Decorum und Mammon im Widerstreit? Adeliges Wirtschaftshandeln zwischen Standesprofilen, Profitstreben und ökonomischer Notwendigkeit
11 Feb 2022
Der Adel und das Geld. Zwischen demonstrativer Verschwendung und Bewahrung des Erbes
1 Einleitung
Wer über Adel und Geld redet, sieht sich zunächst einmal mit einer ganzen Reihe von Vorannahmen konfrontiert: Vorannahmen und zum Teil auch Vorurteilen, die im vorwissenschaftlichen Raum verankert sind; aber auch mit solchen, die die Fragestellungen und Antworten der Wissenschaft über Jahrzehnte hinweg bestimmt haben. In einer französischen Studie von Natacha Coquery über den Markt für Luxusgüter und die adligen Stadtpalais im Paris des 18. Jahrhunderts, die jetzt rund zwanzig Jahre alt ist, heißt es, Geld auszugeben und zu verschenken, ohne genau nachzurechnen und auf die Stabilität der eigenen Finanzen zu achten, stelle ein Verhalten dar, das eng mit den aristokratischen Leitbildern von Ehre und Ruhm verbunden sei.1 Das ist ein ganz typisches Urteil, und es könnte, gerade wenn man auf den höfischen Adel in Frankreich im 17. und 18. Jahrhundert blickt, in der Tat plausibel erscheinen. Die Forschung der letzten Jahre widerlegt dieses Urteil mit Sicherheit nicht.
Man könnte natürlich meinen, die conspicuous consumption, auf die Natacha Coquery anspielt, sei eben typisch für den reichen Hochadel, dem es darum ging, bei Hofe oder in Paris seinen Status permanent durch Luxus und Verschwendung unter Beweis zu stellen. Aber ganz so einfach ist es eben doch nicht. In der Geschichte ihrer eigenen Familie – es handelte sich um protestantische Landbesitzer in Irland, die mit Cromwell ins Land gekommen waren – zitiert die angloirische Schriftstellerin Elizabeth Bowen (gestorben 1973) eine Passage aus den Reiseberichten der 1770er Jahren von Arthur Young über Irland. Young führt hier aus, dass in Irland das Leben gerade für die gentry viel billiger sei als in England. Es gebe keine allgemeine Grundsteuer; auch andere Steuern seien niedriger und alle normalen Lebensmittel seien ebenfalls günstiger. Man solle daher annehmen, dass es dem Landadel selten gelinge, über seine Verhältnisse zu leben. Das stelle aber einen Irrtum dar, denn in Irland sei es für den eigenen Status eben entscheidend, möglichst viele Diener und möglichst viele Pferde zu unterhalten. Die enorme Zahl der Pferde sei geradezu eine »satire upon common sense« und von den Dienern gebe es auch deshalb so viele, weil sie meist als arbeitsscheu betrachtet würden. Bowen selbst dementiert zwar, dass dieses Urteil über ihre Vorfahren im 18. Jahrhundert wirklich gerechtfertigt sei, aber Young gab offenbar einen Eindruck wieder, den viele englische Reisende ebenfalls hatten.2 War dieser also vollständig unzutreffend?
Wenn wir uns eine nun schon etwas ältere Fallstudie von Jonathan Dewald über Pont Saint Pierre – einen Adelssitz in der Provinz – ansehen, in diesem Fall in der Normandie, dann finden wir zwar wenige Beispiele für sinnlose Verschwendung, aber Dewald kommt letztlich doch zu dem Schluss, dass es der von ihm untersuchten Familie – den Roncherolles – nicht wirklich gelang, sich den Herausforderungen des wirtschaftlichen Wettbewerbs zu stellen – oder vielleicht wollten sie es auch gar nicht. Eine im engeren Sinne des Wortes kapitalistische Mentalität blieb ihnen stets fremd. Deshalb bemühten sie sich nicht wirklich nachhaltig darum, die Höhe der Pachten an die Inflation anzupassen, investierten aber auch nicht genug in Wege, Bodenmeliorationen (die Verbesserung der Erträge) oder in die Ausstattung der Bauernhöfe.3
Solange sie einigermaßen zurechtkamen, waren Gewinnsteigerungen für die Roncherolles cura posterior. Erst nach 1750 begann sich das partiell zu ändern. Allerdings konnten die Barone für die Versorgung mit Lebensmitteln auch zu einem guten Teil auf die Erträge des Landes zurückgreifen, das sie selbst bewirtschafteten, so dass Preissteigerungen sie nicht betrafen. Dort, wo sie aufgrund ihrer Hoheitsrechte auf den Märkten der Kleinstadt, die sie kontrollierten – Pont St. Pierre –, die Preise festlegen konnten, orientierten sie sich an dem Ideal einer moral economy, an der Idee eines gerechten Preises, der auch in Zeiten der relativen Knappheit nicht durch vermeintliche oder wirkliche Spekulanten in die Höhe getrieben werden sollte.4
Da sie als Landwirte und Verpächter von Land von hohen Preisen profitierten, handelten sie damit eigentlich gegen ihre eigenen Interessen. Dies war ihnen aber offenbar nicht wirklich wichtig. Ihre seigneurie war eben nicht einfach ein Wirtschaftsbetrieb, sondern eine Herrschaftseinheit, und wenn man sich die Loyalität der eigenen Untertanen erhalten wollte, musste man auf deren Vorstellungen und Erwartungen ein Stück weit Rücksicht nehmen. Auffällig wird dies vor allem dort, wo es um größere Bauern und Pächter oder – wie in der Stadt – um Kaufleute und Handwerker ging, die nicht komplett vom Seigneur abhängig, sondern auch zu Widerstand fähig waren oder dem adeligen Grundbesitzer durch Prozesse das Leben schwermachen konnten.
