Russland: Eine Großmacht auf drei Kontinenten und ihre Anerkennung als politischer Akteur in Europa im 18. Jahrhundert
Die Frage, ob Russland primär ein europäisches, ein asiatisches oder ein eurasisches Imperium sei, liegt in mannigfaltigen Variationen sowohl der russischen Geschichte selbst, als auch der einschlägigen Historiographie zugrunde. Die binäre Frage kolonialer Zugehörigkeit scheint dabei gerade im Falle des frühneuzeitlichen Russischen Reiches paradox, trifft doch gerade die Überwindung derartiger Zuweisungen den Kern der hier skizzierten russischen historischen Entwicklung. Der vorliegende Beitrag folgt der gleichzeitigen Territorialexpansion des Russischen Reiches in Europa, Asien und Nordamerika im 18. Jahrhundert und dem damit einhergehenden Aufstieg zu einer Großmacht globalen Ranges. Russlands paralleles Vorgehen auf drei Kontinenten soll so in eine vergleichende Perspektive gerückt werden. Zudem soll der Frage nachgegangen werden, ob und wenn ja wie sich das gängige Narrativ der Ausrichtung Russlands nach Europa im 18. Jahrhundert vor dem Hintergrund der Expansionen nach Asien und Amerika ergänzen lässt.
Russland und Europa in der Frühen Neuzeit
Im 18. Jahrhundert expandierte Russland auf der gesamten Breite seiner Westgrenze nach Europa hinein. Im Norden löste Russland seinen erbitterten Widersacher Schweden als Hegemonialmacht im Ostseeraum ab und brachte somit das wohlhabende Baltikum unter seine Kontrolle. Auch die Ostgebiete Polen-Litauens fielen durch die drei – oder je nach Lesart: vier – Teilungen Polens an Russland, das sich nun politische Grenzen mit den europäischen Großmächten Preußen und Österreich-Ungarn teilte.1 Im Süden konnte Russland den Einfluss auf die Ukraine ausweiten und die Ergreifung des Kaukasus’ und der Schwarzmeer-Region vorbereiten. Polyethnizität und Multikonfessionalität bestimmten dabei die restriktive russländische Politik in den Grenzregionen Osteuropas. Die daraus resultierenden Spannungen blieben – vor allem in Polen – der wichtigste Gegenstand russischer Imperialherrschaft in Europa. Die Konsolidierung russländischer Staatlichkeit im Westen erfüllte so zwei Funktionen: Der russische Einfluss bis nach Zentraleuropa hinein sollte zementiert und zudem die kooptierten Nationen nachhaltig befriedet und an die russische Krone gebunden werden.
Der geistige Vater dieser Entwicklung war Peter I., der Große. Sein inniger Wunsch nach einer politisch-kulturellen Zugehörigkeit Russlands zu Europa prägte nicht nur die russländische Außenpolitik, sondern auch innerrussische Identitätsdiskurse nachhaltig. Die Europäisierung – in Peters Verständnis gleichbedeutend einer Modernisierung – des Russischen Reiches beförderte im Verbund mit der skizzierten Westexpansion das Russische Reich überhaupt erst in den Wahrnehmungshorizont der meisten Westeuropäer. Einschneidende Reformen wie die bürokratische Straffung der russländischen Armee und des Verwaltungsapparates sowie umfassende kulturpolitische Reformen, die unter anderem eine Abwertung russischer und eine Aufwertung westeuropäischer Mode vorsahen, sollten Russland nachhaltig auf die Moderne vorbereiten und den formellen Schulterschluss mit Westeuropa suchen.2 Auch Peters Nachfolgerinnen und Nachfolger auf dem Zarenthron verstanden sich im 18. Jahrhundert zunehmend als europäische Monarchen und bereits 1767 erklärte die deutschstämmige Zarin Katharina II. selbstbewusst in einer politischen Grundsatzerklärung: „Rossija est` Evropejskaja deržava“, Russland ist eine europäische Macht.
