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Konstruktionen Europas in der Frühen Neuzeit
28 Sep 2017
Sektion V: Entdecker, Eroberer, Diplomaten und Sklaven: Hegemoniale und fragile Männlichkeiten an den Grenzen des frühneuzeitlichen Europa
Einführung
In jüngster Zeit wird verstärkt über die Möglichkeiten einer besseren Zusammenarbeit zwischen Geschlechtergeschichte und Globalgeschichte diskutiert. Einen besonders interessanten Vorschlag hierfür machten neulich Ulrike Strasser und Heidi Tinsman, die die Geschichte der Männlichkeit(en) als hervorragenden Weg hierfür vorschlugen.1 Diesen Vorschlag aufgreifend, sollte im Panel einerseits gefragt werden, wie sich Reisende und „Grenzgänger“ zwischen Europa und „Außereuropa“ selbst in puncto Männlichkeit präsentierten und dies auch im Vergleich mit beziehungsweise im Kontrast zu „außereuropäischen Männlichkeiten“ taten. Zweitens war zu klären, welche Bedeutung diese Selbstdarstellung im Kontext ihres größeren Anliegens als Wissenschaftler, Diplomaten, Gelehrte, Abenteurer usw. hatte oder haben sollte.
Ausgehend von der starken, wenn auch etwas holzschnitthaften These Robert Connells von der „hegemonialen Männlichkeit“, die die europäische Expansion nicht nur begleitete, sondern maßgeblich mit ermöglichte, wie aber auch von der unter anderem von Wolfgang Schmale zurecht betonten Vielgestaltigkeit europäischer Männlichkeitsentwürfe der frühen Neuzeit, sollte im Panel vor allem nach „Zwischentönen“ und Spannungen, ja, Widersprüchen in den so entstehenden „europäischen“ Männlichkeitsentwürfen gesucht werden.2
Dabei ist Männlichkeit nicht gleichzusetzen mit männlichen Akteuren. Vielmehr betont die (historische) Männlichkeitsforschung schon seit längerem, dass sich Männlichkeitsideale durchaus auch jenseits von männlichen Akteuren als deren Trägern entwickeln, ja, männliche (aber durchaus auch weibliche) Akteure in Identitätskonflikte und regelrechte „Krisen der Männlichkeit“ stürzen können.3 Gerade das von Connell eher knapp formulierte Modell der hegemonialen Männlichkeit einerseits, marginaler, untergeordneter oder schließlich komplizenhaft agierender Männlichkeiten oder anderweitig „ambivalenter“ Männlichkeiten andererseits birgt die Möglichkeit, macht- bzw. herrschaftsbezogene Hierarchien und Abhängigkeiten zwischen Männern zu thematisieren und sichtbar zu machen – nicht selten auch in Kombination mit entsprechenden Weiblichkeitsentwürfen –, ohne dabei die Position einzelner Akteure von vorn herein bereits festzuschreiben. Männlichkeit soll hier, mit anderen Worten, vor allem als analytische Kategorie und weniger als konkreter Forschungsgegenstand verstanden werden.4
Im Folgenden soll es daher insbesondere darum gehen, solch vielfältigen Männlichkeitsentwürfen in Texten und Selbstentwürfen männlicher Akteure und Autoren im Angesicht fremder beziehungsweise (proto-)kolonialer Erfahrungen und Prozesse genauer nachzugehen. Eine solche Zusammenschau legt bereits Connells These von der Genese einer modernen europäischen Identität und Gesellschaft aus dem Zusammenspiel von europäischer Expansion, Kapitalisierung und Globalisierung der Wirtschaft, religiöser Erneuerung beziehungsweise Reformation und, damit verbunden, Individualisierung und schließlich Verstädterung und (damit) Verbürgerlichung nahe.5 Wie auch immer man dieses sehr grobe Raster an „Modernisierungsprozessen“ jeweils beurteilen mag, deutlich wird in jedem Fall die – in der deutschsprachigen Forschung bislang zu wenig beachtete – enge Verbindung zwischen kolonialen Prozessen und der Entwicklung europäischer Männlichkeitsentwürfe.
In meinem Beitrag über Carsten Niebuhrs „Reise nach Arabien“ (1761–1767) und die Männlichkeit des Orient-Forschers steht vor allem der gelehrte europäische Wissensdiskurs im Mittelpunkt. Im Beitrag von Anna Becker hingegen steht ein Autor im Mittelpunkt, der gerade nicht der klassischen Gruppe europäischer Gelehrter, Eroberer oder Entdecker angehört, nämlich der peruanische Halb-Inka Garcilaso de la Vega, der sich indes in vielfältiger Weise und nicht ohne Erfolg darum bemühte, seine nicht-europäische Herkunft und Identität mit den Wissensbeständen und Wertvorstellungen europäischer (gelehrter wie adliger) Männlichkeit zu versöhnen und übereinzubringen.6
Bibliografie
Connell, Robert W. Der gemachte Mann: Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Geschlecht und Gesellschaft, Bd. 8. Wiesbaden: Springer Fachmedien, 1999.
Dinges, Martin. „‚Hegemoniale Männlichkeit‘– ein Konzept auf dem Prüfstand.“ In Männer – Macht – Körper: Hegemoniale Männlichkeiten vom Mittelalter bis heute, herausgegeben von Martin Dinges, 7–36. Frankfurt: Campus-Verlag, 2005.
Hämmerle, Christa und Claudia Opitz-Belakhal, Hrsg. Krise(n) der Männlichkeit. L’Homme, Jg. 19/2. Köln: Böhlau, 2008.
Martschukat, Jürgen und Olaf Stieglitz. Geschichte der Männlichkeiten. Historische Einführungen, Bd. 5. Frankfurt: Campus-Verlag, 2008.
Schmale, Wolfgang. Geschichte der Männlichkeit in Europa (1450–2000). Wien: Böhlau, 2003.
Strasser, Ulrike und Heidi Tinsman. „Männerdomänen? World History trifft Männergeschichte – das Beispiel der Lateinamerikastudien.“ Historische Anthropologie 16/2 (2008): 271–290.
Sektion V: Entdecker, Eroberer, Diplomaten und Sklaven: Hegemoniale und fragile Männlichkeiten an den Grenzen des frühneuzeitlichen Europa
Einführung
Claudia Opitz-Belakhal