Hier war es dann möglicherweise auch unklug, die eigenen wirtschaftlichen Interessen mit aller Energie durchzusetzen. Die ältere Forschung hat aus solchen Phänomenen zum Teil gefolgert, dass der ländliche Adelssitz als Herrschaftseinheit eben grundsätzlich etwas anderes gewesen sei, als ein auf den Markt ausgerichteter Betrieb. Ein fundamentaler Wandel sei erst in der Sattelzeit zwischen der Mitte des 18. und dem frühen 19. Jahrhundert eingetreten, als auch die Bodenspekulation in der Tat zunahm, oder wie es bei Otto Brunner in seinem bekannten Werk über adeliges Landleben heißt: In dieser Zeit sei die Herrschaft zum »agrarkapitalistischen Betrieb geworden, zu ›einem Gewerbe, das angemessenen Gewinn tragen muss‹« (Brunner zitiert hier Albrecht Conrad Thaer). »Die ›Herrschaft‹ wird zur ›Wirtschaft‹ im neuen, am Markt orientierten Sinn. Unaufhaltsam vollzieht sich der Wandel des Grundherren zum Großgrundbesitzer, zum landwirtschaftlichen Unternehmer oder, wenn der Aristokrat nicht selbst wirtschaftet, zum Rentenbezieher aus von Güterdirektoren oder Großpächtern geleiteten Unternehmungen.« 5 Man mag Brunners Buch aus heutiger Perspektive wegen seiner Tendenz, eine verlorene Welt zu idealisieren, mit einer gewissen Skepsis betrachten. Nimmt man aber eine neuere Untersuchung, wie die von Bartolomé Yun-Casalilla über die iberischen Weltreiche und die Globalisierung Europas in die Hand, so stellt auch er fest, dass es aristokratischen Familien im Gegensatz zu Wirtschaftsunternehmern nicht so sehr um profitorientiertes Handeln gegangen sei, sondern vor allem um den Status des eigenen Hauses und dessen Überleben. Hierfür reichte aber allein wirtschaftliches Kapital nicht aus, soziales und kulturelles Kapital waren mindestens ebenso wichtig.6
Solche Thesen werden auch für andere Länder durch die Forschung bestätigt. Sieht man sich etwa das wirtschaftliche Handeln der englischen gentry vor dem 18. Jahrhundert an, dann kommen neuere Studien auch zu dem Schluss, dass es vor allem Aufsteiger oder wirtschaftlich angeschlagene Landbesitzer waren, die sich wirklich bemühten, ihre Einnahmen mit aller Kraft auch durch die Anhebung der Abgaben für langjährige Pächter zu steigern. Altetablierte Familien, die einigermaßen über die Runden kamen, taten dies eher nicht, weil man in den tenants eben immer auch Klienten sah, deren Unterstützung zum Beispiel bei Parlamentswahlen oder in lokalen Konflikten mit rivalisierenden Familien wichtig sein konnte.7 Allerdings sind hier natürlich auch Einschränkungen notwendig. Es gab nicht nur in England, sondern auch zum Beispiel in den österreichischen Erblanden sehr wohl Adlige, die bewusst auf konjunkturelle Schwankungen bei den Preisen für Agrarprodukte setzten und hofften, beispielsweise ihr Getreide zu dem Zeitpunkt verkaufen zu können, wenn die Preise besonders hoch waren. Gundaker von Liechtenstein etwa, dem der Aufstieg in den Fürstenstand gelang, wies seine Verwalter zu Beginn des 17. Jahrhunderts an, gemahlenes Getreide in Wien in Speichern zu lagern und mit dem Verkauf zu warten, bis die Preise ihr Maximum erreicht hatten.8
Sein gewaltiges Vermögen verdankte selbst Liechtenstein freilich nicht wirklich der umsichtigen und gewinnorientierten Führung seiner Güter, sondern eher seinen Darlehensgeschäften mit dem Kaiser und der Möglichkeit, sich nach 1620 auf Kosten des enteigneten protestantischen Adels in Böhmen und Mähren zu bereichern. Hiervor machte er reichlich Gebrauch. Die verworrenen Münzverhältnisse der Zeit begünstigten Liechtenstein zusätzlich, so dass er umfangreiche Güter in Mähren mit »langer Münze« erwerben konnte. Aus diesen Gütern schuf der Kaiser dann ein neues Fürstentum Liechtenstein. Vermutlich zahlte der vor kurzem in den Reichsfürstenstand erhobene Aristokrat in den 1620er Jahren für diese Besitzungen nur etwa zehn Prozent des ursprünglichen Wertes, den diese Herrschaften vor Ausbruch der böhmischen Wirren besessen hatten. Dies stellte dann in der Tat ein glänzendes Geschäft dar.9
2 Der Adel als »Geschäftspartner« von Staat und Dynastie
Gundaker von Liechtensteins Geschick bei dem Versuch, in den Wirren, in denen die Habsburgermonarchie in den Jahren 1618 bis 1620 versank, sein eigenes Vermögen zu vermehren, mag einen Sonderfall darstellen. Es zeigt aber doch, dass namentlich für den Hochadel gute Beziehungen zu Herrscher und Hof mindestens ebenso wichtig waren, wie gewinnorientiertes ökonomisches Handeln, wenn es darum ging, die wirtschaftliche Position des eigenen Hauses zu festigen. Man darf ohnehin nicht vergessen, dass man allein mit Landbesitz kaum die ganz großen Gewinne machen konnte. Verzinsungen von 2,5 bis 3,0 Prozent pro Jahr konnten wohl in guten Zeiten als normal gelten, in schlechten nahm man deutlich weniger ein.10 Wer wirklich eine höhere Rendite erzielen wollte, der legte sein Geld anders an, etwa in staatlichen Schuldverschreibungen.
Katia Béguin, der wir eine wichtige Studie über die französischen Staatsfinanzen unter Ludwig XIV. verdanken, hat in einem Aufsatz aus dem Jahr 2015 die These aufgestellt, dass der Geldbedarf der großen Monarchien in Kriegszeiten ein entscheidender Faktor für die Vermögensverteilung in den Gesellschaften der Frühen Neuzeit war. Wer zur überschaubaren Gruppe der Gläubiger des Monarchen gehörte und ihm auch in Kriegszeiten Geld zur Verfügung stellte, wenn die staatlichen Kassen unter einem enormen Druck standen, konnte zum Teil erhebliche Renditen erzielen; und wenn er sie nicht selbst erzielte, dann doch zumindest seine Erben. Für kurzfristig zurückzahlbare Kredite konnten diese auch deutlich über zehn Prozent liegen. Selbst für Anleihen ohne Ablaufdatum, für rentes perpetuelles, oder im Englischen consolidated annuities (heute würde man vielleicht von Hybridanleihen sprechen), die in der Regel durch spezifische Einkünfte oder Bürgschaften von Städten oder Korporationen abgesichert waren, musste Ludwig XIV. in den 1690er Jahren 8,33 Prozent Zinsen zahlen.11Aufgrund solcher Erträge konnte man dann in der Tat reich werden. Familien, die dem Hof nahestanden, befanden sich oft unter den bevorzugten Gläubigern des Königs. Ähnlich wie der spanische war der französische König auf sie angewiesen, weil private Kreditgeber oft immer noch eher hohen Adligen Geld zu leihen bereit waren, als dem König selbst, dessen Besitz zu pfänden natürlich unmöglich war.
Die Befunde sind übrigens für England im späten 17. und im 18. Jahrhundert nicht viel anders. John Habakkuk kommt in seiner großen Studie über Landbesitz, Schulden und adlige Familienpolitik im Zeitraum zwischen 1650 und 1950 für die Frühe Neuzeit zu dem Schluss: »The greatest and most rapid fortunes were made in connection with the financial requirements of the State, particularly during war.« 12 Das galt für Amtsträger in der Finanzverwaltung genauso wie für Heereslieferanten und die Zahlmeister der Armee, aber auch für Bankiers und natürlich die Politiker selbst. Die unklare Trennung zwischen öffentlichen Geldern und Privatvermögen in der Verwaltung, aber natürlich auch die Möglichkeit, in Krisenzeiten etwa durch den Kauf oder Verkauf von Staatsanleihen oder von Aktien von Kolonialgesellschaften Insider-Geschäfte zu machen, die damals noch nicht als illegal galten, boten hier erhebliche Chancen für Profite.13
Es war freilich trotz allem nicht immer ganz einfach, von Finanzgeschäften mit dem Staat zu profitieren. Ein gewisses Risiko gab es immer, namentlich, wenn der betreffende Staat sich im Niedergang befand und zu viele Kriege gleichzeitig führte, ohne sie zu gewinnen. Wie Untersuchungen zu den Bankiers Philipps II. von Spanien gezeigt haben, schnitten die genuesischen Patrizierfamilien, die zu diesem Zeitpunkt die spanische Monarchie vor allem finanzierten, selbst bei Staatsbankrotten per saldo in der Regel gar so schlecht nicht ab. Staatsbankrotte waren damals wie heute im Wesentlichen Umschuldungen. Hochverzinsliche, kurzfristige Darlehen wurden in langfristige Anleihen mit niedrigeren Zinsen – sogenannte Juros – umgewandelt. Traten dabei wirklich Kapitalverluste auf, was selten der Fall war, wurden diese auf viele Schultern verteilt, aber im langfristigen Mittel konnte eben doch meist ein Profit erzielt werden. Die Autoren einer einschlägigen neueren Studie – Mauricio Drelichman und Hans-Joachim Voth – kommen zu dem Schluss, dass die Gläubiger Philipps II. auch nach Abzug der Transaktionskosten und der Inflation über mehrere Jahrzehnte gerechnet eine reale Verzinsung von mindestens drei Prozent pro Jahr erreichten. Das ist jedenfalls mehr, als man heutzutage nach Abzug der Inflation als Besitzer italienischer Staatsanleihen bekommt, bei vermutlich insgesamt deutlich höherem Risiko.14
