„Barbarians who inhabit the Banks of the Thames“ – Englandbilder schottischer Aufklärer zwischen Überlegenheitsanspruch und Untergangsvision
Die häufige Verwendung des Barbarentopos in den historischen und politischen Diskursen des 18. Jahrhunderts erklärt sich nicht zuletzt aus der Vielseitigkeit seiner Bedeutungen und seinem vielfältigen Anwendungspotential. Wie in den anderen Beiträgen der Sektion gezeigt wird, konnten die Begriffe „Barbar“, „barbarisch“ und „Barbarei“ innerhalb eines Wechselspiels von Fremd- und Selbstexotisierung ebenso fungieren wie in denen eines Binnenkolonialismus oder einer Selbstkolonisierung. Diese Funktionspotentiale des Barbarentopos sollen im Folgenden um eine weitere Variante ergänzt werden: Die Barbarisierung der Metropole aus der Sicht der Provinz. Diese Dimension des Topos lässt sich besonders gut anhand der Verwendung des Barbarenbegriffs durch Autoren der schottischen Aufklärung untersuchen, zumal jene intellektuelle Bewegung in der Mitte und zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in mehrfacher Hinsicht aus der Provinz hervorging. Schottlands Hauptstadt Edinburgh hatte seit 1603 den Status als königliche Hauptresidenzstadt und seit 1707 denjenigen der Parlamentsstadt und damit einen guten Teil seiner Aristokratie an London verloren. Das politisch benachteiligte und ökonomisch rückständige Schottland erlebte jedoch ab Mitte des Jahrhunderts einen immensen intellektuellen, kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwung.1 Die spezifische Perspektive der Provinz stellte somit in Edinburgh – wie auch in anderen Provinzstädten wie Dublin oder Boston – eine Grundbedingung der politischen Diskurse der lokalen gentry dar, der die meisten Autoren der Aufklärung angehörten.2
Vor diesem ausgeprägt provinziellen Hintergrund der schottischen Aufklärung muss es erstaunen, dass einige der bekanntesten Autoren, unter anderem David Hume und Adam Ferguson, gerade und mit großer Vehemenz den südlichen Nachbarn England mit der Barbarei assoziierten. So nannte Hume ab den späten 1750er Jahren die Engländer beziehungsweise die Londoner in seinen Briefen wahlweise „the most stupid and factious Barbarians in the World“ und „the Barbarians who inhabit the Banks of the Thames”.3 Adam Ferguson und andere befürchteten darüber hinaus gar eine Rückkehr der Barbarei in ganz Großbritannien. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich eine spezifische Verwendung des Barbarenbegriffs zur Bezeichnung des südlichen Nachbarn England und insbesondere der Metropole London. Diese Verwendung erscheint zunächst alles andere als selbstverständlich und wirft einige Fragen auf. Der Topos des Barbarentums fungierte offenbar als polemische Waffe im rhetorischen Arsenal der schottischen Aufklärer, war zugleich aber mehr als ein reiner Kampfbegriff. Der Barbarentopos ist vielmehr unmittelbar verwoben mit der kulturellen Selbstverortung, dem politischen Denken und der Geschichtsphilosophie der schottischen Aufklärung. Dies soll im Folgenden an der Verwendung des Barbarentopos durch David Hume gezeigt werden, wobei weitere Autoren der schottischen Aufklärung berücksichtigt und ein Blick auf die Nachwirkungen geworfen wird. Dabei wird deutlich, dass die Verwendung des Barbarenbegriffs zwar in konkreten polemischen Kontexten verortet werden kann, zugleich aber auf grundlegende Themen der schottischen Aufklärung verweist.
