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Decorum und Mammon im Widerstreit? Adeliges Wirtschaftshandeln zwischen Standesprofilen, Profitstreben und ökonomischer Notwendigkeit
11 Feb 2022
Adel und Unternehmertum als historiographisches Problemfeld mit gesamtgesellschaftlicher Dimension
Abstract
Adel, Adeligkeit und Unternehmertum scheinen zunächst in einem ­unaufhebbaren Widerspruch zueinander zu stehen. Jedenfalls suggeriert dies die ­moderne, bürgerlich geprägte Historiographie, erst recht wenn sie sich den auf Max Weber ­zurückgehenden ­Prämissen des Wirtschafts- und Soziallebens und deren ­Geschichtlichkeit ­verpflichtet sieht. Dabei erweist eine genauere Analyse, dass sowohl die moderne Agrar- und Wirtschafts­historiographie als auch bereits die vormodernen ­Beobachter des sozioökonomischen ­Wandels in Alteuropa wesentlich differenziertere Auffassungen vertraten. Das eher ­einseitige Negativbild der ökonomischen Adels­aktivitäten entspringt folglich ­interessengeleiteten Motiven und bedarf einer ­Korrektur, die jenseits der Kategorien ­Erfolg und Intensität die Handlungshorizonte und ­Bedingungen adeligen ­Entrepreneurships ­ausleuchtet und dabei dem Wert von Adeligkeit im ­Wirtschaftsleben, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der ­sozialen Interaktion des Adels mit nicht-adeligen Gruppen, nachspürt.
Keywords Adel, Historiographie, Bürgertum, Wirtschaftsgeschichte, Alteuropa
1 Einleitung
Die in Gießen betriebene Frühneuzeit-Forschung deckt seit der Gründung des Instituts eine große thematische Bandbreite der Sozial-, Verfassungs-, Herrschafts-, ­Politik-, Erinnerungs- und Konfessionsgeschichte ab, obgleich auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Konjunkturen. Dies umfasst auch die Adelsgeschichte, die das wissenschaftliche Œuvre des Jubilars stets begleitet und angesichts des wissenschaft­lichen Biotops, in dem er aufgewachsen ist – der Tübinger Press-Schule –, auch geprägt hat. Allerdings führte nicht allein dieses lehrstuhlinterne Movens zum Tagungsthema. Vielmehr lag es aus aktuellen Gründen gleichsam auf der Hand, insofern es sich an die gerade neu aufgeflammte Kapitalismus- und Elitenkritik in den westlich-­demokratischen Kulturen anlagert, mit der zugleich eine Kritik an der älteren Forschung verbunden ist,1 wie sie nicht zuletzt von Jürgen Kockas neuerer Arbeit zur Geschichte des Kapitalismus repräsentiert wird.2 Während sich jedoch die deutsche Historikerzunft im Vergleich zu den europäischen Kolleginnen und Kollegen mit Äußerungen zu ­sozial- und ­gesellschaftskritischen Themen der Gegenwart auffallend zurückhält, lassen immerhin neuere Studien zum unternehmerischen Handeln des Adels und seiner Rolle in der Wirtschaftsgeschichte aufhorchen. Die Arbeiten von Manfred Rasch und Ivo ­Cerman zum Adel im Industriezeitalter, von Marc Häberlein mit seinem kulturalistischen Zugriff auf den (Proto-)Kapitalismus der beginnenden Frühen Neuzeit oder – um im Hessischen zu bleiben – Dieter Wunders luzide Studie zum Adel in der Landgrafschaft Hessen­(-Kassel), die zugleich die Unverzichtbarkeit solcher regionalgeschichtlichen Detailstudien belegt, geben hierfür entsprechende Hinweise.3 Die genannten, selbstverständlich zu ergänzenden Publikationen zeigen zweierlei: Zum einen weisen sie einen epochenübergreifenden Zugriff auf das Thema aus, der gleichwohl die Vormoderne eher unterbelichtet lässt, so als ob die heuristischen Instrumente und die entsprechende Grundlagenliteratur noch nicht zur Verfügung stünden. Zum anderen wird deutlich, dass sich die deutsche Historiographie zwar sehr emsig um die sozialhisto­rische Seite der Adelsgeschichte bemüht (hat), dass sie dabei jedoch dem ökonomischen Feld eine eher untergeordnete Rolle zuwies.4 Das ist umso erstaunlicher, weil das eine mit dem anderen elementar verknüpft ist und so bereits von den alteuropäischen Zeitgenossen mit wachem Gespür für die Friktionen in den ständischen Sozialstrukturen wahrgenommen und öffentlich verhandelt wurde. Die Thematisierung des unternehmerischen Engagements des vormodernen Adels problematisiert daher an dieser Stelle nicht dessen Fähigkeit zum »Ökonomisieren« und zur Wahrnehmung einer Rolle als Marktakteur. Sie fragt vielmehr nach den Mitteln und nach den Bedingungen solchen Engagements, verbindet auf diese Weise die Sozial- mit der Wirtschaftsgeschichte und transformiert sie zu einer frühneuzeitlichen Elitengeschichte. Die Beschäftigung mit dem Adel bietet demnach – einmal mehr – den Anlass zur Reflexion über die Strukturprozesse der Vormoderne, deren Bedeutung für das moderne Europa und über deren partielle Rückkehr in der Postmoderne. Dementsprechend sei an dieser Stelle nicht einfach eine summierende Bestandsaufnahme der bisherigen Beschäftigung mit adeligen Entrepreneurship und der wissenschaftlichen Forschung dazu vorgenommen, sondern diese ebenfalls akteursorientiert und strukturell analysiert und für Rückschlüsse auf die zeitgenössischen Elitendiskurse genutzt.
2 Adelsdiskurse zwischen ritterlichem Geblütsideal und ökonomisierter Meritokratie: protokapitalistische Profitmentalität, soziale Mobilitätsprozesse und Elitenwandel in Alteuropa
Das im Eingangsbeitrag angeführte Zitat des Jacob Leupold aus dem Jahr 1718 ­belegt die Selbstverständlichkeit und Wertschätzung, mit der einem rationalisierten und durchstrukturierten Wirtschaftsengagement in hochadeligen Kreisen zu Beginn des 18. Jahrhunderts begegnet wurde. Dabei handelte es sich weder zeitgenössisch um eine neue Erkenntnis noch war Leupold ein einsamer Mahner in einer vermeintlichen »wirtschaftspolitischen Wüste« seiner Generation. Seine Bemerkung zeigt, dass es wenigstens in der zweiten Frühneuzeithälfte nicht an Ratschlägen aus dem Kreis der Wirtschaftsexperten fehlte, ja sogar, dass diese einen regelrechten Theorie- und Beratungsdruck – ähnlich jenen »Wirtschaftsweisen« des beginnenden dritten nachchristlichen, postmodernen Millenniums – aufbauten, indem sie Reformstau attestierten, ­Reformfelder definierten und modernisierendes Handeln energisch anmahnten. So befand sich der regierende Hochadel des Reiches unter dem öffentlichen Legitimationsdruck, das allgemeine Wohl auch auf dem ökonomischen Feld zu sichern. Hochadelig-fürstliches Unternehmertum meinte aus dieser Perspektive die Ökonomisierung der Herrschaft im Sinne ihrer betriebswirtschaftlichen Ausrichtung, deren zielgerichtete Führung und Abschöpfung, quasi die Leitung eines landesherrlichen Wirtschaftsbetriebs mit unterschiedlichen Produktions- und Vermarktungszweigen durch Auslotung von Marktchancen, Förderung von Spezialindustrien, Expansion der Agrarproduktion oder Erleichterung des Kommerzes. So wie der Fürst damit aus seiner angestammten, jedenfalls bis dahin selbst profilierten Rolle als pater familias (territorialis) herauswuchs und zum Unternehmer bzw. Wirtschaftsstrategen avancierte, erschien auch die Ökonomisierung als Teil einer politischen Überlebensstrategie, die fürstliche Herrschaft ermöglichen oder optimieren sollte – und doch schien sie damit per se überfordert gewesen zu sein.