Drelichman und Voth betonen überdies: »Remarkably, the Genoese system of repackaging and reshuffling risk worked better than securitization did after 2000.«15 Selbst wenn es Rückschläge gab, konnte man doch Adelstitel und Land in Süditalien oder sogar in Kastilien selbst erwerben. Dies gelang beispielsweise etwa Ambrosio Spinola, der 1621 als Marqués de Los Balbases spanischer Grande wurde. Er vereinte in seiner Person die Rolle des Bankiers, Militärunternehmers, Feldherren und militärischen Zahlmeisters für die spanische Flandernarmee, und das nicht zum finanziellen Schaden seiner Familie trotz der enormen Summen, die der König ihm zeitweilig schuldete.16
3 Schulden als Grundlage des Aufbaus von sozialem und kulturellem Kapital
Allerdings wurden Geschäfte mit dem spanischen König im Laufe des 17. Jahrhunderts zunehmend riskanter. Im Laufe der Jahrzehnte konnte sich die spanische aristokratische Elite dem allgemeinen Niedergangsprozess der Monarchie der Casa d’Austria nicht mehr ohne weiteres entziehen. Die hohe Verschuldung des spanischen Hochadels im 17. Jahrhunderts war jedenfalls auch dadurch bedingt, dass er zunehmend auf eigene Kosten Truppen für die Krone rekrutieren oder andere Aufgaben übernehmen musste. Auch Botschafterposten oder Statthalterschaften konnten mit einem erheblichen Aufwand für den Amtsinhaber verbunden sein, der sich rein finanziell nicht immer lohnte.17 Entschädigt wurden Adlige oft durch die Veräußerung königlicher Besteuerungs- und Jurisdiktionsrechte, die aber nicht immer den erhofften Gewinn abwarfen. Eine besondere Belastung stellten aber auch die Unterhaltszahlungen für die jüngeren Söhne und noch viel mehr die Mitgiftausstattungen für die Töchter dar, die im höheren Adel wahrhaft spektakuläre Höhen von 100.000 Dukaten und mehr erreichen konnten.18
Wenn man Glück hatte, konnte man die Summen, die man für hochrangige Konnubien ausgab, wieder ausgleichen, indem man für den eigenen ältesten Sohn eine passende Erbtochter mit ebenso großer oder noch größerer Mitgift fand. Eine Garantie gab es dafür selbstredend nicht. Der siebte Herzog von Gandia (1572–1632) etwa – ursprünglich einer der reichsten Adligen, wenn nicht der reichste im Königreich Valencia – musste um 1610 Konkurs anmelden, weil die Last der Schulden zu drückend geworden war. Der König ließ den Untergang des Hauses Gandia nicht zu und zwang den Gläubigern einen Vergleich auf, der sie dazu nötigte, auf bis zu 65 Prozent ihrer Forderungen zu verzichten.19
Gerade in Spanien wurde im 17. Jahrhundert adliger Besitz, um ihn zu erhalten, von der Krone im Zweifelsfall unter Sequester gestellt. Ein Teil der Einkünfte ging an die Gläubiger, ein anderer Teil dann immer noch an den tatsächlichen Eigentümer, meist genug, um davon standesgemäß zu leben. So stand der Besitz der Osuna, an sich eines der reichsten Adelshäuser Spaniens, deren Einkünfte aus Landbesitz um 1600 auf 130.000 bis 150.000 Dukaten geschätzt wurden, was immerhin zwei Prozent der Einkünfte der Krone von Kastilien entsprach, während des 17. Jahrhunderts praktisch ständig unter königlicher Zwangsverwaltung.20
Das hinderte die Osuna aber nicht daran, auf großem Fuße zu leben, ganz im Gegenteil. Der dritte Herzog von Osuna – der sogenannte Gran Duque de Osuna (geboren 1574) – amtierte unter Philipp III. sukzessive als Vizekönig von Sizilien und von Neapel. Dort rüstete er zumindest zum Teil auf eigene Kosten eine Galeerenflotte aus, die er einsetzte, um Beutezüge im östlichen Mittelmeer zu unternehmen. Man kann davon ausgehen, dass ein Teil des Gewinns aus der erbeuteten Handelsware, aber auch aus dem Verkauf von Sklaven bzw. aus der Erpressung von Lösegeld, wenn es gelang Personen von Stand gefangen zu nehmen, in seine eigenen Taschen floss, so dass er insgesamt durchaus auf seine Kosten kam. Dies wurde in Madrid keineswegs von allen Mitgliedern des Staatsrates gebilligt und trug am Ende zum Sturz des Vizekönigs und zu seiner Anklage und Inhaftierung bei.21
Sein Fall zeigt, in welchem Maße gerade Hochadlige in Krieg und Frieden gewissermaßen Mitunternehmer des Monarchen waren, die sich gegen den fallout einer wirklich existentiellen Finanzkrise der Krone schwer abschirmen konnten, aber andererseits auch – wenn man das so nennen will – politische und finanzielle stake holders des Staatsbildungsprozesses respektive im Prozess der Durchsetzung imperialer Herrschaftsansprüche waren. Noch ausgeprägter war diese Verbindung zwischen adligem Profitstreben und monarchischer Herrschaft natürlich im Fall der großen Favoritenminister des 17. Jahrhunderts, man denke an Lerma in Spanien, Richelieu und Mazarin in Frankreich und Buckingham in England. Dabei handelte es sich um Ausnahmeerscheinungen, aber hier war die königliche Gunst oft Ausgangspunkt für den Aufbau eines unermesslichen Vermögens, das freilich bei Bedarf auch in den Dienst der Krone gestellt werden konnte und andererseits bei einem Wandel der politischen Konstellation sich auch rasch wieder in Luft auflösen konnte.22
Osuna – der »Große Herzog« – war kein Aufsteiger, ganz im Gegenteil. Die Girones respektive die Tellez-Giron hatten schon im Mittelalter zu den einflussreichsten Familien Kastiliens gehört. Anders stellte sich die Lage für homines novi dar, wenn man etwa in den Diensten des Monarchen in Krisen- und Kriegszeiten plötzlich in die Hocharistokratie aufstieg und ein großes Vermögen aufbauen konnte. Dann stand man unter Umständen unter einem enormen Druck, durch einen maximalen Repräsentationsaufwand den eigenen Status zu festigen. Das riesige Schloss, das sich beispielsweise Richelieu südlich von Chinon bauen und mit einer imposanten und erlesenen Kunstsammlung ausstatten ließ, wäre ein Beispiel dafür.23Aber auch Kriegsgewinner im engeren Sinne des Wortes fielen in diese Kategorie der Aufsteiger, die ihren Status festigen mussten.
4 Der finanzielle Zusammenbruch als reale Gefahr
In England könnte man hier den First Duke of Chandos – James Brydges – nennen, der von 1673 bis 1744 lebte. Brydges stammte aus einer altetablierten, aber nicht besonders bedeutenden Familie der gentry. Sein Aufstieg begann, als Marlborough ihn 1705 zum Zahlmeister der englischen Armee machte, ein Amt, das er bis zum Frieden von Utrecht 1713 innehatte. In dieser Zeit machte er offenbar einen Gewinn von rund 600.000 Pfund, indem er für die Zahlungen, die er im Graubereich zwischen Korruption und Mitunternehmertum abwickelte, eine Art Kommission berechnete, die in seine eigene Tasche floss.24 Sehr viel anders verfuhr Marlborough als Oberbefehlshaber übrigens auch nicht. Allerdings gab es einen Unterschied: Die Spencer Churchills, die Nachkommen des Siegers von Höchstädt, und deren gewaltigen Palast gibt es noch heute. Sicher, der englische Premierminister, der als Sohn eines jüngeren Sohnes, Lord Randolph Churchill, aus dieser Familie stammte, führte lange ein Leben, das in manchem durchaus dem eines dekadenten adligen Abenteurers aus einer niedergehenden Seitenlinie einer aristokratischen Dynastie ähnelte. Jedenfalls gilt das, wenn man einem Historiker wie David Cannadine glauben will.25 Gerettet wurde Winston Churchill nicht zuletzt durch seine tatkräftige Frau, Clementine Ogilvy Hozier, die einen Sinn für das wirtschaftlich Mögliche besaß. Freilich war auch der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges für Churchill ein Glücksfall, denn nun waren seine Fähigkeiten als adliger Abenteurer wieder gefragt. Die Hauptlinie der Churchills konsolidierte ihren Status hingegen durch Heiraten mit amerikanischen Erbinnen, ein im England des 19. Jahrhunderts beliebter Ausweg.