Die Anfänge russischer Europadiskurse und einer Verortung Russlands auf den mentalen Karten Europas liegen aber weit vor dem 18. Jahrhundert. Bereits im mittelalterlichen Moskaureich prägten vor allem religiöse Motive die politische und intellektuelle Auseinandersetzung mit Europa die historische Selbstwahrnehmung. Das orthodoxe Moskau, das Dritte Rom,3 verstand sich seit dem Untergang von Byzanz als der einzig wahre Hort der Christenheit, welche es vor der Häresie der katholischen (und später noch viel mehr vor der protestantischen) Kirche, vor allem aber vor dem Islam und außereuropäischen heidnischen Bedrohungen zu schützen galt. So waren es der russischen Lesart nach auch die russischen Großfürstentümer gewesen, die sich im Mittelalter der Goldenen Horde – der mongolischen Reiterarmee aus dem Osten – entgegengestellt und Europa so vor Schlimmerem bewahrt hatten. Überhaupt verstand Russland seine Feldzüge nicht als machtpolitisch motivierte Ausdehnung, sondern vielmehr als Verteidigungskrieg gegen äußere Bedrohungen. In dieses Deutungsmuster fällt vor allem die russische Einordnung des Kampfes gegen Schweden und die daraus hervorgehende Westexpansion.4
In der Frühen Neuzeit folgte der politischen Integration Russlands als Großmacht in Europa nur zögerlich eine Neuausrichtung des Russlandbildes in Zentraleuropa. Großbritannien etwa blickte mit Argwohn auf den Aufstieg einer weiteren konkurrierenden Seemacht in Europa und auf die überraschende militärische Stärke, die Russland zu Beginn des 18. Jahrhunderts demonstriert hatte. Gemein war aber allen westeuropäischen Staaten, dass sie mit wachsendem Interesse die Entwicklung des Russischen Reiches verfolgten. Peter I. genoss in der europäischen Presse eine weitestgehend positive Darstellung als aufgeklärter, der Vernunft und Moderne verpflichteter Monarch. Freilich war das Hineindringen Russlands nach Europa aber ein langsamer Prozess, der das ganze 18. Jahrhundert über andauern sollte, und John Darwin kommt so zu der treffenden Überlegung: „To many West European observers, […] Russia often seemed a semi barbaric Asiatic state, where a thin veneer of Westernization barely concealed the oriental roots of tsarist autocracy and completely failed to hide the backwardness of rural life.”5
Skepsis gegenüber der zunehmenden Integration des Russischen Reiches in das geographische, politische und kulturelle Europa war dabei keineswegs eine exklusiv westliche Perspektive. Auch russische Philosophen und Intellektuelle artikulierten die Belastungen für russische Identitätsdiskurse über eine Verortung ihres Landes in – oder zwischen – dem Osten oder/und dem Westen, die sie zunehmend als Zerrissenheit verstanden wissen wollten. Die verschiedenen Deutungsansätze bildeten schließlich im 19. Jahrhundert das ideologische Fundament sowohl für Westler als auch für Slavophile, die Russlands jeweilige Verbindung mit dem Westen beziehungsweise dem Osten herausstellten. Im 20. Jahrhundert boten schließlich die Eurasier eine dritte Deutungsoption an: Für sie bestand gerade in der geographischen Bipolarität Russlands zwischen West und Ost die Besonderheit des Imperiums, das sich keine der beiden topographischen Gravitationszentren verschreiben, sondern vielmehr selbstbewusst einer ganz eigenen kontinentalen Einflusssphäre vorstehen sollte.
Russland in Sibirien und Asien
Aus globalhistorischer Perspektive stellt sich eine Reduzierung Russlands auf eine zunehmende Vernetzung mit Europa dabei als ungenügend heraus. Denn die bei weitem dynamischste Expansion Russlands in der Frühen Neuzeit richtete sich nicht nach Westen, sondern nach Osten. Im asiatischen Sibirien gestaltete sich die Konsolidierung russischer Vorherrschaft und russländischer Staatlichkeit gänzlich anders. Das Motiv der kontinentalen Zugehörigkeit und Identität, die im Falle Europas für das russische Selbstverständnis so wichtig geworden waren, spielte im Russland des 18. Jahrhunderts weder in Asien, noch später in Nordamerika eine tragende Rolle.
