) und der Strada Balbi (heute Via Balbi) verdeutlicht. Selbst in Berichten, die Genua weniger als eine Seite widmen, wird die Pracht der Paläste erwähnt. Bei Spon und Wheler heißt es 1690: »Dann man siehet nichts darin [in Genua, M.S.] als Palläste und andere Gebäude von Marmel aufgeführet / und hat die Strada nova keine andere / als überaus prächtige.«53 Lalande greift zu dem Superlativ: »Il n’y a point de ville au monde si superbe en édifices de marbre, que la ville de Gênes.«54 Und für Dupaty ist die Strada Nuova »die schönste Straße in der Welt«.55 Einige Autoren beschreiben die genuesischen Palazzi ausführlich. Keyßler nennt für die Strada Nuova die Paläste der Doria, Pallavicino, Lercari, Carrega und Negroni sowie für die Strada Balbi den Palazzo Durazzo, der »anjetzt ausser Streit das beste weltliche Gebäude der Stadt« sei.56 Andere Autoren heben teils dieselben, teils andere Paläste hervor.57
Geradezu standardmäßig findet der Palast der Fürsten Doria – heute Palazzo Principe – in der Nähe des Hafens Erwähnung. Keyßler kolportiert in diesem Zusammenhang die Anekdote, nach der bei einem Gastmahl zu Schiff, das Andrea Doria Kaiser Karl V. gegeben habe, das benutzte Gold- und Silbergeschirr über Bord geworfen worden sei. Den Spaniern sei entgangen, dass das Geschirr durch unter Wasser aufgespannte Netze geborgen worden sei. Sie hätten sich die schier unerschöpfliche Menge an Gold- und Silberzeug nur so erklären können, dass Doria sich dieses zusammengeborgt habe.58
Zur Innenausstattung der Adelspaläste macht Keyßler nur wenige Aussagen,59 und auch Lalande greift nur sieben Paläste heraus, deren Kunstschätze – darunter Gemälde von Caravaggio, Guercino, Reni, Rubens, Tizian, Van Dyck und Veronese – er würdigt.60 Volkmann beschreibt, der Intention seines Reisehandbuchs entsprechend, die genuesischen Paläste vergleichsweise detailliert.61 Auch Dupatys Briefe über Italien widmen sich ausführlich dem Interieur der Palazzi. Nach dem Besuch der Paläste Brignole, Serra und Chiagera schildert sich Dupaty als »geblendet, betäubt, entzückt« von »Gold, Marmor, Krystall, Porphyr, Basalt und Alabaster in dorischen, ionischen, korintischen Säulen, Pfeilern, Kapitälern, Verzierungen aller Art und Gestalt«.62 Kurz darauf setzt er im selben Tenor fort: »Wer kann diesen Glanz ertragen, wer kann ihn beschreiben? […] Bey diesen Spiegeln, diesem Pflaster, diesen Säulen, bey dem verschwendeten Golde, Lasur, Marmor und Porphyr, ist Pracht der einzige passende Ausdruck.«63 Die Besitzer dieser Paläste stellt Dupaty allerdings als Banausen hin:
»[Sie] kennen selbst nicht die Schönheiten ihres Eigenthums, oder erfahren sie erst von staunenden Fremden und aus dem Munde der prahlenden Ruhmgöttin. Neben jenen Sälen selbst, ja in den Sälen selbst, wo die Farben eines Titian, Rubens, Vandyk und Veronese spielen, dort stellen diese edlen Genueser täglich die plumpste Arbeit des dünnesten Pinsels.«
Sie bewohnten, so Dupaty, »nicht einmal diese reichen Zimmer, sondern irgend ein Dachstübchen, und sind gleichsam nur die Hausvögte ihres eigenen Pallasts«.64 Der verbreitete Mangel an gutem Geschmack schließt auch die Frauen ein: »sie verwechseln Reichthum und Zierrath, Zierrath und Putz miteinander.«65
Insgesamt haben bei Dupaty die Beschreibungen des genuesischen Reichtums einen kritischen Unterton. Er erklärt, dass »alle Schönheiten, alle Reichthümer des Pallasts von Durazzo ihren Reiz« für ihn verloren hätten, nachdem er zuvor das Brot für die Armen gekostet habe.66 Wenig später, nach dem Besuch der Galeeren und angesichts des dort erblickten Elends ruft er aus: »Genua! Deine Palläste sind weder hoch noch weitläuftig, weder zahlreich noch glänzend genug; denn man sieht deine Galeeren!«67 Schließlich deutet er an, dass das alles beherrschende Streben nach Reichtum in Genua selbst die natürlichsten Familienbande beeinträchtige: »Niemand ist dort Mutter, oder Kind, oder Bruder; sondern man hat Erben und Verwandte.«68 Reichtum geht in seiner Darstellung also einher mit einem außerordentlichen Geiz, den andere Autoren freundlicher als Sparsamkeit deuten.69
Außerdem stellt Dupaty die Pracht der Paläste dem Heer der Bettler vor ihren Toren gegenüber. Gegenüber diesen Bettlern zeigten die Nobili – in unterschiedlichem Maße – eine »unüberlegte Freygebigkeit«, die nicht die Ursachen der Armut bekämpfe, sondern vielmehr die Bettelei noch befördere. Auch mit seiner Behauptung, sie verschwendeten ihr Geld für ihre Dienerschaft, für Pferde und an Mönche, zeichnet Dupaty ein reichlich unaufgeklärtes Bild der genuesischen Adligen.70 Volkmann kritisiert vor allem ihre Neigung, die Zeit mit dem Spiel zu vergeuden. Das Kartenspiel nennt er gleichberechtigt mit dem Handel und noch vor der Regierungstätigkeit als Hauptbeschäftigung der Genuesen.71