Die Brydges hatten keine so glückliche Hand wie die Churchills respektive die Spencer Churchills. James Brydges wurde 1719 von König Georg I. immerhin der Titel eines Herzogs von Chandos verliehen, und er hatte wohl Hoffnungen auf ein hohes Staatsamt, das ihm unter den Whigs aber verwehrt blieb. Jedenfalls investierte er enorme Summen in den Bau des Cannons House, eines palastartigen Landhauses unweit von London. Zudem richtete er eine große Kunstsammlung ein. Da er gleichzeitig in wenig umsichtiger Weise an der Börse spekulierte und zum Beispiel Aktien der 1711 gegründeten South Sea Company kaufte, ohne sie rechtzeitig abzustoßen, verlor er permanent Geld, fand aber zu Lebzeiten dennoch immer genug Kreditgeber. Die Tatsache, dass er in Cannons House in manchen Jahren mehr als 1.000 Besucher empfing und bestens verköstigte, war vermutlich auch nicht wirklich hilfreich. Nach seinem Tode musste sein Sohn und Erbe, der selbst als großer Verschwender bekannt war, viele Ländereien und auch das Haus verkaufen. Dieses wurde bald darauf abgerissen. Einige der Kunstschätze fanden an anderen Orten Zuflucht.26
Jonathan Swift hatte schon 1734 über Chandos geschrieben:
»Yet since just Heaven the Duke’s ambition mocks, since all he got by fraud is lost by stocks. [...] O wert thou not a duke, my good Duke Humphry, / from bailiff’s claws thou scarce could’st keep thy bum free.« 27
Sehr viel besser kommt Chandos jedoch im modernen Oxford Dictionary of National Biography weg. Hier heißt es über ihn:
»It is indeed unlikely that the duke ever aroused lasting resentment, for if shaken out of his habitual goodwill he was always quick to make amends.[...] He was called ‘princely’ but behind his apparent stateliness there was no inclination to dominate but rather an anxiety to please and to serve, and a modesty that was reflected in his wish for a simple and unceremonious funeral.« 28
Der Verkauf von Cannons House reichte trotz der bescheidenen Beerdigung nicht aus, um die Familie zu sanieren. Ihr finanzieller Niedergang setzte sich daher auch in den folgenden Generationen fort. Entscheidend war hier, dass solange überhaupt noch Landbesitz in größerem Umfang zur Verfügung stand, es fast immer Geldgeber gab, die bereit waren, Kredite zur Verfügung zu stellen. Wenn man keine Standesgenossen mehr fand, die den aufwendigen Lebensstil finanzierten, dann gab es immer noch Wucherer, die einem Geld auf Lebenszeit zur Verfügung stellen. Diese verlangten oft Zinssätze von bis zu vierzehn Prozent, was dann doch wiederum ruinös war.29
Das Problem war hier auch das englische Gegenstück zum Fideikommiss, das sogenannte strict settlement. Es nötigte den Erben, bis zum Tode des Vaters mit begrenzten Geldzuwendungen auszukommen, andererseits konnte er sich in der Hoffnung auf das Erbe, das ihm testamentarisch ja nicht entzogen werden konnte, jederzeit umfangreich verschulden. Lebte der Vater freilich länger als gedacht und fand der Sohn keine reiche Erbin als Braut, dann konnte sich das eben auch als Fehlspekulation herausstellen, insbesondere wenn man dann genötigt war, in schlechten Zeiten Besitzungen zu verkaufen. Hier zeigte sich der zweischneidige Charakter des Landbesitzes, auf dem aristokratischer Reichtum oft zu großen Teilen beruhte. Land hatte den großen Vorteil, dass es Kreditgebern als belastbare Sicherheit für Darlehen galt. Es erleichterte aber auch eine notfalls recht hohe Verschuldung zu scheinbar günstigen Konditionen. Umgekehrt waren die jährlichen Bareinkünfte aus Land, wenn man zum Beispiel große Bauten zu finanzieren hatte oder die Heirat einer Tochter anstand, oft unzureichend, so dass es zur Verschuldung gar keine Alternative gab.
War das Land aufgrund eines Fideikommisses oder eines sogenannten strict settlement nicht veräußerbar, bot dies dem Schuldner theoretisch den Vorteil, dass die Risiken, die mit einer Verschuldung verbunden waren, überschaubar erschienen. Schlimmstenfalls konnte das Land vom Fürsten oder König, so wie es in Spanien nicht selten geschah, einer Zwangsverwaltung unterstellt werden. Dann verlor man zwar die Einnahmen für eine Weile, behielt aber dennoch das Land und den damit verbundenen Status.
5 Nur Krämerseelen rechnen auf Heller und Pfennig nach und verlangen ihr verliehenes Geld zurück
Generell herrschte im Adel allerdings im Umgang mit Schulden eine eher entspannte Haltung vor. Mit den Forderungen der Gläubiger, namentlich dann, wenn es Lieferanten von Luxusgütern, Schneider oder Kaufleute waren, also Angehörige der misera plebs, ging man oft recht nonchalant um. Bezeichnend ist hier eine Geschichte aus den Memoiren des Grafen Alexandre de Tilly, eines normannischen Edelmannes aus guter, aber nicht wirklich reicher Familie, der am französischen Hof im späten 18. Jahrhunderts zur Entourage von Marie Antoinette gehörte. Tilly, der, wenn man seinen Memoiren glauben will, vor allem mit amourösen Abenteuern beschäftigt war, hatte sich von einem Bürgerlichen 1.000 Ecus geliehen. Der Mann erschien ihm zum Zeitpunkt der Kreditgewährung als ein fort honnête homme, ein recht anständiger Mann, doch anstatt höflich einige Jahre auf sein Geld zu warten, drang dieser Monsieur unverschämterweise auf baldige Rückzahlung des Kredites, ja ging sogar noch einen Schritt weiter und ließ die gesamte bewegliche Habe des Grafen Tilly durch einen Gerichtsvollzieher mit einem Pfandsiegel versehen und unter Sequester stellen. Einen solchen Angriff auf seine Ehre konnte Tilly nicht hinnehmen und drohte öffentlich damit, seinen Gläubiger umzubringen. Dieser war klug genug, sich zu verstecken; dessen hochschwangerer Schwiegertochter jagte Tilly jedoch einen Todesschrecken ein, so dass diese fast eine Fehlgeburt erlitt. Sein Verhalten bezeichnete Tilly im Rückblick selbst als ein wenig zu exzessiv.