Denn wie schon in der angedeuteten Hochphase des postmodernen Neokapitalismus propagiert, scheinen auch die von Annette Cremer bereits angeführten Beispiele allesamt vordergründig zu beweisen, dass »es« »der Staat« eben »nicht kann« und mit ihm eben nicht »der Adel«. Viele der nachfolgenden wie schon bereits vorgestellten Projekte sind quasi in französischer Manier zwar durch viel Pathos gekennzeichnet, aber wenig ›Patte‹ sowie ein Höchstmaß an Glamour und sprezzatura, aber mangelnde Kenntnisse der fachlichen Herausforderungen, der Notwendigkeit der Betriebsorganisation und Personalführung sowie der Vorabkalkulation wenig beeinflussbarer, eventuell unvorhergesehener exogener Faktoren wie Energieversorgung, Befindlichkeiten von Wut-Untertanen, Preisentwicklung etc., ganz zu schweigen von familieninternen Einflüssen, die die Realisierung großartiger, zukunftsträchtiger Vorhaben beeinträchtigten. Interessanterweise besserte sich die betriebswirtschaftliche Situation der vorgestellten Projekte offenkundig nicht wesentlich durch deren Privatisierung. Demnach ließ sich der Misserfolg nicht allein mit der mangelnden Qualifikation des fürstlichen Personals erklären, zumal ähnliche Risikoinvestments von niederadeligen Projekteuren durchaus erfolgreich umgesetzt wurden. Das Scheitern jener und anderer (hoch-)­adeliger Unternehmungen kann also für eine kritische ­Betrachtung des Phänomens argumentativ nicht tauglich sein. Es ist eher mit den bedingenden Kontexten zu korrelieren.
Gleichwohl verfestigen solche Beispiele – wie auch die Vielzahl anderer Fälle ­finanziellen Ruins ganzer Häuser höheren wie niederen Adels – das Verdikt über die ökonomische Unfähigkeit des europäischen Herrenstandes, das seit dem 18. Jahrhunderts und beschleunigt im 19. Jahrhundert geprägt wurde. Es steht in einem merkwürdigen, aber strukturgeschichtlich aussagekräftigen Widerspruch zu jenen Klagen früherer Zeitgenossen, die sich über die Generierung von unerhörtem Reichtum durch Handel seitens adeliger Akteure und durch deren Einfluss auf die Marktregeln sowie über die Bedeutung von Reichtum in der Standeselite ausließen. Darüber ­hinaus steht es in einem bedenkenswerten Widerspruch zu den Bemühungen des erfolgreichen Wirtschaftsbürgertums um habituelle Äquivalenz bzw. gar Nobilitierung, also verhaltensmäßige ­Angleichung und um Akzeptanz in jenen Kreisen, deren Niedergang man ­ansonsten beschwor oder historiographisch beschwören ließ.5 Wer die Historiographie der ­Moderne und deren Urteil verstehen will, ist daher gut beraten, ihre alteuropäischen Vorläufer zu berücksichtigen. Denn nicht erst die neuzeitlichen Vertreter der ­Sozial- und Wirtschaftsgeschichte haben es meisterhaft verstanden, von dem Paradigma des revolutionären Freiheitskampfes des Bürgertums gegen den fortschrittsfeindlichen, ­parasitären Adel auf dessen Reformunfähigkeit zu schließen und ein stereotypisierendes Zerrbild erwachsen zu lassen. Sie saßen – ob aus Eigeninteressen gewollt oder dazu verleitet, mag an dieser Stelle unentschieden bleiben – den Profilierungen der alteuropäischen Vorläufer auf.
Bereits frühneuzeitliche Analysten legten nämlich die Grundsteine für jene Urteile und Ethiken, die die Unvereinbarkeit von Adeligkeit und unternehmerischem Profitstreben konturierten. Doch so wenig diese Akteure die Breite des Meinungsspektrums abdeckten, so wenig entsprach das so evozierte Bild bereits damals der Realität, vielmehr bestimmten es Wunschvorstellungen und Abgrenzungsbedürfnisse. Zweifellos stigmatisierte Andreas Tiraquellus 1549 den Handel als derogierend für den Adel, und ihm folgten im 17. Jahrhundert Reichsjuristen wie Dr. Paul Wehner oder der Gießener Jura-Absolvent Philipp Knipschildt, der Kaufleute und Diebe unter Verweis auf den antiken Gott Merkur in eins setzte.6 Solche Stimmen stellten allerdings nur die Kehrseite eines Diskurses dar, der ein buntes Meinungsspektrum bot und in dem frühzeitig auf die Bedeutung des materiellen Wohlstands für Adeligkeit verwiesen wurde. Denn schon Tiraquellus wusste anzumerken, dass auch Armut den Adel derogiere, während sich andere Beobachter über die angeblich weitverbreitete Bedürftigkeit und die mangelnde Anpassungsfähigkeit niederadeliger Zeitgenossen lustig machten.7 Dritte wiederum rieten materiell leidenden Adeligen zu »einkommensergänzenden Maßnahmen« wie Dienstnahme oder eben Handel und Unternehmertum,8 sofern sie sich nicht über den kommerziellen Erfolg adeliger Entrepreneurs empörten,9 weil diese ihren Reichtum durch Ausnutzung ihrer Privilegien, unter Verrat an den altritterlichen Idealen und mit dem Effekt der Verkehrung der traditionellen Ständeordnung generierten. Andere Bonmots aus der Zeit vom 15. bis weit ins 17. Jahrhundert hinein weisen – mal kühl analysierend, mal trauernd-klagend – in ähnliche Richtungen. Adel und Kommerz galt den Zeitgenossen weder unisono noch prinzipiell als abwegig, vielmehr als Teil jener spezifischen Heterogenitäten, die noch zu erörtern sind. Allerdings durfte sich solches Handeln nicht im Kleinkrämertum ergehen, sondern musste wenigstens bedeutend genug sein, um als standesgemäße Existenzsicherung, wenn nicht gar Ausweis von Exzellenz gelten zu können; je größer, je besser, weil umso heroischer mochte es sein und damit jenen adeligen Selbstentwürfen Alteuropas entsprechen, die später im Unternehmerbild der Moderne ihren Widerhall fanden.10
Solchen Positionen bzw. Positionierungen war die Einsicht gemeinsam, dass sich der alteuropäische Adel einerseits auf dem sozial fluiden Feld der Ökonomie und in sozialer Kommunikation mit erfolgshungrigen, aufstiegswilligen Nicht-Adeligen sehr wohl zu bewegen wusste und durchaus unternehmerisch erfolgreich war, dass er sich andererseits jedoch mit solchen risikobehafteten Aktivitäten in einem hochproblematischen sozioökonomisch-politischen Spannungsfeld bewegte, das mit dem traditionellen Selbstbild und den damit verbundenen Adelsprofilen – insbesondere mit der Idee des ritterlichen Blutadels und damit der Idee der Abstammungsadeligkeit – nichts ­gemein hatte. Denn unternehmerische Aktivitäten warfen prinzipielle, jedenfalls fundamentale Fragen sowohl an das Ideal angemessenen Wirtschaftens als auch an Adeligkeitsideale auf, die das materiell basierte Leistungsprinzip in den Vordergrund rückten, und nicht zuletzt an gesamtgesellschaftliche Vorstellungen, die die Elitenbildung betrafen. Die von Johann Michael von Loën 1742/52 entworfene Wertehierarchie – Geld, ­Geburt, ­Tugend –, die dem Geld eine beherrschende, weil gestaltende Position zuwies, stellte für diesen Diskussionsprozess nur ein spätes Beispiel dar, das zeitgleich von ­Montesquieu ergänzt wurde.11 Solche Aussagen dürfen nicht überraschen, standen sie doch in einem zeitgenössischen Diskurs, der sich längst von der ursprünglichen Frage nach der Zulässigkeit adeligen Wirtschaftsengagements hin zu einer Diskussion über das Wesen und die Konstituierung der gesellschaftlichen Ordnung, die Komposition von Eliten sowie die Möglichkeiten, Grenzen und Risiken sozialer Mobilitätsprozesse entwickelt hatte. Er belegt die Wirtschaftsaktivitäten des alteuropäischen Adels, seine vielfältigen Einbindungen in und seinen Einfluss auf die wirtschaftlichen Zusammenhänge sowie seine Fähigkeit, sich effektiv den ökonomischen Herausforderungen bereits seit der Jahrtausendwende – also dem erstmaligen ökonomischen Strukturwandel in Alteuropa12 – zu stellen. So gilt es an diesem Punkt danach zu fragen, warum und von wem über diesen Umstand derart intensiv debattiert und am Ende die Unvereinbarkeit von Adeligkeit und Wirtschaft postuliert wurde.