Der raschen Landnahme Sibiriens im 17. Jahrhundert, während der in einem Zeitraum von gerade einmal circa 40 Jahren Sibirien in West-Ost-Richtung von Russen durchquert und informell als Expansionsraum reklamiert wurde, folgte im 18. Jahrhundert eine Phase der kolonialen Stagnation. Die russische Vorherrschaft war angesichts der Distanzen ausgesprochen fragil, und anders als für Europa hatte der russländische Staat in Sibirien keine geographischen oder politischen Zielvorgaben formuliert. Primäre Träger der russischen Expansion nach Osten waren so nicht- oder semi-staatliche Akteure, die – wenn überhaupt – lediglich im staatlichen Auftrag handelten, wie zum Beispiel die ukrainischen Kosaken. Diese Akteure bildeten die Speerspitze der russischen Ostexpansion und Soldaten, Priester und andere Vertreter des Staates folgten ihnen in den meisten Regionen erst nach. Den wenigen Bemühungen, die der russländische Staat hinsichtlich seiner Konsolidierung in Sibirien unternahm, stand ein riesiges Gebiet gegenüber, das von Russen weder topographisch noch mental, geschweige denn infrastrukturell durchdrungen worden war. Angesichts der enormen Entfernungen beschränkten sich Zeugnisse russischen Einflusses auf grob abgesteckte Verkehrswege und einige wenige ostrogi, befestigte Handelspunkte und Siedlungen. Mitte des 18. Jahrhunderts lebten weniger als eine halbe Million Russen in Sibirien, deren Leben aufgrund der völlig unzureichenden Versorgung aus dem europäischen Russland eher einem Überleben glich und sich hinsichtlich Ausstattung und Askese nur unwesentlich von autochthonen Lebensentwürfen unterschied.6
Der Grund, warum sich Russen überhaupt in die Weiten Sibiriens hervorwagten und begannen, das Gebiet geographisch zu konsolidieren, war das große Pelztiervorkommen. Nerz und Zobel, nicht imperiale Utopien eines russischen Sibiriens waren der Grund, warum russische Pelzjäger Asien in West-Ost-Richtung im 17. Jahrhundert so schnell durchquert hatten. Im 18. Jahrhundert machten Pelzjagd und -handel rund ein Drittel des russländischen Finanzhaushaltes aus und mit dem jasak – einer von der sibirischen autochthonen Bevölkerung in Tierfellen zu entrichtenden Steuer – hatte das Russische Reich sowohl ein durchschlagskräftiges Instrument russischer Kolonialherrschaft als auch ein profitables Mittel zur Bereicherung der Staatskasse forciert.7
Die russländische Staatsbildung in Sibirien unterschied sich hinsichtlich Struktur und Tiefenwirkung also fundamental von Russlands Westexpansion in Europa. Waren es im Westen dynamische Bündnisse sowie komplexe militärische Operationen auf der politischen und tiefgreifende forcierte Assimilierungsprozesse auf der kulturellen Ebene, zeichnete sich Russlands zeitgleiche Präsenz in Asien durch eine Abwesenheit von Staatlichkeit aus. Staatliche Opponenten traten dem Russisch Reich im leeren Sibirien nicht entgegen, wobei Japan und China zwei Ausnahmen bildeten. Diese hatten aber ähnlich wie die Westeuropäer Stereotype der rückständigen und unzivilisierten Russen entworfen und zeigten an einem Austausch mit diesen wenig Interesse. Die Überwindung alter und die Schaffung neuer Grenzen, in Europa das vorrangige Mittel und Ziel russischer Expansionspolitik, spielte in Sibirien vorerst eine untergeordnete Rolle.8 In der Folge konstruierten so die sibirischen Russen mit der Zeit völlig andere Lebenswelten als die Bevölkerung Westrusslands. Sie definierten sich vor allem über die gewaltige Entfernung zu den politisch-kulturellen Zentren Moskau und Sankt Petersburg sowie über die Abwesenheit von Staatlichkeit, und nicht über die neu geschaffene Nähe ihres Mutterlandes zu Europa.
