Decorum und Mammon im Widerstreit? Adeliges Wirtschaftshandeln zwischen Standesprofilen, Profitstreben und ökonomischer Notwendigkeit
11 Feb 2022
Anstatt eines Vorworts
Adel und ENT(r)Epreneurship?
Dieser Band ist das Ergebnis eines Kolloquiums, das zu Ehren von Prof. Dr. Horst Carl unter dem Titel »Adel und Entrepreneurship. Selbstverständnis, Tugendbegriff und Fremdwahrnehmung (1400–1900)« vom 10. bis 12. Oktober 2019 an der Justus-Liebig-Universität Gießen im festlichen Ambiente des Hotel Heyligenstaedt stattfand. Achtzig Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie ehemalige und aktuelle Schülerinnen und Schüler feierten und ehrten Horst Carl, der seit 2001 die Geschichte der Frühen Neuzeit am Historischen Institut der Universität Gießen vertritt. Mit dem uns allen vertrauten Format der Tagung würdigten wir seine umfangreichen Leistungen in Forschung, Lehre und Forschungsförderung. Das Kolloquium wie auch dieser Band bilden zugleich einen ›akademischen Blumenstrauß‹ als Dank für die langjährige Kollegialität, nachhaltige Unterstützung und Förderung.
Die Auseinandersetzung mit dem Adel des Alten Reichs begleitet Horst Carl seit vielen Jahren in seinen Forschungen, mal explizit, mal implizit. Gleiches gilt für die ehemaligen und aktuellen Mitglieder seines Lehrstuhls. Adel ist, so könnte man sagen, der gemeinsame Nenner der thematisch weit aufgefächerten fachlichen Expertisen der Lehrstuhlmitglieder. Das Plakat der Tagungsankündigung zierte – als Inbegriff des kapitalistischen Unternehmers schlechthin und als ironisches Zitat zu verstehendes – Carl Barks’ Ganzkörperporträt von Dagobert Duck (im Original McDuck of Duckburg) aus dem Jahr 1974.
Zweifellos erscheint es erklärungsbedürftig, was der Enterich Dagobert Duck mit dem Thema einer wissenschaftlichen Tagung zu tun hat! Dies ergibt sich in vielfältiger Weise – wie kann es anders sein – aus den historischen Zusammenhängen: Dagobert Duck wurde 1947 von dem amerikanischen Comic-Zeichner Carl Barks (1901–2000) für Disney erfunden und entspricht auf den ersten Blick eher dem Typ des modernen Großindustriellen amerikanischer Prägung, also mit Migrationshintergrund, Armutserfahrung, ausgeprägtem Selbstbewusstsein angesichts harter und erfolgreicher Selbstbehauptungskämpfe und angeeigneten Attitüden neopatrizischen Stils bei gleichzeitiger subkutaner Unsicherheit, die gepaart ist mit der permanenten Suche nach Symbolen der Statusrepräsentation und Selbstinszenierung. Sein englischer Name lautet in Anlehnung an die hartherzige Hauptfigur aus Charles Dickens’ Christmas Carol ursprünglich Scrooge McDuck. Erst durch die deutsche Übersetzerin der Disney-Comics erhielt der Ente-Preneur den Namen des Merowinger-Königs Dagobert I. (um 608–639).
Der mitunter griesgrämige Scrooge – der wohl reichste Enterich der Welt, der in seinem Geldspeicher wohnt, in seinen Münzen badet und seinen Glückstaler, seinen ersten selbstverdienten Taler, wie seinen Augapfel hütet – erhielt 1991 eine eigene Biographie mit dem Titel Sein Leben, seine Milliarden. Der zweite berühmte Duck-Zeichner – Don Hugo Rosa (geb. 1951) – rekonstruierte aus den bislang zugänglichen Bild- und Textquellen Scrooges Leben, das bis dahin nur in Schlaglichtern bekannt war.1 Auf den ersten Blick entspricht seine Vita dem amerikanischen Traum vom Schuhputzer zum Milliardär: Scrooge wurde demnach 1867 in Glasgow, Schottland, geboren, womit vermutlich sein Geiz, aber auch seine agonal-aggressive, wohl aus dem amerikanischen Einwanderermilieu resultierende und durch die Strukturen des Sozialdarwinismus geprägte Selbstbehauptungsmentalität erklärt werden soll. Er verlebte seine Jugend in ärmlichen Verhältnissen; seinen ersten Taler soll er tatsächlich mit Schuhputzen verdient haben. Mit dreizehn Jahren wanderte er gemäß der Überlieferung zu seinem Onkel nach Amerika aus, wurde Flussdampferkapitän, Cowboy und Goldschürfer. Nach weiteren internationalen Reisen und Abenteuern in Afrika und Australien, die entfernt an die adelige Grandtour erinnern, fand er Gold am Klondike. Sein Ziel war es fortan, der reichste Mann – pardon: Enterich – der Welt zu werden. Auf den ersten Blick handelt es sich also um eine bekannte bürgerliche Aufsteigergeschichte der kapitalistischen Welt der unbegrenzten Möglichkeiten.