„[T]he People most distinguish’d for Literature in Europe“ – Der schottische Anspruch auf kulturelle Überlegenheit gegenüber England
Es scheint zunächst naheliegend, den von einigen schottischen Aufklärern auf England angewandten Barbarentopos als eine reine Inversion des im 18. Jahrhundert in ganz Großbritannien verbreiteten Bildes des rückständigen Bewohners der schottischen Highlands zu sehen. Diese Interpretation erweist sich bei näherer Betrachtung allerdings als nicht haltbar. Zunächst ist festzustellen, dass die schottischen Aufklärer selbst die Bewohner der Highlands als rückständig bezeichneten und ihre eigene Umgebung, die Lowlands und insbesondere die kommerziellen Zentren Edinburgh und Glasgow, scharf davon abgegrenzten. Sie sahen sich konfrontiert mit einer „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“: auf der einen Seite eine durch Tauschökonomie geprägte Clangesellschaft, auf der anderen Seite eine durch Handel geprägte moderne Gesellschaft, vergleichbar derjenigen Londons. Es ist bemerkt worden, dass dieser Kontrast zur Ausbildung der sogenannte four stages theory in der conjectural history beigetragen haben könnte, da sich sowohl das zweite Stadium der pastoral stage in den Highlands als auch das vierte und letzte, die commercial society in den Lowlands wiederfanden.4 Entscheidend ist in jedem Fall, dass der Typus des „highlander“ sowohl in der schottischen Aufklärung als auch in der englischen Presse nicht als Barbar, sondern allenfalls als Wilder („savage“) bezeichnet und damit einer anderen Sphäre zugerechnet wurde.5 Daher kann von einer reinen Inversion des Barbarentopos in diesem Fall nicht die Rede sein.
Besser erklären lässt sich die Verwendung des Barbarentopos aus dem Versuch der Schotten, das Verhältnis von Provinz und Metropole umzukehren. Humes Aussagen lassen Rückschlüsse auf das schottische Selbstverständnis in Abgrenzung zum Nachbarn südlich des Tweed zu. Zwar hatten die Aufklärer nach der gescheiterten Jacobite Rebellion von 1745 eine stärkere Identifikation der Schotten mit der Union und die Ausbildung einer „North British“ Identität gefordert,6 allerdings war dieser Versuch einer Integration der kulturellen Identität nach 1760 von der anti-schottischen Propaganda in London lächerlich gemacht und vehement zurückgewiesen worden.7 Dies verstärkte das Gefühl vieler Schotten, in England nicht dazuzugehören. So schrieb Hume an Gilbert Elliot of Minto, einen befreundeten Schotten, der als Parlamentarier in London lebte:
Am I, or are you, an Englishman? Will they allow us to be so? Do they not treat with Derision our Pretensions to that Name, and with Hatred our just Pretensions to surpass & to govern them? I am a Citizen of the World[.]8
Der letzte Satz ist bemerkenswert. Für Hume, der nicht zuletzt aufgrund seines schottischen Akzents nicht als Engländer akzeptiert wurde, stellte eine kosmopolitische Identität einen Ausweg dar und bot darüber hinaus die Chance, das Verhältnis von Provinz und Metropole umzukehren. Aus einer europäischen Sicht – denn auf diese beschränkt sich der Kosmopolitismus der Schotten – erschien England und London beschränkt und provinziell, während die schottische Affinität zum Kontinent, insbesondere zu den Niederlanden und Frankreich, die Schotten als weltoffen, das heißt europäisch erscheinen ließ. Noch heute gehen in der in Schottland betriebenen kulturellen Identitätspolitik die Abgrenzung zu England und die Annäherung an Europa Hand in Hand.9 In den Tagen von Lord Bute in den frühen 1760ern und in denen des aus Schottland stammenden britischen Premierministers Gordon Brown wurde und wird der Anspruch schottischer Politiker „to surpass & to govern them“ von Teilen der öffentlichen Meinung in England zurückgewiesen, oft mit dem Verweis darauf, dass es disproportional viele Schotten in Westminster gäbe.