Aber damit begnügte Tilly sich nicht, sondern wandte sich an den zuständigen Polizeipräfekten (lieutenant général de police) von Paris, Jean Charles Pierre Le Noir. Diesem legte er dar, dass das Verhalten des Kreditgebers für eine Person seines Status (un homme de ma sorte) unerträglich sei. Le Noir war glücklicherweise ein Mann von Welt und konnte diese Argumente nachvollziehen, weshalb er den aufsässigen Gläubiger vorlud. Tilly stellte ihm einen Schuldschein über seine Forderungen sowie die allfälligen Zinsen aus. Dieser sollte innerhalb eines Jahres fällig werden. Le Noir verbürgte sich persönlich dafür, dass die Zahlung wirklich erfolgte. Damit war der Gläubiger dann auch zufrieden, – was blieb ihm auch anderes übrig.30
Diese Anekdote aus dem späten Ancien Régime der 1780er Jahre ist durchaus aussagekräftig. Sie zeigt die eher stressfreie Haltung von Adligen gegenüber ihren Gläubigern, aber eben auch, dass Adlige zumindest dann, wenn sie die richtigen Verbindungen hatten, damit rechnen konnten, von den staatlichen Behörden vor allzu zudringlichen Finanziers geschützt zu werden. In diesem Sinne hat Mathieu Marraud festgestellt, dass die Aufnahme von Schulden in zum Teil auch spektakulärer Höhe durch den höheren Adel im 18. Jahrhundert kein Symptom des Niedergangs des Adels gewesen sei, sondern ein Zeichen einer vitalité aristocratique. Man bewies damit, dass man nicht an die gleichen Regeln wie ein bürgerlicher Kaufmann gebunden war und es sich eben leisten konnte, sich spektakulär zu verschulden. Das galt keineswegs nur für Frankreich.31
Festzuhalten bleibt in jedem Fall, dass in Frankreich ebenso wie in anderen Ländern die Krone in aller Regel an einem leidlich solventen höheren Adel, der ja seinerseits als Kreditgeber für den Herrscher fungieren konnte, interessiert war. Dafür war man auch bereit, einen bestimmten Preis zu zahlen. Man mag sich natürlich fragen, warum immer noch Leute bereit waren, solchen Schuldnern Geld zu leihen. Hier muss natürlich berücksichtigt werden, dass Kreditbeziehungen auch ein Teil von Patronagenetzwerken sein konnten. Von den Klienten eines hohen Adligen wurde erwartet, dass sie ihm Geld liehen. Wer umgekehrt einen einflussreichen Adligen unter seinen Schuldnern hatte, konnte diesen unter Umständen auch beeinflussen und als Fürsprecher und Patronagebroker gewinnen.
Auch im Bereich des Kreditwesens war somit das Handeln von Adeligen ebenso wie das ihrer Gläubiger nie ausschließlich durch genuin wirtschaftliche Überlegungen bestimmt. Das Streben nach Status, der Versuch, soziale Netzwerke aufzubauen respektive diese für den eigenen Aufstieg zu nutzen, war oft genauso wichtig. Es wäre daher auch falsch, das Wirtschaftsverhalten von Adligen an denselben Maßstäben zu messen wie das von Kaufleuten oder Gewerbetreibenden.32 Namentlich für den höheren Adel – für den Provinzadel galt das nicht in gleicher Weise – wurde im Laufe der Frühen Neuzeit die Gunst des Monarchen immer wichtiger. Nur in Ländern mit einer eher schwachen Monarchie, wie England im 18. Jahrhundert, Polen und zeitweilig auch Schweden, mochte das nicht gelten, sonst aber war das ein entscheidender Faktor. Angesichts der enormen Einkünfte, die zum Teil mit Ämtern und königlichen Vergünstigungen verbunden waren, man denke im spanischen Fall an die Positionen als Vizekönig in Europa oder Übersee, konnte es durchaus lohnend sein, für eine Karriere bei Hof, im Militär, oder als Prokonsul in einer entfernten Provinz immer mehr Schulden zu machen.33
Nie wirklich klar prognostizierbar war dabei freilich, ob die Rechnung nun aufging oder nicht. Von daher hat Jonathan Dewald über die finanzielle Situation von Louis II de Bourbon, Prinz von Condé nach 1660 (des »Grand Condé«), nach seiner Rückkehr aus dem spanisch-niederländischen Exil nach Frankreich gesagt, sie sei zwar verworren und unübersichtlich gewesen, aber das dürfe man nicht als Zeichen des wirtschaftlichen Niedergangs betrachten. In der Tat gelang es einem geschickten Finanzintendanten die enormen Schulden des Herzogs – acht Millionen livres in den 1660er Jahren – relativ rasch abzubauen.34 Den Hintergrund der Krise bildeten auch in diesem Fall weniger wirtschaftliche als vielmehr politische Fehlentscheidungen – gerade Condés Beteiligung an der Fronde –, die ihn nach deren Scheitern 1654 genötigt hatten, ins Exil in die Südlichen Niederlande zu gehen, ohne auf seine französischen Einkünfte zurückgreifen zu können. Dass aufgrund des Pyrenäenfriedens seine Besitzungen restituiert wurden, musste er noch als Glücksfall betrachten. Zurück in Frankreich baute er nicht zuletzt seine prächtige Residenz in Chantilly, die immer noch zu den größten erhaltenen Schlössern des französischen Adels gehört, aus.35 In Statussymbole zu investieren, etwa in den Bau eines großen Landsitzes oder eines prächtigen Stadtpalastes, konnte durchaus lohnend sein, da man dadurch soziales und kulturelles Kapital erwarb, das sich bei Hof in politisches Kapital umsetzen ließ. Dieses war wiederum auch wirtschaftlich bedeutsam. Diesen Kreislauf von Einkünften und Ausgaben beschreibt Robert Forster in seiner schon älteren Studie über das Haus Saulx-Tavannes mit den Worten:
»The Tavannes ›saved‹ nothing. [...] The family functioned like a sort of sponge, syphoning off public funds by sinecures, absorbing the capital of other families by marriage and maximizing the revenues of the land at each new lease. This money was spent either on direct consumption or on portions and dowries that were in turn lavished on conspicuous expenditure.« 36