Hinsichtlich des neuen Selbstverständnisses Russlands als nun vor allem europäische Macht traten so bald ideologische Reizpunkte im Hinblick auf Sibirien zutage. Wie sollte eine Uminterpretation in einen europäischen Staat erfolgen, wenn doch der Großteil seines Territoriums außerhalb Europas lag? Das Verhältnis Westrusslands und seiner Metropolen Moskau und Sankt Petersburg zu Sibirien war somit im 18. Jahrhundert von einem Widerspruch geprägt. Russland war auf der einen Seite aus volkswirtschaftlichen Gründen auf die Kolonisierung Sibiriens und dem Abbau der dortigen Rohstoffe angewiesen. Außerdem waren die Weite Sibiriens, seine wilde Natur sowie deren (vermeintliche) Bezwingung durch den Menschen wichtige Bezugspunkte russisch-sibirischer Identitätsdiskurse geworden.
Auf der anderen Seite wurde Sibirien auf neuen Mental Maps in Zentralrussland immer weiter abgegrenzt. Der Ural – wahrlich kein Hochgebirge – wurde zur neuen geographischen Ostgrenze Europas stilisiert.9 Die nicht-russischen Ethnien Sibiriens erfuhren zwar bis in das 19. Jahrhundert hinein eine vergleichsweise hohe Toleranz ihrer religiösen, sprachlichen und kulturellen Lebensentwürfe seitens der russländischen Staatlichkeit, wurden aber kolonialen Herrschaftsmustern folgend nur passiv in das politische System Russlands eingebunden.10 Russland wurde in seinem Selbstverständnis zu einem Puffer zwischen dem wilden asiatischen Osten und dem reinen christlichen Europa. Das Russische Reich befeuerte also selbst den Stereotyp der Romantisierung des orientalischen Ostens, sah sich aber durch das Wechselspiel von neuer europäischer Identität und asiatischer Alterität zunehmend mit Fragen nach seiner eigentlichen Bestimmung konfrontiert.
Russisch-Amerika und die Großmacht auf drei Kontinenten
Sibirien blieb also ein merkwürdiger Fremdkörper des Russischen Reiches. Kartographisches Wissen war auch nach 200 Jahren russischer Aktivität vor allem über das östliche Sibirien kaum vorhanden, geschweige denn Studien seiner indigenen Bevölkerung und ihrer Sprachen, Kulturen und religiösen Praktiken. Ein Umstand, der sich nicht mehr mit den aus Europa adaptierten Idealen von Aufklärung und wissenschaftlichem Rationalismus vertrug und außerdem Identität und Staatsbildung Russlands hemmte. Es waren aber auch die großen Entdeckungsfahrten westeuropäischer Staaten, die sich die Zaren zum Vorbild nahmen um endlich mehr über das eigene Land zu erfahren.
Vor diesem Hintergrund sandte Zarin Anna 1733 die Große Nordische Expedition aus. Ihre Aufgabe war es nicht nur, Ost-Sibirien und vor allem die Halbinsel Kamčatka zu erkunden und endlich zuverlässiges kartographisches Material zu liefern. Das Hauptaugenmerk der Expedition zielte darauf ab, das Ostmeer – den Pazifik – zu befahren und so Position und Entfernung des amerikanischen Kontinents festzustellen. Die zehn Jahre währende Große Nordische Expedition lieferte eine riesige Materialsammlung und tatsächlich erreichten russische Schiffe auch erstmals den amerikanischen Kontinent.11 In Sankt Petersburg wurde die Große Nordische Expedition in der Rückschau jedoch zwiespältig aufgenommen. Sie hatte sich zu einer der bis heute größten wissenschaftlichen Unternehmungen in der Geschichte Russlands entwickelt, gewaltige Summen verschlungen und diverse Menschenleben gefordert.12 Nach einer heftigen aber kurzen Euphorie über die neuen Erkenntnisse geriet der Osten auf den Petersburger Mental Maps so abermals ins Hintertreffen.
