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Konstruktionen Europas in der Frühen Neuzeit
28 Sep 2017
Das Osmanische Reich und die christliche Staatenwelt – Überlegungen zur Handlungsmacht osmanischer Eliten im späten 16. Jahrhundert
Abstract
Die europäische Expansionspolitik wurde bis zum 16. Jahrhundert wesentlich von Mittelmeeranrainerstaaten getragen, wobei die Rolle des Osmanischen Reichs in diesem Prozess jüngst wieder verstärkt diskutiert worden ist. Aus einer strukturgeschichtlichen Perspektive lässt sich das Imperium der Sultane durchaus dieser Gruppe zuordnen, da es beispielsweise seit dem späten 15. Jahrhundert sowohl in Nordafrika als auch im Indischen Ozean seinen Herrschaftsbereich ausdehnen konnte. Allerdings beendete das Osmanische Reich im späten 16. Jahrhundert weitgehend seine maritime Weltpolitik. Dieser Entscheidung gingen Machtkämpfe zwischen verschiedenen Interessensgruppen in Istanbul voraus, die am Beispiel der Netzwerke des osmanischen Hofgeschichtsschreibers Lokman (1569–1595) skizziert werden können. Das von ihm fertiggestellte Zübdetü’t-Tevârîh lässt sich möglicherweise als eine politische Positionierung Lokmans in diesen Debatten lesen.
Einleitende Bemerkungen
In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich ein zunehmend multiperspektivischer Blick auf die Geschichte der Staatenwelt des 16. und 17. Jahrhunderts entwickelt, der immer stärker deren globale Bezüge berücksichtigt. Die damit einhergehenden neuen oder zumindest veränderten Akzentuierungen in der historischen Frühneuzeitforschung berühren auch die Frage nach der Verortung osmanischer Geschichte in den sich herausbildenden Ansätzen einer europäischen Geschichte, die nicht mehr einer vorwiegend eurozentristischen Sichtweise verhaftet ist. Innerhalb der Geschichtswissenschaft findet ein solcher paradigmatischer Ansatz inzwischen eine breite Akzeptanz und mündet daher immer stärker in Debatten über Modelle für eine in diesem Sinne verstandene europäische Geschichte. Die Osmanistik hat inzwischen Entwürfe in die Diskussionen eingespeist, in denen die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert in graduell unterschiedliche Bedeutungskontexte eingebaut wird. Suraiya Faroqhi spricht von einer gemeinsamen Welt, in die das Osmanische Reich und die christliche Staatenwelt zwischen dem 16. und frühen 18. Jahrhundert eingebunden gewesen seien. Ihr Ansatz verfolgt eine stark akteurszentrierte Perspektive und beleuchtet Formen der Vernetzung und des Austausches. Die Akteure agierten gemäß diesem Konzept innerhalb einer gemeinsamen Welt, deren Grundlage die gemeinsame materielle Umwelt bildete. Die in diesem Sinne verstandene frühneuzeitliche Staatenwelt war von Gesellschaften dominiert, in denen die Landwirtschaft die wichtigste Einkommensquelle darstellte. Außerdem würden sich in fast allen Herrschaftsgebilden ähnliche technologische Grundlagen beobachten lassen.1 Im Vordergrund steht die Mobilität von Menschen sowie materieller und immaterieller Güter zwischen dem Herrschaftsgebiet der Sultane und anderen Staaten. Die Idee einer gemeinsamen Staatenwelt prägt auch das Konzept Daniel Goffmans, der die Geschichte Europas aus einem osmanozentrischen Weltbild heraus zu schreiben versucht. Er richtet den Blick aus dem „Nahen Westen“, unter dem er das Osmanische Reich versteht, auf die Geschichte des Kontinents und spricht der Hauptstadt Istanbul den Charakter eines Zentrums der europäischen Geschichte zu. Vor diesem Hintergrund entwickelte er das Konzept einer „Greater Western World“, in der Christen und Muslime lebten.2 Er geht in seinen Überlegungen von zwei religiös unterschiedlich geprägten Zivilisationen aus, deren Verhältnis zueinander teilweise als symbiotisch oder kulturell konvergierend beschrieben werden kann. Goffman spricht dem Osmanischen Reich dabei eine sehr aktive Rolle zu, denn „it was the Ottoman rendering of the role of the non-Muslims in an Islamic society that fashioned the link“.3 Mit anderen Worten, die Einbindung