6 Cum dignitate otium statt Fachmenschentum und unternehmerischer Tätigkeit?
Dabei muss freilich auch berücksichtigt werden, dass bestimmte Formen der Erwerbstätigkeit für Adlige in den meisten Ländern als nicht standesgemäß betrachtet wurden. Es war in Frankreich und England zwar durchaus möglich, mit Sklavenplantagen in der Karibik Geld zu verdienen, ohne dass das dem Renommee der Familie dauerhaft schadete. Wenn man andererseits das Land, das man besaß, als verarmter Adliger selbst bestellte, wie das manche Mitglieder der Szlachta in Polen taten, hob das vielleicht nicht gerade das soziale Ansehen, aber galt doch auch nicht per se als unehrenhaft. Anders sah es aus, wenn man seine Waren selbst auf einen kleinstädtischen Markt feilbot. Das war kaum jene Lebensform, die dem adligen Ideal des cum dignitate otium entsprach. Eigentlich hatte es immer irgendwie etwas Entwürdigendes, von einem Beruf oder einem Gewerbe zu leben, so hat es Mathieu Marraud mit Blick auf den hohen französischen Adel konstatiert. Vivre de sa profession, war allzu bürgerlich. Vielmehr sollte man von seinen Rang leben und wollte das soziale Kapital, das man besaß, unmittelbar in wirtschaftliches Kapital umsetzen, was oft genug ja auch gelang, jedenfalls dem Hochadel.37
Für den landbesitzenden Provinzadel war es ungleich schwieriger, auf diese Weise über die Runden zu kommen, aber auch hier war das Lebensideal, dem man folgte, eigentlich doch das des vielseitig interessierten Dilettanten. Es gab natürlich Ausnahmen, doch bis zum späten 18. Jahrhundert, als die Anpassungszwänge größer wurden, verachteten Adlige normalerweise einen Bürgerlichen, der seinen Aufstieg seiner akademischen Bildung und seinen Spezialkenntnissen verdankte. Ein später Vertreter der Protestant Ascendancy in Irland, der Schriftsteller Hubert Butler, der bei Kilkenny lebte, und vielen heute als einsame Stimme des Liberalismus im klerikalen Irland der Jahre zwischen 1930 und 1980 gilt,38 hat diese Abneigung gegen das Fachmenschentum einmal in einem Aufsatz über das irische country house im 19. Jahrhundert in folgende Worte gebracht: »From every field the gifted country gentleman was to find himself evicted by the specialist and the civil servant. His most formidable enemies were not I think, a resentful tenantry, but the salaried professional.« 39
Vor der Mitte des 18. Jahrhunderts konnte man sich dieser Angriffe der professionals freilich noch ganz gut erwehren. In Frankreich galt im Übrigen ursprünglich das Prinzip, dass ein Adliger, der einem bürgerlichen Gewerbe nachging, seinen Adelsstatus verlieren konnte. Allerdings wurden die entsprechenden Bestimmungen seit der Zeit Ludwigs XIV. nach und nach gelockert. Seit 1701 war das Engagement im Groß- und Überseehandel für den Adel generell zulässig, nach 1750 wurden dann die entsprechenden Bestimmungen auch für das Bankgewerbe und das Betreiben von Manufakturen flexibilisiert oder aufgehoben.40 Große Teile des Adels blieben gegenüber solchen Aktivitäten und Investitionen aber doch relativ zurückhaltend, wenn man den Befunden etwa in der Studie von Mathieu Marraud über den Adel der Stadt Paris im 18. Jahrhundert folgt. Die großen Finanziers und Geldgeber der Krone, die im 18. Jahrhundert durchaus zum höheren Adel gerechnet wurden, beteiligten sich freilich an kommerziellen Unternehmen, was nicht unbedingt überrascht. Ähnliches galt auch für französische Adlige britischer und irischer Herkunft, also beispielsweise für die geflohenen Jakobiten, die in ihrer Heimat daran gewöhnt gewesen waren, dass kommerzielle Aktivitäten nicht grundsätzlich als statusmindernd galten.41
Bei ihnen trat der Umstand hinzu, dass sie in Frankreich über keinen ererbten Landbesitz verfügten, es sei denn, sie hatten ihn sich irgendwie erheiratet. Auf andere Einkommensquellen zu setzen lag in diesem Fall also besonders nahe. Als dritte Gruppe war auch der Hofadel im engeren Sinne des Wortes bereit, Kapital in Handelsgesellschaften und ähnlichen Unternehmungen anzulegen. Dies tat er allerdings selten ganz offen, sondern meistens unter dem Schutz der Anonymität, zum Teil sogar unter Einsatz von Strohmännern. Der Status des Hofadels war allerdings so wenig angreifbar, dass auch die Verwicklung in eher problematische Geschäfte ihn nicht in Frage zu stellen vermochte.42
7 Die ambivalente Bedeutung des Landbesitzes
Auf unternehmerische Aktivitäten im kolonialen Bereich ist bereits verwiesen worden. Wie regionale Studien zeigen konnten, investierte zum Beispiel der Amtsadel von Bordeaux im 18. Jahrhundert sein Geld durchaus auch in Plantagen in der Karibik oder ließ seine Söhne die Erbinnen solcher Plantagen heiraten. Damals konnte man mit Sklavenarbeit in der Tat enorme Profite erwirtschaften. Die unerfreulichen Begleiterscheinungen dieser Art von Geschäft, wie die Ausbeutung und die Misshandlung der Arbeitskräfte und die daraus resultierende spektakulär geringe Lebenserwartung der Zwangsarbeiter, blieben den Standesgenossen in Frankreich verborgen. Zumindest hatte man sie nicht täglich vor Augen.43
In England gab es im 18. Jahrhundert ebenfalls und sicher in noch größerem Umfang eine Reihe von Familien, deren sozialer Aufstieg auf Sklavenhandel, Plantagenwirtschaft oder einer sonstigen Karriere in den Kolonien, etwa in Indien, beruhte. Wirkliche soziale Aufsteiger – reine homines novi – waren dabei eher die Nabobs, jene company servants, die in Indien auf eine Art und Weise reich geworden waren, die im England des späten 18. Jahrhunderts zunehmend kritisch gesehen wurde. Man setzte jetzt darauf, der indischen Bevölkerung aus einer Position der moralischen Überlegenheit gegenübertreten zu können, anstatt sich dem dortigen Lebensstil und den landesüblichen Herrschaftsmethoden einfach anzupassen.44 Die Plantagenbesitzer in der Karibik führten hingegen ein Leben, das durchaus dem der reichen Landbesitzer in England entsprach, wenn man davon absah, dass sie über Sklaven, nicht über freie Pächter herrschten. Im Übrigen kamen die führenden planters in Westindien auch nicht selten aus gentry-Familien, auch wenn es sich meist um jüngere Söhne oder Angehörige von Nebenlinien handelte. Es waren also meist keine reinen Aufsteiger.45
Zu den prominentesten Plantagenbesitzern, die später in den Hochadel aufsteigen sollten, gehörten die Lascelles. Diese stammten aus Yorkshire und ließen sich dort im späten 18. Jahrhundert vom Architekten Robert Adam ein enormes Landhaus im klassizistischen Stil errichten. Ihr Aufstieg hatte mit Henry Lascelles (1690–1753) begonnen, der als leitender Zollbeamter in Barbados ein ähnliches Talent bei der Vermehrung seines Vermögens zeigte, wie der erste Herzog von Chandos als Zahlmeister der englischen Truppen einige Jahre zuvor. Lascelles war der fünfte Sohn des Abgeordneten Daniel Lascelles, eines Landbesitzers in Yorkshire. 1712 ging er in die Karibik und heiratete dort die Tochter eines vermögenden Sklavenhändlers. Sein Amt als Zolleinnehmer erwies sich trotz häufiger Korruptionsvorwürfe als recht einträglich. Nachdem er sich 1732 dauerhaft in England niedergelassen hatte, vermehrte er sein Vermögen als Heereslieferant noch weiter und baute seine Aktivitäten im Sklavenhandel mit entsprechenden Investitionen aus. Überdies besaß er weiter eine Zuckerrohrplantage in der Karibik. Seine politischen Verbindungen erlaubten es ihm, Versuche, ihn wegen seiner korrupten Verwaltungsmethoden doch noch im Nachhinein zur Rechenschaft zu ziehen, abzuwehren. Als er starb, hinterließ er ein Vermögen von fast 400.000 Pfund. Das reichte aus, um seiner Familie den Aufstieg in die Aristokratie zu ermöglichen. Für diese Zwecke war es dann freilich doch wichtig, die pudenda origo des Reichtums der Familie ein wenig zu kaschieren, zumal im späteren 18. Jahrhundert die Toleranz gegenüber allen Arten der Bereicherung in den Kolonien geringer wurde. Man könnte an Burkes Anklage gegen Warren Hastings und seine Kritik an anderen Nabobs denken, auch wenn für Indien wegen der Gefahr der kulturellen Assimilation – des going native – andere Normen galten als für die Karibik, wo diese Gefahr dezidiert nicht bestand.46
Im Fall der Lascelles gelang es aber in späteren Generationen durch einen gepflegten Lebensstil und die noble Eleganz eines Landsitzes, der den höchsten ästhetischen Ansprüchen genügte, die eher problematischen Ursprünge des eigenen Reichtums weitgehend vergessen zu machen.47 Sicherheitshalber überließ schon Henry Lascelles die Führung seines Geschäftes mittels seines Testamentes einem jüngeren Sohn, während der Erstgeborene ganz die Rolle des landbesitzenden Aristokraten spielen sollte. Zufälle in der Erbfolge und andere Umstände führten dann freilich dazu, dass die Earls of Harewood – diesen Titel erhielt die Familie Ende des 18. Jahrhunderts – dann um 1830, als die Sklaverei abgeschafft wurde, doch noch bedeutende Plantagen in der Karibik mit mehr als 1.000 Sklaven besaßen.48 Heute ist die Familie mit dem Königshaus verwandt und hat in den vergangenen zwei Generationen künstlerische Talente entwickelt, die von der Leitung des Royal Opera House bis zur Produktion von Filmen und Fernsehserien wie Inspector Morse reichen.49 Besucht man heute Harewood House, das sich immer noch in Familienbesitz befindet, dann ist von den eher düsteren Anfängen des sozialen Aufstiegs der Familie, die allerdings auch eher diskret behandelt werden, jedenfalls nichts mehr sichtbar. Die Lascelles sind ein Beispiel für den Aufstieg einer Familie, die in den beiden ersten Generationen durch besondere Rücksichtslosigkeit reich geworden war, wobei sie immerhin zu den alteingesessenen Familien der gentry in Yorkshire gehörten. In den Hochadel stiegen sie jedoch erst auf, nachdem sie sich in den Kolonien engagiert hatten. Auch James Brydges erlangte den Herzogshut erst, als er sich durch den großzügigen Griff in die Armeekasse salviert hatte, nur, dass die Lascelles klüger und erfolgreicher waren als die Brydges.