Ganz anders wirkte die Große Nordische Expedition in der ostsibirischen Peripherie nach. Hier interessierte man sich noch viel weniger als in Sankt Petersburg für geographische Daten oder andere wissenschaftliche Erkenntnisse, sehr wohl aber für die auf den Aleuten erjagten Pelztiere, die die Expeditionsteilnehmer bei ihrer Rückkehr aufs russische Festland präsentierten. Die sibirischen Pelztierbestände waren durch die nicht regulierte Bejagung bereits dramatisch reduziert und der auf den Inseln im Nordpazifik entdeckte Seeotter verfügte über ein besonders dichtes und somit sehr wertvolles Fell. Schon bald schickten russische Kaufleute von dem neu gegründeten Petropavlovsk auf Kamčatka aus ihre Jagdexpeditionen auf die Aleuten bis nach Alaska hinauf. Berichte von immer fantastischeren Jagderträgen erinnern an die russische Eroberung Sibiriens: Was vor 100 Jahren Zobel und Nerz in den Wäldern Sibiriens waren, wurden nun die Seeotter auf den unwirtlichen Inseln des Nordpazifiks.
Die russländische Regierung nahm dabei eine doppelbödige Grundhaltung ein – ähnlich der russländischen Sibirien-Politik, aber ganz anders als Russlands dezidiertes Auftreten in Europa. Die Feldzüge in Europa forderten die volle Aufmerksamkeit russischer Entscheidungsträger in der Hauptstadt. Berichte aus dem amerikanischen Nordpazifik wurden am Zarenhof zwar mit Interesse gelesen, eine aktive Unterstützung durch die Regierung, gar mit staatlichen Truppen oder weiteren Finanzmitteln, kam indes nicht in Frage. Genau wie in Sibirien intervenierte der russländische Staat vor allem da, wo es ohne allzu großen Aufwand Profit zu erwirtschaften gab. So mussten zum Beispiel alle russischen Schiffe, die zu Jagdfahrten in den Pazifik ausliefen, einen russischen Beamten mit an Bord nehmen, der darüber wachte, dass zehn Prozent des Jagdgewinns der russischen Staatskasse übertragen wurden.13 Wie schon in Sibirien waren es also auch im Nordpazifik vor allem informelle Akteure, die die Etablierung russischen Einflusses vorantrieben. 1783 gründete der Kaufmann Grigorij Šelichov die erste dauerhaft von Russen bewohnte Siedlung in Amerika.
Mit der Gründung der Kolonie Russkaja Amerika – Russisch-Amerika – muss das äußere Erscheinungsbild Russlands neu geordnet werden. Das russische Staatsgebiet erstreckte sich nun über drei Kontinente mit jeweils unterschiedlichen politischen Konstellationen und wirtschafts- und sozialpolitischen Schwerpunkten. Außerdem befand sich das Kontinentalimperium Russland mit seiner noch jungen Marine nun im Besitz einer Überseekolonie, wobei sich insbesondere hinsichtlich von Versorgung und Verteidigung Alaskas schwierige und für Russland noch gänzlich unbekannte Aufgaben stellten. Russland war ferner in den Wettstreit der europäischen Kolonialmächte Frankreich, Großbritannien und Spanien eingetreten, die um die Vorherrschaft auf dem nordamerikanischen Kontinent rangen.