von Nichtmuslimen insbesondere in die ökonomischen Strukturen des Reiches und auch die Übernahme technischen Wissens und kultureller Praktiken des „Anderen“ stellte eine wesentliche Grundlage dieser „Greater Western World“ dar. Jedoch spricht er für den Zeitraum bis um 1650 nur von einer „Greater European World“, denn bis dahin hätten die europäischen Großmächte den Blick immer noch stärker auf das Mittelmeer als auf Amerika oder den Indischen Ozean gerichtet.4 Damit berührt Goffman die Frage nach der europäischen Expansion und deren Verhältnis zum Osmanischen Reich. In seiner umfassenden Globalgeschichte der europäischen Expansion plädiert Wolfgang Reinhard dafür, unter Europa zunächst das lateinische Europa zu definieren, worunter er den Einzugsbereich der von der lateinischen Kirche und ihren Nachfolgern verbreiterten Kultur versteht.5 Seit dem späten 14. Jahrhundert hatten im südlichen Teil dieses Europas die katholischen Atlantik- und Mittelmeeranrainerstaaten wie Portugal, Kastilien, Aragon und dann das habsburgische Spanien den Prozess der politischen Entgrenzung der europäischen Staatenwelt eingeleitet, als sie ihren Machtbereich zunehmend auf Afrika und den Atlantik ausdehnten. Jedoch lässt sich strukturgeschichtlich das Osmanische Reich durchaus in die Gruppe der Mittelmeeranrainer einordnen6, das an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert ebenfalls über seine bisherigen Grenzen hinauszugreifen und sein Territorium im nördlichen Afrika7 und auf der arabischen Halbinsel8 zu erweitern begann. Ein weiterer Expansionsschub erfolgte im Indischen Ozean, wo das Imperium der Sultane insbesondere mit Portugal um die Vormachtstellung und der damit verbundenen Kontrolle des Gewürzhandels rang.9 Die osmanische „Überseepolitik“ endete allerdings um das Jahr 1580, in dem auch im nordafrikanischen Raum das blutige Ringen um die dortige Vorherrschaft mit dem habsburgischen Spanien zu einem weitgehenden Abschluss kam.
Dieser Wendepunkt in der osmanischen Geschichte stellt auch einen bedeutsamen Einschnitt in einer gesamteuropäischen Perspektive dar, da der Rückzug des osmanischen Imperiums aus der „Überseepolitik“ mit dem zunehmenden machtpolitischen Bedeutungsverlust der iberischen Großmächte und somit jener Staaten im südlichen Europa einherging, die den ersten politischen Entgrenzungsschub getragen hatten. An deren Stelle traten nun vor allem die am Atlantik gelegenen protestantischen Seemächte England und die Niederlande.10 Mit dem Ende der osmanischen Globalpolitik rangen nunmehr vier Großreiche (Osmanisches Reich, Polen-Litauen, Russland und die Habsburgermonarchie) um geopolitische Vorteile im östlichen Europa. Ihnen war gemeinsam, dass sie ihre geopolitischen Rivalitäten – im Gegensatz zu den entstehenden Kolonialreichen – nicht auf Kriegsschauplätzen außerhalb des Kontinents austragen konnten und somit jeder Krieg mit dem Verlust von Territorien einherging, die vom jeweiligen Gegner beansprucht wurden.11
Die hier zumindest angedeuteten gesamteuropäischen Entwicklungen, die am Ende des 16. Jahrhunderts auch durch geostrategische Entscheidungen am Sultanshof beeinflusst wurden, berühren somit einen zentralen Aspekt, der in den Konzepten von Suraiya Faroqhi und Daniel Goffman aufgeworfen wird. Es handelt sich dabei um die Handlungsmacht politischer Eliten in Istanbul in einer in vielerlei Hinsicht miteinander verbundenen Staatenwelt, zu deren Zentren auch die Hauptstadt des Osmanischen Reichs gehörte. In der jüngeren Imperienforschung ist der Handlungsmacht von Akteuren eine wichtige Rolle zugesprochen worden, als beispielsweise Herfried Münkler den Vorschlag unterbreitete, die Geschichte von Großreichen nicht mehr anhand eines Modells von Aufstieg, Scheitelpunkt und Niedergang zu erzählen. Er sprach sich vielmehr für ein Zyklenmodell der politischen Geschichte aus, wonach politische Gemeinschaften in der Geschichte unterschiedliche Zyklen durchlaufen, in denen sie auf- und absteigen. Nach Ansicht Herfried Münklers sind