An diesem Punkt bleibt Folgendes festzuhalten: Landbesitz konnte, wenn man nicht gerade einer Agrardepression ausgesetzt war oder im Krieg die Besitzungen verwüstet wurden, eine gute Grundlage für dauerhaften Wohlstand und den damit verbundenen sozialen Status sein. Reich wurde man durch Bewirtschaftung und Verpachtung des eigenen Landes allerdings nur dann, wenn besonders günstige Umstände vorlagen und andere Investitionen folgten. Gerade der höhere französische Adel schien dann auch ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts seine ökonomischen Aktivitäten verlagert zu haben. Sicherlich kaufte man immer noch Land, um bestehende Besitzungen zu arrondieren, aber der Kauf von Ämtern, von Schuldverschreibungen und ähnliche Investitionen waren nun doch deutlich wichtiger.50 Solche Investitionen warfen einfach mehr ab und man musste sich, jedenfalls bei den Renten, meist nicht weiter um die Anlage kümmern. Es gab keine aufsässigen Bauern und keine betrügerischen Verwalter, die einem das Leben schwer machten.51 Hier zeichnet sich im Übrigen ein Unterschied zum englischen Adel ab, für den zwar Einkünfte aus nicht agrarischen Quellen ebenfalls wichtig waren, der diese aber – wenn man an die Spitzen der Aristokratie denkt – in der Regel weiterhin mit einem gewaltigen Landbesitz verknüpfte. Freilich gab es in England kein wirkliches Gegenstück zu dem Markt für Ämter wie in Frankreich, zu dem dort ja auch die Chargen am Hof gehörten, obwohl Offizierspatente auch in England käuflich waren. In England mag nach 1714 auch die relativ geringe Bedeutung des königlichen Hofes eine Rolle gespielt haben. Hinzu kam der Umstand, dass im Fall der gentry – also jener Schicht, die dem niederen Adel auf dem Kontinent entsprach – Landbesitz eigentlich während der gesamten Frühen Neuzeit die entscheidende Grundlage des sozialen Status war. Ein rechtlich klar abgegrenzter Stand war die gentry nicht. Wer genug Land besaß und sich den entsprechenden Lebensstil aneignete, dem wurde der Aufstieg in den gentry in der Regel nicht verwehrt. Ein Vermögen, das ausschließlich aus Bargeld, Schuldverschreibungen und Unternehmensbeteiligungen bestand bot für einen solchen Aufstieg keine hinreichende Grundlage. Von daher war Landbesitz von entscheidender sozialer Bedeutung.
8 Resümee und Ausblick
Für den Vermögensaufbau – und hier ist Katia Béguins Befunden für Frankreich wohl doch zuzustimmen – waren dennoch die Einkünfte aus Grundbesitz selten ausreichend. Dazu gehörte mehr, etwa die Beteiligung an Steuerpachten, ein einträgliches politisches Amt, eine Tätigkeit als Militärunternehmer oder Heereslieferant oder eben eine Position als bevorzugter Gläubiger der Krone. Katia Béguin versucht in ihrem bereits erwähnten Aufsatz über die historische Dynamik der Vermögensbildung in der Frühen Neuzeit eine Brücke zu den bekannten Thesen von Thomas Piketty über die wachsende soziale Ungleichheit in den westlichen Gesellschaften der Gegenwart zu schlagen.52 Pikettys Thesen, mit denen er die Forderung nach höheren Steuern und Vermögensabgaben begründen will, sind nicht unumstritten. Gerade in den letzten zehn Jahren haben aber die Besitzer von Sachvermögen, also von Immobilien, Aktien und Unternehmensbeteiligungen, überproportional von den Versuchen der Regierungen und Zentralbanken profitiert, die Auswirkungen der internationalen Finanzkrise von 2008/09 und der damit verbundenen Eurokrise durch Geldschöpfung und finanzielle Repression einzudämmen. Dadurch ist eine asset prize inflation entstanden, die den Besitzern von Sachvermögen zugutegekommen ist.53 In der Frühen Neuzeit waren die Möglichkeiten, einfach neues Geld zu schaffen, deutlich begrenzter, wenn man nicht zum Mittel der Münzverschlechterung oder zur Ausgabe von Papiergeld respektive von zweifelhaften Aktien, wie der Finanzimpresario John Law um 1720, greifen wollte. Doch auch hier, und das ist das Argument von Béguin, war der Staat auf eine eigentlich sehr kleine Zahl von vermögenden Gläubigern angewiesen, zu denen eine Art symbiotisches Verhältnis entstand. Unter diesen Gläubigern nahm der höhere Adel eine starke, wenn nicht sogar dominierende Stellung ein. Daher konnte diese Schicht auch mit dem Schutz des Staates rechnen, wenn es darum ging, sie ihrerseits vor den negativen Folgen einer Überschuldung zu schützen oder sie durch Steuerprivilegien ökonomisch zu stärken. Noch heute verfügen die größeren institutionellen Akteure der Finanzindustrie ebenfalls faktisch über eine staatliche Überlebensgarantie, unabhängig davon, welche Fehler sie machen und auf welche Fehlspekulationen sie sich einlassen.