Die angebliche Provinzialität Englands beziehungsweise Londons ist allerdings für sich genommen noch kein hinreichender Grund für den Vorwurf der Barbarei. Worauf bezieht sich dann dieser Vorwurf konkret? Im Falle Humes ist zunächst auf das Feld der Literatur zu verweisen, das im 18. Jahrhundert als Indikator für den Grad der Zivilisiertheit einer Nation oder Epoche gesehen wurde. In Bezug auf das England seiner Zeit ist das literaturkritische Urteil Humes vernichtend. So schreibt er 1773: „that Nation is so sunk in Stupidity and Barbarism and Faction that you may as well think of Lapland for an Author” und drei Jahre später, die Engländer „for almost a whole Generation, have given themselves up to barbarous and absurd Faction, and have totally neglected all polite Letters”.10 Als Ausnahmen, die diese Regel bestätigen, werden nur Laurence Sternes Tristram Shandy (1759–1767) und Edward Gibbons Decline and Fall of the Roman Empire (1776–1789) zugelassen. Auch hier ist die negative Darstellung Englands die Kehrseite der von Hume postulierten Überlegenheit der schottischen Literatur. So hatte er bereits 1757 an Gilbert Elliot of Minto geschrieben:
Is it not strange that, at a time when we have lost our Princes, our Parliaments, our independent Government, even the Presence of our chief Nobility, are unhappy, in our Accent & Pronunciation, speak a very corrupt Dialect of the Tongue which we make use of; is it not strange, I say, that, in these Circumstances, we shou’d really be the People most distinguish’d for Literature in Europe?11
An Humes rhetorischer Frage ist bezeichnend, dass auch hier ein europäisches Vergleichsfeld aufgemacht wird, innerhalb dessen die schottische Literatur einen höheren Stellenwert als die englische einnimmt. Eine direkte Gegenüberstellung von kultureller „Barbarei“ in England und Blüte der Literatur in Schottland erfolgt in einem Brief an den schottischen Rhetorikprofessor Hugh Blair: „The Taste for Literature is neither decayd nor depravd here, as with the Barbarians who inhabit the Banks of the Thames.“12 Allerdings mussten auch die schottischen Autoren mit einem vorwiegend englischen Lesepublikum vorlieb nehmen, zu Humes Bedauern: „it has been my Misfortune to write in the Language of the most stupid and factious Barbarians in the World.“13
Die Heftigkeit des Tons wirft die Frage nach dem Status von Humes Aussagen auf. Wie ernst sind sie zu nehmen, welche Rückschlüsse lassen Sie auf sein politisches Denken zu?14 Zunächst ist darauf zu verweisen, dass es sich bei den aufgeführten Zitaten ausnahmslos um private Aussagen handelt, die Hume in seinem Briefwechsel mit engen und – es erstaunt wenig – zumeist schottischen Freunden fallen ließ. Diese Briefe waren nicht zur Veröffentlichung bestimmt, weshalb es kaum erstaunt, dass Hume hier seinen Meinungen freien Lauf lassen konnte.15 Zum zweiten ist diesen Briefaussagen ein hohes Maß an Polemik eigen, sodass „barbarous“ und „barbarians“ nicht als rein analytische Begriffe, sondern auch als Kampfbegriffe verstanden werden können. Dies bedeutet allerdings keineswegs, dass wir Humes Aussagen kein großes Gewicht geben sollten. Auch wenn diese Aussagen privater und polemischer Natur waren, so referierten sie doch auf Überzeugungen, die Hume und seine Zeitgenossen in ihren öffentlichen und oft wenig polemischen Werken niedergelegt und begründet hatten. Hier finden wir gewissermaßen, wenn auch in schrillen und teilweise dissonanten Tönen, einige grundlegenden Motive von Humes politischem Denken. Seine Aussagen über „Barbarism and Faction“ und „barbarous and absurd Faction“ deuten darauf hin, dass seiner Diagnose zufolge die literarische Stagnation lediglich ein Symptom für einen vielschichtigen Niedergangsprozess darstellte, deren Ursachen er im politischen Bereich verortete.