In diesem Zusammenhang verwies schon vor über drei Jahrzehnten Barbara ­Stollberg-Rilinger auf das zeitgenössische Bedürfnis nach Aufrechterhaltung ständischer Differenz und nach Schutz der Kaufmannschaft, das eine Exklusion des Adels vom Handel oder wenigstens dessen Beschränkung gefordert habe.13 In der Tat lässt sich beobachten, dass die fürstlichen Regierungen verstärkt, wenn auch nicht immer erfolgreich seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts allerorten den konkreten Einfluss des Adels auf die Wirtschaftsstrukturen einzudämmen suchten.14 Vielerorts wurde die Wirtschaftspolitik als Teil der jeweiligen innenpolitischen Machtfrage begriffen. Insofern handelte es sich bei solchen wirtschaftspolitischen Konfrontationen um Grenzdiskussionen über »rote Linien«, die je nach Bedürfnislage des interessierten Akteurs gezogen bzw. aufgeweicht wurden. Dabei mussten die so markierten Grenzen nicht automatisch ­zwischen Adel einerseits und Nicht-Adel und Fürst andererseits verlaufen. Sie stellten sich unter Umständen als Divergenzen zwischen dem Fürsten und einer Koalition aus Adel mit nicht-adeligen Wirtschaftsakteuren oder zwischen verschiedenen Adelsformationen – beispielsweise zwischen Hochadel und Gentry oder städtisch-kommerziell-­überseeisch orientiertem und ländlich-agrarisch situiertem Adel – dar, was ebenso wenig ausschloss, dass innerhalb einer Familie die Vorstellungen über die Generierung von Reichtum massiv divergierten.
Der Schutz der Kaufmannschaft fokussierte folgerichtig nicht einfach auf die ­Sicherstellung »fairen Wettbewerbs«, sondern war Ausweis eines hart geführten Konkurrenzkampfes, dem mit der Aufrechterhaltung ständischer Differenz ein zweites, zudem durchaus populäres – wenn nicht gar populistisches – Begründungsargument funktional an die Seite gestellt wurde. Die Forderung nach ständisch definierten Grenz­ziehungen angesichts offenkundig erfolgreichem Entrepreneurship des Adels belegt nicht zuletzt das Ausmaß, in dem die alteuropäischen Ständegesellschaften in Bewegung gekommen waren, aus Sicht der Zeitgenossen amorph zu werden drohten und die nicht-adeligen Interessen behinderten. Die seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts intensiviert geführten Diskussionen spiegeln demnach reziproke und mehrdimensionale Vorgänge auf dem ökonomischen Feld: reziprok, weil sich Adel und Nicht-Adel auf dem ökonomischen Feld gegenseitig beeinflussten und miteinander interagierten; mehr­dimensional, weil nicht nur das interständische Verhältnis betroffen war, sondern jeweils auch die intraständischen Verhältnisse. Im Adel konnte sich dies an der binnen­adeligen Solidarität gegenüber verarmten Standesgenossen festmachen, die angesichts der harten und permanenten Konkurrenz keinesfalls so selbstverständlich war, wie es die verschiedenen Institutionen hierfür suggerierten. Schon gar nicht galt dies für genuin ökonomische Problemkreise, bei denen die Interessen maximal divergent ­waren und für deren Analyse man sich immer vor Augen halten muss, dass die jeweiligen Vertreter »des Adels« nicht selten sich selbst die Nächsten waren und keinesfalls immer die Interessen der vordergründig Vertretenen repräsentierten. Schließlich gilt es auch in Erinnerung zu rufen, in welchem Ausmaß sich nicht nur in England und Spanien viele Adelsfamilien mit nicht-adeligen Akteuren, die selbstverständlich nach Nobilitierung strebten, verbanden, an deren ständischer Aufwertung beteiligt waren und auf diesem Wege an der Schaffung eines neuen Adels und einer meritokratisch-­ökonomisch definierten Elite mitwirkten, also traditionelle Adelsdefinitionen untergruben. Die »Gentryfizierung« des alteuropäischen Adels war insofern kein nur für England spezifischer Vorgang, selbst wenn er dort besonders ausgeprägt beobachtbar war, sondern vielmehr eine Facette der übergreifend erkennbaren und allerorten diskutierten Transformationsprozesse in den Eliten des vormodernen Europa.
Diese Bemerkungen weisen auf jene Heterogenitäten und Mobilitäten im Adel hin, die bereits im 12. Jahrhundert eine intensive Diskussion ausgelöst hatten. Sie waren allen – auch den frühneuzeitlichen – Beobachtern allzu bewusst, ergaben sich überwiegend aus ökonomischen Vorgängen und machten sich daher bevorzugt an den Genuesern fest, wie die entsprechende Abhandlung des Johann Michael von Loën aus dem Jahr 1752 belegt.15 Diese Heterogenitäten stellten sich allerdings nicht nur als Phänomene des Raums, sondern auch der Zeit dar. Für die Raumdimension lassen sich die Genueser als »Sondergruppe« deshalb so hervorragend profilieren, weil sie im Gegensatz beispielsweise zu den mittelrheinischen Reichsrittern aus ihren profitorientierten Interessen keinen Hehl machten, sie ostentativ zur Schau stellten und synonym für die oberitalienischen Adelsformationen insgesamt stehen. Gerade deshalb jedoch stellten die Genueser eben kein intraständisches Solitär dar, sondern lediglich einen spezifischen Teil in dem an unzähligen Varianten reichen alteuropäischen Adelsspektrum, das seit dem Hochmittelalter nicht nur den agrarisch orientierten, landbasierten Lehensadel, sondern auch urban situierten, dabei Landbesitz kaum abgeneigten Gewerbe- und Kommerzadel in Gesamteuropa kannte.16 Zugleich weist das genuesische Beispiel auf eine Facette der Adelsrezeption hin, nämlich die Annahme, es hätte zwischen Adel und Städten – und damit waren vornehmlich die Kaufleute, also die im risikoreichen Handel reich gewordenen Nicht-Adeligen, gemeint – ein geradezu ideologisch aufgeladener Grundsatzkonflikt bestanden. Das entsprang mehr der bourgeoisen Weltsicht des 19. und noch des beginnenden 20. Jahrhunderts, als das Bürgertum für sich in ­Anspruch nahm, die Freiheitsidee, die Leistungsidee und mit ihr die Moderne schlechthin zu verkörpern. Mittlerweile ist erkannt worden, in welchem Ausmaß Adelige und Städte politisch und ökonomisch sowohl als Konkurrenten wie auch als Koalitionäre gegen andere Städte, andere Adelige und Fürsten auftraten.17 Die Stadt war für den Adel in Gesamt­alteuropa ein selbstverständlicher sozialer Aufenthalts-, Aktivitäts- und Resonanzraum, wie umgekehrt das Land für die städtischen Akteure Gleiches war.