sowohl die Anzahl der Zyklen als auch die Verweildauer im oberen Zyklensegment vom Geschick und der Weitsicht politischer Entscheidungsträger abhängig.12 Er sieht in der Anwendung dieses Modells den Vorteil, dass den politischen und gesellschaftlichen Akteuren ein größeres Gewicht zugesprochen wird13 und dadurch auch der Blick auf Handlungsoptionen geschärft werden kann. Ein solcher Ansatz ist jüngst in einem Sammelband aufgegriffen worden, der neue Perspektiven für die Erforschung der osmanischen Expansion im 14. und 15. Jahrhundert diskutiert. Dessen Beiträge betonen vor allem die Rolle lokaler Adelsfamilien, die zu den wichtigsten Trägern der Machtausweitung des Hauses Osman gehörten. Sie übten nicht selten einen maßgeblichen Einfluss auf die territoriale Ausdehnung des osmanischen Herrschaftsgebiets und die strukturelle Ausgestaltung der entstehenden Provinzverwaltungen aus.14 Das Zusammenwirken lokaler Akteure mit Entscheidungsträgern in der Hauptstadt, wobei eine solche Unterscheidung nicht immer klar zu treffen ist, lässt sich ebenfalls in den Fraktionsbildungen innerhalb der osmanischen politischen Elite erkennen, die im späten 16. Jahrhundert über Krieg und Frieden mit dem habsburgischen Spanien befand. Die folgenden Ausführungen werden daher nicht die geopolitischen Rahmenbedingen und die einzelnen diplomatischen Händel zwischen beiden Reichen analysieren15, sondern einen einführenden Blick in die Machtstrukturen im Sultanspalast werfen, in die die Entscheidungsträger eingebunden waren und die deren Handlungsmacht im Kontext des Jahres 1580 bestimmten.
„Krieg oder Frieden“ mit Spanien – Einblicke in das Netzwerk des Hofgeschichtsschreibers Lokman
Als der Diplomat und Maler Peter Paul Rubens (1577–1640) zwischen 1616 und 1618 das Bild „Paradiesströme“ anfertigte, war der in Antwerpen lebende Künstler in ein breites Netzwerk von Personen eingebunden, die ihm aus unterschiedlichen Perspektiven Informationen über die inneren Verhältnisse im Osmanischen Reich lieferten und gleichzeitig auch über die geopolitischen Dynamiken in den Regionen nachdachten, auf die sich der osmanische Einfluss direkt oder indirekt auswirkte. Vor diesem Hintergrund sind die „Paradiesströme“ in kunsthistorischen Arbeiten auch als Beschreibung globaler Entwicklungen analysiert worden und damit als künstlerischer Ausdruck eines bestehenden Wissenshorizontes über das Osmanische Reich.16 Schwer zu beantworten ist die Frage, ob der Maler damit auch politische Entscheidungsträger beeinflussen wollte und konnte. Bildliche Darstellungen mit politischer Aussagekraft entstanden auch im Umfeld des Sultanspalasts, wo im späten 16. Jahrhundert geopolitische Handlungsoptionen ebenfalls intensiv diskutiert wurden. Baki Tezcan hat beispielsweise aufgezeigt, wie im Verlauf des 16. Jahrhunderts das Motiv des „Westeuropäers“ (frenk) verstärkt in ikonographische Darstellungen eingeflossen ist. Er bezieht sich auf das in den frühen 1580er Jahren entstandene Zübdetü’t-Tevârîh, das mit bildlichen Beschreibungen des Himmels und der Erde beginnt. Ihnen folgen Darstellungen von Propheten- und Königsgenealogien, die von Adam und Eva bis zur Regierungszeit von Süleyman I. (1520–1566) reichen. In diesem Werk, das dem Genre der silsilenâme zugeordnet werden kann,17 sind „Westeuropäer“ als Ungläubige aus der vorislamischen Zeit dargestellt, die mit dem Aufkommen des Islam verschwunden seien.18 In der Gesamtschau der Bilder meint Baki Tezcan feststellen zu können, dass die Darstellungen vor dem Hintergrund des Ausgleichs mit dem habsburgischen Spanien entstanden und als Unterstützung jener politischen Kräfte zu interpretieren seien, die eine solche Politik befürworteten. Aus Tezcans Sicht transportieren sie eine entsprechende Botschaft, wonach die vorislamischen Ungläubigen zu guten Christen geworden seien, die sich in ihrer Frömmigkeit nicht von den Muslimen unterschieden, wenngleich sie dann durch den Islam ersetzt wurden. Letztlich impliziere das Werk eine Anerkennung der machtpolitischen Gleichrangigkeit und einer damit verbundenen Koexistenz zwischen beiden Großreichen, worin eben eine Handlungsoption der osmanischen Eliten bestand.19
Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Blick auf die Entstehungsgeschichte dieses Werks, da sie einen Eindruck von den Machtstrukturen und Rivalitäten im Sultanspalast vermittelt, die wiederum über die Definition und Auswahl von Handlungsoptionen bestimmten. Das Zübdetü’t-Tevârîh ging zurück auf das vom Hofgeschichtsschreiber (şehnameci) Arifi Fethullah Çelebi (im Amt von ca. 1540–1561, gestorben 1561/62)20 begonnene tomar- ı hümâyûn. Sein bekanntester Nachfolger wurde Seyyid Lokman, der als şehnameci die offizielle osmanische Geschichtsschreibung zwischen 1569 und 1595 maßgeblich prägte. Er griff das von Arifi und Eflatun begonnene tomar- ı hümâyûn wieder auf und vollendete es. Lokman hatte seinen Aufstieg mit maßgeblicher Unterstützung durch den Großwesir Mehmet Pascha Sokolović (1565–1579) und dessen Sekretär Feridun Ahmed Bey (gestorben 1583) begonnen21. Ein sichtbares Zeichen seines Aufstiegs war beispielsweise die Aufnahme in das Kavalleriecorps der müteferrika (1575)22, das neben den „sechs Regimentern“ (altı bölük) die Eliteeinheiten der berittenen Truppen darstellte. Die Korps bestanden jedoch nicht nur aus kämpfenden Einheiten, sondern die Mitgliedschaft in diesen Regimentern stellte auch eine prestigeträchtige Auszeichnung dar und konnte die Einbindung in die inneren Machtzirkel am Hofe symbolisieren. Daher füllten zahlreiche Verwandte, Protegés einflussreicher Würdenträger und aus dem Dienst ausgeschiedene hochrangige Verwaltungsbeamte deren Reihen.23 Auch in finanzieller Hinsicht war die Zugehörigkeit zunehmend lukrativ, da gerade ab der Wende zum 17. Jahrhundert Steuerpachten auf sultanischen Besitzungen vorwiegend an Angehörige der stehenden Reiterregimenter vergeben wurden.24 Lokman verdankte seine einflussreiche Position und die damit verbundenen materiellen Vorteile einem Großwesir25, der aktiv das osmanische Ausgreifen in den Indischen Ozean betrieben hatte. Er stand einer einflussreichen „Partei“ im Topkapı Palast vor, die diese Politik förderte und jüngst als die „Partei des Indischen Ozeans“ bezeichnet worden ist.26 Ihr gehörten Würdenträger und Kaufleute an, die sich ökonomische und politische Vorteile durch ein Ausgreifen der osmanischen Macht in diesen Raum versprachen. Nicht wenige Angehörige entstammten dem Seefahrer- und Korsarenmilieu und hatten in den osmanischen Militär- und Verwaltungsstrukturen Karriere gemacht. Die Verbindungen und Netzwerke um Mehmet Pascha Sokolović umspannten auch das Mittelmeer, zumal er mit der Prinzessin Ismihan (ca. 1544–1585) die Unterstützung einer venedigfreundlichen „Partei“ am Hofe erfuhr beziehungsweise ihr auch selbst angehörte. Ismihan war die Tochter von Nur Banu (ca. 1530–1583), der Ehefrau Selim II. (1566–1574) und Mutter von Murat III. (1574–1594). Nur Banu galt lange Zeit als Tochter einer einflussreichen venezianischen Patrizierfamilie, jedoch dürfte sie vielmehr diese auf der apenninischen Halbinsel aufgebrachte Geschichte unwidersprochen stehengelassen haben.27 Denn eine persönliche Verbindung zu Venedig brachte im höfischen Umfeld dieser Zeit gesellschaftliche und machtstrategische Vorteile innerhalb der osmanischen Elite. Der pro-venezianischen Fraktion gehörten auch der sehr wohlhabende Michael Cantacuzenos (gestorben 1578), einflussreiche jüdische Ärzte und Kaufleute wie Solomon Ashkenazi (ca. 1520–1602) oder der venezianische Gesandte (bailo) Marc Antonio Barbaro (1518–1595) an.28 Lokman scheint insbesondere von Feridun Ahmed Bey (gestorben 1583), dem Sekretär und Ratgeber des Großwesirs, gefördert worden zu sein.29 Als Mitglied im Haushalt von Mehmet Pascha Sokolović war der Hofgeschichtsschreiber somit in ein soziales und politisches Umfeld eingebunden, das eine expansive Außenpolitik in Richtung Indischer Ozean und damit die maritime Vorherrschaft gegenüber Portugal in diesem Raum anstrebte.