„[T]he most stupid and factious Barbarians in the World“ – Die Rückkehr der Barbarei und der Niedergang Großbritanniens
Humes Aussagen über die englische Barbarei treffen zusammen mit seiner Zeitdiagnose, die die Briefe der letzten zehn Jahre seines Lebens, 1766 bis 1776, durchziehen.16 Der Auslöser ist das Ende des Siebenjährigen Krieges, der Großbritannien außen- und innenpolitisch transformierte. Als Resultat der Erfolge in diesem Krieg sah sich Großbritannien mit einer neuen imperialen Rolle und horrenden Staatsschulden konfrontiert, zu der bald eine außerparlamentarische Bewegung unter dem Slogan „Wilkes and Liberty“ hinzukam. Dazu trat ab 1765/66 der sich immer weiter zuspitzende Konflikt mit den amerikanischen Kolonien, der 1775 schließlich zum Krieg führte. Die Zeitgenossen sahen diese militärischen, finanziellen und innenpolitischen Ereignisse als zusammenhängende Entwicklungen und als Symptome einer tiefgreifenden politischen Krise der britischen Verfassung, die das Fortbestehen der verfassungsmäßigen Ordnung, ja des britischen Staates und Empire an sich in Frage zu stellen drohte. Bei den englischen „Barbaren“, die Hume zufolge die Verfassung unterminierten, handelte es sich konkret um zwei Akteursgruppen: Zum einen um den Londoner „Mob“ beziehungsweise seine Anführer, allen voran John Wilkes, zum anderen um die „great men“, also die zumeist aristokratischen Anführer der beiden Parteien, die die außerparlamentarische Opposition um Wilkes für ihre parteipolitischen Zwecke nutzten.17 Durch die Interaktion dieser Gruppen sah Hume das gesamte Verfassungsgefüge in Gefahr geraten. So schrieb er 1770: „There must necessarily be a Struggle between the Mob and the Constitution.“18 Die größte Gefahr ging Hume zufolge vom Parteigeist („factionalism“) aus und es ist daher kein Zufall, dass Hume die Engländer als „the most stupid and factious Barbarians in the World“ bezeichnete. Die zusammenhängenden Kräfte von „faction“ in Politik und „barbarism“ im literarischen Geschmack würden zusammen mit religiösem Enthusiasmus somit zum Niedergang Großbritanniens und seines Empire führen.19
Für seine Diagnose dieser kulturellen und politischen Krise konnte Hume auf eine Prognose zurückgreifen, die er zu Beginn seiner literarischen Laufbahn in seinen Essays, Moral and Political (1741/42) gemacht hatte. Die britische Mischverfassung mit ihrer delikaten Balance zwischen „liberty“ und „authority“ war ihm zufolge die glücklichste und zugleich die gefährdetste. Ein möglicher Niedergang der britischen Verfassung würde sich dementsprechend in verschiedene Szenarien vollziehen. Der Zusammenbruch der Verfassung würde zunächst in Anarchie enden, die nach vielen Wirrungen zur Etablierung einer absoluten Monarchie führen würde. Diesem Szenario zog Hume die unmittelbare Etablierung einer absoluten Monarchie als „the easiest death, the true Euthanasia of the British constitution“ vor.20 Aus diesem zunächst hypothetischen Gedankenspiel der 1740er wurde in den späten 1760ern und frühen 1770ern die Wahrnehmung einer akuten Gefahr für das Fortbestehen der britischen Verfassung. Im Falle eines Verlustes der amerikanischen Kolonien sah Hume folgendes Szenario voraus:
You will probably see a Scene of Anarchy and Confusion open’d at home, the best Consequence of which is a settled Plan of arbitrary Power; the worst, total Ruin and Destruction.21
Die zunächst eintretende Anarchie würde somit im besten Fall zu einem „leichteren Tod“ der Verfassung durch die unmittelbare Etablierung einer absoluten Monarchie führen. Laut Hume lag die Verantwortung hierfür bei den Engländern, denen es zuzutrauen war, ihre eigene Verfassung zu unterminieren:
Our Government has become a Chimera; and is too perfect in point of Liberty, for so vile a Beast as an Englishman, who is a Man, a bad Animal too, corrupted by above a Century of Licentiousness. The Misfortune is, that this Liberty can scarcely be retrench’d without Danger of being entirely lost […]. I may wish that the Catastrophe should rather fall on our Posterity; but it hastens on with such large Strides, as leaves little Room for this hope.22
In dieser mit Anglophobie verbundenen Katastrophenvorhersage sah Hume das Fortbestehen der britischen Verfassung gefährdet. Die Anzeichen deuteten darauf hin, dass seine Befürchtungen eher früher als später eintreffen würden.