Diese Zäsuren verlangten nach einer entschlossenen Agenda aus Sankt Petersburg. Dort weigerte man sich aber lange, den neuen Herausforderungen im neuen äußersten Osten des Reiches angemessen entgegenzutreten. Den Forderungen der Kolonisten in Alaska und ihrer Förderer in Ost-Sibirien nach entschiedener staatlicher Unterstützung kam die russische Regierung nur zögerlich nach. Auch die Berichte der Kolonisten von enormen Pelztierbeständen, unerschlossenen Territorien und ihrer autochthonen Bewohner, derer Russland hätte habhaft werden können, veränderte das Stimmungsbild am Zarenhof nicht nachhaltig. Dabei appellierten die russischen Kolonisten durchaus geschickt an die politische Eitelkeit der Zaren: Ihre Berichte enthalten gerade in den jungen Jahren der Kolonie Verweise auf die enormen geopolitischen Möglichkeiten, die sich Russland hinsichtlich seines kolonialen Brückenkopfs auf dem nordamerikanischen Kontinent böten.
Angesichts des zaghaften Rückhalts der Kolonie auf dem Festland entwickelten sich die russischen Siedlungen in Alaska nur langsam. Die wenigen russischen Kolonisten – Ende des 18. Jahrhunderts lebten gerade einmal 225 ethnische Russen in der Kolonie – mussten in Alaska nicht nur mit rauen klimatischen Bedingungen, Nahrungsmangel und der fehlenden Unterstützung aus dem Mutterland zurechtkommen.14 Vor allem waren es die autochthonen Tlingit, die schnell die Fragilität der Herrschaft der Eindringlinge erkannten und den russischen Siedlern hart zusetzten. Ungeachtet dessen wurde Russlands Rolle in Nordamerika weiter formal ausgebaut. Weitläufige Territorien wurden durch vergrabene Steinplatten als zu Russland gehörig deklariert und ihre indigenen Bewohner zu Untertanen der russischen Krone umgedeutet.
Große Sorge bereiteten Sankt Petersburg Berichte, die vor einer Konfrontation mit Spaniern, Briten und später auch US-Amerikanern im Nordpazifik warnten. Denn in London, Madrid und später natürlich vor allem in Washington, D.C. war die imperiale Konkurrenz um die Hegemonie in Amerika anders als in Sankt Petersburg der wichtigste Gegenstand der Außenpolitik. Geradezu panisch reagierte man in Sankt Petersburg auf die Berichte über britische Schiffe – zum Beispiel die Expedition von James Cook –, welche in den gerade erst reklamierten Gebieten im Nordpazifik gesichtet wurden. Krieg und Frieden waren im Europa des 18. Jahrhunderts dynamische Kategorien und in Sankt Petersburg verstand man nur allzu gut: Würde es zum offenen Bruch mit Großbritannien kommen, würde Russisch-Amerika eine leichte Beute für die Royal Navy sein. Rasch entwickelte sich die Vorstellung einer militärischen Auseinandersetzung im Nordpazifik in Sankt Petersburg zu einem Schreckensszenario: Um keinen Preis wollte man die sich gerade erst entwickelnde Integration Russlands in Europa durch allzu waghalsige politische Manöver in Nordwestamerika gefährden.
Die Angst vor ausländischen Spionen auf dem diplomatischen Parkett Petersburgs war groß und aus den eigenen Botschaften im Ausland war der Zarenhof darüber informiert, wie sehr man sich in Westeuropa für Russlands neue Rolle in Nordamerika interessierte. In Sankt Petersburg setzte man also Einiges daran, den Rest der Welt über die russische Kolonie und ihre Fragilität im Unklaren zu lassen. Es wurde sogar gefälschtes Kartenmaterial des Nordpazifiks an die europäischen Botschaften ausgeteilt. Als Glücksfall erwies sich aber für die russische Regierung, dass die anderen Kolonialmächte in Nordamerika ebenso besorgt um ihre Besitzungen waren und ihrerseits ebenso wenig wussten, wie durchschlagskräftig Russland im Falle eines Falles in Nordwestamerika würde operieren können. Die Geschichte der amerikanischen Pazifikküste im 18. Jahrhundert war also von großer Unsicherheit aller involvierten Parteien geprägt. Erst im 19. Jahrhundert, als neues Kartenmaterial die weißen Flecken auf den Karten des Nordpazifik getilgt hatte und die USA zunehmend entschlossener als neuer Hegemon Nordamerikas auftraten, erfuhr diese Entwicklung neue Dynamik.