Diese „Fraktion“ drohte jedoch nach dem gewaltsamen Tod des Großwesirs (1579) an Einfluss zu verlieren, da zunächst mit Semiz Ahmed Pascha und Lala Kara Mustafa Pascha zwei Männer das Großwesirat innehatten, die nicht zu den Unterstützern dieser Machtgruppe zählten. Erst 1580 übernahm ein neuer und vor allem – zumindest vordergründig – im Sinne der „Fraktion des Indischen Ozeans“ handlungsmächtiger Großwesir sein Amt. Es handelte sich um Koca Sinan Pascha, der in den folgenden beiden Jahrzehnten mehrmals diese Position (1580–1582, 1589–1591, 1593–1595, 1595, 1595–1596) bekleiden sollte. Er hatte sich allerdings bereits in den letzten Jahren des Großwesirats von Mehmet Pascha Sokolović zunehmend in Opposition zum Amtsinhaber gebracht und möglicherweise hatte sich Lokman schon in dieser Zeit dem entstehenden Haushalt Koca Sinan Paschas angenähert. Spätestens 1580 war er definitiv in dessen Nähe anzutreffen, er überreichte ihm sogar eine Abschrift der Zübdetü’t-Tevârîh.30 Der neue Großwesir und Förderer Lokmans sah sich mit einer stark veränderten geopolitischen Ausgangsbasis konfrontiert. Nachdem 1578 der portugiesische König Sebastian I. (1557–1578) bei einem Angriff auf den von Istanbul unterstützten Herrscher von Marokko, Abu Marwan Abd al-Malik (1576–1578), umgekommen war, hatte zunächst Heinrich I. (1578–1580) den Thron bestiegen. Nach dessen schnellen Tod ging die Herrschaft an Philipp II. (1556–1598 König von Spanien, ab 1580 auch König von Portugal) und somit waren beide Reiche unter dem Hause Habsburg vereint. Diese geopolitischen Veränderungen kamen allerdings für Istanbul nicht überraschend, denn bereits im Kontext des Waffenstillstands von 1578 hatte Mehmet Pascha Sokolović Friedensverhandlungen mit Spanien geführt. Sein wichtigster Gesprächspartner war Giovanni Margliani, dem er immer wieder verdeutlichte, dass keinesfalls Portugal und dessen Überseebesitzungen in einem Friedensvertrag berücksichtigt werden dürfen. Dies gelte auch für den Fall, dass sich beide Großreiche vereinen. Der Großwesir versicherte, Portugal selbst nicht anzugreifen, wobei er aber die portugiesischen Besitzungen im Indischen Ozean von dieser Garantie ausdrücklich ausnahm.31 Der Friedensvertrag von 1580 bedeutete für beide Mächte zumindest einen strategischen Ausgleich im Mittelmeerraum und gab ihnen Ressourcen frei, um sich anderen außenpolitischen Konflikten und inneren Problemen zuwenden zu können. Vor diesem hier nur grob skizzierten geopolitischen Umfeld musste die „Partei des Indischen Ozeans“ ihre Interessen verteidigen. Zumindest bis 1589 lässt sich noch ein deutliches politisches Interesse an einer aktiven Politik im Indischen Ozean erkennen, so dass eine Konfrontation mit dem Haus Habsburg im Mittelmeerraum wenig vorteilhaft erschien. In dieser Handlungslogik erfolgte schließlich auch 1580 das Abkommen mit Spanien.