Auch wenn dieser Pessimismus bei Hume besonders ausgeprägt war, war er keineswegs allein mit seinen Befürchtungen für die nahe Zukunft. Sie wurden von seinen schottischen Zeitgenossen Sir John Dalrymple (1726–1810), Adam Ferguson (1723–1816) und William Barron (gestorben 1803) geteilt.23 Da diese wesentlich länger lebten, konnten sie nicht nur den Beginn der Amerikanischen Revolution, sondern auch die Französische Revolution unter dem Gesichtspunkt eines drohenden Rückfalls in die Barbarei betrachten. Hierbei stellten sie einen direkten Zusammenhang zwischen Barbarei und Demokratie her. Eine demokratische Republik nach griechischem Vorbild schien ihnen die instabilste Verfassungsform, zumal ihre Instabilität als Vorwand zu Etablierung einer Militärherrschaft genutzt werden konnte. Im Hinblick auf die in Amerika entstehende Republik brachte John Gillies (1747–1836) diese Befürchtung am deutlichsten zum Ausdruck:
But if that turbulent form of government should be established in a new hemisphere, and if popular assemblies and senates should be there entrusted with the right to exercise power, why might they not abuse it as shamefully as before? Might not the ancient barbarities be renewed; the manners of men be again tainted with a savage ferocity; and those enormities, the bare description of which is shocking to human nature, be introduced, repeated, and gradually become familiar?24
Die Angst vor direkten Formen der Demokratie verband sich bei Gillies und einigen seiner Zeitgenossen mit der Gefahr eines Rückfalls ins Barbarentum.
Um diese Dimension des Barbarentopos bei den schottischen Autoren zu verstehen, muss nicht die conjectural history beziehungsweise die Menschheitsgeschichte, sondern vielmehr die civil history beziehungsweise die Staatengeschichte Europas in Betracht gezogen werden. Der entscheidende Referenzrahmen blieb dabei das Schicksal Roms, dessen Zivilisation sich in einem lang andauernden Niedergang befunden hatte, bevor sie schließlich von den Barbaren überrannt worden war.25 Der Vergleich der aktuellen Situation mit derjenigen der Antike legte somit eine Rückkehr des Barbarentums in England, Europa oder Amerika, zumindest als Gefahr, nahe. Eine solche Parallele zwischen dem Niedergang der römischen Republik und dem Ende des römischen Imperiums einerseits und dem künftigen Schicksal des British Empire andererseits zog William Barron, der 1777 fragte: „What power will prevent Great Britain from sharing a similar fate in similar circumstances with the Republic of Rome?“26
Als Reaktionen auf innenpolitische Ereignisse und auf die Amerikanische und Französische Revolution entwickelten eine Reihe schottischer Aufklärer einen geschichtsphilosophischen Pessimismus, der weit entfernt ist von dem Fortschrittsoptimismus, den die ältere Forschung oftmals der Hoch- und Spätaufklärung unterstellte.27
„[T]he Hume of the Southern Hemisphere“ – Ein Neuseeländer zeichnet die Ruinen von London