Nach einigen Berichten geht der Reichtum der Adligen mit Eigensucht und mangelndem Gemeinsinn einher. Während des Österreichischen Erbfolgekriegs, in einer akuten Bedrohungssituation also, hätten sie sich, so Grosley, zu freiwilligen Zahlungen bereitgefunden, mittlerweile seien sie aber wieder zur Praxis zurückgekehrt, das Volk mit außerordentlichen Steuern zu belasten.72 Auch Dupaty kritisiert die – von der oligarchischen Regierung erlassenen – genuesischen Gesetze, die nur den Interessen des Adels dienten.73 Jagemann spricht demgegenüber von einer »sehr mild[en]« Regierung, stellt jedoch die Armut des Staats dem Reichtum der Einzelnen gegenüber.74 Dupaty bescheinigt dem Adel ein so geringes Interesse an den Staatsangelegenheiten, dass man oftmals Geldbußen verhängen müsse, um das erforderliche Quorum in den Regierungsgremien zustande zu bringen: »Es ist ein Frohndienst, den man ihnen [den Adligen, M. S.] abnöthigen muß.«75 Lalande, der exemplarisch auch auf die Verdienste Neunobilitierter um das Gemeinwesen hinweist, hingegen stellt die Handels- und Regierungsaktivitäten der Genuesen auf eine Stufe: »A Gênes, tous le monde est employé ou au commerce, ou au gouvernement«.76 Volkmann, der einerseits die Handelsaktivitäten des genuesischen Adels berichtet, hebt andererseits die Regierungstätigkeit des Adels hervor, beurteilt diese aber durchaus kritisch, wenn er ihm im Allgemeinen Prunksucht, mangelnde Bildung und einen engen Horizont bescheinigt.77 Dass »die Republik Genua […] der ärmste Staat von Italien [sei,] aber die reichsten Bürger« habe, sieht er äußerst positiv, erhebt also nicht etwa die Forderung, die wohlhabenden Nobili stärker zur Finanzierung der öffentlichen Aufgaben heranzuziehen.78
Manche Texte würdigen die großzügige Spendenbereitschaft des genuesischen Adels anhand der Ehrenstatuten im Dogenpalast und in den Gebäuden einiger Fürsorgeinstitutionen. Keyßler weist auf die zahlreichen Statuen und Brustbilder von Stiftern in den Treppenhäusern und Vorsälen des Albergo, des größten Armenhauses, hin.79 Auch Lalande erwähnt die Ehrenstatuen im Albergo und lobt sie als ein exzellentes Mittel, um die Bürger zu guten Werken zu bewegen. Die dieser Institution vermachten Summen seien zum Erstaunen.80 Ebenso berichtet er über die Finanzierung des Großen Hospitals, die Kosten für den 1764 abgeschlossenen Bauabschnitt in Höhe von 500.000 genuesischen Livres seien durch freiwillige Spenden aufgebracht worden.81 Selbst Dupaty schätzt den Albergo prinzipiell als »Zufluchtsort« der Armen. Die Einkünfte des Hospitals seien »unermeßlich«, was »der Eitelkeit, der Frömmigkeit und dem Mitleiden« zu verdanken sei. Dass mit den zur Verfügung stehenden Summen nicht viermal so viele Arme versorgt werden können, führt er auf die Korruption der Administratoren zurück.82
An anderer Stelle wird Dupatys Kritik noch ätzender, wenn er die Republik Genua als ein System schildert, das auf die Unterdrückung des armen Volkes abziele. Der Adel sei nur darauf bedacht, den Tropfen zu verhüten, der das Fass zum Überlaufen brächte: »Seinem Geiz opfert er einen Theil seines Ansehens. […] Ihr Augenmerck ist Reichthum.« Oft entzögen sich die Nobili der Übernahme von Regierungsstellen, »aber um den geringsten Posten bey der Verwaltung der Bank und der Hospitäler bewerben sie sich«. Die Erklärung Dupatys für dieses Verhalten ist einfach: »Ihnen fehlt der mächtigste Antrieb guter Regenten; sie haben kein Land, sie sind Kaufleute.«83 Diese Defizite des Adels haben Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft: »der Verfall der Sitten, der Künste und der Einsichten in Genua [ist] augenscheinlich.«84
Jagemann hat offenbar solche Verdikte vor Augen, wenn er einerseits konzediert, dass in der Tat »Philosophie und Gewinnsucht […] nicht wohl zusammen[passen]« und dass es »wie in allen großen Handelstädten« in Genua durchaus »stolze […] Ignoranten« gebe, »die das Gold zu ihrem Abgott machen«. Andererseits fänden »die Gelehrten, welche die Wissenschaften und Künste mit nützlicher Thätigkeit verbinden, und hierdurch das bürgerliche Wohl befördern, […] zu Genua, wie in allen gesitteten Ländern, viele Freunde und Gönner.«85
4 Fazit
Das in manchen Zügen wenig schmeichelhafte Bild der Republik Genua und ihres Adels, das die untersuchten Quellen zeichneten, war nicht allein durch eigene Erfahrungen und Absichten, sondern auch durch Vorerwartungen konstituiert, die auf einem in zahlreichen Publikationen tradierten, wohletablierten Genua-Bild fußten. Dieses Bild wurde von den hier in den Blick genommenen Autoren teils konserviert, teils fortgeschrieben, teils abgewandelt, teils zugespitzt.