Jedoch war diese „Friedenslösung“, die als solche zumindest für den Mittelmeerraum anzusehen ist, keineswegs unumstritten. Denn als zweite Handlungsoption stand ein stärkeres militärisches Engagement im westlichen Mediterraneum zur Debatte. Die Netzwerke und Verbindungen Lokmans lassen auch Vertreter dieser Position deutlich erkennbar werden. Er scheint in den frühen 1580er Jahren eine besonders enge Beziehung zu hoca Sadeddin32 unterhalten zu haben, dem er das mücmelü’t tomar widmete.33 Als Lehrer und einer der engsten Berater von Murat III. (1574–1594) gehörte dieser zum innersten Zirkel um den Sultan. Dessen Kern hatte sich bereits in Manisa herausgebildet, wo der damalige Prinz Murat als Provinzstatthalter auf seine künftigen Aufgaben als Herrscher über das Reich der Osmanen vorbereitet worden war. Zu seinem engsten Umfeld gehörten schon zu dieser Zeit neben hoca Sadeddin auch şeyh Şücaüddin34 , ein Angehöriger der Derwischbewegung der Halvetiyye.35 Später zählte noch der şeyh-ül Çivizade Hacı Mehmed Efendi (1582–1587) dazu. Auf die Unterstützung dieses Personenkreises hoffte der damalige Kommandeur der osmanischen Flotte (kapudan- ı derya) Kılıç Ali oder Uluc Ali, in dessen Klientelsystem Vertreter der Flotte sowie vor allem Gouverneure und Eliten aus dem nordafrikanisch-mediterranen Raum eingebunden waren, die wie Uluc Ali nicht selten dem Korsarenmilieu entstammten.36 Wenn die enge Verbindung Lokmans zu hoca Sadeddin als gegeben vorausgesetzt wird, befand sich Lokman zumindest in der Nähe eines Personenkreises, der vehement für eine geostrategische Präferenz des Mittelmeerraums warb und sich damit in Opposition zur Politik der „Partei des Indischen Ozeans“ befand. Auf eine mögliche Distanz Lokmans zur Lobbygruppe, die eine aktive Politik im Indischen Ozean befürwortete, deutet auch seine offensichtlich positive Haltung gegenüber Siyavuş Pascha (Großwesir zwischen 1582–84, 1586–89, 1592–93) hin, der als Kontrahent von Koca Sinan Pascha galt und kein Unterstützer der maritimen Außenpolitik in diesem Raum war.37 Aber noch ist es schwierig, eine nähere Verortung Lokmans in diesem „Spiel der Interessen“ vorzunehmen. Es lohnt sich daher, zunächst die Motive der „Mittelmeerfraktion“ näher zu beleuchten. Für Uluc Ali und seinen Haushalt hätte ein stärkeres militärisches Engagement des Osmanischen Reiches im westlichen Mittelmeerraum gute Karrieremöglichkeiten in den Verwaltungs- und Militärstrukturen des Imperiums, den Aufbau von Vermögen durch erfolgreiche Feld- und Plünderungszüge und eine mögliche Expansion nach Marokko bedeutet. Der venezianische Gesandte Giovanni Correr hat die finanziellen Einbußen Uluc Alis detailliert beschrieben, die ein ausbleibendes oder reduziertes militärisches Engagement im Mittelmeer für ihn zur Folge gehabt hätten. Wie der venezianische Patrizier ausführte, gehörten zum Haushalt des Flottenkommandeurs etwa 3000 Sklaven, 600 Arbeiter auf den Schiffswerften und weitere 3000 Personen, die er bezahlen musste. Ein Krieg hätte ihn nicht nur finanziell entlastet, sondern auch noch zusätzliche Einnahmen versprochen.38 Auf den Erfolg der Lobbyarbeit von Uluc Ali hofften aber nicht nur die Angehörigen der osmanischen „Mittelmeerfraktion“, sondern auch die habsburgischen Gegner, die ebenfalls vom Korsarenwesen profitierten. Don Juan de Austria schrieb 1585 an Uluc Ali sinngemäß, dass er für ihn und seinen Erfolg bete. Denn nur wenn das osmanische Engagement im Mediterraneum weitergehen würde, hätte Philip II. einen Grund, ihn mit militärischen Aufträgen zu