Mehr noch als die Raumdimension der Heterogenitäten im Adel sollte deren Zeitdimension, also ihre Zeitbedingtheit, interessieren. War noch Dante Alighieri von der Möglichkeit eines absoluten Adelsbegriffs und damit von dessen Definitionsmöglichkeit ausgegangen, setzte diesem Standpunkt Bartolo da Sassoferrato im 14. Jahrhundert eine rein juristische Auffassung entgegen, wonach die Definition und Kreation von Adel ganz im Belieben des Fürsten stünde. Der Jurist negierte demnach eine intrinsische Substanz von Adeligkeit, also auch ihre erzwungene Abhängigkeit von jedweder Form der ­virtus.18 Dies ist für unseren Untersuchungsgegenstand von Bedeutung, insofern die Formulierungen vom »Adel im Wandel« unzählig sind. Doch haben sie meist nur beiläufig das ökonomische Feld im Blick und gehen dann mit großer Selbstverständlichkeit davon aus, dass »der Adel« von »dem Bürgertum« seit dem Ausgang des Spätmittelalters unter zunehmenden und am Ende der Frühen Neuzeit gleichsam unter finalen Sozialdruck gesetzt wurde. Problematisch erscheint nicht nur, dass damit einhergehend das Verdikt der zunehmenden, weil strukturell veranlagten Rückständigkeit und der materiellen Verarmung des (Nieder-)Adels als flächendeckendes Phänomen und Abbild der Realität akzeptiert wird, sondern auch, dass dieser Wandel meist auf die Frühe Neuzeit verengt betrachtet wird, obwohl große ökonomische Strukturveränderungen bereits seit der Jahrtausendwende festzustellen sind, die nachweislich entsprechende Effekte auf die binnenadeligen Kompositionen besaßen. Der Adel trat dabei eben nicht nur als Konsument, sondern unter Ausnutzung seiner Produktionsmittel sowie entsprechend seinen Profitchancen und den jeweiligen Konjunkturen als erfolgreicher Produzent, Vermarkter und Investor auf. Der Unternehmerbegriff aus dem ­Zedler erscheint insofern als vollkommen passend, was allerdings deshalb nicht erstaunen kann, weil sich – im Gegensatz zu Brakensieks Auffassung19 – der Adel eben nicht ausschließlich an der Vergangenheit orientierte, selbst wenn er bevorzugt selbstlegitimatorisch mit ihr argumentierte. Das ökonomische Interesse des Adels resultierte aus seinen gegenwärtigen ökonomischen, sozial-ständischen Bedürfnissen, die zukunftsgerichtet waren, ­insofern die Standesherren ein hinreichendes materielles Auskommen zur Aufrechterhaltung ihres und des familiären Standes und Prestiges benötigten. Weil eine europäische Adelsexistenz – im Gegensatz zur (Post-)Moderne – seit der Jahrtausendwende von permanenter Konkurrenz, vom Kampf um die Exzellenz, von Binnen­hierarchien und Binnenabschichtungen und vom Aufstieg der homines novi geprägt war, musste (unberechenbare) Mobilität als Normalität, ständische Stabilität als Ausnahme und eher Hoffnungshorizont erscheinen. Dies galt für die Frühe Neuzeit wie bereits für das Hochmittelalter, wobei selbst von den hochmittelalterlichen Zeitgenossen ­soziale Statik weder als real noch als ideal begriffen wurde.20 Dies resultierte aus der unmittelbaren Erfahrung der allerorten und in allen Lebensbereichen beobachtbaren varietas bzw. jenen varietates, die sich in den Heterogenitäten des Adels bzw. in dem niederschlugen, was von Ort zu Ort verschieden bzw. in unterschiedlichen Epochen als standesgemäß angesehen wurde. Damit war die Einsicht verbunden, dass Definitionen – auch die Adelsdefinition – von veränderlichen, weil zeitbedingten, jedenfalls anthropogenen opiniones abhingen. Eine virtus-basierte Adelsdefinition musste demnach stets einräumen, dass sie auf zeitbedingten Kriterien der öffentlichen Würdigung individueller Leistungen auflagerte. Nur auf diese Weise konnte virtus als Basis sozialer Exzellenz in der varietà akzeptabel sein, wie der florentinische Jurist Buonaccorso da Montemagno um 1430 in seinem ­Adelstraktat ausführte und dabei aufzeigte, dass es sich bei der ­sozialen Elite letztlich um eine ­Oligarchie der Reichen handelte, die ihre Exzellenz- und Selektionskriterien selbst schuf.21
In diesen zeitlichen und inhaltlichen Kontext ist auch jener Dialog des ­Gianfrancesco Poggio Bracciolini über den »wahren Adel« aus dem Jahr 1439 einzuordnen, der sich unter anderem mit der Frage nach der Angemessenheit von Handel für den Adel beschäftigt.22 Bracciolinis Dialog stellte daher weder ein Solitär der ­Renaissance noch ein Solitär in der Renaissance dar. Bereits seit dem 13. Jahrhundert hatte es Diskussionen über die gesellschaftswirksame Gestaltungskraft des Herrn Pfennig infolge der ökonomischen Dynamiken des Hochmittelalters gegeben, die reiche Kaufleute in den Adelsstand versetzten und neue Bewegung in die Adelswelt brachten.23 Erworbener Reichtum wurde als adelskonstituierendes ­Moment intensiv diskutiert und mit ihm die von den Scholastikern unterstützte Einsicht in den anthropogenen und ­daher veränderbaren Charakter jeder Gemeinschaft, in der sich Individuen eigenständig entfalten und daher in steter Konkurrenz zueinander stehen. Der Renaissancehumanismus spitzte dieses Moment lediglich zu und akzentuierte es. Die so formulierten Ideen müssen eher als Spiegel jener sozioökonomischen Mobilitäten, jener diversitas ­temporum vel locorum (Bartolo da ­Sassoferrato) und varietas opiniorum betrachtet werden, die mit den erneuerten ökonomischen Möglichkeiten der Menschen seit dem Ende des 14. Jahrhunderts ebenso verbunden waren wie mit den intellektuell-diskursiven Vorprägungen und sozialen Veränderungen des Hochmittelalters.24 Wenn Fragen problematisiert wurden, die die ­Handlungsmöglichkeiten des Individuums, die Wertigkeit von materiellem Reichtum, die Bemessungskriterien von Leistung und von sozialer Exzellenz sowie den Umgang mit Neuadel thematisierten, dann offenbarten sich darin gesellschaft­liche Diskurse über die Grenzen sozialer Mobilität, über den Grad politischer Einflussnahme und insbesondere über die ­Zugangsberechtigung zu soziopolitischen ­Räumen, insbesondere der ­Eliten – dies nicht zuletzt auch in der postmodern anmutenden ­Variante des ­Kampfes von Elitenangehörigen in Koalition mit dem vulgus gegen das »­Establishment« der Altaristokratie.25