Zumindest für Frankreich, eine klassische stake holder society (in dem Sinne, dass soziale Eliten vielfach vom Staatsbildungsprozess profitierten, als Amtsinhaber, als Inhaber von Privilegien, als Steuerpächter, aber auch als Gläubiger des Königs), aber wohl auch für das habsburgisch regierte Spanien, leuchtet dieses Modell jedenfalls für das Ancien Régime ein. Dies bedeutet allerdings nicht, dass große Adelshäuser nicht doch einmal mit einem finanziellen Ruin konfrontiert waren, wenn sie sich allzu unvernünftig verhielten. Ein Beispiel aus dem 18. Jahrhundert hierfür wäre die Familie Rohan-Guéméné. Insgesamt wird das eher entspannte Verhältnis weiter Kreise des Adels zum Schuldenmachen in diesem Kontext dann doch nachvollziehbar und wäre nicht ein Zeichen für die Weltfremdheit des Adels in ökonomischen Fragen, sondern, wie Marraud in einer Studie über Paris schreibt, ein Beleg für eine aristokratische Vitalität und eine durchaus wohlkalkulierte Risikobereitschaft.54
Wie immer man das Wirtschaftsverhalten des Adels beurteilen mag – und hier sind natürlich auch die Unterschiede zwischen dem Hochadel und einfachen Landadligen zu berücksichtigen, die eher vor der Gefahr einer regelrechten Verarmung und damit des finalen sozialen Abstiegs standen –, so gelang es doch bemerkenswert vielen Adelsfamilien, über Jahrhunderte hinweg die eigene soziale Stellung zu bewahren. Hinzu kam die Sorge aller Adligen um den Fortbestand der eigenen Dynastie und die damit verbundene Sehnsucht nach genügend männlichen Nachkommen. Kaufmannsdynastien, denen der wirtschaftliche Erfolg über mehr als drei Generationen treu blieb, dürften hingegen eher selten gewesen sein. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass in der Frühen Neuzeit reiche Kaufleute sich oft in späteren Generationen aus dem aktiven Geschäftsleben zurückzogen, um eine Existenz als Rentiers zu führen. Damit verband sich nicht selten die Hoffnung auf einen Aufstieg in den Adel, sei es durch den Erwerb von Ämtern oder auch durch das Umschwenken auf eine militärische Karriere, verbunden oft mit dem Leben eines Landedelmannes in Friedenszeiten.55
Blickt man nur auf die aktiven Kaufleute und Unternehmer jedweder Art, dann verstanden sich altetablierte Adelsfamilien trotz der unverkennbaren Neigung mancher Individuen oder auch ganzer Generationen zu sinnloser Verschwendung oder zum Schuldenmachen oft besser auf die Kunst des sozialen und wirtschaftlichen Überlebens als ihre bürgerlichen Rivalen. Sie machten eben nicht den Fehler, primär oder gar ausschließlich wirtschaftliches Kapital zu bilden, sondern investierten stattdessen mindestens genauso stark in soziales und kulturelles Kapital. Reichtum war für die Bewahrung des sozialen Status wichtig. Mindestens ebenso wichtig waren die Gunst des Fürsten und die Ehrerbietung und der Respekt der nichtadligen Bevölkerung, was man im Englischen mit dem Ausdruck deference bezeichnet. deference aber konnte man sich nur begrenzt durch Großzügigkeit – etwa durch Gastfreundschaft – erkaufen oder durch wirtschaftlichen Druck erzwingen. Entscheidend war eher ein sozialer Habitus, der dem Gegenüber – unter Voraussetzung einer bestimmten Sozialisation und eines kulturellen Wertesystems – fast automatisch Respekt abnötigte, ein Respekt, der diesen dann zum Beispiel auch dazu bringen konnte, auf die Eintreibung von Schulden zu verzichten, weil dies einen Bruch sozialer Konventionen bedeutet hätte. Wie das oben zitierte Beispiel des Comte de Tilly zeigt, funktionierte das freilich nicht immer. Auch Gläubiger, die sonst als fort honnêtes hommes gelten konnten, zeigten sich gelegentlich unangemessen zudringlich.
Solange die hierarchische soziale Ordnung des Ancien Régime und das kulturelle Wertesystem, das eng mit der Ordnung verbunden war, intakt waren, konnte man auch wirtschaftliche Krisen überleben. Dies gelang im Übrigen auch Tilly mit Hilfe des zuständigen Polizeipräfekten von Paris. Wenn umgekehrt aber der Respekt für den Autoritätsanspruch des Adels und dessen kulturelle Hegemonie verloren ging, dann war zumindest politisch gesehen auch ein großes Vermögen weitestgehend wertlos. Das mussten nicht nur französische Adlige nach 1789 erkennen, sondern auch viele andere Aristokraten in Europa, wenn auch oft zu einem deutlich späteren Zeitpunkt. In England kam man zu dieser Einsicht erst im Laufe des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts, wenn nicht noch später. In Irland hingegen, wo die Herrschaft der landbesitzenden protestantischen Oberschicht – der Ascendancy – nie unumstritten gewesen war, mussten manche Landbesitzer schon viel früher feststellen, dass sie nicht mehr mit der Loyalität ihrer Pächter rechnen konnten.56 Verband sich eine solche Legitimationskrise mit finanziellen Problemen, die durch Bauwut oder sonstige Formen der Verschwendung bedingt waren, dann konnte der Abstieg einer Familie freilich sehr drastisch ausfallen. Das galt etwa für die Kings, Earls of Kingston, im Westen Irlands.
George King, dritter Earl of Kingston (1771–1839), der auch unter dem Namen »Big George« bekannt war, gab ein Vermögen für seinen Landsitz – Mitchelstown Castle –, einen neugotischen Palast, der wohl einschließlich der Parkanlagen mehr als 100.000 Pfund gekostet haben dürfte, aus. Sein ältester Sohn, der für die Schulden seines Vaters bürgte, sollte später sein Leben in einem Schuldgefängnis beenden und die Erben von »Big George« waren genötigt, große Teile des Besitzes zu verkaufen, um die Schulden abzubezahlen, die ihnen der dritte Earl hinterlassen hatte.57 Finanzielle Probleme waren aber nicht der eigentliche Grund für die persönliche Krise des dritten Earl. Hierfür war vielmehr die wachsende katholische Opposition gegen die alte protestantische Elite ausschlaggebend. »Big Georges« buchstäblichen Absturz in den Wahnsinn thematisiert Elizabeth Bowen, deren Familiengeschichte – Bowen’s Court – bereits an anderer Stelle angeführt wurde. Sie schildert, wie im Jahr 1830 – also nach der Katholikenemanzipation – in Limerick eine Wahl zum Parlament stattfand. Als der größte lokale Landbesitzer hatte Georg King in der Vergangenheit diesen Wahlkreis immer beherrscht, indem er seinen Pächtern einfach sagte, wen sie wählen sollten. So ging er auch 1830 vor. Seine Pächter erschienen auch in den Wahllokalen, aber sie entschieden sich fast alle für einen katholischen Kandidaten. Der Earl bestellte sie daraufhin auf seinen Landsitz nach Mitchelstown ein, um sie zur Rede zu stellen:
»Big George sat on a dais at the far end of the hundred-foot-long castle gallery. As more and more tenants came pressing in at the door, the front of their crowd was pressed more and more upon him. Big George did not cease to cover the mobbed perspective of the gallery with his eye. That eye of his, and the dreadful continued silence, renewed the domination of centuries. But they were here to hear him. He must speak. He did not – he took the alternative and went mad. Leaping out of his seat he threw his arms wide: ‘ They are come to tear me to pieces, they are come to tear me, to tear me to pieces.’ Forty eight hours later he had been taken away.«
Bowen fügt mit Blick auf die generelle Lage der landbesitzenden protestantischen Oberschicht nach 1828 hinzu: »The sense of dislocation was everywhere. Property was still there, but power was going. It was democracy, facing him in his gallery that sent Big George mad.« 58
Schlechte Ernten, Spielschulden, finanzielle Fehlspekulationen, ein allzu üppiger Lebensstil, kostspielige Mätressen oder einfach nur zu viele Töchter, die eine Mitgift beanspruchten, all das konnte die Stellung einer aristokratischen Familie in der Gesellschaft schwächen, am Ende vielleicht sogar dauerhaft unterminieren. Schlimmer war allerdings eben doch ein politischer und kultureller Wertewandel, der den Respekt vor ererbtem Status überhaupt in Frage stellte. Ein solcher Wertewandel mochte sich im ländlichen Irland, wo die protestantische Landbesitzerschicht von den katholischen Pächtern und Bauern nie ganz akzeptiert worden war, früher vollziehen als in anderen Teilen Europas, wenn auch später als im revolutionären Frankreich, erreichte im Laufe des 19. Jahrhunderts aber auch andere europäische Gesellschaften. Dieses Problem war dann spätestens gegen Ende des Jahrhunderts auch mit großen wirtschaftlichen Ressourcen nicht mehr zu lösen.
Quellen- und Literaturverzeichnis
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Der Adel und das Geld. Zwischen demonstrativer Verschwendung und Bewahrung des Erbes
1 Einleitung
2 Der Adel als »Geschäftspartner« von Staat und Dynastie
3 Schulden als Grundlage des Aufbaus von sozialem und kulturellem Kapital
4 Der finanzielle Zusammenbruch als reale Gefahr
5 Nur Krämerseelen rechnen auf Heller und Pfennig nach und verlangen ihr verliehenes Geld zurück
6 Cum dignitate otium statt Fachmenschentum und unternehmerischer Tätigkeit?
7 Die ambivalente Bedeutung des Landbesitzes
8 Resümee und Ausblick
Quellen- und Literaturverzeichnis