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Konstruktionen Europas in der Frühen Neuzeit
28 Sep 2017
Sektion III: Orient-Okzident-Diskurse in der Frühen Neuzeit. Probleme und Chancen eines transkulturellen historischen Vergleichs
Einführung
Mit dem Fall von Konstantinopel (1453) brachen die politischen und kulturellen Kontakte zwischen den europäischen und orientalischen Zivilisationen keineswegs ab. Im Gegenteil, sie wurden im Verlauf der Frühen Neuzeit immer dichter. Das Osmanische Reich war ein militarisiertes Vielvölkerimperium mit einer islamischen Machtelite und Bevölkerungsmehrheit, aber auch mancher Nische für nichtislamische Minderheiten. Kulturelle und religiöse Differenzen traten nicht nur während der beiden berühmten Belagerungen Wiens (1529 und 1683) durch die Osmanen offen zutage. Zwar bildeten sich zuhauf politische Feindbilder des „Anderen“ heraus, aber das europäische „Eigene“, die Vorstellung von einer unverfälschten Authentizität und Einheit der eigenen Kultur, erwies sich unter den Bedingungen von interkultureller Beeinflussung, Überlagerung und Vermischung als große Chimäre (Jürgen Osterhammel). Die Vortragenden des Panels beabsichtigten, anhand des Begriffs der Transkulturalität die Vermischung, Verflechtung und Vernetzung beider Kulturen im Rahmen einer Entwicklung zu einer Globalkultur aufzuzeigen. Als Quellensorten für die Einzeluntersuchungen werden Druckgraphiken, Reiseberichte, Gesandtschaftsberichte und zeitgenössische Flugschriften herangezogen.
Charlotte Colding Smith eröffnete die Sitzung mit einem Referat über die Turcica in den Bibliotheken und Kunstkammern Nord- und Mitteleuropas. Die benutzten Quellen beinhalten Illustrationen und Abbildungen aus Büchern und Einzeldrucken mit einem zeitgenössischen oder historischen türkisch-osmanischen Kontext, die seit dem 16. Jahrhundert systematisch in den Bibliotheken in Wien, Innsbruck, Prag, Dresden, München, Wolfenbüttel und Kopenhagen gesammelt und aufbewahrt wurden. Die wertvolle Bestandssichtung und Analyse dieses exzeptionellen Quellenkorpus verbindet die Referentin schließlich mit der erkenntnisleitenden Fragestellung: Welche Beweggründe veranlassten die Bibliotheken zur Anlage dieser Sammlungen? Wollte man Wissen über das militärische Potenzial der Osmanen, über die als feindlich empfundene Kultur des Gegners speichern, um diese zu einem späteren Zeitpunkt gegen sie zu verwenden? Oder liegen die Ursachen in der durch die Entdeckungen eingeleiteten umfassenderen Sicht auf die Welt begründet, wobei möglicherweise die Herrschaft der Osmanen bereits als ein Staat oder eine Gesellschaft im kontinuierlichen Niedergang angesehen wurde? Aus den Ausführungen der Referentin wurde ersichtlich, in welchem großen Umfang Objekte der osmanischen Kultur Eingang in europäische Bibliotheken fanden. Darüber hinaus bildeten die Turcica eine Schlüsselfunktion für den generellen Austausch von Wissen zwischen Orient und Okzident im Zeitraum zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert und trugen zur Interaktion in den Bereichen Kleidung, Religion und Wissenschaft zwischen den Bibliotheken des Nahen Ostens und Mittel- und Nordeuropas bei.
Im Anschluss hieran schilderte Hiram Kümper am Beispiel ausgewählter Quellen den „intrinsischen Platz“ von Juden und Orientalen als argumentative Negativfolie bei der Ausdifferenzierung wirtschaftsethischen Denkens im vormodernen Europa. In einer Art longue-durée-Perspektive behandelt sein Forschungsvorhaben den Epochen übergreifenden Zeitraum von der Hochscholastik an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert bis zum Jahrhundert der ökonomischen Klassik im späten 18. Jahrhundert (Adam Smith). Ausgehend von der Frage nach dem „kommunitären Imperativ“, das heißt der Frage nach dem Wohl der Allgemeinheit (bonum commune), welches für die Bewertung des eigenen Wirtschaftshandeln entscheidend ist, stellt Kümper fest, dass der Bewertungsmaßstab für wirtschaftlich falsches Handeln (Wucher) durch die Vertreter des christlich, aristotelisch geprägten alteuropäischen Wirtschaftsdenkens bis weit ins 17. Jahrhundert hinein eng mit dem religiösen „Anderen“ verbunden war. Ökonomisches Fehlverhalten wurde als Turkisierung wahrgenommen und der „falschen Religion“ (Islam) zugeordnet. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts mit dem Aufkommen der Staatswissenschaft wurden die religiös konnotierten Bewertungskategorien für osmanisches Wirtschaftshandeln zunehmend verdrängt und allmählich ersetzt durch den Begriff einer „falschen Kultur“.