Konsequenterweise und noch härter als zuvor waren damit seit dem 16. Jahrhundert neue Diskurse über die Adelsdefinition verbunden, die zudem noch stärker die Frage des persönlichen Verdienstes aufgriffen. Sie kreisten – wie schon zuvor – um den Zentral­begriff der virtus, der unterschiedlich interpretiert wurde und bei dessen Beschreibung völlig konträre Vorstellungen aufeinandertrafen, deren Extrempositionen durch Aspekte wie der vergangenheitsorientierten Ahnenschau einerseits und der Verhaftung des Individuums in der gestaltbaren Gegenwart andererseits gekennzeichnet waren. In den an dieser Stelle nicht weiter nachzuzeichnenden Diskussionen, die in Gesamteuropa, nicht nur in Westeuropa, intensiv geführt wurden und die gemessen an den mittelalterlichen Vorläufern argumentativ erstaunlich redundant waren,26 stand niemals und von keiner Seite zur Disposition, ob es einen Adel geben solle. Ebenso ­wenig stand dessen ständische Qualität inklusive seiner Privilegierung zur Disposition. Umstritten war »lediglich«, wie ein solcher Adel komponiert sein könne, welches Ausmaß an Freiheiten er besitzen solle, wie offen er sein dürfe, welche Kriterien den ­Zugang zu ihm definieren könnten. Es handelte sich am Beginn des 18. Jahrhunderts um eine selbstverständliche Auffassung, es müsse das Ziel des Reichen sein, in den Adel aufzusteigen.27 Kein Geringerer als Montesquieu, der den Handel des Adels als grundsätzlich schädlich sowohl für die Ökonomie als auch die Monarchie bezeichnete, vertrat denn auch die Auffassung:
»Der Brauch unseres Landes ist sehr weise: die Kaufherren sind keine Adeligen, aber sie können es werden. Sie hegen Hoffnung auf den Adelsbrief, ohne schon jetzt durch ihn behindert zu werden. Das sicherste Mittel, um aus ihrem Beruf herauszukommen, ist eine erfolgreiche und ehrenvolle Tätigkeit in ihm. Und die hängt gewöhnlich von der Eignung ab. Die Gesetzesvorschrift, dass jeder bei seinem Beruf zu bleiben und ihn auf seine ­Kinder zu übertragen hat, ist nur einem despotischen Staat von Nutzen. [...] Ich behaupte, dass man seinen Beruf besser ausübt, wenn seine hervorragenden Vertreter auf ihren Aufstieg in einen andern hoffen dürfen. Die Möglichkeit, den Adel für Geld zu erwerben, ermutigt die Kaufherren gar sehr, es so weit zu bringen.« 28
Umgekehrt und in Abgrenzung von der auf individueller Eignung und Tugend aufbauenden noblesse de robe sollte der Reichtum des Schwertadels nach Montesquieus Auffassung ein Instrument des Konsumierens und Dienens, nicht der unternehmerischen Gütervermehrung sein. Denn der Schwertadel, dessen Leitidee es sein müsse, »sein Glück ohne Rücksicht auf den Inhalt des eigenen Geldbeutels zu machen«,29 leiste »seine Dienste stets mit dem Kapitalertrag seiner Güter. Und wenn er ruiniert ist, räumt er seinen Platz einem andern, der wiederum mit seinem Kapital Dienste leistet.« 30 Montesquieu schwebte demnach eine offene Leistungsgesellschaft vor Augen, deren nach meritokratischem Prinzip organisierte Eliten der allgemeinen Wohlfahrt je nach Art ihres Standes und doch auch den Prinzipien der Ökonomie verpflichtet waren.31
Im Gegensatz zu den Negativurteilen mitteleuropäischer Beobachter über die ökonomisch-unternehmerischen Fähigkeiten des Adels war man in anderen Ländern Europas diesbezüglich gnädiger bzw. aufgeschlossener, was den Blick dafür freimacht, dass zwischen Sein und Schein, also zwischen Ideal und Realität der Adeligkeit, auch auf dem ökonomischen Feld durchaus große Unterschiede bestanden.32 Dies ­widerspiegelten gewissermaßen allerdings auch die frühneuzeitlichen Wirtschaftslehren für den ­altreichischen Adel, die einerseits für eine sparsame Haushaltung mit Sinn für lukrative Investitionen plädierten, andererseits zwecks angemessener (höfischer) Repräsentation ein entsprechendes Ausgabeverhalten anmahnten. Der von Matthias Steinbrink hierin attestierte Widerspruch zwischen Oeconomia domestica und höfischer Zeremonialwissenschaft in der Frühen Neuzeit stellte dabei zwar sicherlich ein akutes Norm-­Praxis-Problem dar,33 aber nicht unbedingt einen Antagonismus. Was sich gewisser­maßen als die Formulierung einer vormodernen Alternativität zwischen ­keynesianischer ­Nachfrage- und Ausgabenorientierung (gesteigerte Investitionen in bedürftige Marktsektoren bzw. in Situationen schlechter Konjunktur) einerseits und ­fiskalischer Austeritätspolitik (Sparsamkeit zwecks Rücklagenbildung für die Zeit konjunktureller Baisse) andererseits ausnehmen mag, bildete genau genommen die Funktionalitäten der unterschiedlichen Kapitalien, deren Generierung und deren Einsatz auf den verschiedenen Aktionsfeldern von Adeligkeit ab. Die »private« Ökonomie diente dazu, das tägliche Auskommen zu gewährleisten und den adeligen Kleinkosmos aufrechtzuerhalten und gegebenenfalls eine hinreichende materielle Basis für die soziale Existenz in der Adelswelt und insbesondere bei Hofe – also auf dem Feld der unmittelbar erlebbaren Konkurrenz und Repräsentation des Herren- und besonders des Fürstenstandes – zu schaffen. So erforderten beide Räume unterschiedliche Strategien des Einsatzes der jeweiligen Kapitalien – insbesondere des ökonomischen Kapitals –, auch wenn diese miteinander eng verbunden waren.
Der Hof war dabei keineswegs ein von der Generierung ökonomischen Kapitals separierter Raum, schon gar kein Raum bloßer »Geldverschwendung« zwecks ­Repräsentation. Vielmehr stellte er die für die soziale Anbahnung manchen ­Geschäfts ­notwendige Sphäre dar, zumal wenn sich das Geschäft um »Großes« – wie etwa ­Kolonialfragen, Kriegsführung oder Handelsnetze – drehte. Unternehmerisches Engagement bestand nicht zuletzt im Einsatz des sozialen Kapitals und der Ausnutzung der höfischen Kontakte, also deren gezielter Instrumentalisierung in den »Klippen« des ständischen Werteregimes.34 Denn der Hof figurierte selbstverständlich nicht zuletzt gemäß seiner Herrschafts-, Regierungs- und Repräsentationsfunktion als ­Informations-, Vermarktungs- und Anbahnungs- bzw. Entscheidungsbörse des ökonomischen Feldes, mochten auch nicht wenige Standesethiken solches Engagement ­kritisch oder gar ablehnend beurteilen. Gerade im Zeitalter der merkantilistischen Wirtschaftslehre wirkten in den Beratungs- und Entscheidungsorganen der europäischen Höfe Kommerztheoretiker von Stande mit theoretischen Vorstellungen und praktischen Umsetzungsvorschlägen. Die von Philipp Wilhelm von Hörnigk, Johann Wilhelm von Schröder und anderen »Projekteuren« ausgearbeiteten Konzepte und die daraus resultierenden ­Unternehmungen zielten denn auch auf eine zielgerichtete Einbindung der finanzstarken Teile des Adels, schon um die Risiken des Staates abzufedern und die notwendigen Investitionsgelder aufzubringen.