Doch tatsächlich stammte Scrooge aus dem alten schottischen Clan der McDucks, die mindestens seit 1675 auf ihrem Stammsitz, der Duckenburgh, nachweisbar sind.2Die im Comic nachzuvollziehende Familienführung durch Scrooges »Heimat« inklusive Besichtigung des Familienstammsitzes verweist auf ein Moment der umfassenden Rückkehr zu den Wurzeln des Geschlechts der McDucks im Sinne der familialen Erinnerung und von deren Revitalisierung und damit der Selbstvergewisserung in Zeiten des Aufstiegs und der Prosperität. Aber auch Unsicherheit (und offensichtliches Unwissen über die eigene Familiengeschichte) spricht aus diesem Verhalten; und in der Tat scheinen die ökonomischen Familienverhältnisse äußerst prekär gewesen sein, in früheren Zeiten wie auch im Leben des Scrooge: Einmal war er sogar gezwungen, seine Goldmine zu verkaufen, um mit dem Erlös die Grundsteuern für Burg Duckenburgh aufbringen zu können. Tradition wog also doch immer mehr als pures Gold! Duck führte sein unternehmerisches Risikogeschäft mit Geschick fort, wobei der Grat zwischen Erfolg, Reichtum und Prestige einerseits und Misserfolg, Ruin und Schmach andererseits nicht selten schmal war.
Diese wie auch andere Situationen im Leben des herausragenden McDuck sind dem europäischen Adel der Moderne mehr als vertraut gewesen; sie waren es in all ihren Facetten bereits für den Adel Alteuropas. Der neuamerikanische Kapitalismus-Profiteur Scrooge machte sein Glück in einer entfesselten Ökonomie und in einem Staat, dessen Gründerväter sich ideell und konstitutionell an alteuropäischen Vorbildern und Elitenkonzeptionen orientierten, die ihrerseits nicht selten den Ideen adeliger Denker entsprangen. McDuck ist – insofern kaum überraschend – geprägt von den alt-adeligen bzw. (alt-)europäischen Idealen seiner Familie, die Grundbesitz und besonders die Residenz als Inbegriff adeliger Identität immer höher schätzte als den schnöden Mammon, der begrifflich den Titel dieses Bandes ziert. Gerade deshalb stellt er ein Beispiel einer modernen Adelsbiographie dar, die nicht in den adeligen Rollenmodellen des 18. Jahrhunderts verharrt, sondern im Unternehmertum des ausgehenden 19. Jahrhunderts aufgeht und monetäre Gewinngenerierung und Gewinnmaximierung zu »ihrem Beruf« macht. Allein die Idee einer Profession, gepaart mit eventuellen äußeren Erfordernissen und Nöten, sich primär aus dieser (und nicht etwas aus Landbesitz) zu finanzieren, wäre einhundert Jahre zuvor kaum denkbar, geschweige denn umsetzbar gewesen.
Typisch für die Verschmelzung einer kapitalistisch-antiständischen Mentalität mit einem altadeligen Habitus ist die Tatsache, dass sich Unternehmer mit den kontextangemessenen Statussymbolen umgaben und umgeben, die wie etwa Kleidung, Automobile, Immobilien und Kunstsammlungen als Marker der sozialen Exzellenz fungieren. Nicht selten weisen solche Inszenierungen und deren Symbolik Parallelen zu altadeligen Vorbildern auf. Auch hierfür ist Scrooge McDuck ein typisches Exemplar, wie das Ganzköperporträt von Don Rosa, das im Tagungsplakat ironisch zitiert wurde, eindrücklich zeigt: Die Wand im Hintergrund ist mit Dollarmotiven dekoriert, im rechten Bildhintergrund ist ein zum Bersten mit Preziosen gefülltes Regal zu sehen, links befindet sich ein halbhoher Tresor, auf dem ein Globus steht und auf dem die Geldschein haltende linke Hand lässig ruht, während sein linker Fuß auf mehreren mit den Namen McDucks geprägten Goldbarren aufliegt. Der Boden im Vordergrund und der Sessel sind voll von Gold- und Silbermünzen. Mit der rechten Hand auf einen Stock gestützt, blickt er den Betrachter direkt an. Gekleidet in einem körperbetonten dunkelroten Samtrock mit Ärmelaufschlägen und Kragen, zieren Scrooge nur eine zurückhaltende Gürtelschnalle und ein goldener Knopf am Kragen. Ostentativ inszeniert sich hier die reichste Ente der Welt; am Körper getragenen Schmuck braucht sie nicht, denn das Porträt strotzt vor Hinweisen auf Reichtum, in Form von Münzen, Scheinen, Goldbarren und Diamanten.