Die Befürchtung Humes und einiger seiner schottischen Zeitgenossen weist auf deren Grundannahme hin, dass Fortschritt – politisch und kulturell – keinesfalls als eine teleologische, ungebrochene Vorwärtsbewegung zu verstehen sei, sondern vielmehr prinzipiell umkehrbar war. Auch zivilisierten Gemeinwesen mit einem hohen Grad an politischer Freiheit und kultureller Entfaltung waren daher nicht vor einem Rückfall in die Barbarei sicher. Im Gegenteil: je höher der Grad der Freiheit, desto größer die potentielle Instabilität und desto wahrscheinlicher das drohende Umschlagen der Zivilisation in ihr Gegenteil. Wenn nun Großbritannien in die Barbarei zurückfallen konnte, konnten dann nicht umgekehrt andere Weltteile, die bislang als Zonen der Wildnis oder der Barbarei bekannt waren, ihrerseits – sozusagen in einer Gegenbewegung – Zivilisation hervorbringen? Letzteres legte die erwähnte conjectural history nahe, der zufolge der in der schottischen Geschichte zu beobachtende Übergang – von der Wildheit einer auf Viehzucht und Tauschökonomie basierenden Clangesellschaft zur Zivilisation moderner Städte mit florierendem Handel und einer durch Arbeitsteilung geprägten Ökonomie – auch als grundlegendes Schema der Entwicklung anderer Weltgegenden angenommen werden kann. Der von Hume und den schottischen Geschichtsdenkern beeinflusste englische Historiker Edward Gibbon (1737–1794) äußerte eine entsprechende Hoffnung in seinem Decline and Fall of the Roman Empire:
If in the neighbourhood of the commercial and literary town of Glasgow, a race of cannibals has really existed, we may contemplate in the period of the Scottish history the opposite extremes of savage and civilised life. Such reflections tend to enlarge the circle of our ideas, and to encourage the pleasing hope, that New Zealand may produce in some future age the Hume of the Southern Hemisphere.28
Mit seinem charakteristischen Gespür für historische Ironie zieht Gibbon hier eine Parallele zwischen dem ursprünglich von Pikten besiedelten und nun aufgeklärten Schottland und einer möglichen künftigen Entwicklung Neuseelands. Denkt man Gibbons Gedankenspiel weiter und sucht tatsächlich nach „dem Hume“ des 19. Jahrhunderts, so findet man ihn weder in Schottland noch in Neuseeland, sondern ironischerweise in England: Der Whig-Historiker George Babington Macaulay (1800–1859) beerbte nämlich Hume in seiner Rolle als der Historiker Englands. Macaulay griff bezeichnenderweise Gibbons Figur des zivilisierten Neuseeländers wieder auf und fügte diese in eine eindrückliche Vision der Zukunft Londons ein.29 In einer Rezension von Leopold von Rankes Geschichte der Päpste in der Edinburgh Review von 1840 schrieb Macaulay, die römisch-katholische Kirche
may still exist in undiminished vigour when some traveller from New Zealand shall, in the midst of a vast solitude, take his stand on a broken arch of London Bridge to sketch the ruins of St. Paul’s[.]30
Hier schließt sich der Kreis, denn Humes Befürchtung einer „total ruin and destruction“ ist in dieser Zukunftsvision wahrgeworden. Gibbons Neuseeländer bestaunt und zeichnet in einer umgekehrten Grand Tour die Ruinen der Hauptstadt des einst mächtigen Empire. Dieses Bild wurde 1872 von Gustave Doré unter dem Titel „London in ruins” in eine Illustration umgesetzt (Abb. 1).
In Gustav Dorés Umsetzung dieser dystopischen Vision sitzt der Neuseeländer in antikisierendem Gewand auf dem Brückenpfeiler der ehemaligen London Bridge und zeichnet die pittoreske Silhouette der Ruinen auf dem gegenüberliegenden Ufer. Dieses Bild lässt Humes Aussage von den „Barbarians who inhabit the Banks of the Thames“ in einem ganz neuen Licht erscheinen.
Bibliografie
Baumstark, Moritz. „The End of Empire and the Death of Religion: A Reconsideration of Hume’s Later Political Thought.“ In Philosophy and Religion in Enlightenment Britain: New Case Studies, herausgegeben von Ruth Savage, 231–257. Oxford: Oxford University Press, 2012.