Solche »Merkantilisten« agierten als Wirtschaftslenker und suchten nicht selten zugleich von ihrem eigenen Tun zu profitieren. Daran war nichts anstößig. Der ­Entrepreneur von Stande war für sich aktiv, ebenso aber auch für (seine) nicht-­adeligen ­Mitunternehmer bzw. als Lobbyist entsprechender Einzelpersonen oder Personengruppen; und es war völlig selbstverständlich, dass er sein Amt oder wenigstens seine Kontakte einsetzte, um ein für sich vorteilhaftes Geschäft zu realisieren. Solche Vorteile mochten noch nicht einmal in direkten Profiten ökonomischen Kapitals bestehen; »flankierende Maßnahmen« zwecks Knüpfung neuer Beziehungen oder die Unterstützung der eigenen Klientel zählten zu diesem Aktivitätsbereich ebenso wie das genaue Gegenteil – also die Behinderung von solchen Aktivitäten der Konkurrenten – und betrafen andere adelige wie auch nicht-adelige Interessenten gleichermaßen. Der Hof figurierte denn auch keineswegs als von der ökonomischen Welt geschiedene Sphäre. Höfischer und nichthöfischer Adel mochten zweifellos ihre eigenen Haupthandlungsräume haben, blieben jedoch aufeinander bezogen. Gleiches galt für die nicht-adeligen Akteure, die im Hof und im höfischen System zentrale Ansprech- und Kooperationspartner suchten und fanden, nicht zuletzt weil sie verlockende materielle Angebote oder wenigstens Verheißungen machen konnten.
Diese soziale Dimension solcher Interdependenzen und Korrespondenzen wurde allerdings bezeichnenderweise durch die zeitgenössischen Kritiker des Ancien Régime ebenso sehr ausgeklammert, wie meritokratische Elitenmodelle in späterer Zeit ­wenig gebührend rezipiert wurden. Dabei handelte es sich jedoch kaum um einen Zufall. Das 18. Jahrhundert erweist sich insofern weniger als Jahrhundert des Aufbruchs als vielmehr als eine Epoche der großen Missverständnisse, jedenfalls wenn man es vor der Folie des Kampfes um Gleichheit interpretiert. Dass die Aufklärung und die Revolutionszeit nebst des sich anschließenden liberalen und industriellen Zeitalters aus Sicht der tragenden soziopolitischen Akteursgruppen gerade kein Kampf für die Gleichheit aller, sondern bevorzugt für die Besitzenden waren, hat Gonzalo Pontón in seiner preisgekrönten Studie herausgearbeitet. Der Kampf um bzw. vielmehr für die proprietaristische Ungleichheit war Teil einer aufklärerischen Bewegung jener Eigentumseliten, die sich des erstarrten höfisch-absolutistischen Systems entledigen wollten und dabei Teile des Adels – nämlich den wohlhabenden – mitnahmen, als das Ancien Régime die eigenen Interessen nicht mehr abdeckte. Thomas Piketty hat dieser Sicht mit seiner neuesten Studie für viele Staaten Europas die faktengesättigte Basis erarbeitet. So sehr es die romantisierte Verklärung der bürgerlichen Aufklärungsperspektive schmerzen mag, so deutlich ist mittlerweile, dass die Dialektik der Aufklärung nicht zuletzt in einem emanzipatorischen Vorgang seitens sozioökonomischer Eliten mit dem Ergebnis der Neugestaltung jener Formationen entlang meritokratisch-ökonomischer Kriterien bestand.35 Das schloss den Adel keineswegs aus, priorisierte jedoch andere Kriterien vor Abstammung und Tradition; und es legalisierte bzw. normalisierte eine ökono­mische Praxis, die zwar seit Jahrhunderten durchaus üblich, aber doch stets irgendwie dubios war.
3 Die Last der Umkehrung: Historiographie und historiographische Traditionen der Moderne
Aus der Durchsetzung des proprietaristisch-meritokratischen Gesellschafts- und Politik­prinzips am Beginn der Moderne resultierte zugleich der Zwang für die neue Elite zum Beweis des Fortschritts. Unter anderem daraus ergab sich das Aufstiegsnarrativ der bürgerlichen Moderne, das mit dem Abstiegsnarrativ der adelig-höfischen Welt – eine eigentlich ungehörige Gleichsetzung, die aber verfing – korrespondierte und das auf die Entwicklungen seit dem Hochmittelalter zurückprojiziert wurde. Aus beiden resultierte das Verdikt der traditionellen adeligen Unfähigkeit zum Neuen und zum Ökonomischen. Es fand seinen Niederschlag im Antagonismus von (bürgerlichem) Kommerz und (adeligem) Konsum, von Arbeit und Müßiggang, von Schaffenskraft und Parasitentum, wiewohl schon die alteuropäischen Wirtschaftsexperten vom Konsum als Voraussetzung für den Kommerz ausgingen. Wirtschaftsgeschichtliche Urteile nahmen im 19. Jahrhundert konsequent die Perspektive des Fortschritts durch Entfaltung des Kommerzes, der Technik und der Wissenschaft, geprägt durch risikobreite Kaufleute, Bankiers und Entrepreneurs aus dem Bürgertum, ein. Adeliges Engagement wurde dagegen nicht wahrgenommen, ignoriert oder eher als Ausnahme, wenn nicht gar Behinderung des Fortschritts gewertet.