versorgen und ihm dadurch natürlich auch finanzielle Vorteile und Möglichkeiten zu eröffnen.39 Jedoch konnte sich die „Mittelmeerfraktion“ politisch nicht durchsetzen, denn 1583 wurde das Abkommen mit Spanien erneuert. Dies wirft natürlich die Frage auf, ob die Unterstützer Uluc Alis im Umfeld des Sultans tatsächlich auch hinter dessen politischen Zielen standen. Möglicherweise waren sie mehr an den militärischen Fähigkeiten Uluc Alis interessiert als an seiner Lobbyarbeit für eine aktive militärische Politik im Mittelmeerraum.40 Einiges spricht dafür, dass die Förderer Lokmans an einem friedlichen Ausgleich mit dem habsburgischen Spanien interessiert waren, ohne allerdings die habsburgischen Besitzungen im Indischen Ozean in diesen osmanisch-habsburgischen Ausgleich einzubeziehen. Möglicherweise ist das Zübdetü’t-Tevârîh in diesem Sinne und damit auch in einem politischen Verständnis zu verstehen, das noch in der Verhandlungsstrategie von Mehmet Pascha Sokolović im Kontext des Friedensschlusses von 1580 verankert war.
Abschließende Bemerkungen
In den vergangenen drei Jahrzehnten ist die Geschichte des frühneuzeitlichen Europa immer stärker in ihren globalen Bezügen diskutiert worden, so dass auch zunehmend das Verhältnis des Osmanischen Reichs zur christlichen Staatenwelt in das Blickfeld der historischen Forschung geriet. Neuere osmanistische Studien haben Modelle einer europäischen Geschichte entworfen, in denen das Reich der Sultane auch als Bestandteil einer gemeinsamen frühneuzeitlichen Welt angesehen wird. In strukturgeschichtlicher Hinsicht lässt sich die osmanische Expansion des 15. und 16. Jahrhunderts in den Prozess einer politischen Entgrenzung der Atlantik- und Mittelmeeranrainerstaaten einordnen, als dessen Motor im östlichen Mediterraneum die Dynastie der Osmanen angesehen werden kann. Der Rückzug des Osmanischen Reich aus dieser „Überseepolitik“ im späten 16. Jahrhundert bedeutet daher nicht nur einen Einschnitt für die osmanische Geschichte, sondern ist auch in einer gesamteuropäischen Perspektive zu analysieren. Als sich im Sultanspalast die Abkehr von der im 16. Jahrhundert praktizierten „Überseepolitik“ als politische Leitlinie durchsetzte, schied das Osmanische Reich aus dem Kreis der Mächte aus, welche die erste Phase der politischen Entgrenzung europäischer Staaten bestimmte. Anstelle der Mittelmeermächte bestimmten fortan vor allem die Atlantikanrainer England, die Niederlanden und auch Frankreich die Dynamik der europäischen Expansion. Die Entscheidung der politischen Eliten im Topkapı-Palast, den Ausgleich mit den spanischen Habsburgern zu suchen, ist daher im Kontext einer strukturellen Verschiebung innerhalb der europäischen Expansionsdynamikzu betrachten. Die Handlungsoptionen, die auf der Agenda der politischen Entscheidungsträger am Bosporus standen, wurden maßgeblich von Haushalten hoher Würdenträger bestimmt. Deren Strukturen und politische Ziele lassen sich am Beispiel der Netzwerke und Verbindungen des Hofgeschichtsschreibers Lokman erkennen, dessen Werk Zübdetü’t-Tevârîh möglicherweise vor dem Hintergrund der Machtkämpfe im Topkapı Palast interpretiert werden kann. Wahrscheinlich sprach sich Lokman für einen Ausgleich mit den spanischen Habsburgern aus, der sich vor allem auf den Mittelmeerraum und nicht auf den Indischen Ozean bezog.
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Einleitende Bemerkungen
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Abschließende Bemerkungen
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