Blanchard, Jerrold und Gustave Doré. London: A Pilgrimage. London: Grant & Co, 1872.
Forbes, Duncan. Hume’s Philosophical Politics. Cambridge: Cambridge University Press, 1978.
Gibbon, Edward. The History of the Decline and Fall of the Roman Empire, herausgegeben von William Smith. 8 Bde. London: John Murray, 1862.
Greig, J. Y. T., Hrsg. Letters of David Hume. 2 Bde. Oxford: Clarendon Press, 1932.
Hont, Istvan. „The Rhapsody of Public Debt: David Hume and Voluntary State Bankruptcy.“ In Jealousy of Trade: International Competition and the Nation- State in Historical Perspective, herausgegeben von Istvan Hont, 325–353. Cambridge, Mass.: Belknap, 2005.
Hume, David. „Whether the British Government inclines more to Absolute Monarchy or to a Republic.“ In Essays, Moral, Political and Literary, herausgegeben von Eugene F. Miller, 47–53. Indianapolis, Ind.: Liberty Classics, 1987.
McDaniel, Iain. „Scottish Historians and Modern Revolutions.“ In Schleifspuren: Lesarten des 18. Jahrhunderts: Festschrift für Eckhart Hellmuth, herausgegeben von Anke Fischer-Kattner und Eckhart Hellmuth, 75–84. München: Dreesbach, 2011.
McDaniel, Iain. Adam Ferguson in the Scottish Enlightenment: The Roman Past and Europe’s Future. Cambridge, Mass.: Harvard University Press, 2013.
Meyer, Annette. Von der Wahrheit zur Wahrscheinlichkeit: Die Wissenschaft vom Menschen in der schottischen und deutschen Aufklärung. Tübingen: Niemeyer, 2008.
Pentland, Gordon. „‘We Speak for the Ready’: Images of Scots in Political Prints, 1707–1832.“The Scottish Historical Review 90 (2011): 64–95.
Phillipson, Nicholas. „Culture and Society in the Eighteenth-Century Province: The Case of Edinburgh and the Scottish Enlightenment.“ In The University in Society, herausgegeben von Lawrence Stone. Bd. 2, 407–448. London: Oxford University Press, 1975.
Pocock, John G. A. „Hume and the American Revolution: The dying thoughts of a North Briton.“ In Virtue, Commerce, and History: Essays on Political Thought and History, chiefly in the Eighteenth Century, herausgegeben von John G. A. Pocock, 125–141. Cambridge: Cambridge University Press, 1985.
Pocock, John G. A., Hrsg. Barbarism and Religion: Vol. IV: Barbarians, Savages and Empires. Cambridge: Cambridge University Press, 2010.
Sebastiani, Silvia. Scottish Enlightenment: Race, Gender, and the Limits of Progress. New York: Palgrave Macmillan, 2013.
Sher, Richard B. The Enlightenment & the Book: Scottish Authors & their Publishers in Eighteenth-Century Britain, Ireland & America. Chicago: The University of Chicago Press, 2006.
Skilton, David. „Contemplating the Ruins of London: Macaulay’s New Zealander and Others.“Literary London: Interdisciplinary Studies in the Representation of London 2/1 (2004). http://www.literarylondon.org/london-journal/march2004/skilton.html, Zugriff am 28. Februar 2017.
Spadafora, David. The Idea of Progress in Eighteenth-Century Britain. New Haven, Conn.: Yale University Press, 1990.
„Barbarians who inhabit the Banks of the Thames“ – Englandbilder schottischer Aufklärer zwischen Überlegenheitsanspruch und Untergangsvision
„[T]he People most distinguish’d for Literature in Europe“ – Der schottische Anspruch auf kulturelle Überlegenheit gegenüber England
„[T]he most stupid and factious Barbarians in the World“ – Die Rückkehr der Barbarei und der Niedergang Großbritanniens
„[T]he Hume of the Southern Hemisphere“ – Ein Neuseeländer zeichnet die Ruinen von London
Bibliografie