So sind denn die bis heute wahrnehmbaren Vorbehalte gegenüber den ökonomisch-­unternehmerischen Qualitäten des Adels weniger einer analytisch präzisen Bestandsaufnahme geschuldet als vielmehr der Selbstlegitimation jener nicht-adeligen, sogenannten »bürgerlichen« Schichten Mitteleuropas, die ihren Selbstwert besonders scharf über den ökonomischen Erfolg in einer ökonomischen Boomphase ohne Vorbild definierten und dabei die glücklosen Akteure der eigenen Klasse außen vor ließen, ganz zu schweigen von den unzähligen sozialen Menschenopfern der Industrialisierung. Hierüber markierten und profilierten sie – am Ende sogar soziologisch untermauert durch Max Weber – den sozioökonomischen Abstieg des deutsch-preußischen Adels. Webers Diktum vom »Todeskampf des preußischen Junkertums« nobilitierte quasi solche Sichtweisen und gab ihnen den Anstrich der wissenschaftlichen Fundierung.36 Gewissermaßen ging dies mit dem Unternehmer-Verständnis Joseph Schumpeters einher, dem der (nicht-adelige) Unternehmer als waghalsiger Akteur im ausschließlichen Streben nach ökonomisch-monetärem Profit galt, wobei er den Adel davon nicht explizit ausnahm.37 Ähnlich verstand Werner Sombart die alteuropäisch-vorkapitalistische Wirtschaftsordnung als Negativ der modernen kapitalistischen Wirtschaftsgesinnung und die Subsistenzidee als Negativ des fortschrittsorientierten Prinzips des schrankenlosen Erwerbs. Für Sombart widerspiegelten sich beide Wirtschaftsprinzipien im Adel und im Bürgertum.38 Aufbauend auf der Unternehmensdefinition Gustav Schmollers – wonach jede Organisation ein Unternehmen darstelle, die den freien Menschen mit Gütern versieht – erkannte Sombart immerhin in den Agraraktivitäten des Adels unternehmerische Initiativen des Frühkapitalismus. Sombart verstand sie als eine von vier Grundformen unternehmenshafter Wirtschaftsorganisation neben dem Kriegszug, der Kirche und dem (vor)modernen Staat.39 Auf seine Erstanalyse dieses feudalkapitalistischen Unternehmertums bauten später Hermann Kellenbenz und Fritz Redlich auf.40
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum sich nicht dieser Ansatz Sombarts zusammen mit den Forschungen von Kellenbenz und Redlich durchsetzte. Die Antwort mag in der deutschen Nachkriegsgeschichte begründet sein. Webers Denkmuster wurden nämlich durch Otto Brunners wegweisende Studie Adeliges Landleben und europäischer Geist aus dem Jahre 1949 verfestigt.41 Brunner machte zwar mit seinen Hinweisen zur alteuropäischen Ökonomik neue Zugriffsfelder auf, manifestierte damit jedoch das bestehende Paradigma vom ökonomischen Bedeutungsabstieg des Adels in der Frühen Neuzeit und die ihm zugrunde liegenden Denkstrukturen. Darüber hinaus wirkte er in Form und Inhalt stilprägend, das heißt methodisch wie interpretatorisch vorbildhaft. Dieser Umstand muss aus heutiger Sicht umso bedauerlicher erscheinen, weil nämlich nur kurze Zeit nach der Erstveröffentlichung der Adelsstudie des »Volksgenossen« Brunner die genuin gesamteuropäisch ausgerichteten und genuin wirtschaftsgeschichtlichen Ansätze des deutschen Emigranten Fritz Redlich und seines US-amerikanischen Forschungskreises in den 1950er Jahren publiziert wurden. Ausgehend von der Annahme einer unwritten history of European aristocratic business leadership kamen sie zu entschieden differenzierteren Ergebnissen, die die ökonomischen Aktivitäten des alteuropäischen Adels in seiner ganzen Breite dokumentierten und entschieden positiver, ja gar als Dynamisierungsfaktor des frühneuzeitlichen Wirtschaftsgeschehens bewerteten.42 Im Gegensatz zu Brunner fanden Redlich und seine Mitstreiter am Research Center in Entrepreneurial History der Harvard University jedoch kaum Beachtung, was vielleicht auch an der jüngeren Vergangenheit, dem Zustand der nach Orientierungspunkten suchenden deutschen Geschichtswissenschaft sowie den Bedürfnissen ihrer Vertreter bzw. der deutschen Nachkriegsgesellschaften gelegen haben mag. Redlichs Kreis wurde beispielsweise von den Akteuren der ­Büdinger ­Gespräche, die seit den 1960er Jahren aktiv waren, nicht berücksichtigt. Das konnte im ­Büdinger Fall wenig verwundern,43 ging es doch der bundesdeutschen Historiographie um die Formung eines neuen Narrativs der bürgerlichen Freiheit und Selbstentfaltung im und durch den Kapitalismus, freilich auf der Basis des Allgemeinwohlbezugs; ­zugleich musste es um die historische Herleitung neuer bürgerlicher Führungseliten auf der Basis des Leistungsgedankens gehen. Dabei störten Adelige zweifellos ebenso wie sozialistische Facetten, gleichgültig ob roter oder brauner Couleur.
Die Ignoranz gegenüber bzw. Kenntnislosigkeit von außerdeutscher Forschung betraf auch andere angelsächsische Historiker.44 Neu war diese Art der selektiven ­Rezeption nicht. Bereits 1934 hatte der Marxist Franz Borkenau eine in Paris als ­Titel der Schriften des Frankfurter Instituts für Sozialforschung gedruckte Studie zum Übergang vom feudalen zum bürgerlichen Weltbild als Geschichte der Philosophie der ­Manufakturperiode veröffentlicht.45 Darin analysierte der 1947 in Marburg habilitierte Wiener, der seine außerplanmäßige Professur angesichts des Marburger Lehrpersonals bald verließ,46 den Zusammenhang zwischen philosophisch-ethischem Denken und der Ausbildung (proto-)kapitalistischer Strukturen in Alteuropa. Der Adel – ­insbesondere in seiner Ausformung als »Gentry«, also als Amalgam adeliger und nicht-­adeliger ­Gesellschaftsgruppen, die in jeweils regionalspezifischer Ausformung eine eigene ­Sozialformation mit zunehmendem Einflusspotential bildete – schien ihm dabei eine zentrale Bedeutung zu spielen. Eine ­Resonanz dieser Studie blieb jedoch aus und wurde auch nicht durch deren Neudruck bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft 1971 gesteigert.
Trotz entsprechender Hinweise aus der Agrargeschichte,47 die gerade die Intensität und Vielfalt adeligen Unternehmertums im 16. Jahrhundert sowie den damit verbundenen Beitrag zur Ausformung der kapitalistischen Ökonomie herausarbeitete, und trotz der Anmerkung von Wilhelm Treue aus dem Jahr 1957, wonach »das Thema voller unerforschter Fakten [stecke], deren genaue Kenntnis unsere Vorstellungen ­sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher Art wesentlich bereichern und erweitern würde«,48 blieb der Adel als Wirtschaftsakteur »unterforscht« und weiterhin wenig beachtet. Dies galt überdies unabhängig von dem geographischen Raum, wie der Beitrag von Hans Pohl »Zur Geschichte des adeligen Unternehmers im spanischen Amerika« ausweist.49 Das Fazit von Rudolf Endres zehn Jahre später, es gebe zur ökonomischen ­Situation und zum ökonomischen Verhalten des Adels »noch kaum belegte, auf breiter Basis beruhende Untersuchungen«,50 belegte diese Negativtradition symptomatisch. Es blieb auch dabei, dass sich die deutsche Sozialgeschichte auf die Bürgertumsforschung ­fokussierte und diese in faktischer Abtrennung vom Adel betrieb, so als ob allenfalls auf dem politisch-administrativen Feld – und dort auch nur konkurrenzhaft – entsprechende Sozialkontakte bestanden hätten. Dass sich der Aufstieg des nicht-adeligen, akademisch-administrativen Bürgertums mit vielfältigen Kontakten, Korrespondenzen und Kooperationen gerade in die adeligen Milieus hinein vollzog und neben konnubialen insbesondere auch – und wahrscheinlich zuerst – ökonomische Allianzen generierte, blieb dabei ein wenig unterbelichtet. Entsprechend kannte die Bielefelder Schule keine eigene Adelsforschung; Sozialhistoriker wie Peter Blickle erklärten sie schlicht für überholt und obsolet.51
Die hierfür einschlägige Bemerkung Blickles richtete sich bezeichnenderweise gegen Volker Press; dies nicht zu Unrecht. Denn mit Press – notabene: ein Ex-­Gießener! – und dessen vielzähligen Adelsstudien und Hinweisen auf den Zusammenhang zwischen dem ökonomischen Erfolg und der politisch-herrschaftlichen Renitenz bzw. Opposition im altreichischen Adel zeichnete sich eine Wende in der deutschen Adelshistoriographie ab. Sie offenbarte mit Blick auf die Rolle des Adels in den alteuropäischen Wirtschaftsprozessen allerdings zugleich den Mangel eines systematischen Fundaments. Ungeachtet vieler Einzelstudien und konzeptioneller Ansätze zeichnet sich kein tragfähiges ­Modell ab,52 das Wirtschafts- und Adelsgeschichte systematisch zusammenführt. Das ist umso bedauerlicher, weil die Untersuchung der ökonomischen Strukturentwicklungen und der adeligen Wirtschaftspraxis aus der Perspektive der ­longue durée – mit einem Schwerpunkt auf der Phase der Durchsetzung proto­kapitalistischer Wirtschaftsstrukturen – als ein im Sinne epochenübergreifender Frage­stellungen notwendiges Unterfangen erscheint. Hermann Kellenbenz hatte dies – wie schon von Redlich angedeutet – bereits 1957 angemahnt und dabei den Zeitraum vom 10./11. bis ins 19. Jahrhundert in den Blick genommen.53 Dies erscheint nicht zuletzt deshalb nachvollziehbar, weil der alteuropäische Adel als ein epochenübergreifendes historisch-soziologisches Phänomen der soziökonomischen Gesamtstruktur ­Alteuropas zu verstehen ist.