Der genuesische Adel erfreute sich unter den Zeitgenossen alles in allem keines besonders guten Rufs, wobei außer seinen Aktivitäten in Handel und Bankgeschäften auch andere Aspekte eine Rolle spielten. So wurden den genuesischen Nobili negative Eigenschaften zugeschrieben, die angeblich alle Genuesen oder gar alle Italiener charakterisierten, die bei ihnen aber besonders ausgeprägt seien.
Als prägend für die Wahrnehmung und Darstellung des genuesischen Adels erwies sich aber sein außerordentlicher, geradezu märchenhafter Reichtum, der auf seinem Engagement in Handel und Finanzwesen fußte. Diesbezüglich besaß der genuesische Adel im europäischen Vergleich zwar kein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Als singulär nahmen die Zeitgenossen wahr, dass praktisch der gesamte genuesische Adel sich in dieser Weise wirtschaftlich betätigte und mit welcher Intensität er das tat. Dies prägte die Bewertung der genuesischen Nobili durch Auswärtige nachhaltig. Ihr Reichtum wurde durchweg mit Staunen, vielfach mit Bewunderung zur Kenntnis genommen, seine Ursprünge in Handel und Kreditwesen waren jedoch manchen Autoren suspekt. Zwar entsprachen die vornehmsten Familien der Vecchi gemeineuropäischen Standards. Vor allem die Nuovi erschienen manchen Zeitgenossen aber nicht als ein Geburts-, nicht einmal als ein echter Verdienstadel. Während in den meisten untersuchten Quellen eine Distanzierung oder Skepsis gegenüber der Adeligkeit der genuesischen Nobili nur verhalten geäußert wird oder mehr zwischen den Zeilen zu lesen ist, porträtiert, ja karikiert Dupaty sie als Neureiche, deren adliger Status primär auf ihrem Vermögen beruhte, die ihren Reichtum in protziger, von Geschmack und Kunstsinn wenig belasteter Weise zur Schau stellten, ein wenig adelsgemäßes Leben führten und auch nicht die Eigenschaften besaßen, die »echte« Adlige nach zeitgenössischen Vorstellungen zur Herrschaft qualifizierten. Das musste aber nicht verwundern, weil vor allem die Nuovi seiner Meinung nach letztlich keine Adligen, sondern reiche Kaufleute mit Adelstiteln waren.
Gleichzeitig wird Dupatys Darstellung offensichtlich vom eigenen Standpunkt geprägt, wobei er ein über den konkreten Gegenstand – die Schilderung der genuesischen Verhältnisse – hinausweisendes Ziel verfolgt. Die Kritik an einem protzigen, frömmelnden, unaufgeklärten Adel trifft ebenso die Aristokraten anderer Länder – und namentlich in seiner französischen Heimat.86 Andere Autoren, wie Lalande, zeichnen ein freundlicheres Bild der genuesischen Nobili. Den deutlichsten Gegenpol zu Dupaty markiert unter den ausgewerteten Quellen aber Jagemann, der den genuesischen Adel gerade für seine Wirtschaftstätigkeit lobt.87 Damit stehen Dupaty und Jagemann für zwei unterschiedliche aufgeklärte Adelskonzepte. Während Jagemann einem in Staat und Wirtschaft tätigen Adel einiges abgewinnen konnte, äußerte Dupaty Fundamentalkritik. Auch ihr Engagement in Handel und Finanzwesen vermochte die genuesischen Nobili nicht vor seinem Verdikt zu retten. Vielmehr wendete Dupaty ihren Reichtum als Argument gegen sie.
Quellen-und Literaturverzeichnis
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Darstellung und Fremdwahrnehmung von wirtschaftlichen Praktiken
»Ihr Augenmerck ist Reichthum«. Wahrnehmungen und Bewertungen des genuesischen Adels im 17. und 18. Jahrhundert
1 Einleitung
2 Die frühneuzeitliche Republik Genua und ihr Adel
3 Fremdwahrnehmungen des genuesischen Adels im 17. und 18. Jahrhundert
4 Fazit
Quellen-und Literaturverzeichnis