Scrooges Porträt ist ein gekonntes Zitat von barocken Formulierungen des adeligen Herrschaftsporträts. Der Stock ist weniger als Gehhilfe, denn als Herrschaftsstab zu verstehen, ähnlich Hyacinthe Rigauds Darstellung von Ludwig XIV. von Frankreich aus dem Jahr 1701 (Paris, Louvre); der Anzug erinnert an den Rock Karls VI. auf dem Gemälde Karl VI. als König von Spanien von Francesco Solimena aus dem Jahr 1706 (Neapel, Museo Nazionale di Capodimonte); der Globus – häufiger ein Verweis auf frühneuzeitliche Territorialpolitik, Kriegsführung oder Wissensdurst – wird hier mit Hilfe der Fähnchen zur Anzeige der globalen Handelsniederlassungen von McDuck. Neben der Charakterisierung McDucks als einer äußert selbstbewussten Ente stehen in diesem Porträt Geld und Vermögen im Vordergrund, deren Inszenierung im Kontext adeliger Symbolismen allerdings offensichtlich nicht ehrenrührig ist. Ausgehend von der Rekonstruktion der Duck’schen Lebensgeschichte und der Bildinszenierung, scheinen sich also Adeligkeit und Entrepreneurship nicht gegenseitig auszuschließen.
Anders als Onkel Dagobert sah sich der alteuropäische Adel in Bezug auf sein wirtschaftliches Handeln einem mitunter spannungsreichen Verhältnis und deutlich nuancierteren, wechselnden Eigen- und Fremdbewertungen ausgesetzt. Die Hoffnung auf Reichtum war sicherlich – ähnlich wie bei McDuck – ein zentrales Handlungsmotiv, aber nicht in dieser Ausschließlichkeit und gewiss nicht in dieser Vordergründigkeit.
Trotz des hier kurz zusammengefassten heiteren und satirischen Aufhängers lag dem Symposium der Wunsch nach einer ernsthaften Auseinandersetzung um die Frage des Verhältnisses zwischen der facettenreichen Gruppe des Adels und den ebenfalls facettenreichen Formen seines Wirtschaftshandelns zugrunde. Dem Anlass der Tagung entsprechend rekrutierten sich die geladenen Vortragenden, Moderatoren und Gäste aus langjährigen Wegbegleitern, aus in der Adelsforschung »einschlägigen« Kolleginnen und Kollegen des deutschsprachigen Wissenschaftsraums und aus Angehörigen des Historischen Instituts der Universität Gießen. Die Liste der geladenen Gäste und Teilnehmerinnen und Teilnehmer befindet sich im Anhang.
Dieser Band entstand hauptsächlich während des Corona-Lockdowns 2020, der über viele Monate hinweg die Nutzung von Bibliotheken und Archiven verhinderte oder zumindest stark einschränkte. Dies soll keine Entschuldigung, aber eine Erklärung für die mitunter knapper ausfallenden Belegapparate sein. Nicht alle Vorträge fanden Eingang in diesen Band und nicht alle hier gedruckten Beiträge konnten während des Kolloquiums präsentiert werden. Denn obgleich der Anlass des Kolloquiums personenbezogen war, ist dieser Band keine Festschrift, sondern eine Zusammenstellung von Beiträgen, die sich um thematische Kohärenz bemüht. Dem geneigten Leser und der geneigten Leserin mögen die Beiträge neben ihrer Funktion als akademische Ehrbezeugung eine gewinnbringende Lektüre sein!
Für die großartige Unterstützung bei der Durchführung der Tagung und der Drucklegung des Bandes danken wir Lena Frewer, Julia Hinze, Sarah Noske, Filip Schuffert, Bennet Roßwag und ganz besonders dem Team von Heidelberg University Publishing.
Gießen, 17. Februar 2021
Annette C. Cremer und Alexander Jendorff
Anstatt eines Vorworts
Adel und ENT(r)Epreneurship?