Was für die Epochenschwellen des alteuropäischen Zeitalters gilt, mag für die ­beginnende Moderne keineswegs obsolet zu sein. Zwar scheint der Dynamik des Bürger­tums im Kontext des industriekapitalistischen Zeitalters vordergründig jene durch Revolution und Liberalismus verursachte Schwäche des Adels zu entsprechen, die in der historiographischen Krisen- und Niedergangsthese ihren sinnfälligen Niederschlag gefunden hat.54 Doch erweist die damit einhergehende ­Epochenbezeichnung »Bürgerliches Zeitalter« bei genauerer Analyse die »­bürgerliche« Selbsttäuschung, wie die neuere Forschung zur Geschichte des Adels in der Frühen Neuzeit und gerade in der Moderne mittlerweile zu Recht betont.55 Denn das weiterhin bestehende ­sozioökonomische ­Gewicht des Adels in der europäischen ­Moderne ­belegt dessen zahlreiche und überaus erfolgreichen Anstrengungen im Kampf ums »Obenbleiben«,56 der eine ­politisch-soziale und eine sozioökonomische Facette ­besaß. So ­wenig die Position des Adels politisch gebrochen war, so einflussreich präsentierte er sich auf dem ökonomischen Feld, ­bezeichnenderweise allerdings nicht offen.57 All dies hat die ­Neuzeitforschung dazu bewogen, den Adel der Moderne weniger als ­Opfer denn vielmehr als deren Seismograph zu verstehen, der in ganz unterschiedlichen Rollen und Funktionen die Entwicklung begleitete und/oder mitprägte. Nimmt man diese ­heuristischen ­Instrumente für die ­Erforschung der nachrevolutionär-­modernen Phase der euro­päischen Adelsgeschichte an, muss dies erst recht für deren vorrevolutionär-­alteuropäische Phase gelten, und dies umso mehr, weil die entsprechenden konzeptionellen Überlegungen hierfür schon seit geraumer Zeit vorliegen und für das sozio­ökonomische Feld viel stärker zur Wirkung gebracht werden können.58 Damit verbunden ist nicht zuletzt dann wiederum die Möglichkeit, die Rolle des Adels in der historischen Entwicklung der Moderne besser verstehen zu können, das heißt Kontinuitäten und Brüche – beispielsweise in Selbst- und Fremdwahrnehmung oder in der Frage der gesellschaftlichen Prägepotentiale – besser einschätzen zu können.
4 Fazit
Die Erforschung des Zusammenhangs zwischen Adel und Wirtschaft erfolgte in den letzten 200 Jahren nicht linear-progressiv. Sie war abhängig von den verschiedenen Konjunkturen, die sich aus den unterschiedlichen Interessen ergaben. Diese Interessen definierten zugleich die Bewertung der Intensität und Qualität adeligen Wirtschaftsengagements. Im 19. Jahrhundert vollzog sich dabei eine aus dem sozialen Ressentiment herrührende Abwertung und geradezu Negation der ökonomischen Betätigung des Adels, die in geradezu dialektischer Weise nur von einigen Hinweisen auf die Unstatthaftigkeit des Einsatzes ökonomischer Privilegien geschmälert wurden. Hof und Adel figurierten regelrecht als abgesonderte Sphären des realen bzw. produktiven Wirtschaftslebens. Hierin drückte sich ein Überlegenheitsgefühl aus, das sich aus dem neuen Selbstbewusstsein des Bürgertums und der Ideologisierung des freien Marktes speiste. Dabei ist es erstaunlicherweise bis vor wenigen Jahren allen mehr oder minder deutlichen Hinweisen zum Trotz geblieben, was den wenig veränderten gesellschaftlichen Kontexten der entsprechenden Historiographie geschuldet gewesen sein mag. Dabei gab es solche Hinweise bereits am Beginn des 20. Jahrhunderts, gerade in der deutschsprachigen Wirtschaftsgeschichte, die in den 1930er Jahren und gerade auch nach dem Zweiten Weltkrieg ihren produktiven Eingang in die angelsächsische fanden. In der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik fanden diese Vertreter und ihre Arbeiten jedoch kaum angemessene Rezeption, obwohl es weiterhin von den Vertretern der Agrargeschichte entsprechende Mahnungen hinsichtlich des ökonomischen Gewichts und des daraus resultierenden sozialen Einflusses von adeligen Grundherren gab und obwohl entsprechender Forschungsbedarf angemeldet wurde. Erst in den letzten zwanzig Jahren ergab sich auf diesem Feld eine Änderung, die mit einem Perspektivenwechsel einherging, der die rein wirtschaftsgeschichtlichen Aspekte mit kulturwissenschaftlichen Facetten verband.
Dies erscheint umso notwendiger, weil die ökonomischen Aktivitäten des alteuropäischen Adels nicht separiert von den begleitenden ökonomischen Strukturprozessen in Alteuropa und mit ihnen in den von Europäern kolonisierten Regionen der Welt zu betrachten sind. Der Adel wusste sich nicht nur diesen Strukturprozessen anzupassen, sondern sie auch mitzugestalten und von ihnen zu profitieren, und dies in erfolgreicher Interaktion mit nicht-adeligen Entrepreneuren und unter Wahrung seines Standes bzw. seiner Standeswürde. Dass sich daraus entsprechende Diskussionen über die Frage der Schicklichkeit solchen Wirtschaftsengagements, seiner Formen und seines Ausmaßes ergaben, war selbstverständlich, schließlich zielte dies auf die Frage, was Elite ausmachte und wie sie konstituiert wurde und ob am Ende die Ständegesellschaft eine statische war. Der alteuropäische Adel erlitt die großen ökonomischen Veränderungen nicht einfach, er prägte sie mit; er war Teil jenes großen Elitenmotors, der die kapitalistische Wirtschaft entwickelte und voranbrachte.
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Adel und Unternehmertum als historiographisches Problemfeld mit gesamtgesellschaftlicher Dimension
Alexander Jendorff
1 Einleitung
2 Adelsdiskurse zwischen ritterlichem Geblütsideal und ökonomisierter Meritokratie: protokapitalistische Profitmentalität, soziale Mobilitätsprozesse und Elitenwandel in Alteuropa
3 Die Last der Umkehrung: Historiographie und historiographische Traditionen der Moderne
4 Fazit
Quellen- und Literaturverzeichnis