Zwei weitere Beiträge behandelten das „Türkenbild“ im Reich vom Beginn des 16. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts. Die Liste divergierender Wahrnehmungen über die Osmanen im Zeitalter von Reformation und Konfessionalisierung war lang. Die Eckpunkte der frühneuzeitlichen Feindbilder über die Osmanen reichten vom „Tyrann“ und „Erzfeind“ bis zum „kranken Mann am Bosporus“. Im Ringen um die Vorherrschaft in Europa wurde die „Türkengefahr“ zum Dauerfaktor von Politik, öffentlicher Meinungsbildung und kriegerischer Auseinandersetzung, vor allem in Südost- und Mitteleuropa. Neben dem vermeintlichen oder realen Bedrohungspotenzial gab es aber auch eine Konstante effektiver, wenngleich zuweilen abklingender beziehungsweis eingefrorener Kooperation. Gemeint sind die französisch-osmanischen Beziehungen, die Erich Pelzer in seinem Vortrag „Das ‚Türkenbild‘ in französischen Reise- und Gesandtschaftsberichten im 16. und 17. Jahrhundert“ thematisierte. Diese auf diplomatischer Ebene angesiedelte bilaterale Zusammenarbeit kam aus der Sicht traditioneller europäischer Politik einem eklatanten Tabubruch gleich. Die von Pelzer durchgeführte Analyse der französischen Gesandten- und Reiseberichte ergab jedoch ein nuanciertes „Türkenbild“. Zwar nahmen die meisten französischen Residenten in Konstantinopel die Osmanen als „fremd“ und „unheimlich“ wahr, klagten über die Wankelmütigkeit und das Misstrauen ihrer Gesprächspartner, aber neben den durchaus kritischen, zuweilen offen feindlichen Stellungnahmen, lassen sich auch recht sachliche und um gesicherte Informationen bemühte Berichte nachweisen, wie beispielsweise diejenigen des französischen Linguisten und Orientalisten Guillaume Postel. Während im Reich die Türkengefahr als ein „von allen gesellschaftlichen Schichten intensiv vermittelter Bedrohungsfaktor“ (Winfried Schulze) benutzt und instrumentalisiert wurde, war dies in Frankreich wegen der Kooperation der Krone und ihrer wichtigsten Akteure mit den Osmanen nicht möglich.
Ein Perspektivenwechsel des Türkenbildes vollzog sich erst mit der militärischen Wende, der Niederlage des osmanischen Heeres 1683 vor Wien. Mit diesem Themenkomplex beschäftigte sich Martin Wrede im letzten Referat der Sektion über „Furcht, Triumph und Ungewissheit. Das Reich und die Osmanen nach 1683. Vom Schwinden eines Feindbildes.“ Seine Auswertung der zahlreichen „Türkenbücher“ und der weniger theologisch und stärker politisch-historischen argumentierenden Flugschriften ergab, dass sich das osmanische Feindbild, das Bild vom blutdürstigen türkischen Erbfeind nach 1683 überraschend schnell auflöste. Es wurde abgelöst vom Bild und von der Vorstellung des trägen, weichlichen Osmanen. Am Schluss seines Vortrags gab Wrede zu bedenken, ob auf der Basis seiner herangezogenen Quellen ein transkultureller Vergleich überhaupt möglich sei. Die anschließende Diskussion in der gut besuchten Sektion beinhaltete dann auch mehr oder weniger Fragen zum theoretischen Ansatz (Transkulturalität, Globalisierung) und zur praktischen Anwendbarkeit.
Sektion III: Orient-Okzident-Diskurse in der Frühen Neuzeit. Probleme und Chancen eines transkulturellen historischen Vergleichs
Einführung
Erich Pelzer