Dabei spielte die Kategorie Kontinent und die damit verbundene Bezugnahme auf geographische Metakategorien im Falle Amerikas für Russland eine ebenso marginale Rolle wie schon im asiatischen Sibirien. Zwar schwangen sich einige einflussreiche Adelige und Personen des gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Lebens zu prominenten Fürsprechern des transpazifischen Kolonialprojektes auf, jedoch wurde anders als bei der englischen und französischen Eroberung der nordamerikanischen Atlantikküste oder der spanischen Kolonisierung Südamerikas Amerika aber in Sankt Petersburg nie als Sehnsuchtsort konstruiert.15 Die Tatsache, dass sich Russisch-Amerika auf der anderen Seite des weltgrößten Ozeans befand spielte in Russland vor allem in logistischer Hinsicht eine Rolle, weniger aber für das Selbstverständnis als amerikanische Macht. Bis zur ersten russischen Weltumsegelung 1803–06 konnte Russisch-Amerika ausschließlich von sibirischen Häfen, vor allem Ochotsk, erreicht werden, die ihrerseits Sankt Petersburg ebenso fremd waren wie die Amerika-Kolonie. In der Petersburger Wahrnehmung verschmolzen Asien und Alaska so zu einem einzigen, fernen Osten.
Schlussbetrachtung
Die kontinentale Zuordnung des Russischen Reiches verlief in Schüben. Im 18. Jahrhundert richteten die Zarinnen und Zaren ihre Aufmerksamt zunehmend auf Europa, auch wenn das Reich sehr viel schneller und dynamischer nach Osten wuchs. Russische Unternehmungen in Asien und Amerika wurden in Sankt Petersburg gebilligt, solange sie durch den Abbau von Rohstoffen – vor allem Pelze – Geld in die Staatskasse brachten und nicht durch allzu riskante politische Manöver die noch fragile politische Integration Russlands in Europa in Gefahr brachten. Kolonisierung oder gar Russifizierung der asiatischen und amerikanischen Gebiete fanden nur dort statt, wo sie wirtschaftliche Entwicklungen begleiteten und absicherten. Zivilisatorische Programme und imperiale Metastrategien wurden zwar in Sankt Petersburg formuliert. Im 18. Jahrhundert fanden sie aber in Sibirien und Nordamerika nur sehr bedingt Anwendung.
Erst im 19. Jahrhundert veränderte sich das kontinentale Bewusstsein in Russland. Durch den Verkauf Alaskas wurde 1867 das nordamerikanische Kapitel Russlands ebenso schnell wieder geschlossen wie es ein Jahrhundert zuvor geöffnet worden war. In Zentralasien verlangte eine Befragung russischer Hegemonie durch das Great Game mit Großbritannien nach einer zunehmend entschlosseneren Politik Sankt Petersburgs. Und in innerrussischen Diskursen beschäftigen sich Westler und Slavophile zunehmend mit der kulturellen Identität Russlands: War Russland ein europäisches, ein asiatisches oder ein eurasisches Land? Oder war der russische Staat gar ein Imperium geworden, das sich mit den herkömmlichen geographischen Kategorien gar nicht mehr adäquat beschreiben lässt? Nicht wenige Historiker haben diese Fragen zum Grundproblem der Geschichtsschreibung Russlands erhoben. Im Hinblick auf Russlands Verortung im Westen bleibt festzuhalten, dass Russland weder vor noch nach dem 18. Jahrhundert so dezidiert am Ausbau seiner europäischen Identität gearbeitet hat.
Bibliografie
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Russland: Eine Großmacht auf drei Kontinenten und ihre Anerkennung als politischer Akteur in Europa im 18. Jahrhundert
Russland und Europa in der Frühen Neuzeit
Russland in Sibirien und Asien
Russisch-Amerika und die Großmacht auf drei Kontinenten
Schlussbetrachtung
Bibliografie